Doctor Who 6x13

Es ist 17:02 Uhr am 22. April 2011. Im Park lernen einige Kinder, dass man Pterosauriern besser aus dem Weg geht. Charles Dickens (Simon Callow) spricht im Fernsehen ĂŒber das nĂ€chste Christmas Special - und verrĂ€t nur so viel: Es soll von Geistern handeln und in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spielen. Und Kaiser Churchill (Ian McNeice) kommt es nach einer wenig ersprieĂlichen Begegnung mit Kleopatra sehr seltsam vor, dass immer der 22. April 2011 ist. Und immer 17:02 Uhr. Er lĂ€sst das Orakel (Matt Smith) holen, welches ihm berichtet, wie es dazu gekommen...
The Wedding of River Song dĂŒrfte fĂŒr einige Diskussionen in den Kommentaren gut sein. Das ist wohl das Einzige, was man nach diesen 45 Minuten mit Sicherheit sagen kann.
Es ist, wie es Steven Moffat inzwischen fast zur lieben Gewohnheit geworden ist, eine rasend schnell erzĂ€hlte Episode, aus der andere Serien locker einen Zwei- oder Dreiteiler herausgeholt hĂ€tten. Aufmerksamkeit und Konzentration des Zuschauers werden bis an die Grenze der Belastbarkeit in Anspruch genommen. Das ist Lob und Kritik gleichermaĂen.
Einerseits ist es geradezu bewundernswert, welch ein kognitives Feuerwerk die Episode beim Zuschauer abfackelt: SprĂŒnge in Raum und Zeit, alternative RealitĂ€ten, komplexe narrative ZusammenhĂ€nge und zahlreiche Reminiszenzen an frĂŒhere Episoden - angefangen bei den vielen vertrauten Gesichtern (unter anderem Churchill, Dickens und Dorian) bis hin zu Kleinigkeiten wie dem Strick-Magazin, welches der Doctor in der auĂerirdischen Bar liest und welches einen natĂŒrlich daran erinnert, dass er zu Beginn des Handlungsbogens in The Impossible Astronaut (1) ja eigentlich Strickunterricht nehmen wollte.
The Wedding of River Song ist ein konstanter brain teaser, der in einem selten dagewesenen MaĂe auf die Intelligenz des Zuschauers vertraut. Bedenkt man, dass Doctor Who in GroĂbritannien als eine Familienserie im Vorabendprogramm lĂ€uft, kann man nur staunend und anerkennend den Kopf schĂŒtteln (und bittere TrĂ€nen darĂŒber vergieĂen, dass in Deutschland auf dem Ă€quivalenten Sendeplatz so etwas wie Da kommt Kalle zu sehen ist...).
Andererseits muss man sagen, dass es Moffat mit dem brain teasing in dieser Folge fast ein wenig ĂŒbertreibt: Zumindest dem Rezensenten ging es so, dass er so sehr gebannt war, zu verfolgen und nachzuvollziehen, was in der Geschichte vor sich geht, dass Spannung und andere Empfindungen sehr lange, sehr weit in den Hintergrund traten. Im Grunde nahm sich die Folge erst in der Szene auf der Pyramiden-Spitze etwas Zeit, den Zuschauer auch einmal die emotionale Seite der Geschehnisse erleben zu lassen.
TatsĂ€chlich enthĂ€lt diese Szene gleich mehrere sehr berĂŒhrende Momente. Zum einen, als River (Alex Kingston) dem Doctor von der Reaktion des Universums auf ihren Hilferuf berichtet - und ihm eindrucksvoll deutlich macht, dass er so viel Gutes getan hat, dass ihn die Völker des Weltalls auf keinen Fall sterben lassen wollen. Zum anderen Rivers LiebesgestĂ€ndnis selbst. Es ist einer jener seltenen Momente, in denen sie sich - dem Doctor gegenĂŒber - verletzlich zeigt.
Sehr zu Herzen geht natĂŒrlich zuvor bereits die Szene, in welcher der Doctor den Brigadier anrufen will, jedoch erfahren muss, dass dieser gestorben ist. Eine wunderbare Referenz an den groĂartigen Nicholas Courtney „30905“, die vor allem deshalb so wirkungsvoll ist, weil sie nicht einfach nur um ihrer selbst willen eingestreut wird, sondern im Plot eine wichtige Funktion erfĂŒllt: Dem Doctor wird klar, dass er vor seinem eigenen Tod nicht lĂ€nger davonlaufen kann.
Damit kommen wir jedoch zu einem Punkt, der sicherlich fĂŒr einigen Diskussionsstoff sorgen wird: Wird der Plot rund um den „Tod des Doctors“ in der Folge zufriedenstellend aufgelöst - oder nicht? FĂŒr beide Positionen lassen sich Argumente finden.
Einerseits ist der Gedanke, dass der Doctor lĂŒgt, nicht neu (und damit kein Deus ex machina). SpĂ€testens in Let's Kill Hitler (2) ist dies sogar explizit ausgesprochen worden. Man darf auch dem guten Doctor nicht alles glauben. Und River Song ist ohnehin nur eine eingeschrĂ€nkt glaubwĂŒrdige Quelle. Die Frau ist ArchĂ€ologin! Von daher ist es eigentlich gar nicht einmal eine so ungeschickte Methode, das Dilemma, in welches uns The Impossible Astronaut (1) gestĂŒrzt hat (Wie kann der Doctor seinem sicheren Tod entkommen?), ĂŒber die Technik des unzuverlĂ€ssigen ErzĂ€hlers zu lösen.
Andererseits bleibt das nagende GefĂŒhl, dass Moffat sich letztlich nur mit einem nicht ganz sauberen Trick aus der AffĂ€re zieht. Dass ein Teselecta-Roboter den Platz des Doctors am Lake Silencio eingenommen hat, nachdem uns in The Impossible Astronaut (1) ausdrĂŒcklich gesagt worden ist, dass es kein DoppelgĂ€nger oder Ăhnliches gewesen ist (und in The Wedding of River Song sogar darauf abgehoben wird, dass es sich beim Tod des Doctors um einen Fixpunkt der Zeit handelt, von dem man meinen sollte, dass er sich nicht durch einen Doctor-im-Doctor-Roboter umgehen lĂ€sst...), fĂŒhlt sich dem Publikum gegenĂŒber unehrlich an.
Ein Problem wird aufgeworfen. Das Publikum wird dazu angehalten, sich mit diesem Problem zu beschÀftigen. Und am Ende stellt sich heraus, dass das Problem aber nur auf einem falschen Informationsstand basierte. Das ist schon ein wenig enttÀuschend. Auf diesem Hintergrund erscheint auch die AlternativrealitÀt, welche durch die Desintegration der Zeit entsteht, in einem anderen Licht: Ein wenig erinnert dieses Vorgehen an eine gewisse US-Mysteryserie, deren Autoren ebenfalls glaubten, dass sie, wenn sie nur in der letzten Staffel ein völlig neues Fass aufmachen, sie davon ablenken können, dass sie mit gezinkten Karten gespielt haben.
Fazit
The Wedding of River Song ist das unterhaltsame Finale einer sechsten Staffel, die - ohne jede Frage! - eine deutliche Steigerung im Vergleich zur Vorjahres-Staffel darstellte. Die sechste Staffel glÀnzte nicht durch einen sehr interessanten Handlungsbogen, welcher einen der grundlegenden Konflikte in der Figur des Doctors (die AbwÀgung der Folgen seines Handelns) thematisierte, sondern auch durch tolle Einzelepisoden wie The Doctor's Wife und The Girl Who Waited.
Die Finalepisode sprĂŒht vor Ideen (das elektrisierende Schachspiel, Area 52 in einer Ă€gyptischen Pryramide) - und wartet mit einem hohen production value auf. Einzig die Auflösung der zentralen Frage der Staffel hinterlĂ€sst einen etwas faden Beigeschmack. Sehr gelungen ist dagegen die EnthĂŒllung zum Schluss, welche Frage niemals eine Antwort finden darf, wenn nicht Stille ĂŒber das Universum hereinbrechen soll: „Doctor Who?“
In der Tat: Die Frage, wer der Doctor ist, darf niemals eine endgĂŒltige Antwort finden. Die UnergrĂŒndlichkeit dieses Time Lords ist es, was die Serie seit bald 50 Jahren antreibt. Diese erzĂ€hlerische Offenheit der Serie, welche sich nicht zuletzt darin manifestiert, dass ihr Titel in einer Frage besteht, als ein inhaltliches Moment in die Handlung selbst zu integrieren, stellt einmal mehr die Vielschichtigkeit unter Beweis, welche Doctor Who auszeichnet.
Verfasser: Christian Junklewitz am Sonntag, 2. Oktober 2011(Doctor Who 6x13)
Schauspieler in der Episode Doctor Who 6x13
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?