Doctor Who 7x03

Der Doctor (Matt Smith) besucht mit Amy (Karen Gillan) und Rory (Arthur Darvill) wenige Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg das Westernstädtchen Mercy, in dem merkwürdige Dinge vor sich gehen: Die Stadt hat nicht nur zehn Jahre zu früh Elektrizität. Sie wird auch von einem Cyborg namens The Gunslinger (Andrew Brooke) belagert, der unbedingt einen Alien Doctor in die Finger kriegen will. Kein Wunder, dass die Bewohner den Doctor dem Cyborg als Kanonenfutter vor die Strahlen-Flinte werfen wollen, als sie hören, dass er ein Alien ist.
Zum Glück kann der Sheriff (Ben Browder, Farscape / Stargate SG-1) das verhindern. Er weiß nämlich, um welchen Alien Doctor es in Wirklichkeit geht. Als der Doctor diesen in Sicherheit zu bringen versucht, stößt er jedoch auf ein dunkles Geheimnis, welches ihn vor ein moralisches Dilemma - und einen Konflikt mit Amy stellt...
Der Vollstrecker
So wunderbar witzig und überdreht Dinosaurs on a Spaceship auch gewesen ist - ein Kommentator hat in der vergangenen Woche kritisch auf einen Punkt hingewiesen „42814“, der nicht so leicht von der Hand zu weisen ist: Es konnte in der Tat so wirken, dass die Folge den Bösewicht nur um so böser hinstellte (Pirat, der ohne ein Wimpernzuckern auch noch Genozid verübt und einen lieben Dino killen lässt), damit der Doctor ihn am Ende guten Gewissens - und ohne sehr viel Widerspruch seitens der Zuschauer - in den sicheren Raketen-Tod schicken kann. Das hatte schon etwas sehr Fragwürdiges an sich.
A Town Called Mercy legt jedoch nahe, dass das nicht einfach nur ein Zufall gewesen ist, sondern offenbar Teil einer thematischen Konzeption, die diese Staffel durchzieht - und zu der auch die auffälligen Pausen gehören, die zwischen den Reisen des Doctors mit den Ponds liegen. Wie sagt Amy doch so schön? „Das passiert, wenn Du zu lange allein unterwegs bist.“
Gemeint ist damit eben jene dunkle Seite des Time Lords, die vor allem dann hervorbricht, wenn er niemanden an seiner Seite hat, der ihn, wie Donna einst so treffend sagte, aufhält. Dann wird er, der den Krieg zwischen den Time Lords und den Daleks mit der Auslöschung beider Spezies beendet hat, zu einem erbarmungslosen Richter über Leben und Tod. Nicht umsonst hieß die letzte Folge, die Being Human-Schöpfer Toby Whithouse vor A Town Called Mercy für Doctor Who geschrieben hat, The God Complex. Ja, manchmal kann der Doctor schon einen Gotteskomplex haben. Das ist schön und gut, wenn er sich als barmherziger, rettender Gott geriert. Das ist aber eindeutig weniger gut, wenn er meint, Strafgericht über andere abhalten zu müssen.
Wer ohne Sünde ist...
Kahler Jex (Adrian Scarborough, Upstairs Downstairs) weist auf die Ähnlichkeiten hin, die zwischen ihm und dem Doctor bestehen. Und so ganz ist das, gerade wenn man die Geschichte des Doctors im Hinterkopf behält, nicht von der Hand zu weisen. Natürlich hat der Doctor, als das Schicksal des Universums im Time War auf dem Spiel stand, ebenfalls unfassliche Dinge getan. Wer ist er also, dass er über Jex richtet? Andererseits ist es vielleicht genau der Punkt, der ihn so sehr trifft und wütend macht. Nicht der Vergleich per se, den Jex zwischen ihnen anstellt, scheint den Doctor schließlich zu erzürnen, sondern erst die Behauptung, dass er es nicht in sich hätte, das zu tun, was getan werden müsse, um die Stadt zu retten. Ha, was weiß Jex schon, was der Doctor nicht alles getan hat!
Was A Town Called Mercy so interessant macht - und zwar gerade als die Episode, die auf Dinosaurs on a Spaceship folgt, ist der plötzliche Zuwachs an moralischer Ambiguität und Komplexität: Es war leicht, Solomon (David Bradley) in den Tod zu schicken, weil er vermeintlich nur böse war. Jex ist aber ersichtlich beides: Er ist der Mann, der grausame Experimente durchgeführt hat, um einen Krieg zu gewinnen. Und er ist der Mann, der die Bewohner von Mercy (übersetzt: Gnade, Barmherzigkeit - was für eine treffende Namenswahl!) vor der Cholera gerettet hat.
Cyborg für Recht und Ordnung
Im Vorabendprogramm, wenn in Deutschland Serien wie „Unser Charly“ oder „Die Rosenheim-Cops“ auf Sendung gehen, handelt die BBC in einer Familienserie wie Doctor Who auf bemerkenswert tiefgründige Weise moralische Fragen ab - wie das Heiligt-der-Zweck-die-Mittel-?-Problem oder die immerwährende Schwierigkeit, wie nach Normverletzungen Gerechtigkeit wiederherzustellen ist. Instinktiv mag man ja der Lynchjustiz zuneigen. Aber letztlich ist es, wie der Doctor gegen Ende sagt: Gewalt bringt immer nur neue Gewalt hervor. Dass es der Folge dabei gelingt, auch noch einzuflechten, wie Menschen ihre Prinzipien über Bord werfen, wenn sie Angst haben, ist da nur noch das Sahnehäubchen oben drauf.
Zu den vielen interessanten Volten der Folge gehört natürlich auch, dass ausgerechnet der Gunslinger als eine der moralischsten Figuren herüberkommt. Er verübt zwar Rache. Er handelt aber nach einem festen Programm, das ihm eine Gefährdung Unschuldiger verbietet. Er respektiert sogar zu weiten Teilen der Folge eine letztlich arbiträr gezogene Grenze. Er will die Verbrechen, die ihm und Seinesgleichen angetan worden sind, sühnen. Aber gerade nicht um jeden Preis. Genau das macht ihn am Ende auch zu einem idealen Kandidaten für den Posten des neuen Sheriffs. Denn wer wäre schließlich besser dazu geeignet, Recht und Gesetz zu verteidigen?
A Town Called Mercy ist eine Folge, die vom moralischen Konflikt lebt. Aber selbstverständlich sollen auch die anderen Aspekte der Episode nicht vernachlässigt werden: Der Humor (als der Doctor beispielsweise im Saloon einen Tee bestellt - „aber das starke Zeug, mit dem Teebeutel drin“) ist köstlich. Die Voice-Over-Narration verleiht der Folge einen epischen Rahmen. Und der Ausflug nach Spanien hat sich absolut gelohnt: Das Westernsetting ist äußerst überzeugend - und effektvoll in Szene gesetzt. Bis hin zur großen finalen Explosion, bei der sich die Doctor Who-Pyrotechniker mal so richtig austoben und einen herrlichen Feuerball kreieren durften.
Fazit
Thematisch sehr komplex gestrickte Folge, die in 45 Minuten genau das vereint, was man an Doctor Who so schätzt: Spaß und Tiefgang in einem.
Trailer zu Folge 7x04 „The Power of Three“
Verfasser: Christian Junklewitz am Montag, 17. September 2012(Doctor Who 7x03)
Schauspieler in der Episode Doctor Who 7x03
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?