Doctor Who 6x06

Es gibt zwei mögliche Perspektiven auf The Almost People (2): Einmal im chronologischen Verlauf, zum anderen rückblickend vom Cliffhanger aus.
Kommen wir zunächst zur chronologischen Sicht. Die meiste Zeit über knüpft die Folge nahtlos an ihren Vorgänger The Rebel Flesh (1) an: Interessantes Thema, dramaturgisch schwache Umsetzung. Die Konfrontation zwischen den Fabrikarbeitern und ihren Doppelgängern, garniert mit einer bevorstehenden Explosion, vor der sie sich in Sicherheit bringen müssen, und einer Doppelgängerin, die sich schließlich in ein Monster verwandelt, folgt viel zu sehr bereits ausgetretenen Plot-Pfaden, um wirklich Spannung zu erzeugen.
Ähnlich unmotiviert wie der Gewaltausbruch von Cleaves (Raquel Cassidy) gegen die Doppelgänger in The Rebel Flesh (1) kommt es in The Almost People (2) zur Versöhnung zwischen beiden Seiten. Wir sollen wohl annehmen, dass Cleaves durch die Nachricht vom Blutgerinsel in ihrem Gehirn (und der Erkenntnis, dass sich dieses auch auf ihre Doppelgängerin übertragen hat) einen Sinneswandel erfährt. Wirklich überzeugend ist das allerdings nicht.
Besser gelöst ist da schon der Handlungsstrang um Jimmy (Mark Bonnar) und seinen Sohn. Als der Doctor (Matt Smith) pünktlich zum Geburtstag des Kleinen eine Telefonverbindung herstellt, kann es der Jimmy-Doppelgänger nicht über sich bringen, an die Stelle des „Originals“ zu treten. Er mag so aussehen wie Jimmy und auch dessen Erinnerungen besitzen, trotzdem ist da dieses unabweisbare Gefühl von Differenz. Das Fleisch ist, wie wir in dieser Folge klar erkennen, nicht nur eine passive Prägemasse, sondern bringt ein eigenes Gefühl von Identität mit sich. Erst als Jimmy stirbt, tritt der Doppelgänger aus einer einvernehmlichen Entscheidung beider heraus an seine Stelle. Das ist ein emotional sehr bewegender kleiner Seitenstrang der Erzählung.
Zu ihrer wirklichen Stärke findet die Episode erst gegen Ende. Die Enthüllung, dass der Doctor und sein Doppelgänger die Schuhe getauscht haben - und Amy (Karen Gillan) deshalb die ganze Zeit über den Falschen für den „echten“ Doctor gehalten hat, ist gleich in doppelter Hinsicht bemerkenswert: Zum einen zeigt es deutlich, wie sehr der Unterschied zwischen Original und Kopie im Auge des Betrachters liegt. Zum anderen ist es auch ein wichtiger Wendepunkt im übergreifenden Handlungsbogen der Staffel: Als Amy glaubte, dem „Beinahe-Doctor“ vom Tod des Doctors erzählt zu haben, war es in Wahrheit der Doctor selbst (der davon ja eigentlich nichts erfahren sollte).
Die Täuschung der Amy hier unterliegt, ebenso wie Rory (Arthur Darvill) im Hinblick auf Jennifer (Sarah Smart), ist die perfekte Vorbereitung für einen Cliffhanger, der auf der WTF-Skala kaum höher rangieren könnte: Amy ist in Wahrheit eine Gefangene der Frau mit der Augenklappe (Frances Barber) - und steht kurz davor, ein Baby zur Welt zur bringen. Die Amy, die wir seit Beginn der Staffel gesehen haben, war dagegen gar nicht wirklich Amy, sondern nur ihr Fleisch-Avatar. Der Doctor hat die Säurefabrik bloß untersuchen wollen, um mehr über die Fleisch-Technologie zu erfahren.
Im Grunde funktioniert die gesamte Folge wie ein sehr geschickter Taschenspieler-Trick: Durch die Verdopplung des Doctors lenkt das Drehbuch unsere Aufmerksamkeit nur auf ihn und die Frage, ob sein Doppelgänger möglicherweise derjenige gewesen ist, der am Seeufer gestorben ist. Dass es in Wahrheit Amy ist, von der wir eine Doppelgängerin vor uns haben - und dass ihre Avatar-Existenz der Grund für die wechselnde Schwangerschafts-Anzeige und ihre merkwürdigen Visionen ist, wird dadurch im Verborgenen gehalten. Umso größer ist dafür am Ende die Überraschung.
Der Cliffhanger ist nicht zuletzt deshalb so gelungen, weil er einerseits diese beiden bisherigen Rätsel auflöst, dabei aber gleichzeitig völlig neue Fragen aufwirft (beziehungsweise alte Fragen in ein neues Licht setzt): Warum ist Amy gefangen? Was hat es mit ihrem Kind auf sich? Und was mit der Augenklappen-Dame?
Fazit
The Rebel Flesh (1) und The Almost People (2) mögen für sich betrachtet nicht die besten oder spannendsten Folgen von Doctor Who gewesen sein. Allein schon wegen des atemberaubenden Cliffhangers haben sie sich jedoch gelohnt.
Verfasser: Christian Junklewitz am Montag, 30. Mai 2011(Doctor Who 6x06)
Schauspieler in der Episode Doctor Who 6x06
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