Doctor Who 9x09

Das passiert in der Doctor Who-Folge Sleep No More:
An einem Donnerstag im 38. Jahrhundert: Ein Rettungsteam vom Neptun-Mond Triton ist unterwegs zur Le-Verrier-Raumstation, die sich im Orbit um Neptun befindet, nachdem der Kontakt zur Besatzung abgebrochen ist. An Bord finden Nagata (Elaine Tan, Hand of God), Chopra (Neet Mohan), Deep Ando (Paul Courtenay Hyu) und die „Grunt“ (eine Art gezüchteter Klon-Soldat) 474 (Bethany Black, Cucumber) jedoch keine Crewmitglieder. Sie stoßen allerdings auf den Doctor (Peter Capaldi) und Clara (Jenna Coleman), die sich als Stresstester ausweisen, sowie auf eine Reihe mörderischer Kreaturen, die aus Sand zu bestehen scheinen.
Gemeinsam versuchen der Doctor, Clara und das Rettungsteam herauszufinden, was auf der Station vorgefallen ist. Dabei entdecken sie so genannte Morpheus-Kapseln. In einer davon hat sich Professor Gagan Rassmussen (Reece Shearsmith, „An Adventure in Space and Time“), der Erfinder des Morpheus-Prozesses, versteckt. Um wirtschaftlich produktiver zu sein, haben die Menschen des 38. Jahrhunderts den nächtlichen Schlaf abgeschafft und auf ein 5-minütiges Power-Nickerchen reduziert, welches man in einer der Morpheus-Kapseln abhält. Dieser Prozess hat jedoch die fatale Nebenwirkung, dass einen Schlafsand in den Augen buchstäblich auffrisst - und in ein Sandmann-Monster verwandelt...
Häh?
Sleep No More ist eine jener Doctor Who-Folgen, bei denen mich sofort im Anschluss der Impuls überkommt, sie noch einmal anzuschauen, weil ich das Gefühl habe, beim ersten Mal nicht alles mitbekommen zu haben. Und selbst nach dem zweiten Mal würde ich dafür keine Garantie übernehmen wollen.
Schlafsand, der zu monströsen Gebilden heranwächst, welche blind sind, obwohl der Schlafsand eigentlich über die Fähigkeit verfügt, als mobile Mikro-Überwachungskamera zu fungieren. Und dann noch dieser elaborierte Plan, um das Signal, welches den Morpheus-Prozess im Gehirn in Gang setzt, über das ganze Sonnensystem (und an die Zuschauer von Doctor Who) zu verbreiten...
Es ist schon Einiges, was Autor Mark Gatiss (Sherlock) dem Publikum hier zumutet. Was ihm auch selbst bewusst zu sein scheint. Immerhin lässt er den Doctor sagen: „Das macht doch alles keinen Sinn!“
Schlaf als Produktivitätshemmnis
Die Grundidee von No More Sleep ist dabei wirklich großartig - und von bemerkenswerter Gesellschaftskritik: Der Drang nach Produktivitätssteigerung und Kapitalismus konformer Selbst-Optimierung um jeden Preis wird im Morpheus-Prozess sehr schön aufs Korn genommen.
Problematisch ist, was die Folge daraus monstertechnisch macht. Eine naheliegende - vielleicht zu naheliegende - Variante wäre gewesen, aus die Nicht-Schläfern zur einer Art Zombie-Wesen mutieren zu lassen. Mit den Schlafsand-Monstern geht Gatiss einen sehr... einfallsreichen Weg, welcher den Suspense of Disbelief (also die Bereitschaft, der Handlung Glauben zu schenken) jedoch selbst im Rahmen von Doctor Who auf eine harte, harte Probe stellt.
Referenzen
Über die zahlreichen Anleihen im Horrorgenre (etwa bei „The Ring“) müssen wir uns an dieser Stelle nicht unterhalten. Auch das Verfahren, die Perspektive des Zuschauers weitgehend auf die der Figuren einzugrenzen (durch - aufgefundene - Videoaufnahmen aus ihrer Perspektive), ist aus zahlreichen (Horror-) Filmen (etwa „The Blair Witch Project“) bekannt.
Das soll an dieser Stelle aber gar nicht als Kritik gegen No More Sleep ins Feld geführt werden. Doctor Who ist eine Serie, die sich auch und nicht zuletzt an ein Familienpublikum und damit an Kinder richtet, welche die Vorbilder (im Idealfall) nicht kennen - und welche diese Erzählweisen hier zum ersten Mal durch Doctor Who kennen lernen. Was vollkommen legitim ist.
Inkonsequent
Was man No More Sleep vorwerfen kann, ist, dass die Folge das Erzählprinzip der Point-of-View-Narration (wir sehen nur das, was die Figuren sehen) nicht konsequent durchhält. Besonders kritisch wird es, als die Folge - ohne Not - zu verstehen gibt, dass es keinerlei Überwachungskameras an Bord der Station gibt. Stattdessen ist jedes Sandkorn irgendwie auch eine Kamera. Die Wahl der Perspektiven bekommt damit etwas sehr Beliebiges - und das Point-of-View-Prinzip wird im Grunde ad absurdum geführt.
Der Clou dieser Erzählweise besteht doch gerade darin, dass sie uns zu verstehen gibt: Dieses - auf die Perspektive einzelner Figuren eingeschränkte - Material ist das einzige, das wir von dem schrecklichen Ereignis, das da passiert ist, zur Verfügung haben. Das ist es, was das Schauderhafte daran ausmacht: Das Lückenhafte. Der Eindruck von Authentizität, der sich dadurch einstellt.
Clever
Sehr geschickt gelöst ist derweil die Irreleitung des Publikums, was die nicht existierenden Helm-Kameras des Rettungsteams angeht. Die Folge versetzt uns anfangs in den Glauben, dass die Point-of-View-Bilder, die wir sehen, mit einer Art von Helm-Kamera aufgenommen sein müssten. Bis sie uns plötzlich Bilder unterjubelt, die aus der Perspektive von Clara stammen, die ja überhaupt keinen Helm aufhat. Es gibt eine Einstellung, in welcher der Doctor sie ganz merkwürdig anschaut, so als ob auch ihm in diesem Augenblick etwas Merkwürdiges auffallen würde, in der zumindst mir zum ersten Mal bewusst geworden ist: Moment mal, hier stimmt doch was nicht!
Großartig ist auch die Enthüllung am Schluss, dass Rassmussen alles nur inszeniert hat, um ein spannendes Video zu haben, mit der er das Signal übertragen kann. Ja, natürlich, irgendwo ist das ganz und gar unplausibel: Genau so gut hätte er das Signal schließlich in allen möglichen anderen Videos verstecken können, ohne einen derartigen Aufwand zu betreiben.
Trotzdem kann man nicht leugnen, dass die Verdopplung, welche die Folge hinsichtlich ihrer eigenen Erzählsituation vornimmt, schon ein sehr cleverer und augenzwinkernder Schachzug ist. In gewisser Weise wird Rassmussen hier als das Alter Ego von Mark Gatiss inszeniert, der ja genau dasselbe tut: Eine Geschichte erzählen, welche im besten Fall so spannend ist, dass sie - zumindest den Kindern - eine schlaflose Nacht bereitet!
Vorspann verschwunden
Was die Folge dabei formal auszeichnet, ist das Fehlen des gewohnten Vorspanns. Der Vorspann signalisiert immer auch ein Stück weit die Fiktionalität der Serie, weil sie einen nach dem Cold Open für eine Minute aus der Geschichte herausholt. Für die Art von Illusion, welche der Videobericht von den Ereignissen der Station herstellen will, wäre das ganz schlecht gewesen. Außerdem schafft der fehlende Vorspann natürlich auch ein Moment der Irritation, welches zusätzlich zur Desorientierung und zu einem Gefühl der Anspannung auf Seiten des Zuschauers beiträgt. In Minute 17 hab ich die Folge angehalten und mich ganz verwundert gefragt: „Wo ist eigentlich der Vorspann geblieben?“
Clara
Gespannt darf man sein, ob aus Sleep No More für Clara langfristige Konsequenzen erwachsen werden: Sie ist schließlich dem Morpheus-Prozess unterzogen worden. Der Doctor sagt zwar, dass er diesen rückgängig machen kann. Er klingt dabei jedoch nicht so sicher, wie wir das sonst von ihm gewohnt sind.
Fazit
Sleep No More ist eine Weltraum-Folge, auch wenn sie in Sachen fremder Welten vielleicht nicht das ist, was sich manche Fans erhofft haben. Es ist eine düstere, formal sehr interessante Horror-Folge, die jedoch mitunter auch etwas verwirrend und inkonsequent daherkommt.
Verfasser: Christian Junklewitz am Montag, 16. November 2015(Doctor Who 9x09)
Schauspieler in der Episode Doctor Who 9x09
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