Doctor Who 8x12

Das passiert in der Doctor Who-Episode Death in Heaven:
Die Cybermen marschieren in London auf. Doch zur großen Überraschung des Doctors (Peter Capaldi) ist UNIT, unter Leitung von Kate Lethbridge-Stewart (Jemma Redgrave) und ihrer Assistentin Osgood (Ingrid Oliver), schon zur Stelle, um die Cybermen festzusetzen. Das gelingt jedoch nicht. Dank Raketenantriebs sind die Cybermen in der Lage zu fliehen. Einige von ihnen explodieren am Himmel und bilden dabei Partikelwolken, die über den Friedhöfen der Erde niederregnen, um die dort begrabenen Leichname in Cybermen zu konvertieren.
(Anzeige)Der Doctor und Missy (Michelle Gomez) werden in die fliegende Kommandozentrale von UNIT gebracht, wo auf den Doctor bereits die nächste Überraschung wartet: Die Staats- und Regierungschefs der Erde haben ein Protokoll verabschiedet, demzufolge im Falle einer außerirdischen Invasion der Doctor zum Präsidenten über den gesamten Planeten ernannt wird. Dieses Protokoll ist nun aktiv. Und der Doctor sieht sich auf einmal in eine ungewohnte Rolle gedrängt.
Clara (Jenna Coleman) steckt unterdessen tief in der Bredouille: In der Cybermen-Paralleldimension innerhalb der St. Paul's Kathedrale sieht sich mörderischen Cybermen gegenüber, denen sie mit einem Trick (?) zu entgehen versucht: Indem sie sich als der Doctor ausgibt! Die Cybermen reagieren darauf sehr skeptisch. Einer von ihnen sogar mehr als alle anderen...
Schwachpunkt
Nach der ersten Sichtung von Death in Heaven saß ich offenen Mundes auf der Couch - und wusste partout nicht, was ich von dem eben Gesehenen halten sollte. Im Grunde geht es mir auch immer noch so, nachdem ich die Folge jetzt mittlerweile zum zweiten Mal gesehen habe.
Die Folge hat einen gigantischen Schwachpunkt, der nicht nur die Folge, sondern die ganze Staffel herunterzieht. Und das ist die „Auflösung“ des Nethersphere-Plots. Der sich im Nachhinein eigentlich als vollkommen überflüssig herausstellt. Auf die entscheidende Frage, die schon im Review zu Dark Water aufgeworfen wurde, gibt die Folge nämlich keine befriedigende Antwort: Wozu um alles in der Welt speichert Missy das Bewusstsein der Verstorbenen ab, wenn sie zur Cyber-Konversion doch eigentlich nur die Leichen der Verstorbenen benötigt?
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Antworten
Death in Heaven gibt darauf gleich zwei verschiedene Antworten. Vielleicht ahnte Steven Moffat schon, dass keine der beiden für sich genommen zufriedenstellend ist, deshalb legte er sie gleich im Doppelpack auf. Eine Erklärung lautet: Das Bewusstsein der Verstorbenen wird als „Software“ benötigt, um die Cybermen-Zombies (also die zu Cybermen mutierten Leichname) zu betreiben.
Das klingt ganz nett, ergibt aber leider nur wenig Sinn: Wozu speichert Missy individuelle Bewusstseinsprofile ab, wenn sie dann ohnehin diese Bewusstseinsprofile (Seelen) „modifizieren“ (also um die Individualität und Emotionalität bereinigen) muss, damit die Menschen als seelenlose, gleichgeschaltete (Wir drehen uns jetzt alle mal im Kreis...) Cybermen funktionieren? Das klingt nach sehr viel Aufwand und einer sehr hohen Fehleranfälligkeit (siehe Danny und den Brigadier), ohne dass es in einem verhältnismäßigen Nutzen steht. Und dass die Cybermen, welche in der Lage sind, den Leichen aus dem Nichts Metallhüllen wachsen zu lassen, nicht in der Lage sein sollen, ein Roboter-Programm mit allen nötigen Funktionalitäten (herumlaufen und Leute erschießen) als Basis-Bewusstsein aufzuspielen, erscheint jetzt nicht sonderlich glaubhaft.
Nicht viel besser sieht es mit der zweiten Erklärung aus: Eine Paranoia unter den Superreichen starten - durch eine neue Angst vor dem Jenseits („Äschert uns nicht ein!“, „Äschert uns nicht ein!“)? Die Zahl der Leichname, die dadurch tatsächlich vor der Einäscherung bewahrt worden sind, dürfte eher gering sein. Und wenn es sich auch um einen finanziellen Betrug gehandelt haben soll, wie der Doctor meint, dann lässt dies Missy wie eine gewöhnliche Gaunerin aussehen.
Auch die Erklärung für die Rückkehr von Missy / The Master ist nicht befriedigend. Vielleicht empfinde ich das allerdings auch nur so, weil ich nie wirklich verstanden habe, wie sich die Ereignisse aus The End of Time (2) und The Day of the Doctor miteinander in Einklang bringen lassen. Das ist allerdings ein Punkt, der auch nicht sonderlich stört. Der Master ist schon so oft zurückgekehrt (und wird es trotz seines/ihres Ablebens am Ende von Death in Heaven sicherlich wieder tun), dass das Wie? kaum noch eine Rolle spielt.
Nicht mehr als ein Streich?
Etwas enttäuschend verläuft auch die Auflösung, warum Missy Clara und den Doctor zusammengebracht hat. Die Rückblenden (durch die Matt Smith auch noch mal zu Ehren kommt) und der sie begleitende Moment der Erkenntnis, als dem Doctor klar wird, wer die Frau im Laden gewesen ist, sind noch richtig gut - und lassen dem Zuschauer (selbst wenn er schon selbst längst dahinter gekommen ist) einen kleinen Schauer über den Rücken laufen. Die Erklärung Missys, dass sie den Doctor und Clara deshalb zusammengebracht habe, weil sie so ein Kontrollfreak ist und er sich so ungern kontrollieren ist, hat dagegen etwas Antiklimatisches. Irgendwie hatte ich wohl darauf gehofft, dass sich dahinter ein größeres Rätsel verbirgt. Etwas, das vielleicht auch Clara noch mal in ein ganz anderes Licht gerückt hätte.
Stattdessen kommt einem das Eingreifen Missys jetzt mehr wie ein Streich vor, den sie dem Doctor gespielt hat.
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Der Oberbefehlshaber
In gewisser Weise könnte das auch von ihrem Masterplan (Hehe...) gesagt werden: Dadurch, dass sie dem Doctor die Cyberman-Armee in die Hand gibt, bringt sie ihn gehörig in Verlegenheit. Gerade in seiner zwölften Inkarnation verabscheut er alles Militärische. Er lässt keine Gelegenheit aus, die negative Meinung zu artikulieren, die er von Soldaten hat. Dannys (Samuel Anderson) Provokation in The Caretaker, dass er sich wie ein Offizier verhielte, weist er empört zurück. Und nun bringen ihn die Ereignisse in Death in Heaven gleich zweimal in eine Position miliärischer Verantwortung. Die Menschheit ernennt ihn zu ihrem Commander in-Chief (was natürlich auch sehr schön die Diskussion zwischen ihm und Clara reflektiert, inwieweit die Erde ebenfalls sein Planet ist). Und Missy überlässt ihm ihre Cyberman-Armee.
Aus ihrer Perspektive ist das ein durchaus verständliches Handeln. Sie will ihn dazu verleiten, seine moralisch überlegene Position aufzugeben - und (natürlich für eine gute Sache) auf militärische Gewalt zu setzen. Sie will, dass er eingesteht, dass sie sich gar nicht so unähnlich sind. Sie will ihn, den Freund aus Kindheitstagen, als Freund zurückgewinnen. Das ist ein sehr nachvollziehbares Anliegen.
Die Selbsterkenntnis
Was sie jedoch tatsächlich damit bewirkt, ist, dass sie ihm zu einem Moment der Klarheit und Selbsterkenntnis verhilft. Dem Doctor wird mehr denn je - zumindest in seiner aktuellen Inkarnation - bewusst, wer er ist: Ich bin ein Idiot mit einer Box und einem Schraubenzieher, der vorbeizieht, aushilft und lernt. Das ist ein ungemein triumphaler Augenblick. Es ist, so sieht es aus, der Moment, auf den die gesamte Staffel hin konzipiert gewesen ist. Seit Deep Breath haben wir einen Doctor erlebt, der in Folge der Regeneration zutiefst verunsichert gewesen ist, wer oder was er eigentlich ist, und der darum gekämpft hat, zu seinem Selbstverständnis als Doctor zurückzufinden. In Auseinandersetzung sowohl mit Missy als auch mit Danny ist es genau das, was ihm schließlich in Death in Heaven gelingt.
Zeige niemals Dein wahres Gesicht
Das ist ein großer Augenblick. Gefolgt von einem fast noch größerem, als er nämlich Danny, dem von ihm stets als Sportlehrer verspotteten Ex-Soldaten, die Verfügungsgewalt über die Armee in die Hände gibt - und dieser einen Akt heroischer Selbstaufopferung (für Clara und den gesamten Planeten) begeht und damit das vom Doctor zuvor so gerne und oft geschmähte Soldatentum rehabilitiert. Am Ende - das ist allerdings schon fast zu viel des Guten - hätte Danny durch das Time-Lord-Armband sogar die Möglichkeit, aus dem Jenseits (dem echten?) zurückzukehren. Stattdessen schickt er jedoch den Jungen hindurch, den er zuvor bei seinem Kriegseinsatz getötet hatte.
Diese Szene dient nicht nur dazu, Dannys Edelmut zu unterstreichen. Sie ist auch die Vorbereitung für das anschließende Treffen von Clara und dem Doctor, bei dem sich beide gegenseitig anlügen. So langsam trägt das bei beiden Figuren schon fast pathologische Züge. Beide glauben, dem jeweils anderen vorspielen zu müssen, dass es einem selbst gut geht - und dass einem die Trennung nichts ausmacht. Clara tut so, als wäre Danny zurückgekommen. Der Doctor tut so, als hätte er Gallifrey gefunden. Beides entspricht nicht der Wahrheit. Trotz der intensiven Gefühle, die zwischen beiden Figuren bestehen (man denke nur daran, mit welcher Selbstverständlichkeit er sie auf einmal eine „Freundin“ nennt; oder an die leidenschaftliche Rede, mit welcher sie ihre Beziehung zum Doctor beschreibt), sind sie unfähig, miteinander aufrichtig zu sein.
Mal schauen, ob der Weihnachtsmann (Nick Frost) daran etwas ändern kann.
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Spektakulär
Unbestreitbar hat Death in Heaven vor allem bei der Auflösung des Missy-/Nethersphere-Plots einige gravierende Schwächen, die das Vergnügen an der Folge etwas mindern. Gleichzeitig handelt es sich jedoch auch um eine ungemein spektakuläre Episode, die in vielen Szenen und Momenten sehr wohl zu begeistern vermag. Der Angriff der Cybermen auf das UNIT-Flugzeug ist visuell beeindruckend in Szene gesetzt. Übertroffen nur noch von Peter Capaldis freiem Fall durch die Wolken, mit dem uns Doctor Who geradezu einen James-Bond-Moment beschert hat.
Auch die Gruselmomente waren gut: Das Cyberpollen-Wasser, welches auch noch in die letzte Ritze dringt (auch wenn es etwas unglaubwürdig ist, dass der Pathologe nichts davon gemerkt zu haben scheint, dass die Leichenhalle vollgelaufen ist...) und natürlich die aus den Gräbern aufsteigenden Cybermen. Mehr noch als Dark Water erinnerten diese Einstellungen an eine von Steven Moffats Lieblingsfolgen aus der Old-Who-Ära: „Tomb of the Cybermen“ (mit Patrick Troughton). Die Szenen auf dem Friedhof in Death in Heaven entfalten jedenfalls einen ganz ähnlichen Grusel.
Ich bin der Doctor
Nicht unerwähnt bleiben dürfen in diesem Zusammenhang die vielen kleinen Referenzen für die Doctor Who-Insider: Angefangen mit dem schönen Matt Smith-Zitat der bedauernswerten Beinahe-Companion Osgood („Bowties are cool!“) bis hin zu dem unerwarteten Gastauftritt des Brigadiers in Cyberman-Gestalt.
Sehr gelungen ist darüber hinaus der leicht modifizierte Vorspann (der mir - Schande über mein Haupt - erst bei der zweiten Sichtung aufgefallen ist...), in dem im unmittelbaren Anschluss an Claras „Ich bin der Doctor“-Zeile der Name von Jenna Coleman vor Peter Capaldi genannt wird. Und es auch Jenna Colemans Augen sind, die wir im Vorspann sehen. So als wollte uns die Folge zum Grübeln bringen, ob sie vielleicht tatsächlich der Doctor ist. Ihre Performance vor den Cybermen ist auf jeden Fall sehr überzeugend! (Wie großartig wäre das, wenn wir herausfänden, dass eine Figur, die wir für einen Companion gehalten haben, in Wahrheit eine Inkarnation des Doctors aus der Zukunft ist?)
Fazit
Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich Death in Heaven schlecht unterhalten hätte. Ich würde jedoch ebenfalls lügen, wenn ich sagen würde, dass mich manche Teile der Auflösung nicht enttäuscht hätten. Und ich will nicht lügen. Anders als Clara und der Doctor...
Mein Eindruck nach Death in Heaven ist, dass Steven Moffat ein Opfer der weit verbreiteten „Charakter vor Plot“-Ideologie geworden ist, der wir schon das missglückte Ende von Lost verdanken. Alles wird der Auseinandersetzung mit den Figuren (insbesondere den Fragen nach Identität und Moral der Charaktere) untergeordnet. Auch und insbesondere der Plot wird so hingebogen, dass er zu der intendierten Entwicklung der Figuren passt, ohne Rücksicht darauf, ob der Plot für sich betrachtet dann noch sonderlich viel Sinn ergibt.
Eine eingehende Nachbetrachtung zur achten Staffel gibt es bei uns in Kürze in Podcast-Form.
Verfasser: Christian Junklewitz am Montag, 10. November 2014Doctor Who 8x12 Trailer
(Doctor Who 8x12)
Schauspieler in der Episode Doctor Who 8x12
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