Doctor Who 15x06

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The Story & the Engine
The Story & the Engine (dt.:„Die Geschichtenmaschine“) ist das erste Abenteuer der Serie Doctor Who aus der Feder von Inua Ellams. Der Doctor (Ncuti Gatwa) und Belinda (Varada Sethu) machen einen Abstecher nach Lagos, Nigeria, im Jahre 2019, um einen weiteren „Vindicator“ aufzustellen. Aber der Doctor möchte noch einen alten Freund besuchen und sich in der Stadt ein wenig heimisch fühlen - was ihm aufgrund seiner „neuen“ Hautfarbe auch schnell gelingt. Belinda wartet derweil in der TARDIS. Jedenfalls bis diese Alarm schlägt und Belinda anschließend nach dem Verbleib des Doctors schaut.
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Ziel unseres Time Lords ist ein Friseurladen, dessen Inhaber Omo (Sule Rimi) einst bei einem anderen Abenteuer Bekanntschaft mit dem Doctor machte. Dieser „Barber Shop“ ist ein besonderer Ort, wo die Kunden ihre (persönlichen) Geschichten mit dem Friseur teilen, während er ihnen einen frischen Haarschnitt beschert - zu welchem Anlass auch immer. Als Zuschauer versteht man schnell, dass „Omo's Palace“ für die Kunden einen Hort der Sicherheit und sozialen Zusammenkunft bieten soll. Einen Ort, den man gerne besucht, wo man sich geborgen fühlt und der einem vielleicht auch die nötige Selbstsicherheit gibt, um das nächste Vorhaben anzugehen. Aber bereits auf dem Weg zu Omo und seinem Laden muss der Doctor feststellen, dass etwas nicht stimmt. Die eben noch freundliche Gegend wirkt plötzlich verlassen und Vermisstenschilder finden sich auf dem Weg. Neben Omo werden auch Tunde Adebayo (Jordan Adene), Obioma Okoli (Michael Balogun) und Rashid Abubakar (Stefan Adegbola) vermisst.
Am Ziel angekommen, scheint der Laden zunächst verlassen zu sein. Was unseren Doctor aber nicht davon abhält, die Tür zu öffnen und einzutreten. Was ihn anschließend erwartet, sieht auf den ersten Blick noch relativ harmlos aus. Aber es gibt einen neuen Besitzer (Ariyon Bakare) sowie Abby/Abena (Michelle Asante), die die unfreiwilligen Kunden (von den Vermisstenpostern) täglich mit Nahrung versorgt. Und der neue Eigentümer ist auf frische Geschichten aus, um damit eine mysteriöse Maschine zu füttern. Was hat es mit ihm auf sich? Unser Doctor findet sich schnell gefangen im Laden und muss das Rätsel lösen.

Frische Geschichten
Zunächst einmal hat mir dieses Abenteuer grundsätzlich gefallen. Bringt es doch einen frischen Wind mit sich und das von der ersten Minute an. So tat es richtig gut, den Doctor durch den Marktplatz von Lagos schreiten zu sehen, diverse Leute zu begrüßen und sich dort sichtlich heimisch zu fühlen. Er tanzt geradezu durch Umarmungen hindurch, gibt und empfängt Komplimente und wirkt wie ein Einheimischer, der dort jeden Tag verkehrt. Die Hautfarbe spielt dabei natürlich eine Rolle, womit das Rassismus-Thema erneut Einzug in die Serie findet - aber in diesem Fall zunächst ohne Kritik, wie zuvor auch vom Doctor und Belinda diskutiert.
Wenn letztere später zum Doctor aufschließen möchte, wird es schon etwas kritischer. Denn sie wird schnell als „Touristin“ eingeordnet, jeder möchte, dass sie etwas kauft und als sie - leicht panisch und überwältigt von der Masse - einen Behälter umstößt und schließlich eine Ordnungshüterin fragt, wer dieses Chaos verursacht hat, hebt sie die Hand. Aber Konsequenzen scheint das keine zu haben, wenn sie wenig später den gleichen Weg des Doctors geht. Warum also wird Belinda zunächst in diesen kritischen Weg hineingestoßen, wenn wir keine Auflösung dafür erhalten? Mir fehlt da eine Szene, auch wenn mir dieser Ansatz durchaus gefallen hat.
Aber schauen wir ein bisschen weiter und ja, das Abenteuer hat immer noch etwas Frisches. Der Friseurladen ist wohl das beste Beispiel dafür. Selbst unsereins (der kaum noch Haare auf dem Kopf hat) ist mit Friseurbesuchen vertraut, bei denen Geschichten ausgetauscht werden. Man fühlt sich einfach wohl und schnackt ein bisschen, während man die Haare gestutzt bekommt. Da brodelt mitunter die Gerüchteküche, wenn man wie ich auf dem Dorf lebt. Es müssen nicht immer bedeutsame Stories sein, wie in diesem Abenteuer, aber auch ich würde meinen, dass man den Besuch beim Friseur durchaus genießt, mitunter auch ein wenig feiert und am Ende zufrieden von dannen geht. Ein Schema also, welches sich durchaus nachempfinden lässt.
Den Spieß dann umzukehren und das Friseurgeschäft zu einem Ort des Horrors zu machen, konnte sich echt sehenlassen. Auf die Idee muss man erstmal kommen, auch wenn sie vielleicht ein wenig banal wirkt. Der Schrecken der Kunden ist jedenfalls spürbar und die Angst, eine Geschichte zu erzählen, die womöglich nicht ankommt, dominiert die Atmosphäre. Wobei mir nicht ganz ersichtlich ist, was passiert, wenn Omo und die anderen sich weigern, erneut auf dem Stuhl Platz zunehmen. Was würde der neue Inhaber dann machen? Wie würde er erzwingen wollen, dass die unfreiwillige Kundschaft etwas Neues erzählt? Denn abgesehen davon, dass er sie am Verlassen des Ladens hindern kann und somit von ihren Liebsten trennt, hat er kein Druckmittel.
Was den Barber Shop selbst angeht, bekommen wir hier sogar so etwas wie eine umgekehrte TARDIS, wenn der Laden gleichzeitig auf dem Rücken der gigantischen Spinne existiert, die sich ihren Weg durch den (Story-)Nexus bahnt, aber auch in Lagos steht. Mit anderen Worten existiert das Geschäft an zwei Orten gleichzeitig und nur der Besitzer entscheidet darüber, wohin die Tür führt. Außerdem wieder der Aspekt, dass die TARDIS als sicher gilt, während sich niemand bei diesem Friseur aufhalten möchte.

Besonders frisch ist aber das gesamte Setting der Episode gewesen, die zudem noch sehr schön zu betrachten ist. Die Idee mit dem Fenster, auf dem man die erzählten Geschichten nachverfolgen kann, ist da ebenso gelungen wie Lagos selbst oder auch die deutlichen CGI-Ausflüge in den Nexus. Es macht einfach Spaß, sich in dieses Setting hineinzuversetzen und es mitzuerleben, auch wenn es storytechnisch einige Fragen aufwirft.
Von Göttern und Menschen
Dass mit dem neuen Besitzer etwas nicht stimmt, liegt von Beginn der Episode auf der Hand. Ihn umgibt etwas magisches, auch wenn Magie in diesem Fall (und wie immer bei Doctor Who) nur Wissenschaft sein mag/soll, die der Mensch bis dato noch nicht verstanden hat. Die oft tiefgründigen Geschichten, die Omo und die anderen und schließlich auch der Doctor erzählen, unterscheiden sich natürlich vom Klatsch und Tratsch auf dem Dorf, haben einen höheren Stellenwert als beispielsweise das Gerücht, dass Frau Meier jetzt mit Herrn Müller schläft. Insofern wird auch die Neugierde des Zuschauers geweckt, wenn der Doctor schließlich auf dem Stuhl Platz nimmt und eine Geschichte über Belinda erzählt, die mir sehr gefallen hat. Überhaupt hätte Inua Ellams noch mehr Geschichten einbauen können, denn die waren allesamt kleine Highlights der Folge.
Je tiefer wir nun in die Mythologie um den neuen Besitzer des Ladens vordringen, umso interessanter wird es zunächst auch. Er nennt mit Anansi, Saga, Bastet, Dionysos und Loki mehrere Gottheiten, die er selbst verkörpert haben will. Allein die Nennung diese Namen lädt den Zuschauer zum Nachforschen ein und es macht durchaus Spaß, sich ein wenig mit diesen Gottheiten aus unterschiedlichen Mythologien zu befassen. Aber das nur am Rande, denn unser Doctor entlarvt den Friseur schnell als Lügner, hat er doch mehrere dieser übernatürlichen Wesen persönlich getroffen und kennengelernt. Was mich übrigens auch ein wenig verwundert, denn bislang ist die Serie anders mit „Göttern“ umgegangen, hat sie entweder als Außerirdische eingestuft oder - wie seit der letzten Staffel - als Wesen von außerhalb unseres Universums eingeordnet. Sie jetzt als „echte“ Götter zu deklarieren, wirkt da in meinen Augen nicht ganz richtig.
Aber die Geschichte soll sich noch weiter entfalten und auch Abby mit einbauen, deren Gesicht dem Doctor bekannt vorkommt. Sie ist die Tochter von Anansi und unser Doctor hat sie einst „gewonnen“, aber seinen Preis nie eingefordert - weshalb sie sauer ist? Okay, bis zu einem gewissen Grad und mit Blick auf die Vergangenheit lässt sich das vielleicht nachvollziehen. Aber nicht mit Blick auf den Doctor, der ihr doch ihre Freiheit gelassen hat. Den kleinen Auftritt von Jo Martin fand ich übrigens gut.
Aber zurück zum neuen Besitzer des Ladens. Er hat Abby in Bezug auf sein Ziel belogen und eigentlich vor, die alten Gottheiten allesamt auszulöschen. Mir ist dabei nicht ganz klar, wie das funktionieren soll, denn das Sammeln von Geschichten führt ja nicht dazu, dass diese vergessen werden. Sonst hätte Omo den Doctor vergessen müssen, nachdem er seine Geschichte zu Beginn der Episode erzählt hat. Hat er aber nicht. Okay, die Spinne wird irgendwie gefüttert und steuert auf ein Ziel zu. Ihr Antrieb sind die Geschichten, die die unfreiwilligen Kunden erzählen. Aber das Ziel bleibt dennoch schwammig.
Außerdem fehlt mir noch der Punkt, wie der neue Besitzer von Omo's Palace unsterblich werden konnte. Das ist auch eine Lücke, die in meinen Augen noch hätte gefüllt werden müssen, damit seine Geschichte wirklich abheben kann. Schließlich kommt er als „gottgleich“ daher, wenn er alle genannten Götter gekannt haben will und sich nun gegen sie auflehnen möchte.

I'm born. I die.
Wie eigentlich immer ist der Doctor für mich das Highlight der Folge schlechthin. Aber auch Belinda macht sich von Episode zu Episode, weil sie bereits die Geheimnisse unseres Time Lords kennt. Als die beiden den Friseur auslachen, weil sie ihn als Lügner entlarven - großartig. Ebenso hat mir gefallen, dass sie zusammen den Geheimnissen auf die Schliche kommen, obwohl es zunächst danach aussah, dass Belinda auf der Ersatzbank platznimmt.
Die Hemingway-Folge hätte ich übrigens gerne mal gesehen. Als kleinen Ersatz bekommen wir aber die vorherigen Inkarnationen des Doctors zu sehen. Vielleicht nicht alle, aber doch eine ganze Menge. Und da geht mir jedes Mal das Herz auf, wenn die Serie ihre eigene Vergangenheit zu würdigen weiß und vielleicht den einen oder anderen Zuschauer neugierig auf die vergangenen Doctoren macht. Werft gerne mal einen Blick auf die alten Geschichten und lasst euch davon faszinieren! Ob nun in schwarzweiß oder in Farbe, jeder Doctor war irgendwie anders, jeder Darsteller war anders und für mich ist es immer ein großer Pluspunkt, wenn die Vergangenheit der Serie nicht nur angesprochen, sondern sogar gezeigt wird.
Zuletzt noch zum Zitat und zur Tatsache, dass der neue Friseur gerettet wird. Diese Auflösung, mit der die Maschine schließlich überfüttert wird, passt ins Bild. Ebenso wie die Rettung des Friseurs, denn somit verstirbt in dieser Episode niemand, obwohl mitunter acht Milliarden Leben auf dem Spiel standen. Mir zeigt das (mal wieder), wie großartig der neue Doctor und die Serie an sich sind. Es bleibt frisch und herausfordernd, obwohl die Story an sich recht simpel gestrickt wird.

Sonstiges
Mrs Flood (Anita Dobson) wird zwar im Abspann erwähnt, aber ich habe nichts von ihr gesehen. Ihr?
Das Abenteuer spielt im Jahr 2019. Da waren wir letzte Woche bereits etwas dichter dran, aber das war andererseits auch wieder ein Sonderausflug. Fünf Episoden dieser Staffel sind rum, drei kommen noch. So langsam wird es Zeit für den Endspurt, oder?
Fazit
Das neue Abenteuer wirkt frisch und ist mit Sicherheit auf einem guten bis sehr guten Niveau erzählt. Darstellerisch alles auf den Punkt getroffen, keine Frage. Aber in Sachen Story kommen dann doch mehrere Fragezeichen auf, die sich nicht wegdichten lassen. Ich gehe erneut mit dreieinhalb von fünf Sternen in die Bewertung. Und ihr?
Verfasser: Christian Schäfer am Montag, 12. Mai 2025(Doctor Who 15x06)
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