Doctor Who 9x04

Das passiert in der Doctor Who-Folge Before the Flood (2):
Der Doctor (Peter Capaldi), O'Donnell (Morven Christie) und Bennett (Arsher Ali) landen mit der TARDIS in der Vergangenheit. Genauer gesagt: Im Jahr 1980. Der Damm ist noch nicht gebrochen. Im Tal liegt eine militärische Anlage, die einen Ort in der Sowjetunion simuliert. Wir sind mitten im kalten Krieg. Und die britischen Soldaten können hier den Ernstfall üben.
Das fremde Raumschiff ist bereits gelandet: Prentis (Paul Kaye), der bislang unbekannte Geist, ist ein Bestattungsunternehmer vom Planeten Tivoli (The God Complex). Das Raumschiff ist eine Art Leichenwagen, mit dem Prentis die sterbliche Hülle des Fischerkönigs transportiert, eines mächtigen Alien-Warlords, der nach dem Willen der neuen Machthaber auf Tivoli in der Verbannung seine letzte Ruhestätte finden soll. Das Problem dabei ist nur: der Fischerkönig ist nicht so tot, wie er eigentlich sein sollte.
Clara harrt unterdessen mit Cass (Sophie Stone) und Lunn (Zaqi Ismail) auf der Unterwasserstation aus. Sie ist immer noch fassungslos, dass sich der Doctor in einen Geist verwandelt hat. Etwas Aufmunterung bringt es ihr, als der Doctor sie aus der Vergangenheit anruft. Sie berichtet ihm von seinem Geist. Der Doctor meint, dass dies unabwendbar seinen Tod bedeutet. Es ist bereits geschehen. Und an dieser Zukunft glaubt er, nichts ändern zu können, ohne dass dies möglicherweise fatale Konsequenzen fürs Universum nach sich zieht. Clara ist jedoch nicht bereit, das zu akzeptieren...
TimeyWimey
Nach wie vor kann ich nicht so ganz nachvollziehen, was manche Leser an Under the Lake (1) auszusetzen hatten. Ja, das Muster der Episode war natürlich schon sehr vertraut, die Umsetzung aber war exzellent! Ich hab die Folge kurz vor Before the Flood (2) noch einmal gesehen. Dabei hat sich der positive Eindruck - für mich zumindest - noch mal bestätigt. Ja, der Doctor kommt super, super clever herüber. Aber seine Schlussfolgerungen sind auch nicht sehr viel aberwitziger als etwa das Kalkül, mit dem er Davros und die Daleks in The Witch's Familiar (2) ausmanövriert hat.
Before the Flood (2) ist die Fortsetzung von Under the Lake (1), setzt aber einen signfikant anderen Schwerpunkt: Under the Lake (1) folgte mehr oder minder dem Muster der Doctor-muss-eine-Stationscrew-vor-unbekannter-Gefahr-retten-Episoden. Before the Flood (2) fällt dagegen eher in die Kategorie der TimeyWimey-Folgen. Man muss währenddessen vielleicht kein Aspirin nehmen. Aber es empfiehlt sich durchaus, zumindest eine Tablette griffbereit liegen zu haben. Das sind nämlich die Folgen, bei denen einem schon mal ganz gehörig der Kopf schwirren kann...
Monolog
Folge 4 von Staffel 9 beginnt interessanterweise genau wie Folge 4 von Staffel 8 (Listen) mit einem in die Kamera gesprochenen Monolog des Doctors, in dem er das „bootstrap paradox“ (auch als Prädestinationsparadox bekannt) an einem Gedankenspiel entfaltet: Ein Zeitreisender kehrt in die Vergangenheit zurück und stellt fest, dass Beethoven niemals existiert hat. Besagter Zeitreisender will jedoch, dass der Welt die Musik des großen Komponisten erhalten bleibt. Also lässt er die Noten in der Vergangenheit zurück, damit es so aussieht, als habe Beethoven doch existiert. Die Frage ist dann nur: Wer hat die Musik überhaupt komponiert?
Die Eröffnungssequenz ist brillant: Es mag sein, dass hier der Peter Capaldi-Fanboy aus mir spricht „69338“, aber ich könnte ihm stundenlang bei diesen rhetorisch ausgefeilten Referaten zuhören. Für den Tag, wenn Peter Capaldi den aktiven Dienst als Doctor an den Nagel hängt, kann Big Finish ja vielleicht schon mal eine neue Reihe vorbereiten: „The Doctor Monologues“...
DaDaDaDaaaa... DaDaDaDaaaa...
Gekrönt wird die Sequenz durch die Rückkehr der E-Gitarre aus The Magician's Apprentice (1), mit welcher der Doctor am Ende der Szene Beethovens Fünfte anstimmt. Das wird wiederum vom Vorspann aufgegriffen, der seinerseits mit einem neuen, rockigeren Arrangement der Doctor Who-Titelmelodie daherkommt. Großartig!
Über die neuen Sonic Sunglasses ist ja viel diskutiert worden. Die Wahrheit ist: Das Hoodie, die Sonnenbrille, die E-Gitarre - genau diese Accessoires sind es, die dem zwölften Doctor jetzt ein viel stimmigeres Äußeres verleihen. In der achten Staffel hatte er mit Frackweste und weißem Hemd wie ein Mittelding aus Zauberer und puritanischem Kleriker ausgesehen, was nie wirklich zu ihm gepasst hat und ihn außerdem steif und distanziert herüberkommen ließ. In seinem neuen Outfit - als alter Punkrocker - macht er einen wesentlich relaxteren Eindruck. Und man hat auch das Gefühl, dass sich Capaldi - selbst ein alter Punkrocker - jetzt sehr viel wohler in seiner Rolle fühlt.
Die E-Gitarre ist dabei genau das richtige Instrument für ihn beziehungsweise seinen Doctor. Patrick Troughton blies die Flöte, Capaldi schrubbt die E-Gitarre!
Mitgedacht
Kommen wir zur Handlung selbst: Das Schöne an komplex gestrickten Zeitreisegeschichten ist, dass sie dem Zuschauer eine gehörige Portion Mitdenken abverlangen, um sie überhaupt zu durchschauen. Das weniger Schöne an ihnen ist, dass sie - jedenfalls dann, wenn sie auf Paradoxien hinauslaufen - immer so ein bisschen den Eindruck erwecken, dass sie das Kaschieren von Plotlöchern begünstigen.
Es gibt Dinge, die scheinen in Before the Flood (2) seht gut durchdacht. Etwa die Auflösung der Frage, warum es die Geister nicht auch auf Lunn abgesehen haben. Klar, Cass hat ihn nie ins Raumschiff gehen lassen, also konnten sich die an die Wand geschriebenen Koordinaten auch nicht in sein Gehirn einbrennen. Also hatte sein Tod für die Geister keinen Wert. Ja, darauf hätte man kommen können!
Der Geist aus dem Nichts
Andere Dinge kommen einem dagegen schon etwas problematischer vor: Nehmen wir nur mal das Doctor-Geist-Hologramm. Okay, der Doctor hat es also in der Vergangenheit programmiert, nachdem er durch das Telefonat mit der Zukunft bereits erfahren hatte, was es dort alles tun würde. Ist halt ein Paradox. So weit, so gut. Warum sollte der Doctor aber überhaupt ein Geist-Hologramm in die Zukunft schicken? Die Antwort, welche die Episode gibt, lautet: Weil der Doctor sonst nicht den Schritt unternommen hätte, in etablierte Ereignisse der Vergangenheit einzugreifen. Er musste davon überzeugt sein, dass Clara in unmittelbarer Gefahr schwebt. Aber: das zentrale Ereignis, in das er nicht einzugreifen können glaubt, ist doch sein eigener Tod, von dem er nur deshalb ausgeht, weil er von seinem „Geist“ in der Zukunft erfahren hat.
Ich lade, was diesen Punkt angeht, gerne zu Diskussion und Widerspruch ein. Aber es beschleicht einen doch das Gefühl, dass das Geist-Hologramm lediglich ein Weg gewesen ist, einen möglichst spektakulären Cliffhanger herauszuschlagen, dass man es ansonsten aber aus der Handlung hätte herauskürzen können, ohne dass es etwas am prinzipiellen Ausgang der Geschichte geändert hätte.
Lebensinhalt
Bereits zum zweiten Mal in dieser Staffel ist der Doctor davon überzeugt, sterben zu müssen. Wenigstens das muss man dem „Geist“ lassen: In Before the Flood (2) scheint dieser Glaube wesentlich besser begründet als im Eröffnungszweiteiler. Die Angst vor dem endgültigen Abschied gibt dem Doctor und Clara Gelegenheit zu einer intensiven Aussprache: Dabei kommt ans Licht, was in der vorangegangen Folge bereits angedeutet worden war, dass der Doctor für Clara zum Lebensmittelpunkt geworden ist.
Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang auch ihre Reaktion, als sie sieht, wie Bennett um O'Donnell trauert. Er hat einen Mensch verloren, den er geliebt hat. Und Clara empfiehlt ihm, sich den Wundern der Galaxie zuzuwenden. Was ganz offenkundig das ist, was sie getan hat. Sie hat Danny verloren - und geht ganz und gar in den Abenteuern mit dem Doctor auf. Fraglich ist, wie lange das wohl gut gehen wird.
Doctor-Fan
Apropos O'Donnell: Sie ist ja bereits in Under the Lake (1) als ein Doctor-Fan eingeführt worden (womit sie ein bisschen an Osgood erinnert). Die Art, wie sie nach ihrer ersten Reise mit der TARDIS völlig aus dem Häuschen gerät („It's bigger on the inside, it's bigger on the inside...“), bringt in Before the Flood (2) etwas Leichtigkeit in eine ansonsten sehr ernste Episode. Die Gefühle zwischen ihr und Bennett, ebenso wie die zwischen Cass und Lunn, tragen außerdem dazu bei, den Figuren jene Menschlichkeit zu geben, welche Gastfiguren (nicht nur in Doctor Who, sondern in anderen Serien) manchmal ein bisschen fehlt.
Roter Faden?
O'Donnell ist es auch, die uns an einige Companions (Rose, Martha, Amy) und Gegner (Harold Saxon) aus der Vergangenheit von Doctor Who erinnert. Sie erwähnt allerdings auch den „Kriegsminister“. Dabei scheint es sich um jemanden zu handeln, dem der Doctor noch nicht begegnet ist. Und es ist der erste Hinweis auf einen möglichen roten Faden der Staffel. Bislang hatte jede Staffel von New Who einen Bogen, der sich - mal mehr mal weniger intensiv - durch die Folgen gezogen gezogen hat. In der neunten Staffel ist er bislang noch nicht sehr deutlich auszumachen. Das Testament des Doctors aus der ersten Folge könnte hier möglicherweise eine Rolle spielen. Darüber hinaus sind klare Hinweise bisher nur rar gesät.
Fazit
Was als Geistergeschichte begann, mündet in eine Zeitreisefolge mit einem kniffligen Paradox im Mittelpunkt. Thematisch dreht sich die Folge vor allem darum, was der Doctor alles zu tun bereit ist, um Clara zu retten.
Ein alles in allem gelunger Abschluss des Zweiteilers - mit einem wahrhaft monströsen Monster als Gegner.

(Doctor Who 9x04)
Schauspieler in der Episode Doctor Who 9x04
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?