Doctor Who 14x11

© BBC One / Disney+
The Giggle
The Giggle ist innerhalb der jüngsten Specials um das 60. Jubiläum der Serie das große Finale. Wir wissen natürlich, dass es zu Weihnachten ein weiteres Special mit dem neuen Doctor Ncuti Gatwa geben und dieser das Steuer der TARDIS übernehmen wird, aber die Reise von David Tennant geht mit diesem Special zu Ende - oder nicht? Abwarten, denn Russell T. Davies schüttelt ein Ass aus dem Ärmel, welches selbst mich als eingefleischten Whovian überrascht hat. Aber mehr dazu später.
Vorerst gibt es eine kleine Vorgeschichte zum Cliffhanger des letzten Specials. Diese spielt im Jahre 1925 und stellt uns den Spielzeughersteller/Toymaker (Neil Patrick Harris) vor, der im O-Ton mit bösartigem deutschem Akzent daherkommt und natürlich nichts Gutes im Schilde führt. Dieser Bösewicht geht auf The Celestial Toymaker zurück - eine Geschichte aus der Ära des ersten Doctors (William Hartnell), welche in vier Teilen vom 2. April bis zum 23. April 1966 im Rahmen der dritten Staffel der Originalserie ausgestrahlt wurde. Entsprechend gibt es während des Specials auch kleine Ausschnitte mit William Hartnell und Michael Gough (den damaligen Toymaker) zu sehen, um an das vergangene Abenteuer zu erinnern.
Zurück in der Gegenwart weiß unser Doctor zunächst nicht, wen er da vor sich hat, und muss zusammen mit Donna (Catherine Tate) erst einmal erkunden, was Sache ist. UNIT ist prompt zur Stelle und überraschenderweise nicht vom Wahnsinn der allgemeinen Bevölkerung betroffen, wozu es eine nette Erklärung gibt. Außerdem sind Kate Stewart (Jemma Redgrave), Shirley Anne Bingham (Ruth Madeley) und Ex-Begleiterin des Doctors Melanie Bush (Bonnie Langford) mit von der Partie.
Mit der Hilfe von UNIT können Donna und der Doctor die Machenschaften des Toymakers zurückverfolgen, aber sehen sich im Jahre 1925 schnell einem überlegenen Gegner gegenüber, der keine Gnade kennt. Die einzige Hoffnung besteht darin, den Toymaker in einem Spiel zu besiegen, wie es der erste Doctor einst geschafft hat. Aber der erste Versuch schlägt hier fehl und obendrein gelingt es dem Toymaker später, den Doctor zur nächsten Regeneration zu bringen, die wohl für die größte Überraschung des Specials sorgt.
The Celestial Toymaker - Vorgeschichte
Wer sich das erste Abenteuer zum Toymaker mit dem ersten Doctor William Hartnell und dessen Begleitern Dodo (Jackie Lane) und Steven (Peter Purves) anschauen möchte, wird leider feststellen, dass drei der vier Teile bis heute als verschollen gelten. Es wurde allerdings jüngst angekündigt (siehe hier), dass dieses Abenteuer in animierter Form (mit dem O-Ton von damals, der existiert noch) wiederhergestellt und bald veröffentlicht wird, wie es bereits mit anderen, verschollenen Geschichten aus der Ära der ersten drei Doctoren passiert ist.

Es ist aber nicht besonders wichtig, ob man dieses alte Abenteuer im Vorfeld gesichtet hat oder nicht, denn die wesentlichen Informationen werden uns in The Giggle natürlich geliefert. Beispielsweise, dass das Reich des Toymakers außerhalb unseres Universums lag und (durch den Sieg des Doctors) vernichtet wurde. Der Toymaker selbst dürfte anschließend (ähnlich vielleicht wie die Bösewichte von letzter Woche es probiert haben) einen Weg in unser Universum gefunden haben und ja, gewissermaßen trifft den Doctor da eine Teilschuld.
Eine Information fehlt aber, denn das damalige Abenteuer würde heutzutage wohl in der Luft zerrissen werden, weil der Toymaker (Michael Gough war Brite) in ein asiatisches Kostüm gesteckt wurde, was offenbar die Boshaftigkeit dieser Figur untermalen sollte. Rassismus, wie er damals leider Gang und gäbe war und auch vor Doctor Who keinen Halt machte. Russell T. Davies nimmt sich in The Giggle aber äußerst geschickt diesem Thema an, indem er den vermeintlichen Rassismus zu einer Begleiterscheinung des Toymakers macht, die mit Blick auf die Figur auch sehr stimmig erscheint. Denn Neil Patrick Harris darf mehrmals den Akzent wechseln, spricht im O-Ton oft einen Mischmasch aus Englisch und Deutsch (oder auch Französisch), während er eher selten die reine Muttersprache benutzt. Das hat mir gefallen, auch wenn ich zu Beginn noch dachte „och bitte, jetzt ist der Toymaker ein böser Deutscher“.
The Celestial Toymaker - Gegenwart
In der Gegenwart wird auch schnell deutlich, wie verrückt und übermächtig der Toymaker als Figur wirklich ist. Er tanzt eingangs sogar mit unserem Doctor, der ihn zunächst nicht erkennt und feiert geradezu das Chaos auf den Straßen von London. Damit wird bereits im Vorfeld etabliert, wie „bösewichtig“ der Toymaker ist und dass Spiele für diese Figur das A und O der Existenz ausmachen. Im Folgenverlauf sollen wir noch viel mehr erfahren und womit der Toymaker sich selbst lobt, geht vielleicht ein wenig über das Ziel hinaus, wenn er angeblich ein Spiel gegen „Gott“ gewonnen hat, der daraufhin zu einem „Jack-in-the-Box“ wurde - andererseits ist das vielleicht genau der Humor, den wir heutzutage benötigen und um uns zu erklären, weshalb die Welt da draußen oder im Internet stellenweise so dermaßen aus den Bahnen gerät, dass es kaum einen Sinn ergibt. Aber okay, ich will hier nicht abdriften ins allgemeine Weltgeschehen, auch wenn dieses Special dazu einlädt.

In Sachen Abdriften sollte man vermutlich eher diese Szenen hervorheben, die einerseits lächerlich wirken, aber gleichzeitig aufzeigen, wie mächtig der Toymaker ist. Und es ist genau diese Mischung, die die Serie teils ausmacht. Einerseits sehr ernst, weil die Bedrohung bei UNIT angekommen ist und andererseits auch wieder spaßig und unterhaltsam, wenngleich sich um den Musikgeschmack des Toymakers sicher streiten lässt. Aber ja, dieser kleine Ausflug hat mir gefallen, auch wenn die Spice Girls nicht unbedingt auf meiner Playlist stehen.
Was aber mit Sicherheit wunderbar (!) funktioniert, ist Neil Patrick Harris als Toymaker. Das ist mal ein Gegenspieler, mit dem weniger zu spaßen ist und Harris macht das in seiner Rolle jederzeit deutlich, obwohl der Humor seine charakterliche Oberfläche dominiert. Mit anderen Worten eine perfekte Wahl für die Rolle.
Gesellschaftskritik
Betrachten wir jetzt das Vorhaben des Toymakers, welches ihm schon so gut wie gelungen ist, kommen wir nicht umhin, uns ein wenig mit der Intention von Russell T. Davies für dieses Special zu beschäftigen. Denn er hat die vernetzten (TV-)Bildschirme sicher nicht ohne Grund ausgewählt, um uns aufzuzeigen, wie gefährlich es ist, wenn jeder der Ansicht ist, Recht zu haben und keine Rücksicht mehr auf andere Meinungen nimmt. Diskussionen und Kompromisse werden dadurch unmöglich und wenn dann auch noch Gewaltbereitschaft obendrauf kommt, ist das Chaos perfekt und niemand kümmert sich mehr um den anderen.
Für mich ein großer Seitenhieb auf die sozialen Medien, die bei gewissen Themen oft gar nicht mehr so sozial sind, wie sie sein sollten. Fake News und Mobbing würden mir da zuerst einfallen, während Review-Bombing oder allgemein ausschließlich negative „Kritiken“ zu Filmen und Serien eher das Schlusslicht bilden. Es ist ja auch sehr einfach in unserer digitalen Zeit, einfach mal ein bisschen Hass zu posten. Ob am Handy oder am Laptop oder am PC, nie war es so einfach, seine persönliche Meinung herauszuposaunen, und zwar ohne kurz zu überlegen, ob damit womöglich eine Grenze überschritten wird, Leute verletzt werden oder gar diese eigene, persönliche Meinung zu hinterfragen. Insofern ist das Chaos, welches der Toymaker in diesem Special losgetreten hat, leider keine Neuigkeit. Aber die Thematisierung - auch durch den Doctor, der die positiven und negativen Eigenschaften der Menschheit gleichermaßen anführt - ist wichtig. Denn erst, wenn man ein Problem erkennt, lässt sich daran arbeiten. Und Serien wie Filme helfen sicherlich, auf gewisse Missstände aufmerksam zu machen. Fingers crossed.
Aber zurück zur Folge. Die ursprüngliche Prämisse, die uns Stooky Bill und John Logie Baird (John Mackay) zur Geburt des Fernsehens zeigt, ist primär zunächst eine historische Lektion, wie sie zu Zeiten des ersten Doctors noch an der Tagesordnung der Serie stand. Insofern lade ich dazu ein, den Links zu folgen und sich ein wenig mit der Geschichte vertraut zu machen - was sicher auch die Absicht des Autors dieses Specials war. Mit Blick auf Doctor Who ist es außerdem bezeichnend, dass aus dieser Erfindung eine unheimliche Geschichte kreiert wird, die im Jahr 2023 dazu führen soll, dass die Menschheit quasi durchdreht. Insofern hat dieses Special neben einem großartigen Bösewicht auch ein interessantes Thema zu bieten, über welches sich bestimmt ausgezeichnet diskutieren lässt.
Donna und der Doctor
Im Fokus stehen erneut Donna und der Doctor, wenngleich ich jeden einzelnen Gastauftritt sehr begrüßt habe. Denn hier kommt wirklich jeder (wenn auch manchmal etwas kurz) zum Zuge und darf zum Abenteuer (oder auch der Gesellschaftskritik) beitragen. Im Rahmen der Story wird außerdem noch auf vergangene Begleiter des Doctors eingegangen, wenn der Toymaker seine Augsburger Puppenkiste hervorholt, um Donna Angst zu machen. Amy Pond (Karen Gillan), Clara Oswald (Jenna Coleman) und Bill Potts (Pearl Mackie) werden ebenso wie das Flux-Geschehnis erwähnt, aber auf die jüngsten Begleiter wie Graham O'Brian (Bradley Walsh), Ryan Sinclair (Tosin Cole), Yasmin Khan (Mandip Gill) oder Dan Lewis (John Bishop) geht der Toymaker natürlich nicht ein - denn die leben noch.
Nichtsdestotrotz muss Donna sich fragen, was mit unserem Doctor los ist. Denn der Verlust von Begleitern gehört doch sicher nicht zum Alltag, oder? Okay, vielleicht gibt es hier einen kleinen Seitenhieb auf Showrunner Steven Moffat, denn unterm Strich und insgesamt betrachtet musste eher selten ein Begleiter des Doctors ins Gras beißen. Ausnahmen wie Adric (Matthew Waterhouse), der bis dato jüngste Begleiter des Doctors, werden später auch erwähnt, aber da sind wir bereits einen Schritt weiter. Vorerst ist es aber die Absicht des Toymakers, dass Donna ihren Doctor in Frage stellt - womit er keinen Erfolg hat.

Es ist einfach (erneut) wunderbar (!), Donna und dem Doctor zu folgen, wie sie das Labyrinth des Toymakers bestehen. Komisch kam mir nur vor, dass dort keinerlei Spiele gefordert werden, wie es einst üblich war. Aber okay, Bedrohungen gibt es für beide und gerade bei Donna habe ich mich gefreut, wie einfach sie die Puppen abschütteln kann. Dazu gibt es wirklich nicht viel zu sagen.
Aber die große Geschichte um unseren Doctor und Donna ist noch lange nicht zu Ende, wenn es in das letzte Drittel der Folge geht. Auf die große Überraschung komme ich gleich noch, aber unser 14. Doctor soll ein Happy End haben, welches zuvor noch nie einem Doctor zu Teil wurde. Und es ist großartig. Ich mag ja diese Dinner-Table-Szenen, wo die gesamte „Familie“ zusammenkommt und über Gott und die Welt diskutiert. Okay, hier vermutlich eher über die letzten TARDIS-Abenteuer, aber das ist auch okay. Jedenfalls sehen wir, dass unser David Tennant-Doctor endlich das genießen kann, wofür er so lange Zeit gekämpft hat und damit vorerst (?) glücklich ist. Endlich, denn solche Erlebnisse wurden dem Doctor über lange Zeit vorenthalten - mit kleinen Ausnahmen vielleicht, aber die wische ich kurz mal weg - und kommen mit ganz anderen Verpflichtungen daher. Verpflichtungen, um die sich „Fourteen“ vielleicht nicht kümmern muss und er scheint es zu genießen. Ein Happy End, über das ich mich sehr freue und mir viel lieber ist als ein weiterer Abschied.
The next Doctor
Oh, you dirty little Toymaker, didn't know your own rules, did you? - aber die große Überraschung konnte wohl niemand kommen sehen. Ich war schockiert, als der Toymaker den Doctor zur Regeneration gezwungen hat (und gerade mal zwei Drittel der Folge rum waren) und meinte, dass es nur passend wäre, wenn die nächste Inkarnation des Doctors das nächste, insgesamt dritte und damit entscheidende Spiel angeht. Aber eine „Bi-Generation“ hatte ich sicher nicht auf dem Schirm. Denn jetzt muss der Toymaker gegen zwei Doctoren kämpfen, nachdem Donna und Mel „gezogen“ haben. Und ja, ich bin sehr glücklich mit dieser Entscheidung, weil es damit für den einen Doctor ein Happy End gibt (mit Potenzial zur Rückkehr), während der andere seine eigenen Abenteuer erleben darf, auf die ich schon sehr gespannt bin.
Das frisch kreierte Duo darf den Toymaker jedenfalls im einfachen Spiel besiegen und ihn von seiner Existenz entfernen. Rückkehr möglich, sofern es jemand gibt, der die kleine Box erneut öffnet und damit das Schicksal der Menschheit herausfordern möchte. Hier vertraue ich auf UNIT, die die Box hoffentlich unter Verschluss hält.

Aber kommen wir zu Ncuti Gatwa zurück, der den nächsten Doctor spielt. Ich fand es durchaus etwas befremdlich, dass er keine Hose an hatte - die hätte man ihm gönnen können. Aber ansonsten eine durchweg positive Überraschung, die Lust auf mehr macht. Dieser Doctor kommt sympathisch daher, weiß auch, was auf dem Spiel steht, und macht im Kampf um den Toymaker einfach mit. Später erzeugt er eine zweite TARDIS, womit Fourteen ruhig schlafen kann. Guter erster Eindruck, würde ich meinen.
Sonstiges
Am Budget wurde nicht gespart, wie der Avengers-Tower, äh, UNIT-Tower schon direkt zeigt. Echt schon nicht schlecht, wenn diese Serie trotz (vorerst?) schwindender Zuschauerzahlen der BBC so viel wert ist. Unsereins war jedenfalls von den visuellen Aspekten beeindruckt. Gerne weiter so.
Große Gegner des Doctors werden angekündigt. Der Master mag zwar im Goldzahn vom Toymaker verborgen sein, aber genau dieser Zahn wird von einer Hand aufgegriffen, die womöglich nichts Gutes im Schilde führt. Insofern ist eine Rückkehr vom Master zu erwarten und ich bin gespannt, was Russell T. Davies dieses Mal in petto hat. Aber der Master ist nicht der einzige Langzeit-Gegner des Doctors. Die Daleks und Cybermen werden sicher auch mitmischen, wenn der neue Doctor seine Reise antritt (Tradition und so). Was mich aber wirklich überrascht hat, ist die Ankündigung von „The One Who Waits“. Jemand, dem selbst der Toymaker aus dem Weg gegangen ist. Dem neuen Doctor steht da also noch ein Abenteuer bevor, welches sicher nicht von schlechten Eltern sein wird. Ich bin gespannt, aber zu Weihnachten darf es sicher erstmal etwas leichter und seichter sein.
Fazit
Ein perfekter Abschluss für die Specials um das 60. Jubiläum der Serie. Der Gegner ist super gewählt, das Abenteuer aktuell und lehrreich, während charakterlich aus den Vollen geschöpft wird und sowohl Catherine Tate als auch David Tennant als Donna und Doctor endlich eine Art Happy End bekommen. Eine solche Folge gab es noch nie und das allein ist schon ein Meilenstein. Was das letzte Drittel allerdings macht, sorgt für große Vorfreude auf den nächsten Doctor, der uns zu Weihnachten hoffentlich ein weiteres, großartiges Abenteuer bescheren wird. Von mir gibt es fünf von fünf Sternen. Und von Euch?
Verfasser: Christian Schäfer am Sonntag, 10. Dezember 2023(Doctor Who 14x11)
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