Doctor Who 9x06

Das passiert in der Doctor Who-Folge The Woman Who Lived (2):
Wir schreiben das Jahr 1652: Auf der Suche nach einem außerirdischen Artefakt stolpert der Doctor (Peter Capaldi) mitten in einen Raubüberfall. Sehr zum Missfallen des Räubers, da die Kutsche, die er im Visier hatte, durch das Eingreifen des Doctors entkommen kann. Der Doctor traut derweil seinen Augen kaum, als der Räuber seine Maske fallen lässt. Er ist eine Sie: Ashildr (Maisie Williams), The Girl Who Died (1). Dank der außerirdischen Technologie, die der Doctor in sie eingepflanzt hat, ist sie inzwischen mehr als 800 Jahre alt. Äußerlich unverändert, ist sie so alt, dass sie sich nicht einmal mehr richtig an ihren eigenen Namen oder ihre Herkunft erinnern kann.
Darüber hinaus offenbart sie eine aus Sicht des Doctors höchst bedenkliche Einstellung, die sich wohl am besten als nihilistisch beschreiben lässt: Sie hat so viel erlebt und durchlitten, dass nichts mehr für sie eine Bedeutung hat. Außer sie selbst. Deshalb nennt sie sich auch nur noch „Ich“. Das Einzige, was für sie noch zählt, ist sie selbst - und die Befriedigung ihrer Abenteuerlust. Deshalb möchte sie unbedingt, dass der Doctor sie auf seine Reisen mitnimmt.
Zunächst einmal stellen sie jedoch fest, dass sie beide hinter dem selben Gegenstand her sind: Das Amulett, das „Ich“ stehlen wollte, ist das außerirdische Artefakt, hinter dem auch der Doctor her ist. Gemeinsam verüben sie einen Einbruch, um das Objekt an sich zu bringen. Was der Doctor allenfalls ahnen kann: „Ich“ hat sich bereits einen anderen Verbündeten gesucht, der sie aus der Langeweile ihrer irdischen Existenz befreien soll. Eine überaus gefährliche Allianz, wie sich herausstellt.
Charakterdrama
The Woman Who Lived (2) ist eine klare Steigerung gegenüber The Girl Who Died (1). Die Folge funktioniert in erster Linie als Charakterdrama rund um die beiden Unsterblichen, den Doctor und seine gleichgültig-gefühllose Wiedergängerin „Ich“. Alle anderen Charaktere sind allenfalls Randfiguren. Clara (Jenna Coleman) hat nur einen kurzen - im Kontrast allerdings durchaus bedeutungsvollen - Auftritt am Ende der Episode.
Bei vielen überwog nach The Girl Who Died (1) fraglos und verständlicherweise ein Gefühl der Unterwältigung: Der viel angeteaserte und im Vorfeld bereits eifrig diskutierte Gastauftritt von Game of Thrones-Star Maisie Williams blieb doch ein Stück weit hinter den Erwartungen zurück. Als Ashildr machte sie keinen sonderlich großen Eindruck.
Das hätte, so war in unseren Kommentaren zu lesen, auch problemlos von jemand anderem gespielt werden können. Und dann war da natürlich noch die Frage, warum der Doctor sich ausgerechnet bei ihr dazu entschieden hat, seine eigenen Regeln zu brechen und sie von den Toten zurückzuholen (etwas, das er dem Alien in Before the Flood (2) noch sehr zum Vorwurf gemacht hat, wie dieser es wagen könne, mit Leben und Tod zu spielen...).
Unsterblichkeit
The Woman Who Lived (2) entschädigt dafür mit einem deutlich denkwürdigeren Auftritt von Maisie Williams: „Ich“ ist zwar nicht die erste unsterbliche Figur, mit der wir es (neben dem Doctor) in Doctor Who zu tun bekommen. Autorin Catherine Tregenna hat früher für Torchwood geschrieben - und vergisst deshalb selbstverständlich nicht, Captain Jack Harkness (John Barrowman) zu erwähnen, von dem Steven Moffat übrigens erst kürzlich wieder gesagt hat, dass er durchaus zu Doctor Who zurückkehren könnte, falls sie die richtige Geschichte für ihn finden.
Und schon in Torchwood (sowie den Doctor Who-Crossoverfolgen) war ein Stück weit das Drama durchgespielt worden, das sich daraus ergibt, wenn ein Mensch auf einmal Unsterblichkeit erlangt. Bei Captain Jack ist es jedoch etwas anders gewesen: Als er unsterblich wurde, da war er bereits diese überlebensgroße Figur - Zeitagent, charmanter Betrüger, heroischer Begleiter des Doctors.
Mit Ashildr wird jedoch ein viel „gewöhnlicherer“ Mensch in die Situation der Unsterblichkeit geworfen. Insofern war es vielleicht gar nicht einmal verkehrt, dass Williams' Auftritt in The Girl Who Died (1) etwas weniger strahlend daherkam. Es unterstreicht den Punkt von The Woman Who Lived (2): Ein nettes, normales Mädchen wird unsterblich.
Sie tut zunächst weiterhin nette Dinge, kümmert sich etwa um Leprakranke. Aber durch die Wunden, die das Leben ihr zufügt, entwickelt sie eine zunehmend nihilistische und selbstbezogene Sicht der Dinge. Sie ist einfach nicht dafür gemacht, unsterblich zu sein. Sie muss Tagebuch führen, um sich überhaupt an die früheren Abschnitte ihres Lebens zu erinnern, weil ihr Gedächtnis nicht dafür ausgelegt ist, sich an alles zu erinnern, was in 800 Jahren passiert ist.
Spiegelbild
Für den Doctor ist sie ein Spiegelbild, das ihm einen Schauer über den Rücken jagt. Sie zeigt ihm, wie er sein könnte. Und wie er, wenn wir mal ehrlich sind, manchmal ja auch tatsächlich ist. Von einem Hang, auf das gewöhnliche, langweilige Leben herabzuschauen, wird sich der Doctor kaum freisprechen können. Es sind die „Eintagsfliegen“, mit denen er sich umgibt, und ihre Wertschätzung des Lebens, was ihn davor bewahrt, jene Gleichgültigkeit zu zeigen, welche „Ich“ zu Beginn an den Tag legt.
Bedrohlich
Clara kommt in The Woman Who Lived (2) kaum vor. Trotzdem ist sie in ihrer Abwesenheit sehr präsent. Die Folge macht deutlich, warum der Doctor jemanden wie sie an seiner Seite braucht - und nicht jemanden wie „Ich“/Ashildr.
Der vielleicht herzerwärmendste Moment der Folge ist die Szene am Schluss, in der sich der Doctor nicht nur widerstandslos von Clara umarmen lässt, sondern ihr sogar sagt, dass er sie vermisst hat. Zwischen den beiden besteht inzwischen eine Nähe und Vertrautheit, die wunderschön anzusehen ist. Gleichzeitig wabert aber schon die Gefahr in der Luft, dass dies alles bald vorbei sein könnte. Wie kleine Nadelstiche setzt auch diese Folge Hinweise auf Claras Sterblichkeit - und sei es nur durch ihr betontes „Ich gehe nicht weg“ am Ende.
Eine latente Bedrohung geht auch vom (vorläufigen) Abschluss des Maisie Williams-Handlungsstrangs aus: Ashildr - so lässt sie sich am Ende wieder anreden - sieht nach dem Unheil, das sie mit ihrem eigenen Plan fast verursacht hätte, ein, warum sie und der Doctor keine guten Reisegefährten wären. Sie nimmt sich jedoch vor, die Erde vor den Spätfolgen zu beschützen, die der Doctor mit seinen Eingriffen zu verantworten lässt.
Als Feindschaft will sie das nicht verstanden wissen. Als besonders freundschaftliche Sicht auf den Doctor können wir (und er selbst) es aber auch nicht auffassen. Und dann ist da ja auch noch dieses Handyfoto aus der Gegenwart, welches a) zeigt, dass Ashildr dem Doctor und seinen Begleitern weiterhin auf der Spur ist, und b), dass dies nicht der letzte Auftritt von Maisie Williams gewesen ist.
Vergnüglich
Ein Wort noch zum Plot von The Woman Who Lived (2): Der Außerirdische auf der Suche nach einem Artefakt, um ein Portal für eine Invasion zu öffnen, ist jetzt nicht der originellste Doctor Who-Plot, soll es aber wohl auch gar nicht sein. Letztlich ist das nur der Hintergrund, vor dem sich das Charakterdrama abspielt. Die Maske des Aliens ist - zum wiederholten Male in dieser Staffel - ausgesprochen beeindruckend gelungen. Und vor allem die Heist-Szenen, also der Überfall zu Beginn und der Einbruch in der Mitte der Folge, sind dank der spritzigen Dialoge ein großes Vergnügen.
Fazit
Der Auftakt war nicht ganz so überzeugend. Mit The Woman Who Lived (2) findet der Zweiteiler aber schließlich doch noch seine Kurve. Und lässt uns durchaus gespannt darauf zurück, welche Rolle Maisie Williams in der Gegenwart des Doctor spielen wird.
Verfasser: Christian Junklewitz am Montag, 26. Oktober 2015Doctor Who 9x06 Trailer
(Doctor Who 9x06)
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