Doctor Who 6x07

River Song (Alex Kingston) ist also Amys (Karen Gillan) und Rorys (Arthur Darvill) Tochter! Mit dieser Enthüllung (und der Ankündigung, dass der Doctor im Herbst auf Quentin Tarantinos Pfaden wandeln wird) verabschiedet sich Doctor Who in die Sommerpause. Anders als der Cliffhanger in der Vorwoche, als wohl niemand damit gerechnet hat, dass Amy durch einen Fleisch-Avatar ersetzt wurde, handelt es sich dabei allerdings um keinen ausgeprägten WTF-Moment. Spätestens nach dem Ende von Day of the Moon (2) gehörte es zu den Theorien, die rund um die Identität von River Song kursierten.
Wahrlich bewunderswert ist hingegen, mit welcher Lässigkeit Autor Steven Moffat bereits im Laufe von A Good Man Goes To War (1) Hinweise auf die Enthüllung fallenlässt: Die etwas seltsame Namenswahl für Amys Baby, die in einer Szene sogar noch explizit thematisiert wird („Melody Williams is a geography teacher, Melody Pond is a super hero!“), dazu die Information, dass River just am Tag von Melodys Geburt ihren Geburtstag feiert. Man wird als Zuschauer fast mit der Nase darauf gestoßen. Insbesondere beim zweiten Anschauen der Episode kann man sich gut vorstellen, welchen Spaß Moffat beim Einflechten dieser versteckten Indizien gehabt haben muss.
Die Enthüllung selbst beginnt erst einmal wieder mit einer kunstvollen Irreführung. Als River den Doctor (Matt Smith) fragt, ob er nicht lesen könne, folgt die Kamera Amys Blick zu den Gallifrey'schen Schriftzeichen auf der Wiege. Hat noch jemand in diesem Augenblick „Zwillingsschwester“ gedacht? Der Verdacht, dass es sich bei River in jedem Fall um eine Blutsverwandte des Doctors handeln könnte, wird auch durch sein Erschrecken untermauert, als er daran denkt, dass er und River sich geküsst haben. Tatsächlich gilt dieses Erschrecken natürlich der Erkenntnis, dass er wohl zum ersten Mal mit der Tochter einer companion rumgemacht hat.
Der Rätselspruch der TARDIS aus The Doctor's Wife („The only water in the forest is the river“) bekommt schneller als gedacht eine Bedeutung - und trägt zusätzlich dazu bei, der Aufdeckung von Rivers Identität die nötige Tiefe zu geben.
Sehr geschickt führt Moffat uns auch zu Beginn der Folge aufs Glatteis, als Amy ihrem Baby von dessen Vater erzählt - und wir für einen Moment glauben müssen, dass vom Doctor die Rede ist, bevor klar wird, dass die Beschreibung auch auf Rory passt. Dieser hat im Teaser seinen vielleicht bislang besten Auftritt, als er (in der Verkleidung als römischer Centurio) den Cybermen gegenübertritt und mit allem Nachdruck Informationen über den Aufenthaltsort seiner Frau verlangt („Would you like me to repeat the question?“).
Rory kann es nicht nur vermeiden, in dieser Folge zu sterben (wie es ihm in der Vergangenheit zur leidigen Angewohnheit geworden ist), er bekommt sogar etwas richtig Heldenhaftes, wodurch er schließlich so viel Selbstvertrauen tankt, dass er sich traut, Amy „Mrs. Williams“ zu nennen. Es ist schön, zu sehen, wie es Rory gelingt, sich mehr und mehr zu behaupten, ohne dass dadurch seine ursprüngliche Charakterkonzeption grundlegend verändert würde („Oh god, I was gonna be cool!“).
Die Folge ist - vor allem zu Beginn - sehr rasant, witzig (Stevie Wonder!) und mit einem großen Aufwand an Spezialeffekten inszeniert. Es macht großen Spaß, zu sehen, wie der Doctor (den wir in den ersten Minuten gar nicht zu Gesicht bekommen) zuerst Informationen und Verbündete sammelt, um dann schließlich die Soldaten und die kopflosen Mönche aufs Kreuz zu legen, ohne dass ein einziger Schuss abgefeuert werden muss. Das ist der Doctor, wie wir ihn kennen und lieben. Die silurianische Madame Vastra (Neve McIntosh) hat ganz Recht: „You have never risen higher!“
Einzig dem Anspruch der auch in der Episode getroffenen Ankündigung, dass auf diesen Triumpf sein größter Sturz folgt, seine „darkest hour“, wird die Folge nicht wirklich gerecht. Entsprechend schwächer ist auch das letzte Drittel der Episode zu werten. Okay, der Doctor lässt sich noch einmal durch einen Fleisch-Avatar täuschen. An diese Möglichkeit nicht gedacht zu haben, ist vielleicht etwas peinlich. Aber sein größter Sturz, seine dunkelste Stunde? Das erscheint doch - im Vergleich beispielsweise zu The Waters of Mars - etwas übertrieben.
Es sei denn, damit ist der von River artikulierte Vorwurf gemeint, dass der Doctor selbst an der ganzen Situation schuld ist. Aber auch das ist nur teilweise nachzuvollziehen. So schön die Grundidee auch ist, dass Leute gegen den Doctor kämpfen, weil sie Angst vor ihm haben, wäre es doch wichtig gewesen, dem Doctor (und vor allem dem Zuschauer) irgendeinen konkreten Anhaltspunkt dafür zu geben, warum die militanten Kleriker Angst vor ihm haben. Keine Frage, der Doctor ist, zumal wenn man ihn wütend macht, zu äußerst extremen Gewalttaten fähig (man denke nur an den Time War oder auch die Zerstörung der Cybermen-Basis zu Beginn der Episode).
Dass Moffat beispielsweise in Gestalt von Lorna Buckett (Christina Chong) eine durchaus sympathische Figur auf Seiten der Soldaten einführt, für die der Doctor eine „dark legend“ ist, kann wohl als Indikator dafür gewertet werden, dass diese negative Sichtweise auf den Doctor nicht ganz unberechtigt ist. Vermutlich wird die Serie auf die Hintergründe (und auch die Begegnung des Doctors mit Lorna als Kind) noch im Verlauf der Staffel näher eingehen. Für die emotionale Wirkung der Folge (und insbesondere der Szene zwischen River und dem Doctor) wäre es schön gewesen, diese Informationen jetzt schon zu haben.
Ein anderer Punkt ist die Fahrlässigkeit, die der Doctor manchmal gegenüber seinen Begleitern an den Tag legt. Vastra hat den gleichen Verdacht, der auch schon in den Kommentaren zu Day of the Moon (2) geäußert wurde: Dadurch, dass das Baby in der TARDIS auf dem Flug durch den Time Vortex gezeugt wurde, hat es Charakteristika eines Time Lords angenommen. Das ist eine Konsequenz, an die der Doctor offenkundig nicht gedacht hat.
Er braucht auf seinen Reisen durchs Universum jemanden, der ihn begleitet. Welche Folgen jedoch aus dem Zusammenstoß zwischen seinen Bedürfnissen als letzter Time Lord und den Bedürfnissen seiner menschlichen Freunde resultieren, davor verschließt er nicht selten die Augen (wie man beispielsweise schon während seiner Reisen mit Martha gesehen hat). Dass er nicht an die möglichen Gefahren für die Familie Pond gedacht hat, ist ein Schuh, den sich der Doctor tatsächlich anziehen muss. In diesem Sinne ist er auf jeden Fall mitschuldig an der Situation, in der sich Amy und Rory mit ihrem Baby befinden.
Apropos menschliche Begleiter: Bei der Zusammenstellung der „Armee“ des Doctors wäre es natürlich schön gewesen, wenn mehr bekannte Gesichter dabei gewesen wären. Vor allem Captain Jack (John Barrowman) und Jenny (Georgia Moffett), die Klon-Tochter des Doctors, wären dafür naheliegende Kandidaten gewesen.
In einem Interview zu Beginn der Staffel hatte Steven Moffat erwähnt, dass er sich sehr gut eine Rückkehr von Captain Jack vorstellen könnte - und er ihn für eine Folge der sechsten Staffel auch schon sehr gerne zurückgebracht hätte, John Barrowman jedoch wegen der Torchwood-Dreharbeiten in den USA verhindert war. Sehr gut denkbar, dass es sich dabei genau um diese Folge gehandelt hat. Georgia Moffett wiederum dürfte zum Zeitpunkt der Dreharbeiten von A Good Man Goes To War (1) mit dem Kind von David Tennant schwanger und deshalb für Actionszenen nicht einsetzbar gewesen sein.
Jenny taucht deshalb nur als Name der Dienerin (Catrin Stewart) von Madame Vastra auf, die ein mehr als professionelles Verhältnis miteinander zu verbinden scheint. Diejenigen, die dem früheren Doctor Who-Headwriter Russell T Davies immer eine gay agenda vorgeworfen haben, werden mit einer gewissen Frustration bemerken müssen, dass die Serie auch unter Steven Moffat nicht weniger gay friendly geworden ist, wovon allein zwei homosexuelle Paare in dieser Folge zeugen.
Fazit
Sicher, die erste Hälfte der sechsten Staffel war nicht frei von Schwächen, trotzdem gefällt sie mir bislang wesentlich besser als die fünfte Staffel. Der übergreifende Handlungsbogen mit dem Tod des Doctors und dem Rätsel um Amys Baby ist deutlich stärker geraten als der Plot um den Riss im Universum. Auch stehen fortlaufende Handlung und Einzelepisoden in einem viel engeren Zusammenhang miteinander, wovon beide profitieren. Sehr genial ist in A Good Man Goes To War (1) beispielsweise auch der überraschende Cameo-Auftritt von Hugh Bonneville aus The Curse of the Black Spot gelungen.
Verfasser: Christian Junklewitz am Montag, 6. Juni 2011(Doctor Who 6x07)
Schauspieler in der Episode Doctor Who 6x07
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