Doctor Who 9x10

Das passiert in der Doctor Who-Folge Face the Raven:
„My God, a whole London street just disappeared, and you lot assume it's a copyright infringement...“ (Der Doctor)
Der Doctor (Peter Capaldi) und Clara (Jenna Coleman) haben gerade ein weiteres Abenteuer hinter sich gebracht, als das Telefon in der TARDIS klingelt: Rigsy (Joivan Wade) - Local Knowledge aus Flatline - ist dran. Clara hatte ihm die Nummer der TARDIS für Notfälle gegeben. Rigsy hat einen Blackout erlitten. Er kann sich an nichts erinnern, was am Tag zuvor geschehen ist. Das einzige Andenken, das er daran hat, ist ein Tattoo im Nacken mit einer dreistelligen Zahl, die von Minute zu Minute herunterzählt. Wie ein Countdown.
Der Doctor nimmt eine eingehende Untersuchung von Rigsy vor. Er stellt fest, dass der Junge am Vortag Kontakt mit außerirdischen Lebensformen gehabt hat - und das offenbar mitten in London. Es gäbe, so der Doctor, Gerüchte, dass Aliens mitten unter uns leben. In Straßen, deren Existenz der menschlichen Aufmerksamkeit entgeht. Gemeinsam mit Clara und Rigsy macht sich der Doctor auf die Suche nach einer dieser Straßen. Tatsächlich werden sie auch fündig. Sie entdecken einen verborgenen Straßenzug. Ashildr (Maisie Williams) unterhält hier ein Flüchtlingscamp für Aliens.
Rigsy soll hier, wie der Doctor und Clara erfahren, am Vortag eine Bewohnerin ermordet haben. Jedenfalls wurde er gefunden, wie er sich über ihre Leiche gebeugt hat. Deshalb - und um den Frieden in der Straße zu wahren - wurde er von Ashildr zum Tode durch einen Quantenschatten verurteilt. Wenn der Countdown abgelaufen ist, holt sich der Quantenschatten in Gestalt eines Raben die Seele des Betreffenden. Dem Doctor und Clara bleibt nur sehr wenig Zeit, um die Wahrheit herauszubekommen. Um für ihre Ermittlung etwas mehr Zeit herauszuschinden, schlägt Clara dem todgeweihten Rigsy einen sehr riskanten Plan vor...
Der Tag ist gekommen
Es war bereits abzusehen. Die neunte Staffel von Doctor Who hat nur sehr wenig von dem gehabt, was man einen roten Faden nennen könnte. Wenn es jedoch einen gegeben hat, dann waren das die verschiedenen Hinweise und Vorausdeutungen auf den bevorstehenden Abschied von Clara, der sich - außerhalb der Serie - natürlich auch schon durch das Bekanntwerden des neuen Engagements von Jenna Coleman „71452“ abgezeichnet hatte.
Mein Blick auf die bisherige neunte Staffel ist vielleicht nicht ganz so kritisch wie der mancher Leser (zumindest wenn man die Kommentare zu einigen der vorangegangenen Folgen zu Grunde legt). Allerdings werde auch ich nicht bestreiten können (oder wollen), dass etwas in dieser Staffel gefehlt hat. Und damit meine ich noch nicht mal so sehr einen übergreifenden Handlungsbogen, sondern vor allem eine Entwicklung auf Seiten der Figuren.
Figurenentwicklung
Was immer einen an der achten Staffel gestört haben mag (und mich hat einiges gestört, beim Mondhuhn in Kill the Moon angefangen), so lebte die Serie im vergangenen Jahr doch davon, dass Clara und der neue Doctor sich zusammenraufen und überhaupt wieder zu einer engen, vertrauensvollen Beziehung finden mussten. Es ist die Staffel gewesen, in der die beiden sich bis über beide Ohren fortlaufend angelogen und angefahren haben, die aber dafür im Weihnachtsspecial Last Christmas einen wunderschönen Abschluss gefunden hat, als sich beide füreinander und die gemeinsame Reise entscheiden. Für mich persönlich gehört das Finale von Last Christmas zu den berührendsten Momenten in Doctor Who überhaupt.
Der Punkt ist: Es gab in der achten Staffel eine Entwicklung der Figuren und ihrer Beziehung. Genau das ist es meiner Meinung nach, was der neunten Staffel mehr als alles andere gefehlt hat. Als Figuren haben sowohl der Doctor als auch Clara an Kraft und Dynamik verloren. Sie waren zwar in den erzählten Geschichten dabei und haben darin auch eine Rolle gespielt. Aber, so konnte man das Gefühl nicht ganz abstreifen, es ging in den Geschichten nur selten wirklich um sie. Steven Moffat hat die Periode der neunten Staffel die „glory years“ für den Doctor und Clara genannt: ihre glorreichen Jahre, in denen sie herumziehen und fantastische Abenteuer erleben. Was sicher schön gedacht gewesen ist. Das einzige Problem dabei ist jedoch, dass die Figuren mit ihren „glory years“ ein Stück weit statisch und weniger interessant geworden sind.
Langweilig?
Das ist auch der Grund dafür, warum Nebensächlichkeiten wie die Wiederverwendung von Kulissen wie in Sleep No More auf einmal so stark in den Vordergrund gerückt sind (obwohl es dieses Recycling in Doctor Who schon immer gegeben hat). Und es ist auch der Grund, warum manche Leser die Staffel als „langweilig“ beschrieben haben. Ich glaube, dass das weniger ein Ausdruck davon ist, dass die Geschichten per se langweilig gewesen sind. Wenn aber mit den Figuren darin so wenig passiert, wenn die Hauptfiguren nur eine Funktion des Plots sind, ohne selbst mit Leben erfüllt zu sein, dann kann natürlich auch das zu einem Gefühl der Langeweile führen. Zu einem Gefühl, dass einen die Geschichte nicht wirklich packt, nicht wirklich die volle Aufmerksamkeit fordert.
Clara
So weit es die Figuren und ihr Verhältnis zueinander angeht, könnte es fast so scheinen, dass die gesamte bisherige Staffel nur ein Prolog für Face the Raven gewesen ist: mit Claras wiederholt leichtsinnigen und übermütigen Verhalten einerseits und der latenten Sorge des Doctors um sie andererseits. In Face the Raven werden beide von den Konsequenzen eingeholt. Clara begibt sich in eine Gefahr, aus welcher der Doctor sie nicht retten kann. Und so muss sie dem Raben entgegensehen.
Angetrieben wird Clara dabei, wie es scheint, vor allem von zwei Motiven. Zum einen ist da der starke Wunsch, so zu denken, so zu handeln, so zu sein wie der Doctor. Was aus der Entwicklung ihrer Figur heraus vollkommen stimmig ist: Wir haben sie zu Beginn als das Impossible Girl kennen gelernt, welches in den Zeitstrom des Doctors gesprungen und all seinen Inkarnationen begegnet ist. Sie ist damit die Frau, welche dem Doctor so nah wie kaum jemand sonst ist. Später hat sie, allen voran in der bereits erwähnten Folge Flatline, sich immer häufiger mehr oder minder spielerisch in die Rolle des Doctors begeben. Dieses Verlangen, es ihm gleich zu tun (sich ihm zu beweisen?), ist also keineswegs neu.
Zum anderen schwingt in Claras Übermut aber auch eine latente Todessehnsucht mit, auf die sie selbst bei ihrem Abschied vom Doctor zu sprechen kommt. Es kommt an keiner Stelle der neunten Staffel offen zur Sprache. Und doch kann man sich als Zuschauer nicht ganz des Eindrucks erwehren, dass ihr offensiv zur Schau gestellter Frohsinn und Abenteuergeist ein Überkompensieren jenes Verlustes darstellen, den sie am Ende der achten Staffel erlitten hat.
Reden
Wenn es etwas gibt, das von den Figuren aus der neunten Staffel in Erinnerung bleiben wird, dann sind das ihre Reden. Peter Capaldi hatte seinen großen Moment in The Zygon Inversion (2) mit dem großen Friedensplädoyer des Doctors: eine Rede, die besonders nach den Anschlägen von Paris vielfach via Facebook weiterverbreitet wurde. Eine Rede von höchster aktueller Resonanz.
Jenna Coleman bekommt ihre große Rede am Ende von Face the Raven, als sie sich vom Doctor verabschiedet. Was diese Rede so großartig macht, sind nicht zuletzt die Anklänge an The Day of the Doctor. Clara, das ist, wie wir bereits gesehen haben, die Companion, die dem Doctor am nächsten steht. Oder genauer gesagt: dem Doctor-Aspekt seiner Persönlichkeit. Sie ist es, die ihn sogar noch in ihren allerletzten Minuten zusammen ermahnt, ja, ihm befiehlt, der Doctor zu sein - und diesen Pfad nicht zu verlassen.
Es ist nicht nur der stärkste Moment der Folge, sondern - neben der Doctor-Rede aus The Zygon Inversion (2) - der stärkste Augenblick der gesamten bisherigen Staffel. Ja, in gewisser Weise kommunizieren diese beiden Szenen sogar miteinander. Der Doctor ist gerade dabei, seine schönen Worte aus The Zygon Inversion (2) zu vergessen, den Doctor abzulegen („The Doctor is no longer here, you are stuck with me!“) und die andere, die kriegerische Seite seiner Persönlichkeit ans Licht zu holen, als Clara ihn stoppt - und vom ihm verlangt, für ihren Tod keine Rache zu nahmen. Sie bleibt sein Gewissen - bis zum Schluss.
Brüste des Todes
Der Abschied der beiden ist makellos geschrieben und in Szene gesetzt. Claras Tod dagegen wird für meine Begriffe von der Inszenierung etwas zu sehr ausgewalzt. Zeitlupe. Der stumme Schrei, den wir gleich aus mehreren Perspektiven sehen. Und dann auch noch Murray Golds ergreifende Musik, die hier allerdings ein Stück übers Ziel hinausschießt. Was auch damit zusammenhängt, dass Golds Musik in der Ära Moffat generell an Melodik verloren hat. Die großen Hymnen - das war eher ein Kennzeichen der RTD-Ära, weshalb es ein bisschen befremdlich ist, nach so langer Zeit wieder Musik zu hören, welche vom Stil her fast nahtlos an „Vale Decem“ (das Stück zum Abschied von David Tennant 2010) anschließt.
Am problematischsten an Claras Tod ist jedoch, dass sich Regie, Kamera und Kostümbild offenbar nicht so ganz darüber im klaren gewesen sind, welchen Effekt es hat, wenn man Jenna Coleman in diesen engen Pulli steckt - und sie dann in ihrer Todesszene die Brust herausstrecken lässt. Das Ergebnis ist ein klein wenig... grotesk. Ich will nicht verschweigen, dass Jenna Colemans Oberweite möglicherweise einer der Gründe gewesen ist, weshalb sie mir als Companion - in jeder Hin- und Ansicht - sehr gut gefallen hat. Aber der Augenblick von Claras Tod ist nicht der Moment, in dem ich ihre Brüste mir entgegenfliegen sehen will.
Justin Molotnikov ist bei Merlin ein exzellenter Regisseur gewesen. Bei Doctor Who hat er jedoch da und dort ein nicht ganz so glückliches Händchen bewiesen.
Krimi
Vor Claras Abschied präsentierte sich Face the Raven mit der Jagd nach der verborgenen Straße und der Mördersuche als solider SciFi-Krimi. Die größte Überraschung dabei war weniger, dass sich das Ganze als eine Falle für den Doctor herausstellt, sondern vielmehr, dass Ashildr gar nicht selbst hinter der Falle steckt, sondern offenbar unter Druck einer dritten, noch unbekannten Partei handelt, was Gegenstand des finalen Zweiteilers Hell Bent (1) / Heaven Sent werden dürfte.
Fazit
Der Abschied Claras vom Doctor ist eine großartige, berührende Szene, welche die gesamte Folge überstrahlt. Ihr Tod ist von der Inszenierung her dagegen weniger gelungen aufgelöst. Face the Raven entlässt uns mit verschiedenen Fragen: Wer steckt hinter der Falle des Doctors? Wie wird er mit dem Verlust Claras fertig? Und was bedeutet das für ein etwaiges Wiedersehen mit Ashildr? Über ihre Rolle in der Folge hätte man gegebenfalls noch etwas ausführlicher sprechen müssen. Aber dazu wird sich ja vielleicht noch nach einer der kommenden Folgen Gelegenheit bieten.
Verfasser: Christian Junklewitz am Montag, 23. November 2015(Doctor Who 9x10)
Schauspieler in der Episode Doctor Who 9x10
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