Doctor Who 12x08

© zenenfoto aus der Doctor-Who-Folge The Haunting of Villa Diodati (c) BBC One
The Haunting of Villa Diodati
Maxine Alderton, aus deren Feder The Haunting of Villa Diodati stammt, hat sich keine leichte Aufgabe für dieses Abenteuer vorgenommen. In nur knapp 50 Minuten gilt es, die historischen Figuren der Villa Diodati im Juni des Jahres 1816 vorzustellen, mit dem Doctor (Jodie Whittaker) und deren Begleitern agieren zu lassen und in ein Abenteuer zu führen, welches die (historische) Realität mit der fiktiven Serienwelt von Doctor Who verknüpft und obendrein noch eine Einleitung zum kommenden (zweiteiligen) Staffelfinale abzuliefern. Wobei letzteres der überraschende Teil der Episode ist, denn den „Lone Cyberman“, vor dem Jack Harkness (John Barrowman) warnte, hatte hier wohl kaum jemand auf dem Schirm.
Aber fangen wir vorne an. Da fällt sogleich die große Anzahl von Figuren ins Auge, denn neben dem Doctor, Graham (Bradley Walsh), Ryan (Tosin Cole) und Yas (Mandip Gill) warten auf der historischen Seite Lord Byron (Jacob Collins-Levy), Dr. John Polidori (Maxim Baldry), Mary Wollstonecraft Godwin (Lili Miller), Claire Clairmont (Nadia Parkes), Percy Bysshe Shelley (Lewis Rainer) sowie ein Baby und ein paar Hausangestellte auf uns. Diese Fülle an Charakteren lässt schnell vermuten, dass The Haunting of Villa Diodati ähnlich überladen wie Can You Hear Me? wirken könnte, zahlreiche (historische) Figuren zu kurz kommen und das eigentliche Abenteuer erneut von charakterbasierten (aber weniger interessanten) Nebenhandlungen unterbrochen werden könnte.
Das ist hier aber glücklicherweise nicht der Fall. Denn Alderton konzentriert sich auf das Abenteuer und lässt dieses nie aus den Augen. Die historischen Figuren mögen zwar etwas zu kurz kommen und teilweise auf das Nötigste reduziert werden, aber insgesamt funktioniert diese Vorgehensweise erstaunlich gut und lädt letzten Endes dazu ein, sich nach der Folge noch etwas weiter mit ihnen zu beschäftigen - was mitunter auch ein wichtiges Ziel solcher „historischer“ Episoden sein dürfte.
Frankenstein
Als unser Doctor letzte Woche den Begriff „Frankenstein“ fallenließ, konnten wir einen Ausflug in die Villa Diodati bereits erwarten. Schließlich entstand Mary Shelleys Roman („Frankenstein oder Der moderne Prometheus“) genau dort, nachdem Lord Byrons Gäste sich aufgrund des schlechten Wetters mit Geistergeschichten unterhielten und anschließend die Idee aufkam, jeder möge doch seine eigene kleine Geschichte entwerfen und niederschreiben. Jedenfalls ist die Entstehungsgeschichte von Shelleys Roman ähnlich faszinierend wie die fertige Geschichte selbst. Die Episode zeigt mit dem Cyberman Ashad (Patrick O'Kane) zwar eine fiktive Alternative zur Ideenfindung auf (ursprünglich dienten unter anderem Galvanis Froschschenkelexperimente (siehe auch Galvanismus) als Inspiration, aber die ist im Rahmen der Serienhandlung durchaus akzeptabel. Wusstet Ihr eigentlich, dass John Polidoris' „Der Vampyr“, also die erste (romantisierende) Vampir(kurz)geschichte überhaupt, ebenfalls aus diesem Treffen hervorging?
Die Zielsetzung unseres Doctor und ihrer Begleiter ist somit eindeutig: dem Abend (eigentlich waren es wohl eher drei) beiwohnen, an dem Mary ihre Idee hat, und gleichzeitig noch die anderen bekannten historischen Figuren treffen - alles vor dem Hintergrund des Elendsjahrs Achtzehnhundertunderfroren, welches ebenfalls in der Folge thematisiert (und schließlich abgewandelt) wird. Doch bereits direkt nach der Ankunft der neuen Gäste wird klar, dass die Geschichte hier einen anderen Verlauf nehmen wird - unheimlicher, als es in der Realität der Fall gewesen sein dürfte, worauf mehrere Vorgänge in der Villa hindeuten, die übernatürlicher Natur zu sein scheinen. Außerdem glänzt Percy Shelley vorerst durch Abwesenheit.
Die Atmosphäre der Episode weiß dabei zu überzeugen und kann bis zum Schlussakt gehalten werden. Diverse Anleihen des unheimlichen und phantastischen Films werden genutzt und teilweise sogar mit und über den Schlussakt hinaus aufrechterhalten (so kann Graham sich beispielsweise nicht sicher sein, was die Existenz der Geister angeht, die er gesehen hat). Natürlich ließe sich monieren, dass hier altbekannte Effekte genutzt werden, wie zum Beispiel eine Vase, die von Geisterhand zerschmettert wird, Schatten, die auftauchen und wieder verschwinden, sowie die Villa selbst, die zum (unlogischen) Labyrinth wird, aus dem es kein Entkommen gibt. Zielsetzung ist es aber offensichtlich, den Zuschauer und die Protagonisten mit ebendiesen bekannten „Eigenschaften“ eines Spukhauses zu konfrontieren - mit Blick auf die Geschichte dahinter kaum verwunderlich und passend gewählt.

Zu guter Letzt möchte ich an dieser Stelle noch anmerken, dass der Schlussakt mit dem „Cyberium“ die Story ausnahmsweise mal nicht versaut, sondern lediglich in eine andere Richtung lenkt. Der Cyberman mag sich wie ein Fremdkörper anfühlen und kurz vor Schluss mit der Atmosphäre brechen, aber er wird gleichzeitig auch zur Inspiration von Mary und geht hier (doch relativ überraschend) als Sieger über den Doctor hervor - denn unsere Time Lady kann nicht riskieren, dass die Welt bereits 1816 endet (zugegeben, damit steht mal wieder die Welt auf dem Spiel, aber das sind wir mittlerweile ja gewohnt), eben getreu dem Motto: „Die Schlacht ist verloren, aber der Krieg ist noch nicht entschieden.“ Vor meinen Augen sehe ich da Frankensteins Monster auf einer Eisscholle wegschwimmen, wie es in den letzten Sätzen von Marys Romans geschildert wird. Und gerade diese Parallele - das Monster überlebt und kann womöglich noch weiter in unserer Welt wirken - ist das Sahnehäubchen des aktuellen Abenteuers. Kirsche inklusive, wenn Lord Byron in den letzten Szenen sein Gedicht Darkness vorträgt und damit einen ausgezeichneten Schlussmoment liefert.
Dialoge und Humor
Wie sich mittlerweile vielleicht schon erahnen lässt, möchte ich gar nicht im Detail auf die zahlreichen Dialoge der Figuren eingehen. Es werden gerade zu Beginn (beim Tanz) viele Informationshappen genannt, die zum weiterführenden Lesen um die Villa Diodati und deren Gäste einladen. Wobei mir die Dialoge insgesamt gefallen, selbst wenn sie nicht direkt mit dem Abenteuer zu tun haben. Solche Dinge wie das drohende Duell zwischen Polidori und Ryan oder Lord Byron, der sich unserem Doctor anzunähern versucht, geben der ganzen Situation einen gewissen und oft amüsanten Mehrwert. Für meinen Geschmack sind die Anteile der verschiedenen Figuren an Gesprächen und Situationen auch gut ausbalanciert, so dass diesmal niemand auf der Ersatzbank sitzt.
Was das Blickfeld trotzdem ein wenig trüben könnte, ist der Humor der Folge. Betonung auf „könnte“. Denn das „eiskalte Händchen“ (das war eher lustig als unheimlich, oder?) oder Grahams Suche nach einem WC könnten durchaus eine Spur zu viel Humor beinhalten, wenngleich ich das jetzt nicht als störend empfunden habe. Denn trotz dieser Ausflüge, die stellenweise zum Lachen einladen, bleibt die (An-)Spannung erhalten. Da wären eher kleinere historische Details störend, die in der Folge nicht aufgegriffen werden, wie beispielsweise der Klumpfuß von Lord Byron oder Claires Schwangerschaft. Aber auch über solche Details lässt sich leicht hinwegsehen.
Cyberium und Cyberman
Was den Einsatz von Cyberman Ashad betrifft, der hier stellvertretend Frankensteins Monster verkörpert, so lässt sich dieser nur als gelungen bezeichnen. Die Folge macht mal wieder bewusst, wie effektiv der Einsatz von nur einem Gegner sein kann. Es braucht keine Armee, die durch ihre schiere Masse bereits für Aussichtslosigkeit sorgt. Es reicht ein einziger Gegenspieler in Kombination mit einer tollen Atmosphäre, um die Spannung hochzuhalten und unseren Protagonisten ordentlich zu knabbern zu geben.
Zuletzt wurde das in Resolution mit einem Dalek probiert, aber trotz des guten Unterhaltungsfaktors des Specials weit weniger gelungen umgesetzt. Dafür gab es zu viele Übertreibungen, was die Fähigkeiten des Daleks angeht. Hier wird jetzt bei dem „Lone Cyberman“ an Fähigkeiten zurückgeschraubt, denn Ashad ist noch nicht vollständig und kann seinen Gefühlen daher freien Lauf lassen - womit wir Zorn gleichermaßen erleben wie mögliches Mitleid mit Marys Nachwuchs, was so wiederum zum Versuch einlädt, mit dem Bösewicht zu diskutieren. Der Gegenspieler erhält somit eine Persönlichkeit und ist nicht nur ein willenloser Sklave auf Vernichtungskurs, wie es bei seinen (fertigen) Artgenossen der Fall ist.

Was mir allerdings dennoch Rätsel aufgibt, ist die Verwendung des Cyberiums, welches sich Percy Shelley als Wächter auserwählt hat. Denn warum sollte das Cyberium versuchen, sich vor Ashad zu verstecken und aus der Villa Diodati einen „Panic Room“ zu machen? Das ergibt für mich keinen Sinn, ebenso wenig wie die anschließende Wahl, zunächst den Doctor als neuen Wirt zu nehmen. Schließlich ließe sich (auch mit Blick auf die Ausführungen des Doctor über das Cyberium) leicht die ganze Episode infrage stellen, was doch nicht beabsichtigt sein kann. Oder habe ich jetzt was übersehen?
Aber wie dem auch sei, für mich ist das Cyberium der einzige Faktor, der der Folge nicht besonders guttut. Vielleicht auch deshalb, weil wir vorher noch nie von Cyberium gehört haben, die Existenz der Cybermen aber bis zum ersten Doctor (William Hartnell) und dessen letzten Abenteuer The Tenth Planet zurückgeht und seitdem immer wieder aufgegriffen wurde.
Fazit
Ich bin beGEISTert. Endlich mal ein Abenteuer ganz nach meinem Geschmack, bei dem Geschichte und Serienwelt wundervoll miteinander verwoben werden und gleichzeitig ein schöner Auftakt zum Staffelfinale geliefert wird. Trotz der Einführung des Cyberiums (der einzige Punkt, der mir weniger zusagt) würde ich meinen, dass es sich hier um eine der besten Folgen der zwölften Staffel, der Chibnall-Ära und auch der Serie überhaupt handelt. Zugegeben, ich bin ein großer Frankenstein-Fan und somit sicher vorbelastet. Dennoch komme ich hier um die Bestnote nicht herum und muss einfach fünf von fünf Sternen vergeben - schlicht, weil Maxine Alderton und der gesamte Cast unter der Regie von Emma Sullivan hier etwas scheinbar Unmögliches möglich machen. Aber wie seht Ihr das?
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Hier abschließend noch der Trailer zur Episode Ascension of the Cybermen (12x09) der UK-Serie Doctor Who:
Verfasser: Christian Schäfer am Dienstag, 18. Februar 2020Doctor Who 12x08 Trailer
(Doctor Who 12x08)
Schauspieler in der Episode Doctor Who 12x08
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