Doctor Who 8x01

Doctor Who 8x01

Ist Peter Capaldi ein guter Doctor? Das ist nicht die Frage! Die Frage ist, ob Clara über die gravierenden innerlichen wie äußerlichen Veränderungen ihres Reisegefährten wird hinwegsehen können. Und ob uns Steven Moffat einen neuen Catchphrase-Ersatz wird unterjubeln können - das ist die Frage.

Sind noch nicht ganz aufeinander eingepegelt: Clara (Jenna Coleman) und der Doctor (Peter Capaldi). / (c) BBC
Sind noch nicht ganz aufeinander eingepegelt: Clara (Jenna Coleman) und der Doctor (Peter Capaldi). / (c) BBC

Das passiert in der Doctor Who-Folge Deep Breath:

Die neue Inkarnation des Doctors (Peter Capaldi) hat, wie wir ja bereits am Ende von The Time of the Doctor gesehen haben, noch gewisse Schwierigkeiten, die TARDIS zu fliegen. Im Trial-and-Error-Verfahren springt er durch Raum und Zeit - und landet im Rachen eines Dinosauriers, mitsamt dem er schließlich ins viktorianische London fliegt. Dort sorgt das Auftauchen des urzeitlichen, von Halsbeschwerden geplagten Wesens naturgemäß für einiges Aufsehen. Zum Glück sind Madame Vastra (Neve McIntosh), ihre menschliche Ehegattin Jenny (Catrin Stewart) und ihr sontaranischer Diener Strax (Dan Starkey) zur Stelle, um den Dino gewissermaßen an die Kette zu legen. Der Doctor selbst ist dabei keine große Hilfe: die Regeneration hat ihn tüchtig in Verwirrung gestürzt. Clara (Jenna Coleman) steht derweil regelrecht unter Schock: sie kann kaum fassen, wie sehr sich ihr Doctor verändert hat.

Madame Vastra hofft, dass der Doctor, sobald er wieder klar bei Sinnen ist, den Dinosaurier in dessen Zeit zurückbringt. Doch bevor es dazu kommt, geht der Dino plötzlich in Flammen auf: eine spontane Selbstentzündung, wie es scheint. Und es handelt sich dabei nicht um einen Einzelfall: In London hat es eine ganze Serie ähnlicher Vorfälle - menschlicher - Selbstentzündungen gegeben. Der Doctor glaubt, dass es sich um Morde handelt. Und obwohl er noch weit davon entfernt ist, wieder ganz er selbst zu sein, stürzt er sich in die Ermittlungen...

Zweifel am Doctor

Erstmals seit The Christmas Invasion (2005) erlebt eine Companion die Regeneration des Doctors mit. Rose Tyler (Billie Piper) hatte damals vor dem Problem gestanden, dass der Doctor (David Tennant) auf Grund seiner noch nicht abgeschlossenen Regeneration in eine Art Koma verfallen war - und sie damit auf sich allein gestellt war, als die Sycorax die Erde überfielen. Auch Rose hatte ernste Zweifel gehegt, ob dieser fremde Mann im Bett tatsächlich der Doctor ist. Der Doctor, den sie kennen und lieben gelernt hatte. Diese Zweifel wurden allerdings im Nu ausgeräumt, als der Doctor aus dem Koma erwacht - und den Anführer der Sycorax voller Elan zu einem Zweikampf um den Planeten herausfordert (welcher - auch dies eine nette Parallele - damit endet, dass der Doctor seinen Gegner in den Abgrund stürzt).

In Deep Breath sieht sich Clara mit einem noch größeren Problem als ihrerzeit Rose konfrontiert: Ihr Doctor ist wach (wäre er im Koma, so ist man fast geneigt zu sagen, wäre ja alles nur halb so schlimm...), nur ist er nicht „ihr“ Doctor. Sein Aussehen, seine Erinnerungslücken, sein zunächst äußerst erratisches Wesen - es ist ein vollkommen anderer Mann, der ihr da auf einmal gegenübersteht.

Und man kann es Clara im Grunde gar nicht einmal verdenken, dass sie Schwierigkeiten, große Schwierigkeiten damit hat, zu akzeptieren, dass dieser grauhaarige Mann mit dem zerfurchten Gesicht und einer recht unwirschen Art der gleiche sein soll wie der jungenhaft liebenswüridge Doctor, mit dem sie die Reise begonnen hat. „Run, you clever boy...“ lautete, wie wir uns erinnern, ihr Leitspruch gegenüber dem Doctor. Nun, ein „boy“ ist er nun wahrlich nicht mehr!

Into Darkness

Das Verhalten des Doctors ist auch für den Zuschauer bisweilen höchst befremdlich: seine Umgangsformen und people skills scheint er mit der Fliege abgelegt zu haben; dass er nach ihrer gemeinsamen Gefangennahme im Restaurant gegen Clara stichelt, er wünschte sich manchmal, Amy (Karen Gillan) wäre noch da, ist ein gemeiner und ganz und gar unnötiger, weil einfach nur verletzender Seitenhieb. In der Szene mit dem Obdachlosen (Brian Miller) muss man fast befürchten, dass der Doctor zum Räuber wird, der als eine Art Anti-St.Martin dem armen Mann den Mantel abknüpft. Als schließlich der Moment kommt, in dem der Doctor Clara - vermeintlich - im Stich lässt und ihr noch nicht einmal seinen Sonic Screwdriver da lässt, weil er ihn ja selbst brauchen könnte, da dürfte selbst dem größten Whovian etwas mulmig geworden sein: Das ist doch nicht unser Doctor!

In vielerlei Hinsicht bemüht sich Deep Breath, den Zuschauer genau die Entfremdung spüren zu lassen, die auch Clara spüren muss.

Die Krise

Das ist ein etwas zweischneidiges Schwert: Einerseits ist es genau das, was die Folge tun muss. Ein so gewaltiger Sprung wie der von Matt Smith, dem jüngsten Doctor, zu Peter Capaldi, dem ältesten Doctor, kann nicht nicht thematisiert werden. Der Umbruch, den dies für die Zuschauer, aber auch für die Figuren bedeutet, ist dafür einfach viel zu weitreichend. Ein bloßes „weiter so“ wäre absolut unglaubwürdig gewesen. Nein, es ist vollkommen richtig und wichtig, dass Deep Breath die Krise, die sich aus dem Bruch in der Identität des Doctors für die Beziehung zwischen ihm und Clara ergibt, prominent in den Vordergrund stellt. Tatsächlich ist es sogar dieser Handlungsstrang, der für die eigentliche Spannung in der Folge sorgt: der Moment, in dem zumindest dem Rezensenten wirklich der Atem stockte, war die Szene, in der Clara die Hand hinter sich ausstreckt - und inständig hofft (und mit ihr das Publikum), dass der Doctor hinter ihr stehen und sie ergreifen wird.

Andererseits bedeutet dieses Vorgehen allerdings auch, dass die Zuschauer so ein bisschen mit dem Gefühl zurückbleiben, noch nicht wirklich Peter Capaldis Doctor kennengelernt zu haben. Geplagt von regeneration brain und Unsicherheiten hinsichtlich seiner eigenen Identität ist es ein Doctor, der eigentlich noch kein „richtiger“ Doctor ist. Das ändert sich erst - Stück für Stück - gegen Ende. Im Gedächtnis bleiben dabei vor allem zwei Szenen: Der Augenblick, als Twelve - in seinem neuen Outfit - die Treppe der TARDIS herunterkommt und mit fester Stimme proklamiert, dass er der Doctor ist. Das glaubt man ihm in diesem Moment aufs Wort. Und schließlich die Szene vor der TARDIS, in der wir einen unsicheren, verletzlichen Doctor sehen, der sich nur wünscht, dass Clara die Person hinter dem Gesicht sieht. Das ist ein ungemein wichtiger Augenblick, weil er dem Doctor eine emotionale Tiefe verleiht. Diese Inkarnation mag - ähnlich wie Nr. 6 (Colin Baker) - härter und dunkler erscheinen, aber die weicheren Seiten sind darüber nicht gänzlich verloren gegangen.

Gefühle

Claras Irritation mit dem neuen Doctor hat unterdessen natürlich nicht nur mit dessen Veränderung, sondern auch mit ihren eigenen Gefühlen zu tun. Mehrfach weist sie zwar zurück, dass sie Eleven als ihren Freund (boyfriend) angesehen habe. Das scheint ihrerseits allerdings etwas geflunkert zu sein: Immerhin hatte sie in The Time of the Doctor unter dem Einfluss des Wahrheitsfeldes auf Trenzalore doch schon eingeräumt, dass sie ein wenig in Eleven verknallt gewesen ist. Natürlich hatte die Beziehung der beiden auch etwas von einem Flirt gehabt, was nun vorbei ist. Daran lässt Twelve keinen Zweifel. Für Clara scheint damit ein bedeutender Teil ihrer Motivation, in der TARDIS mitzureisen, zu entfallen.

Es ist jedenfalls durchaus bezeichnend, dass es Twelve nicht allein gelingt, Clara zum Bleiben zu bewegen. Es bedarf dazu schon eines unerwarteten Anrufs aus der Vergangenheit - von Eleven. Erst durch diesen Anruf (und Elevens Fürsprache) sieht Clara die Kontinuität zwischen „ihrem“ Doctor und dem Mann, der ihr gegenübersteht.

Nun ließe sich trefflich darüber streiten, ob die Beziehung zwischen ihr und dem „Neuen“ nicht ein Stück weit dadurch entwertet wird, dass der „Alte“ ihn erst beglaubigen muss. Im Gefüge der Episode fühlt es sich jedoch trotzdem richtig an: Capaldis Doctor gibt sich lange Zeit so befremdlich, dass der Gastauftritt von Matt Smith (gefilmt am letzten Drehtag von The Time of the Doctor) ein willkommenes Gegengewicht liefert und ein wohliges Gefühl der Vertrautheit schafft. Und uns ebenso wie Clara daran erinnert, dass bei allen Unterschieden zwischen Eleven und Twelve es sich in Wahrheit immer noch um denselben Mann handelt.

Die Besatzung der Marie Antoinette

Auf der Figurenebene weiß Deep Breath voll und ganz zu überzeugen. Beim Plot - nicht so sehr. Aber das haben - zumindest in New Who - ja im Grunde aller Nach-Regenerations-Folgen gemeinsam. Auch die Geschichte um Prisoner Zero in The Eleventh Hour hat einen jetzt nicht unbedingt von den Socken gehauen. Und so ähnlich verhält es sich auch mit den Uhrwerk-Androiden aus Deep Breath. An und für sich ist es ja ein schöner Gedanke, an The Girl in the Fireplace anzuknüpfen; bei aller Wertschätzung für Blink meine persönliche Moffat-Lieblingsfolge. Leider wirkt die Story jedoch zu zerfahren und besitzt vor allem zu wenig Dringlichkeit, um wirklich spannend zu sein. Daran ändern auch einige gute Momente wie die Konfrontation mit den Fake-Gästen im Restaurant nichts.

Deep Breath krankt hier an zweierlei: Erstens ist die Folge zu lang und hat zu viel Füllmaterial beigemengt (etwa die weitgehend überflüssige Untersuchung, die Strax an Clara vornimmt). Das bremst die Geschichte aus - und ist nicht gut für die Spannung. Zweitens macht „Spielfilmlänge“ noch keinen Kinofilm. Der Rezensent hat die Folge, wie viele andere Whovians auch, am Samstagabend auf der Leinwand gesehen. Leider muss man jedoch sagen, dass Deep Breath - anders als im vergangenen Jahr das Jubiläums-Special The Day of the Doctor - nicht wirklich etwas auf der Leinwand zu suchen hatte. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, wie man so schön sagt. Und ein Dinosaurier macht noch keine Blockbuster-Folge.

(Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ist immer wieder schön, sich mit anderen Doctor Who-Fans im Kino zu versammeln. Schon in der Schwebebahn - ich habe diesmal das Screening in Wuppertal besucht - konnte man Fans, ausstaffiert mit Fez und Fliege, beobachten. Sogar eine venezianische Vampir-Alien fand ihren Weg ins Kino. Das alles hatte das Flair einer Mini-Con, was ich um nichts in der Welt missen möchte. Ich will lediglich sagen, dass der genuine Mehrwert einer Kinodarbietung sich weniger bei charakterzentrierten Folgen wie Deep Breath, sondern eher bei spektakellastigen Episoden ergibt.)

Strax

Um noch mal auf Strax zurückzukommen: Langsam, aber sicher beginnt er damit, auf die Nerven zu gehen. Grundsätzlich ist - meines Erachtens nach - ja gar nichts gegen das viktorianische Detektiv-Trio zu sagen. Die zahlreichen „Sherlock Holmes“-Anspielungen sind ein netter Verweis auf Steven Moffats Zweit-Job (als Ko-Showrunner von Sherlock). Und die neckischen Kabbeleien zwischen Madame Vastra und Jenny sind durchaus spaßig. Im Falle von Strax reiten Moffat und seine Kollegen jedoch viel zu oft auf den immergleichen ein, zwei Gags herum (allen voran Strax' Unfähigkeit, Jungen und Mädchen auseinanderzuhalten). Einmal, zweimal, ja sogar beim dritten Mal sind sie auch noch lustig. Aber nicht mehr beim vierten oder fünften Mal. Ein gewisses Maß an comic relief ist wichtig; allerdings sollte er nicht dermaßen bemüht daherkommen.

And Remember...

Deep Breath beweist ein gutes Gedächtnis: Zu den unaufgelösten Rätseln der vergangenen Staffel gehörte die Frage, wer die Frau im Computerladen gewesen ist, die Clara die Telefonnummer des Doctors gegeben hat (The Bells of St. John). Deep Breath greift diesen Strang wieder auf und verknüpft ihn geschickt mit der Zeitungsannonce, die den Doctor und Clara wieder zusammenführt.

Und auch in anderer Hinsicht erinnert sich die Serie ihrer Vergangenheit: als Twelve in einen Spiegel schaut, kommt ihm sein Gesicht sehr bekannt vor. Kein Wunder: Immerhin hatte Peter Capaldi bereits in The Fires of Pompeii (sowie in Torchwood: „Children of Earth“) mitgespielt. Der Doctor vermutet, dass ihm sein Unterbewusstsein möglicherweise mit der Wahl dieses Gesichts etwas sagen möchte. Egal ob dieser Gedanke noch weitergeführt wird oder nicht - es handelt sich auf jeden Fall um ein sehr schönes fiktionales Einholen der Casting-Realität.

Fazit

Kein ganz großes Kino, aber doch ein gelungener Staffelauftakt, der den Weg für hoffentlich viele spannende Abenteuer mit dem neuen Doctor Peter Capaldi ebnet.

Verfasser: Christian Junklewitz am Sonntag, 24. August 2014

Doctor Who 8x01 Trailer

Episode
Staffel 8, Episode 1
(Doctor Who 8x01)
Deutscher Titel der Episode
Tief Durchatmen
Titel der Episode im Original
Deep Breath
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Samstag, 23. August 2014 (BBC One)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Samstag, 23. August 2014
Autor
Steven Moffat
Regisseur
Ben Wheatley

Schauspieler in der Episode Doctor Who 8x01

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