Doctor Who 9x11

Doctor Who 9x11

Als der Doctor materialisiert, stellen sich ihm gleich mehrere Fragen: Wo ist er gelandet? Und vor allem: Wer steckt hinter allem? Statt Antworten zu bekommen, sieht sich der Doctor jedoch bald gezwungen, selbst Antworten preiszugeben.

Peter Capaldi als der Doctor in „Doctor Who“ / (c) BBC
Peter Capaldi als der Doctor in „Doctor Who“ / (c) BBC

Das passiert in der Doctor Who-Folge Heaven Sent (1):

Der Doctor (Peter Capaldi) materialisiert in einer Art Burganlage. Lautstark warnt er diejenigen, die ihn gefangen genommen haben, davor, dass sie sich in Acht nehmen sollen. Es sei keineswegs sicher, dass er sich an Claras Mahnung, keine Rache zu nehmen, halten werden. Der Doctor könnte sich seine Worte jedoch genau so gut sparen. Denn außer ihm ist niemand hier. Das heißt: fast niemand. Wieder und wieder stößt er auf eine verschleierte, von Fliegen umgebene Kreatur, welche einem Albtraum entsprungen ist, den er als lange Zeit als Kind hatte.

Das Wesen verfolgt ihn, wohin er auch geht. Langsam, aber unaufhaltsam. Bei seiner Erkundung der Anlage findet der Doctor heraus, dass die mysteriöse Burg komplett von Wasser umgeben ist. Genauer gesagt: Er findet es nicht nur einfach heraus. Es ist sein Glück, als er sich vor der Kreatur mit einem Sprung durchs Fenster rettet. Es scheint nur einen Weg zu geben, das Wesen zumindest vorübergehend zu stoppen: Der Doctor muss die Wahrheit sprechen. Nicht irgendeine Wahrheit, sondern Dinge, die er sonst niemandem anvertrauen würde. Wie zum Beispiel, dass er Gallifrey nicht verlassen hat, weil er gelangweilt gewesen ist, sondern weil er Angst hatte...

Die Capaldi-One-Man-Show

Heaven Sent (1) lässt einen in vielerlei Hinsicht sprachlos zurück. Und das im Guten wie im Schlechte. Fangen wir mal mit dem Guten an - und versuchen, doch ein paar passende Worte zu finden.

Peter Capaldi. Mit ihm steht und fällt diese Episode. Wie schon mehrfach an dieser Stelle gesagt: Einige der stärksten Augenblick der neunten Staffel sind die Capaldi-Monologe, sei es das Intro zu Before the Flood (2), sei es die große Pazifismus-Rede in The Zygon Inversion (2). Heaven Sent (1) legt in dieser Hinsicht noch mal eine gewaltige Schippe oben drauf. Die gesamte Episode ist nämlich - mit einer einzigen kurzen Ausnahme - ein langer Monolog des Doctors. Er spricht zu sich selbst. Er spricht zu seinen verborgenen Kidnappern. Und er spricht in seinem Kopf immer wieder zu Clara (Jenna Coleman).

Über weite Strecken ist es - wenn nicht allein, so doch primär - Capaldis Präsenz, seine Ausdruckskraft und seine Energie, welche den Zuschauer gefangen nehmen - und die Folge tragen.

Noch immer da - in Gedanken

Bemerkenswert ist auch die Art und Weise, wie die Folge mit Claras Tod umgeht. Wir sehen den Doctor nicht von Trauer überwältigt. Das könnte er sich in der Situation, in der er sich befindet, auch gar nicht leisten. Stattdessen sehen wir einen zornigen Doctor. Vor allem aber ist es ein Doctor, für den Clara immer noch präsent ist. Wohl jeder, der schon mal einen geliebten Menschen verloren hat, kennt die Erfahrung, dass man in Gedanken weiter zu ihm spricht, so als wäre er (oder sie) immer noch da. Genau das tut auch der Doctor. Wenn er sich an den sicheren Ort seiner Gedankenwelt begibt, seine innere TARDIS, dann ist Clara immer noch dort. Selbst wenn er sie nicht genau sieht. Selbst wenn sie bloß mit dem Rücken zu ihm zu stehen scheint. Aber sie ist da.

Genial gelöst ist derweil auch die Art, wie Clara die meiste Zeit über in seinen Gedanken mit ihm kommuniziert: Als Botschaften an der Tafel. Was nicht nur ein Verweis auf ihren Beruf als Lehrerin ist, sondern natürlich auch Assoziationen an die Kreide-Nachricht von unsichtbarer Hand in Listen weckt.

Erst in dem Augenblick, als der Doctor erkannt hat, was er tun muss, um sich aus seinem Gefängnis zu befreien - und kurz davor steht aufzugeben, erscheint ihm in Gedanken Clara mit Stimme und Gesicht. Ein Kurzauftritt, der jedoch gerade in dieser Zuspitzung dramaturgisch so wirkungsvoll ist: Die in Gedanken chimärenhaft präsente Clara verdichtet sich noch ein (letztes?) Mal zu einer konkreten Gestalt, welche den Doctor zum Handeln motiviert. Nachdem Jenna Coleman sogar bereits aus dem Vorspann entfernt wurde, war ihr Cameo ein umso schönerer Reminder daran, welche Bedeutung Clara für den Doctor hatte.

Kein Fortschritt

Zu den eher problematischen Aspekten von Heaven Sent (1) gehört derweil die Struktur der Folge: Mehr als eine halbe Stunde läuft der Doctor in der Burg herum, hat hier und da mal eine Konfrontation mit dem Schleierwesen, stößt auf Dinge, die ihm merkwürdig vorkommen (die Spaten, die Totenköpfe, die Sternenkonstellation, das Duplikat seiner Kleidung), ohne dass die Handlung jedoch wirklich voranschreitet. Wäre da nicht die bereits angesprochene famose darstellerische Leistung Capaldis gewesen, die Folge hätte einem schon etwas langweilig werden können.

Vor allem, weil wir als Zuschauer die ganze Zeit über genau so im Dunkelen tappen wie der Doctor. Und keinerlei Fortschritte verzeichnen bei der Frage, was da überhaupt vor sich geht. Etwas merkwürdig kann es einem vorkommen, das nur am Rande, dass der Doctor kein einziges Mal den Verdacht äußert, vielleicht nur in einer Art Traumwelt gelandet zu sein, was ja angesichts des albtraumhaften Szenarios eine durchaus naheliegende Schlussfolgerung gewesen wäre.

Hölle

Nun gut: Über eine halbe Stunde lang gibt es kaum einen Fortschritt. Dann aber geht es auf einmal Schlag auf Schlag. Als sich der schwerverletzte Doctor zur Transporter-Kapsel schleppt, wird den Zuschauern allmählich klar, dass sich der Doctor tatsächlich in einer Art persönlichen Hölle befindet: Weil in den einzelnen Räumen alles wieder in seinen Ursprungszustand versetzt wird, befindet sich auch das Muster des Doctors immer noch im Transporter (eine Idee, die für Doctor Who-Verhältnisse sehr Star Trek-y klingt) - und kann damit erneut abgerufen werden. Der Doctor stirbt, holt sich dabei jedes Mal wieder frisch auf die Welt, so als wäre er gerade erst angekommen. Tag um Tag, Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt, Jahrtausend um Jahrtausend.

Vielleicht hätte er statt „Vogel“ lieber „Spaten“ in den Sand schreiben sollen. Das hätte den Prozess, sich durch die Edelsteinwand zu schlagen, bestimmt um mindestens eine Milliarde Jahre abgekürzt. So oder so ist die Montagesequenz, in der wir den Doctor erst in einer unentrinnbaren Hölle glauben, dann jedoch den Ausweg erkennen, welchen er zu nehmen versucht, ungemein kraftvoll - sowohl vom Zusammenschnitt der Bilder als auch von der Musik her.

Die Welt ist eine Scheibe

Der Doctor durchbricht die Wand und findet sich mit einem Mal tatsächlich zu Hause wieder: auf Gallifrey. Alles, was er zuvor erlebt hat - die Burg, das Wasser drumherum, hat sich in einer handflächen großen Scheibe abgespielt. Klar, Time-Lord-Technologie: von Innen größer als Außen. Bei der Scheibe dürfte es sich um die Bekenntnis-Scheibe (confession dial) handeln, welche Ashildr dem Doctor in Face the Raven abgenommen hatte. Wobei nun auch klar ist, warum sie ihm die Scheibe abgenommen hat. Weil er selbst in die Scheibe transportiert werden sollte. Ganz schön schlau!

Der Doctor ist also zurück auf Gallifrey. Und allein der Schwenk, der uns schließlich die Zitadelle der Time Lords enthüllt, ist hervorragend dazu geeignet, dem Zuschauer einen Schauer über den Rücken zu jagen.

Ärgerlich

Trotzdem komme ich nicht umhin, mich über dieses Ende zu ärgern: Am Schlus von The Day of the Doctor hatte der Doctor, damals noch mit dem Gesicht von Matt Smith, vom Kurator (Tom Baker) erfahren, dass Gallifrey noch existiert, und sich zum Ziel gesetzt, seinen Heimatplaneten zu finden. In der achten Staffel haben wir immer wieder gesehen, dass der Doctor auf seiner Tafel Kalkulationen vorgenommen hat, von denen man annehmen konnte, dass sie dem Auffinden Gallifreys dienen. Als Missy ihn am Ende der Staffel über die Position des Planeten belügt, ist er außer sich - und schlägt in der TARDIS alles kurz und klein. In der neunten Staffel unternimmt er nun jedoch nichts weiter, wie es scheint. Stattdessen tauchen die Time Lords einfach von selbst wie aus dem Nichts wieder auf.

Statt aus der Suche nach seinem Heimatplaneten eine spannende Geschichte zu machen - mit allen etwaigen Hindernissen und Gefahren, die sich dem Doctor dabei in den Weg stellen, zaubert Steven Moffat die Time Lords einfach so mir nichts dir nichts aus dem Hut. Verdammt, die Suche nach Gallifrey hätte mindestens für einen ganzen Staffelbogen getaugt. Stattdessen wird die Rückkehr der Time Lords hier für einen simplen Überraschungseffekt verpulvert. Das ist es, was mich an Heaven Sent (1) ärgert. Ziemlich ärgert.

Die Diskussion zum Thema Prophezeiung will ich aufs nächste Mal verschieben, wenn wir diesbezüglich nach Hell Bent (2) sicher etwas klarer sehen werden.

Fazit

Meine Gefühle zu Heaven Sent (1) sind offenkundig sehr gespalten: Einerseits ist es eine erfrischend gewagte und experimentelle Folge, welche insbesondere durch das Spiel von Peter Capaldi ein Glanzpunkt der neunten Staffel ist. Andererseits kann ich meinen Ärger über die Art, wie die Rückkehr der Time Lords hier erzählt wird, kaum verhehlen. Hell Bent (2) sollte besser ein 100-prozentiger Geniestreich sein, der das rechtfertigt!

Verfasser: Christian Junklewitz am Montag, 30. November 2015
Episode
Staffel 9, Episode 11
(Doctor Who 9x11)
Deutscher Titel der Episode
Die Angst des Doktors
Titel der Episode im Original
Heaven Sent
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Samstag, 28. November 2015 (BBC One)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 21. Januar 2016
Regisseur
Rachel Talalay

Schauspieler in der Episode Doctor Who 9x11

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?