Doctor Who 6x04

Doctor Who 6x04

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Unter diesem Motto setzt Doctor Who mit der Episode The Doctor's Wife auf volles Risiko. Dieser Mut macht sich bezahlt: Die Folge von Autor Neil Gaiman ist ein denkwürdiger Augenblick in der Geschichte der Serie. Und beste Unterhaltung.

Der Doctor (Matt Smith, r.) ahnt zunächst nicht, wer Idris (Suranne Jones, M.) in Wirklichkeit ist. / (c) BBC
Der Doctor (Matt Smith, r.) ahnt zunächst nicht, wer Idris (Suranne Jones, M.) in Wirklichkeit ist. / (c) BBC

Die Nervosität im Vorfeld der Ausstrahlung von The Doctor's Wife war auch bei den Machern von Doctor Who sehr groß. Gegenüber dem Doctor Who Magazine gestand Neil Gaiman, seines Zeichens international renommierter Comic-, Roman- und Drehbuchautor, dass er Angst habe, die Folge könnte eines Tages als das Spock's Brain von Doctor Who gelten. Damit ist also jene Episode des klassischen Star Trek gemeint, die bei Umfragen nach der schlechtesten und peinlichsten Star Trek-Folge regelmäßig sehr weit vorne liegt.

Der Grund für Gaimans Sorge: Mit The Doctor's Wife wagt er sich weit, sehr weit aus dem Fenster. Der TARDIS eine menschliche Gestalt zu geben - das ist angesichts der Tatsache, dass wir ja wissen, dass die TARDIS am Leben ist, ein Gedanke, der zwar gar nicht mal so weit hergeholt ist. Aber es ist eben auch ein Vorhaben, welches sagenhaft schief gehen kann. Und einige Zuschauer werden möglicherweise auch der Meinung sein, dass genau das passiert ist. Was man ihnen noch nicht mal verdenken kann.

Wenn man einem Mysterium, welches über bald 50 Jahre hinweg gehegt und gepflegt wurde, nämlich dem merkwürdigen Zwitterzustand der TARDIS zwischen Objekt und Lebewesen, auf einmal ein menschliches Gesicht verpasst, geht man damit natürlich unweigerlich das Risiko der Banalisierung ein. Sprich: Was immer man auch auf den Bildschirm bringt, es kann mit den Vorstellungen, die das Publikum in all den Jahren gebildet hat, nicht konkurrieren. Es wirkt billig und unglaubwürdig. Man denke nur an die „menschlichen Daleks“ aus Daleks in Manhattan (1).

Dass dieser Eindruck in The Doctor's Wife vermieden wird, ist vor allem zwei Faktoren zu verdanken. Zu allererst natürlich dem Drehbuch von Neil Gaiman. Geradezu müstergültig bewältigt er die Herausforderung, der Menschwerdung der TARDIS eine Aura von Glaubwürdigkeit und Authentizität zu verleihen.

Einerseits durch den Rahmen, in dem sich dieser Prozess vollzieht (die Reise in das „Seifenblasen“-Universum; der unheimliche Gegner „House“, der schon hunderte von Time Lords getötet und TARDISSE geschlachtet hat). Als Zuschauer kommt man gar nicht darauf, zu fragen, warum eine solche Menschwerdung noch nie zuvor geschehen ist - einfach, weil die Umstände dafür außergewöhlich und mysteriös (man denke nur an die rätselhafte Familie aus Onkel, Tante und Ood-Neffe) genug sind.

Andererseits durch die Verknüpfungen, die Gaiman zwischen Idris (Suranne Jones) und der Serien-Geschichte herstellt. Dass das Gefährt des Doctors eine TARDIS Modell 40 ist, haben wir zuletzt im TV-Film von 1996 gehört. Die kleinen Kästen, mittels derer Time Lords über Raum und Zeit hinweg miteinander kommunizieren, gehen sogar auf eine Doctor Who-Folge aus dem Jahr 1969 zurück. Alles an The Doctor's Wife atmet den Geist der Geschichte von Doctor Who - nicht zuletzt auch die Rückkehr des TARDIS-Kontrollraums aus der Eccleston- und Tennant-Ära. Gaiman spielt hier fortwährend mit den Erinnerungen des Publikums, um Suranne Jones als menschliche TARDIS zu beglaubigen.

Ein wahrer Geniestreich ist schließlich der Titel der Episode selbst: The Doctor's Wife lenkt die Erwartungshaltung des Zuschauers in eine völlig andere Richtung - und lässt ihn durch die Dialoge zwischen der TARDIS und dem Doctor erst selbst entdecken, warum er absolut treffend gewählt ist. Der Doctor und die TARDIS - das ist die eine unverbrüchliche Beziehung im Leben dieses Time Lords, in die gleichermaßen Fürsorge, Erotik und Schicksal eingeschrieben ist.

Dabei verdient vor allem eine clevere Wendung besondere Erwähnung: Bislang haben wir geglaubt, dass die Beziehung zwischen dem Doctor und der TARDIS eine einseitige war - er hat sie gestohlen. Dass sie jedoch aktiv darin mitgewirkt hat, gestohlen zu werden, ja, dass nach ihrer Auffassung es eigentlich sie gewesen ist, die IHN gestohlen hat, gibt dem Plot genau die emotionale Komplexität, welche das Aufeinandertreffen der beiden so interessant und aufregend macht. Von den vielen witzigen Dialogen einmal ganz zu schweigen („What do I call you?“ / „I think you call me sexy!“ / „Only when we are alone...“).

Der zweite Faktor, der die menschliche TARDIS so glaubwürdig macht, heißt ganz eindeutig Suranne Jones. Die langjährige Coronation Street-Darstellerin, die zuletzt neben Matt Smiths Vorgänger David Tennant in Single Father zu sehen gewesen ist, legt exakt die richtige Mischung aus Wahnsinn, Genialität, verführerischem Charme und fast mütterlicher Wärme in die Rolle, um uns glauben zu machen, dass sie die Seele der TARDIS in einem menschlichen Körper ist.

The Doctor's Wife beleuchtet jedoch nicht nur die Beziehung zwischen dem Doctor und seinem besten Stück, sondern auch die zwischen Amy (Karen Gillan) und Rory (Arthur Darvill), welche um eine erschreckende Komponente erweitert wird. Als Rory sich erneut von Amy verlassen glaubt, entwickelt er eine geradezu mörderische Aggression gegen sie. Für eine „Kinderserie“ begibt sich Doctor Who hier in ausgesprochen düsteres Territorium. Das Reisen mit dem Doctor - es kann unabsehbare Konsequenzen haben (ein Fakt, der Amy langsam bewusst zu werden scheint).

Die fortlaufende Geschichte der diesjährigen Doctor Who-Staffel wird um einen rätselhaften Ausspruch der TARDIS erweitert: „The only water in the forest is the river.“ Ist hier wirklich ein Fluss gemeint? Oder nicht doch eher die Figur von Alex Kingston?

Fazit

The Doctor's Wife - das ist Doctor Who in Bestform: fantasievoll, spannend, bewegend und voller intelligenter Wendungen. Neil Gaiman hat damit einen Beitrag zur Serie geliefert, an den man sich wohl noch weit über die aktuelle Staffel hinaus erinnern wird.

Verfasser: Christian Junklewitz am Montag, 16. Mai 2011
Episode
Staffel 6, Episode 4
(Doctor Who 6x04)
Deutscher Titel der Episode
Die Frau des Doktors
Titel der Episode im Original
The Doctor's Wife
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Samstag, 14. Mai 2011 (BBC One)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 15. Februar 2012
Autor
Neil Gaiman
Regisseur
Richard Clark

Schauspieler in der Episode Doctor Who 6x04

Darsteller
Rolle

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