Doctor Who 9x07

Das passiert in der Doctor Who-Folge The Zygon Invasion (1):
In The Day of the Doctor hatte der Doctor - vertreten durch drei Inkarnationen (John Hurt, David Tennant und Matt Smith) - einen Frieden zwischen Menschen und Zygonen vermittelt. Dieser Friedensvertrag sah vor, dass 20 Millionen Zygonen auf die Erde kommen und unerkannt in unserer Mitte leben dürfen - als Duplikate menschlicher Vorbilder. Osgood (Ingrid Oliver) hatte eine enge Verbindung zu ihrer Zygonen-Schwester geknüpft. Gemeinsam waren sie der Inbegriff des Friedensschlusses zwischen Menschen und Zygonen. Dann wurde eine von ihnen von Missy (Michelle Gomez) in Death in Heaven getötet. Und auf einmal steht der Frieden auf der Kippe, weil eine kleine Zygonen-Fraktion es leid ist, sich verstecken zu müssen. Sie wollen auf der Erde als Zygonen leben.
Sie entführen Osgood und stehlen alle U.N.I.T.-Daten über die Aufenthaltsorte der Zygonen auf der Erde. Vor ihrem Kidnapping kann Osgood noch eine SMS absetzen, die sie an den Doctor (Peter Capaldi) schickt: Das „Alptraum-Szenario“ hat begonnen...
Episch
The Zygon Invasion (1) ist eine große Doctor Who-Folge. Und das meine ich ganz wörtlich: Es ist eine Folge, die Größe und Epik ausstrahlt. Das Team hat zwar nicht in New Mexico drehen können. Fuerteventura gibt dafür jedoch ein durchaus glaubhaftes Double ab. Die Handlung springt zwischen London, New Mexico und dem fiktiven Turmesistan hin und her, was der Geschichte genau die Art von Kulisse gibt, die sie auch braucht.
TV-Serien leiden ja oft darunter, dass sie zwar globale Krisen behaupten, dann aber auf Grund ihrer budgetären Begrenzungen nur an einem eng umrissenen Ort spielen können. Doctor Who schafft es dagegen, dem Publikum in The Zygon Invasion (1) ein Gefühl für die weltumspannende Dimension der Handlung zu geben.
Integration oder Nicht-Integration, das ist hier die Frage
Ein weiterer Pluspunkt ist die wahrhaft bemerkenswerte Aktualität der Folge. Als The Zygon Invasion (1) geschrieben wurde, war dies möglicherweise noch nicht mal beabsichtigt oder vorherzusehen. Aber thematisch passt die Folge natürlich wie die Faust aufs Auge zur gegenwärtige Flüchtlingskrise, einschließlich zahlreicher Diskurse drumherum (Nahost-Konflikt, Terrorismus).
Der Frieden zwischen Menschen und Zygonen hängt von der perfekten Integration der Zygonen ab. Die Menschen dürfen von den Zygonen nichts wissen, weil sie sonst glauben würden, die Zygonen seien „hinter ihren Sozialleistungen her“. Diese Einschätzung des Doctors kann man im Lichte der jüngeren Gegenwart wohl als höchst akkurat ansehen.
Die Mehrheit der Zygonen wiederum hat nichts dagegen, in die menschliche Gesellschaft „integriert“ zu sein - und verborgen in unserer Mitte zu leben. Daneben gibt es aber radikalere Elemente, die sich fragen: Warum sollen sie nicht als Zygonen leben dürfen? Für sie ist es eine Frage ihrer wahren Identität. Alle, die sich angepasst haben, sind in ihren Augen „Verräter“.
Verpackt als Science Fiction erzählt Doctor Who hier vom Problem der Integration in eine fremde Gesellschaft. Und findet für den Umgang mit den Radikalen und den Terroristen keine leichte Antwort: Die U.N.I.T.-Soldaten, die dem Schießbefehl nicht Folge leisten, sondern sich von den Zygonen einlullen lassen, bezahlen dafür mit ihrem Leben. Andererseits sind Gewalt und Bomben aber auch keine Lösung, weil sonst, wie der Doctor ganz richtig prognostiziert, die Gefahr besteht, dass sich weite Teile der Zygonen-Population radikalisieren könnten.
Anhängsel von U.N.I.T.
So thematisch aktuell und brisant The Zygon Invasion (1) auch daherkommt - so richtig Spannung will sich über weite Strecken nicht einstellen. Das mag daran liegen, dass der Doctor zu wenig eigene Aktivität und Entschlusskraft an den Tag legt. Er sieht die Notwendigkeit, mit den radikalen Zygonen Verhandlungen aufzunehmen. Doch statt selbst mit der TARDIS hinzufliegen und mit ihnen zu sprechen, macht er sich zum Sidekick von U.N.I.T. Zwar ist wiederholt davon die Rede, dass der Doctor der „Präsident der Welt“ sei. Aber irgendwie hält es niemand für nötig, auf ihn zu hören. Und er gibt sich auch nicht gerade sonderlich viel Mühe, irgendeine Durchsetzungskraft an den Tag zu legen. Das macht es schwer, mit ihm mitzufiebern.
Er marschiert mit einem Trupp schwerbewaffneter U.N.I.T.-Soldaten in den von den Zygonen besetzten Ort in Turmesistan, ohne dass ihm irgendwelche Bedenken zu kommen scheinen, dass es vielleicht für einen Vermittler nicht unbedingt der klügste Schachzug ist, den Eindruck zu erwecken, man stünde ganz und gar an der Seite einer Konfliktpartei.
Konstruiert
Ebenfalls der Spannung abträglich ist der Eindruck der Konstruiertheit. Natürlich ist jede Erzählung eine Konstruktion. Im Idealfall gelingt es einer Geschichte jedoch, den Zuschauer in den Glauben zu versetzen, dass die Figuren mit Notwendigkeit oder zumindest Wahrscheinlichkeit so handeln, wie sie handeln. Die Erzählung ist weiterhin eine Konstruktion, aber sie kommt dem Zuschauer nicht als eine solche vor. Wenn jedoch die Figuren so handeln, dass es nicht aus ihnen selbst und der Handlung heraus als notwendig erscheint, sondern mehr oder minder offensichtlich der Konstruktion der Geschichte selbst dient, dann wirkt eine Erzählung konstruiert.
Dass die Parole „Truth or Consequences“ auf einen Ort in New Mexico verweisen soll, ist schon ein gewaltiger Gedankensprung, selbst wenn man aus Trivial Pursuit weiß, dass es einen Ort dieses Namens tatsächlich gibt. Und dort dann ohne jegliche Verstärkung hinzufahren, wie es Kate (Jemma Redgrave) tut, ist auch so eine Sache, die Leute vornehmlich im Fernsehen machen (sehr schön ist allerdings, dass für den weiblichen Sheriff der Stadt mit Gretchen Egolf - Martial Law - tatsächlich eine US-Schauspielerin engagiert worden ist). Der Doctor lässt seinerseits Clara (Jenna Coleman) mit dem nicht gerade sehr spezifischen Auftrag zurück, London vor den Monstern zu beschützen. Vor allem aber scheint ihre Aufgabe darin zu bestehen, für einen dritten Handlungsstrang und den Cliffhanger am Ende zu sorgen.
Clara
Genau dort - gegen Ende - legt die Folge spannungstechnisch dann auch enorm zu. Die Enthüllung, dass Clara durch einen Zygon ersetzt worden ist, kommt vielleicht nicht als die allergrößte Überraschung daher. Mir ist der Verdacht zumindest schon vorher gekommen. Dank des geschickten Einbaus von Clara-ismen (wie zum Beispiel der Trivial-Pursuit-Sache) gelang es den Machern jedoch, mich von diesem Gedanken wieder abzubringen.
Mag der Companion-wird-durch-bösen-Doppelgänger-ersetzt-Plot auch noch so alt sein, er ist immer noch sehr effektiv. Und Jenna Coleman gibt eine wirklich gute Vorstellung als Claras böses Double ab. Mit ihr und dem Raketenabschuss auf das Flugzeug des Doctors kommt endlich genau das Level von Adrenalin ins Spiel, welches der Folge vorher so ein bisschen gefehlt hat.
Unterhose mit Fragezeichen
Natürlich ist für die Qualität einer Doctor Who-Folge nicht allein das Adrenalin entscheidend. Auch sonst hat The Zygon Invasion (1) Einiges zu bieten: etwa die wunderbaren Namensvariationen, die der Doctor ersinnt („Dr. Disco“, „Dr. Funkenstein“). Und natürlich auch das Gespräch zwischen ihm und Osgood über die modische Verwendung des Fragezeichens, was uns mehr über die Unterwäsche des Time Lords verrät, als wir jemals wissen wollten.
Fazit
Es ist nicht ganz leicht, hier zu einer Wertung zu kommen. Zumal auch wieder das Doppelfolgen-Dilemma besteht, dass man eigentlich bis zum Abschluss des Zweiteilers warten müsste, um zu einer Gesamtwürdigung zu gelangen. Hier und jetzt entscheide ich mich mal für vier Sterne, weil ich Aktualität und Epik der Geschichte gegenüber den geschilderten Mängeln beim Spannungsaufbau den höheren Stellenwert einräume.
Verfasser: Christian Junklewitz am Montag, 2. November 2015(Doctor Who 9x07)
Schauspieler in der Episode Doctor Who 9x07
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