Doctor Who 5x07

Doctor Who 5x07

Amy's Choice stellt die Kernfrage, die sich jede Companion irgendwann stellen muss: Welches Leben will sie fĂŒhren? Eines an der Seite des Doktors in stĂ€ndiger Gefahr? Oder ein ganz und gar alltĂ€gliches, in dem man höchstens an Langeweile sterben kann?

Amy (Karen Gillan) und der Doktor (Matt Smith) stehen vor einer schweren Entscheidung / (c) 2010 BBC
Amy (Karen Gillan) und der Doktor (Matt Smith) stehen vor einer schweren Entscheidung / (c) 2010 BBC

Rory: „O, a poncho! The biggest crime against fashion since Lederhosen!
Amy: „My poncho boys! If we gonna die, let's die looking like a Peruvian folk band!

Inhalt

FĂŒnf Jahre sind vergangen, seit der Doktor Amy und Rory das letzte Mal gesehen hat. Inzwischen hat sich Einiges im Leben seiner ehemaligen Begleiter getan: Beide sind von Leadworth nach Upper Leadworth gezogen, ein noch ruhigeres und beschaulicheres Nest. Rory hat sein Examen nachgeholt und arbeitet inzwischen als Landarzt. Amy ist derweil mit ihrem ersten Kind schwanger. Hochschwanger, wie man sagen muss. Als hĂ€tte sie einen Planeten verschluckt, wie es der Doktor wenig sensibel formuliert.

Sie sind gerade dabei, sich auf einer Bank zu unterhalten, als sie lautes Vogelgezwitscher hören und alle drei auf einen Schlag einschlafen. Und in der TARDIS aufwachen. Es sind keine fĂŒnf Jahre vergangen. Wir befinden uns irgendwann im unmittelbaren Anschluss an Vampires of Venice. Der Doktor, Amy und Rory glauben, dass sie die kurze Episode in Upper Leadworth nur getrĂ€umt haben. Da zwitschert es auf einmal in der TARDIS, sie schlafen ein - und sind wieder in Leadworth. Der Doktor ermahnt seine Begleiter, von nun an nichts mehr zu glauben, was sie sehen: Beide Welten fĂŒhlen sich so an, als wĂ€ren sie RealitĂ€t. Aber sie wissen nicht, welche nun wirklich real und welche nur der Traum ist.

Ein Zwitschern spĂ€ter befinden sie sich wieder in der TARDIS, welcher auf einmal der Strom ausgeht. Das Licht verlöscht, die Instrumenten versagen. Und auf einmal erscheint ein Mann in der TARDIS, der sich ihnen als der „Dream Lord“ vorstellt - und fĂŒr den Doktor nichts als Spott ĂŒbrig hat.

Der Dream Lord kĂŒndigt an, dass sie in beiden Welten sich einer tödlichen Bedrohung gegenĂŒbersehen werden. Sterben sie in der Traumwelt, wachen sie in der RealitĂ€t wieder auf. Sterben sie dagegen in der RealitĂ€t, dann sind sie tot. Sie mĂŒssen sich also entscheiden, welche Welt sie fĂŒr real und welche sie fĂŒr den Traum halten, wĂ€hrend sie jeweils durch das periodisch auftretende Vogelgezwitscher zwischen den beiden Welten hin und her wechseln.

Die Gefahr in der TARDIS-RealitĂ€t: Das GefĂ€hrt des Doktors hat jegliche Energie verloren und treibt auf einen „kalten Stern“ zu, der statt WĂ€rme KĂ€lte verbreitet. So etwas hat auch der Doktor noch nie gesehen. Das heißt allerdings noch nicht, dass dies unbedingt der Traum sein muss. Mit der Energie ist auf der TARDIS natĂŒrlich auch die Heizung ausgefallen. Es wird kĂ€lter und kĂ€lter - und der Doktor hat keine Ahnung, wie sein Schiff aus dem Bereich des kalten Sterns herausgebracht werden kann. Vielleicht hĂ€tte er die Bedienungsanleitung der TARDIS doch nicht in eine Supernova werfen sollen!

Die Gefahr in Upper Leadworth: Ein Altenheim mit sehr agilen Senioren, in die sich jedoch Aliens, die sogenannten Eknodine, eingenistet haben. Diese sind von ihrem eigenen Planeten vertrieben worden - und fest entschlossen, den Menschen ein Ă€hnliches Schicksal zu bereiten, das sie selbst ereilt hat. Die Eknodine töten, indem sie eine grĂŒne Substanz ausstoßen. Wird man von ihr getroffen, zerfĂ€llt man zu Staub, was sowohl ein ahnungloser BrieftrĂ€ger als auch eine ganze Schulklasse am eigenen Leib zu spĂŒren bekommen.

Aber welche der Gefahren ist real, welche nur eine Illusion? Die Meinung, die unsere Helden dazu haben, scheint nicht zuletzt - wie auch der Dream Lord wiederholt hervorhebt - davon abzuhĂ€ngen, von welcher Welt sie sich wĂŒnschen wĂŒrden, dass sie RealitĂ€t ist: FĂŒr Rory ist das ganz klar das Leben in Upper Leadworth; eine gesicherte, beschauliche Existenz mit Amy an seiner Seite. FĂŒr den Doktor ist es die Welt in der TARDIS, in der er der große Held ist, der alles weiß und alles kann. Und fĂŒr Amy? Sie ist hin und her gerissen. Letztlich, diesen Eindruck hat nicht nur Rory, wĂ€re ihr allerdings wohl das abenteuerliche Leben in der TARDIS am liebsten.

Doch den Ausschlag dafĂŒr, was Amy fĂŒr den Traum und was sie fĂŒr die Wirklichkeit hĂ€lt, gibt etwas anderes. Als Rory, sie und der Doktor von den Senioren-Aliens gejagt werden, wird Rory von der grĂŒnen Substanz getroffen - und zerfĂ€llt zu Staub. Auch der Doktor kann da nichts mehr tun, was Amy zu einem enttĂ€uschten „Then, what's the point of you?“ verleitet. Vor allem aber gelangt sie zu der Überzeugung, dass eine Welt, in der Rory tot ist, nicht real sein kann. Und wenn sie es ist, dann will sie in dieser Welt nicht leben. Also steigen sie und der Doktor in einen alten VW-Bus, den der Doktor auf der Flucht aufgegabelt hat, und fahren damit nicht nur die Rentner-Aliens ĂŒber den Haufen, sondern auch buchstĂ€blich gegen die Wand.

Alle drei erwachen in der TARDIS, wo der Dream Lord sie beglĂŒckwĂŒnscht, dass sie die richtige Wahl getroffen hĂ€tten. Er holt die TARDIS aus dem Anziehungsbereich des kalten Sterns heraus, schaltet die Heizung wieder ein - und löst sich schließlich in Luft auf. Doch der Doktor misstraut dem Ausgang dieses Abenteuers. Er glaubt mittlerweile zu wissen, wer der Dream Lord ist - und dass dieser ĂŒberhaupt keine Macht ĂŒber die RealitĂ€t haben kann. Die Wahl zwischen dem Traum und der RealitĂ€t - sie ist in Wahrheit die Wahl zwischen zwei TrĂ€umen! Also stellt der Doktor die Maschine der TARDIS auf Selbstzerstörung - und jagt sein Fahrzeug samt Amy und Rory in die Luft.

Und tatsĂ€chlich: sie finden sich in der wirklichen TARDIS wieder, in deren „Getriebe“ einige „psychische Sporen“ geraten sind, welche TraumzustĂ€nde hervorbringen, sich dabei aber auf die dunklen Seite der Psyche konzentrieren. Der Dream Lord, so der Doktor, war niemand anders als er selbst bzw. seine dunkle Seite. Deshalb wusste der Dream Lord auch so gut Bescheid. Amy meint, dass der Doktor nicht glauben solle, was der Dream Lord alles ĂŒber ihn gesagt hat. Sie selbst erzĂ€hlt Rory, nachdem der Doktor sie dazu ermuntert hat, auf welche Weise sie die Wahl zwischen den beiden Welt getroffen hat. Als Rory klar wird, wie sehr ihn Amy offenbar doch liebt, ist erst einmal ein leidenschaftlicher Austausch von ZĂ€rtlichkeiten fĂ€llig.

Der Doktor nimmt unterdessen Einstellungen an der TARDIS vor. Und sieht in einer Konsole statt seines eigenen Spiegelbilds fĂŒr einen Augenblick die Refektion des Dream Lords...

Kritik

Selbst fĂŒr Doctor Who-VerhĂ€ltnisse war Amy's Choice eine sehr ungewöhnliche Folge: Durch das Motiv der alternativen RealitĂ€ten, zwischen denen sich die Figuren entscheiden mĂŒssen, begab sich die Episode einerseits in sehr „klassisches“ Science-Fiction-Territorium. Kaum eine Genreserie kommt ohne eine entsprechende Story aus (als erstes kommt einem da Normal Again aus Buffy the Vampire Slayer in den Sinn; in Star Trek - The Next Generation hatte fast jede der Hauptfiguren irgendwann mit diesem Dilemma zu kĂ€mpfen). Andererseits lieferte die Serie damit jedoch wie selten zuvor eine fast ausschließlich figurenzentrierte Folge ab.

Fast von Beginn an war klar, dass es hier nicht so sehr um die Handlung in den einzelnen Welten geht, sondern um das VerhĂ€ltnis der Figuren zueinander - und auch zu sich selbst. Die AnwĂŒrfe des Dream Lords sorgen dafĂŒr, dass der Doktor mit sichtlicher Verstörung reagiert. Tief blicken lĂ€sst - zumal im Nachhinein - seine Aussage, dass er wisse, wer der Dream Lord ist. Es gĂ€be nur eine Person, die ihn so sehr hassen wĂŒrde. Als dieser Satz fiel, musste ich unwillkĂŒrlich an den Master denken. Was am Ende der EnthĂŒllung, um wen es sich beim Dream Lord in Wirklichkeit handelt, nur umso mehr Signifikanz verleiht.

Nun ist der Held, der ob der schwierigen Entscheidungen, die er stets zu treffen, und der Opfer, die er zu bringen hat, von Selbsthass gequĂ€lt wird, ein StĂŒck weit natĂŒrlich ein ClichĂ©. Dass die Figur des Doktors dadurch nicht entwertet wird, sondern sogar noch an Faszination gewinnt, liegt wohl daran, wie er selbst mit den dunklen Aspekten seiner Persönlichkeit umgeht. Er lĂ€sst sich nicht von ihnen paralysieren, sondern erweist sich - wie am Ende, als er die Traum-TARDIS sprengt - sich gegenĂŒber als souverĂ€n.

Der Dream Lord stellt sich als ein formidabler, weil ungemein gewitzter Antagonist heraus. Kein Wunder, handelt es sich dabei ja schließlich um einen Teil der Persönlichkeit des Doktors. Man darf gespannt abwarten, ob der Dream Lord und Toby Jones (der menschliche Darsteller hinter Dobby, dem Hauself, in „Harry Potter“) als sein vorzĂŒglicher Darsteller eines Tages zurĂŒckkehren werden. Die Reflektion in der TARDIS-Konsole lĂ€sst die Möglichkeit dafĂŒr auf jeden Fall offen.

Interessant ist auch die Entwicklung, die Amy in dieser Folge vollzieht: Bislang war ihre Beziehung zu Rory - trotz der Verlobung - kaum das, was man ernsthaft nennen wĂŒrde. Sie war bereit, ihn in Flesh and Stone (2) mit dem Doktor zu betrĂŒgen, kaum dass sie die Lust nach IntimitĂ€t ĂŒberkam. Es sei einmal dahingestellt, ob diese Haltung der Un-ernsthaftigkeit und Bindungslosigkeit etwas mit der EnttĂ€uschung zu tun hat, die sie als Kind erfahren hat, wĂ€hrend sie auf den Doktor gewartet hat.

Sicher ist nur: Durch den Tod von Rory in der Traumwelt verĂ€ndert sich etwas in ihr. Und Karen Gillan bringt das sehr schön herĂŒber - durch die Ernsthaftigkeit, die sie ihrer Rolle mit einem Mal verleiht. Rory ist tot - und Amy merkt erst durch den Verlust, was er ihr eigentlich bedeutet hat. Und ist am Ende, wenn auch zunĂ€chst etwas zögerlich, bereit, ihm das zu zeigen. Schwebte Rory vom Beginn der Staffel an stets in Gefahr, der neue Mickey Smith zu werden, hat der kleine TARDIS-Dreier nun eine deutlich andere Dynamik angenommen. Denn nun ist der Doktor wirklich mit einem PĂ€rchen unterwegs. Ein Umstand, dem der Doktor auch dadurch Rechnung trĂ€gt, dass er die beiden fragt, ob er ein paar Bahnen im Pool schwimmen soll, wĂ€hrend sie sich kĂŒssen.

Obwohl Amy's Choice ganz klar als Charakter-Folge daherkommt, heißt dies jedoch nicht, dass es deswegen Abstriche bei der Spannung gĂ€be. Im Gegenteil: Der Folge gelingt es sehr gut, sowohl inmitten der vermeintlichen Idylle von Upper Leadworth als auch an Bord der finsteren TARDIS eine dĂŒstere, unheimliche Stimmung zu erzeugen. Die Senioren-Aliens sind gruselig und komisch gleichermaßen - und halten dabei den Doktor und seine Begleiter ganz schön auf Trapp.

So stellt die Folge letztlich eine sehr gelungene Mischung her - aus Charakter-Entwicklung, Grusel-Momenten, temporeicher Action (der Doktor im VW-Bus!) und britischem Humor in seiner herrlich absurd-skurilen Spielart. UnĂŒbertroffen: Rorys Zögern, als Amy ihn drĂ€ngt, doch endlich der Seniorin, die da vor ihm steht, mit der Holzlatte eins ĂŒberzuziehen... In Deutschland kĂ€me da mit Sicherheit der Hinweis: Das, liebe Kinder, macht daheim bitte nicht nach!

Einziger Minuspunkt: Am Ende von Flesh and Stone (2) hatte der Doktor es zu seiner dringlichsten Aufgabe gemacht herauszufinden, in welcher Verbindung Amy zu den Rissen steht. Was das angeht, hat der Doktor nun schon seit zwei Folgen nichts weiter unternommen, was doch ein wenig meinem Sinn fĂŒr KontinuitĂ€t zuwiderlĂ€uft.

Verfasser: Christian Junklewitz am Montag, 17. Mai 2010
Episode
Staffel 5, Episode 7
(Doctor Who 5x07)
Deutscher Titel der Episode
Langzeitstrategie
Titel der Episode im Original
Amy's Choice
LĂ€nge der Episode im Original
45 Minuten
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Samstag, 15. Mai 2010 (BBC One)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 11. Januar 2012
Regisseur
Catherine Morshead

Schauspieler in der Episode Doctor Who 5x07

Darsteller
Rolle

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?