Doctor Who 5x02

Amy: „People phone you?“
Doctor: „Well, it's a phone box!“
Inhalt
Großbritannien im 29. Jahrhundert: Das Vereinte Königreich hat - wie die anderen Nationen auch - im Zuge von Sonneneruptionen den Planeten Erde verlassen und ist jetzt als ein gigantisches Raumschiff bestehend aus einer Plattform von stählernen Wolkenkratzern im Weltall unterwegs. Wie der Teaser nahelegt, sind die PISA-Reformen deutlich fortgeschritten: Kinder, die nicht die geforderten schulischen Leistungen erbringen, werden an eine „Bestie in der Tiefe“ verfüttert.
Der Doktor und Amy landen bei ihrem ersten gemeinsamen Ausflug ins Weltall auf diesem Starship UK. Der Doktor erkennt sofort, dass etwas nicht in Ordnung ist - und zwar, als er bemerkt, dass ein kleines Mädchen, eine Freundin des verschollenen Sitzenbleibers, still vor sich hinweint, ohne dass sich irgendjemand darum kümmert.
Doch das ist nur ein erstes Anzeichen: Viel auffälliger findet der Doktor da schon, dass Starship UK ohne funktionierende Maschinen im Weltraum unterwegs ist, was für ihn die Frage aufwirft, was das Raumschiff überhaupt antreibt.
Amy, die von ihm losgeschickt wurde, um mehr über eine Reihe von seltsamen Figuren herauszufinden, die sich überall auf dem Schiff befinden und einem dabei eine lachende und eine boshaft zur Fratze verzerrte Seite zeigen können, findet heraus, was vor sich geht. Denn als stolze Demokratie lässt Großbritannien seine Bürger darüber entscheiden, ob sie gegen das, was auf dem Schiff vor sich geht, protestieren möchten - oder lieber alles weiterlaufen lassen (allerdings um den Preis, dass sie dann alles vergessen müssen, was sie über das Schiff erfahren haben). Amy, die immer noch eine britische Staatsbürgerin ist - wenn auch mittlerweile im gesteigerten Rentenalter, soweit es die Computeraufzeichnungen betrifft - entscheidet sich fürs Vergessen.
Der Doktor ist kein britischer Staatsbürger, probiert aber trotzdem den Protestknopf aus, wodurch es für ihn und Amy abwärts geht. Denn nicht nur blöde Kinder, sondern auch Protestler werden aus Prinzip an die Bestie verfüttert. Das ist schließlich die Grundlage jeder Demokratie: Man darf wählen, aber es muss natürlich das Richtige sein.
Anders als - hoffentlich - wir Zuschauer findet die Bestie in der Tiefe den elften Doktor jedoch zum Kotzen. Was nicht zuletzt an einer Behandlung mit seinem Sonic Screwdriver liegt. Die Queen höchstpersönlich ist es schließlich, die den Doktor und Amy anschließend vor den Smilers rettet. Elizabeth, die Zehnte, oder einfach nur Liz 10, hat den Verdacht, dass die Regierung auch vor ihr Geheimnisse hat.
Nachdem die Smilers gemerkt haben, dass die Königin auf der Seite des Doktor ist, werden sie gemeinsam mit Amy in den London Tower geführt. Hier, im Schiffskerker, wenn man so will, kommen sie dem schmutzigen Geheimnis auf die Spur: Die Bestie in der Tiefe ist in Wahrheit ein Sternenwal, der von den Briten für ihre Flucht von der dem Untergang geweihten Erde eingefangen wurde - und seitdem mit Stromstößen ins Gehirn zum Gas geben gezwungen wird. Per Anhalter durch die Galaxis - mit Foltermethoden.
Die Queen ist darüber entsetzt. Und noch entsetzter, als sie erfährt, dass dies alles auf ihre eigene Anweisung hin erfolgt. Nur dass sie sich immer dann, wenn sie die Wahrheit herausfindet, fürs Vergessen entscheidet. So einfach kann es sich der Doktor nicht machen - und steht wieder einmal vor einer unmöglichen Wahl: Befreit er den Wal, weiht er die Menschen auf Starship UK dem Untergang. Befreit er ihn nicht, verdammt er ihn zu einem Leben in ständiger Qual. Der einzige Ausweg, der ihm einfällt: Den Teil des Wal-Gehirns völlig auszulöschen, der sein Empfindungsvermögen beinhaltet. Damit tötet er ihn zwar - gewissermaßen. Aber wenigstens leidet er nicht mehr. Und die Menschen können trotzdem auf dem Raumschiff weiterexistieren.
Doch Amy hält ihn auf. Denn ihr ist aufgefallen, dass der Sternenwal die Kinder, die ihm zur Speisung gereicht werden, nicht nur verschont, sondern, dass er ihnen - trotz all der Qualen - freundlich gesonnen ist. Er war freiwillig zur Erde gekommen, weil er sie, die Kinder, retten wollte. All die Folter war überhaupt nicht nötig, weil er von sich aus helfen wollte, was nur die Erwachsenen nicht erkannt haben.
War der Doktor auch zunächst sehr sauer auf sie, weil er sehr richtig die Vermutung hatte, dass Amy sich nur deshalb fürs Vergessen entschied, um ihn vor dieser schwierigen Entscheidung zu bewahren, versöhnt es ihn, als er erkennt, dass sie in Analogie von ihm auf den Wal geschlossen hat - „very old, very kind, and the last one“. Folglich verschwendet er auch keinen Gedanken mehr daran, sie auf dem schnellsten Weg nach Hause zu bringen. Vielmehr lässt er sie ans Telefon der TARDIS gehen, als Winston Churchill anruft und um die Dienste des Doktors bei einer Krise bittet, welche eine uns sehr vertraute außerirdische Silhouette zu betreffen scheint.
Kritik
Steven Moffat ist zurück! Nachdem die Staffelpremiere The Eleventh Hour etwas gemischte Gefühle hinterlassen hatte, vor allem was das Erzähltempo und den Alien-Plot anging, war die ebenfalls von Moffat verfasste Episode The Beast Below dagegen ein Musterbeispiel für eine rundum gelungene Doctor Who-Folge: Eine aberwitzige Prämisse, die witzig, spannend und bewegend zugleich umgesetzt wurde.
Die Behauptung des Doktors, seine Mission bestünde darin, nur zu beobachten und sich nicht in die Angelegenheiten anderer Völker einzumischen, muss man wohl unter der Kategorie Wunschdenken verbuchen. Da scheint jemand mit der Regeneration gleich Teile seines Gedächtnisses ebenfalls überholt zu haben. Dieses kühne Statement des Doktors bereitet jedoch zugleich die Bühne für das sehr schön ausgespielte Charakterdrama, welches sich später ereignet, als der Doktor dann doch wieder mitten im Geschehen drinsteckt - und eine unmöglich Entscheidung treffen muss.
Die Art, wie der Doktor hier auf Amys vermeintliche Täuschung reagiert, nämlich gereizt, fast aggressiv, erinnert ein wenig an die Verletztheit seiner letzten Inkarnation - und macht deutlich, dass seine emotionale Regeneration noch längst nicht vollständig abgeschlossen ist. Dafür sprechen auch seine etwas ausweichenden Bemerkungen, wenn es um seine Vergangenheit und die Time Lords geht. The End of Time (2) steckt ihm da offensichtlich noch in den Knochen. Was (neben vielen Kleinigkeiten wie der Bemerkung von Liz 10 bezüglich der „virgin queen“) ein großes Bewusstsein von Moffat für Kontinuität beweist.
Die Beziehung zwischen Amy und dem Doktor erfährt eine erste große Krise - geht daraus jedoch eindeutig gestärkt hervor.
Für den Hauptplot hat sich Moffat für eine Politsatire entschieden, die in der besten Tradition sozialkritischer Science Fiction steht. Was gleich in zweierlei Hinsicht bemerkenswert ist. Zum einen ist es für Moffat das erste Mal seit „Press Gang“, dass der Autor so dezidiert politisch geworden ist (was sich hinter der Kamera darin spiegelt, dass er in einem Interview mit dem Guardian vor den Folgen für die BBC gewarnt hat, falls die Tories die Wahl gewinnen sollten). Zum anderen enthält die Handlung eine überaus faszinierende Pointe, indem es eigentlich nicht die Mächtigen sind, die hier zum Gegenstand der Satire werden, sondern wir selbst, also die Wähler: Da wir uns bei der Wahl immer lieber für das Vergessen entscheiden, um beruhigt ignorieren zu können, welchen - ethischen - Preis wir für den Erhalt unserer Lebensweise bezahlen.
Auf der humoristischen Schiene changiert Moffat darüber hinaus geschickt zwischen herrlichem Dialogwitz und derb-komischen Einlagen wie dem kurzen Aufenthalt im Maul der Bestie.
Tatsächlich zweimal hinschauen musste ich, bevor ich verstanden habe, was es am Ende mit dem Riss in der Hülle von Starship UK auf sich hat. Ein Riss, der eine beunruhigend vertraute Form hat...
Fazit
Eine durchweg herrausragende Folge, die - eine Technik, die gerne in den alten Folgen verwendet wurde - bereits mit einem ersten Ausblick auf die kommende Episode, Victory of the Daleks endet. Wenn nur endlich schon wieder Samstag wäre!
Verfasser: Christian Junklewitz am Sonntag, 11. April 2010(Doctor Who 5x02)
Schauspieler in der Episode Doctor Who 5x02
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?