Doctor Who 12x07

© zenenfoto aus der Doctor-Who-Folge Can You Hear Me? (c) BBC One
Can You Hear Me?
Wesen aus anderen Dimensionen oder Paralleluniversen? Das hatten wir diese Doctor Who-Staffel mit Blick auf den zweiteiligen Auftakt und die Kasaavin bereits in abgewandelter Form. Doch ich will nicht direkt losmeckern, fängt Can You Hear Me? doch eigentlich sehr vielversprechend an und lässt zunächst auf eine klassische Monsterfolge hoffen, die durch die Auftritte von Zellin (Ian Gelder) - der sich offenbar zwischen Zeiten und Orten frei bewegen kann - nur noch unheimlicher wird. So beschränkt sich die Handlung nicht nur auf Aleppo im Jahr 1380, sondern holt in der Gegenwart auch Graham (Bradley Walsh), Ryan (Tosin Cole) und Yas (Mandip Gill) ein, wobei relativ schnell klarwird, dass Albträume und Ängste im Vordergrund stehen. Eine gute erste Hälfte, die auch zum Miträtseln über die Gefangenen aus Grahams Vision einlädt. Kleiner Wermutstropfen ist aber bereits hier, dass die Folge mitsamt aller Charakterstränge leicht bis schwer überladen wirkt.

Die Identitäten von Zellin und der gefangenen Rakaya (Clare-Hope Ahitey) werden erst später gelüftet und kurz danach fällt die Episode aufgrund zahlreicher Erklärbärmomente, einer viel zu einfachen (und unstimmigen) Lösung sowie einer charakterlich mehr als holprigen Schlussfahrt doch stark ab. Über die Referenzen an den „(Celestial) Toymaker“, die „Eternals“ und die „Guardians“ darf sich der geneigte Whovian natürlich freuen, ebenso über den neuerlichen Hinweis auf „The Timeless Child“ - welches im Albtraum unseres Doctor (Jodie Whittaker) zu sehen ist (und interessanterweise von Zellin als Lüge bezeichnet wird). Doch wer jetzt die alten Folgen von Doctor Who kennt, in denen ebendiese von Zellin genannten Wesen vorkamen (übrigens keine Marvel-Filme, auch wenn man das meinen könnte), dürfte über die Lösung des dieswöchigen Abenteuers nur umso enttäuschter sein.
Figuren

Aber bleiben wir erst mal bei den Figuren. Mit Tahira (Aruhan Galieva) gibt es augenscheinlich bereits in den ersten Minuten die wichtigste Gastfigur dieser Woche. Die Monster, die uns hier erwarten und später von Zellin als Chagaskas bezeichnet werden, entstammen ihren Albträumen. Mit den Begleitern in der Gegenwart hätte sich jetzt annehmen lassen, dass wir hauptsächlich in Aleppo sein werden und Tahira diese Woche als Begleiterin fungiert. Schließlich gilt es auch, ihre Hintergrundgeschichte zu beleuchten und eine kleine Entwicklung zu absolvieren. Letzteres ist notwendig, damit sie ihre Ängste erobern und schließlich kontrollieren kann - der wesentliche Punkt, mit dem Zellin und Rakaya (wieder) weggesperrt werden können. Doch Tahiras Rolle ist während der Episode viel zu klein und wir bekommen letztlich bloß von Yas erzählt, dass sie ihre Ängste erobert hat (statt es zu sehen). Auch zur Hintergrundgeschichte werden uns lediglich Fetzen präsentiert. Das ist zu wenig, selbst wenn wir es nur mit einer Gastfigur zu tun haben. Vielleicht wäre es in der Tat besser gewesen, Graham, Ryan und Yas diese Woche außen vor zu lassen.
Denn unsere festen Begleiter erhalten auf der anderen Seite zu viel Zeit und unterbrechen das eigentliche Geschehen dementsprechend oft. Zugegeben, die Erlebnisse in Sheffield in der Gegenwart sind ebenfalls mit dem Abenteuer verwoben und es kann sicher nicht schaden, wenn wir mehr über unsere Begleiter sowie deren Familien und Freunde erfahren. Charlene James und Chris Chibnall machen es sich dabei aber unnötig schwer, indem sie nicht auf Bekanntes setzen, sondern - zumindest bei Yas und Ryan - neue, uns bis dato unbekannte Ereignisse oder weniger bekannte Bezugspersonen ins Spiel bringen. Das ist sehr viel Stoff für nur eine Episode und letztlich einfach zu viel.
Bei Yas steht beispielsweise ein nicht näher erörtertes Treffen mit der Familie an, zu dem sie zu spät erscheint und daheim nur ihre Schwester Sonya (Bhavnisha Parmar) antrifft. Wohin die Eltern bereits aufgebrochen sind, bleibt fraglich, ebenso der Grund dafür, weshalb Yas vor drei Jahren weglaufen wollte. Uns schwant zwar, dass damals etwas Tragisches passiert sein muss, aber es bleibt (vorerst) bei vagen Andeutungen. Die Beziehung zu Sonya wird dafür vertieft und offenbar ist es die größte Angst von Yas, plötzlich allein und ohne Familie dazustehen - wie ihr Albtraum (mit Finger im Ohr) aufzeigt. Nur: Hätte es für diese Angst einen vergleichsweise großen Storybogen - mitsamt abschließenden Besuchs bei Polizistin Anita Patel (Nasreen Hussain) überhaupt benötigt? Vermutlich eher nicht.
Bei Ryan lernen wir währenddessen den besten Freund Tibo (Buom Tihngang) näher kennen, den wir bislang nur einmal kurz im Staffelauftakt gesehen haben (sofern ich mich nicht täusche). Entsprechend schwierig ist es (für die Autoren), uns zunächst einmal zu vermitteln, welch hohen Stellenwert Tibo für Ryan hat. In meinen Augen gelingt das zwar, womit auch mit Blick auf Ryans Albtraum seine Angst entsprechend verdeutlicht wird. Aber wie schon bei Yas wird nicht gerade wenig Zeit darauf verwendet, einen Storybogen zu zeigen, der sich (vorerst) unnötig lang anfühlt. Wobei Ryans abschließendes Gespräch mit Yas darauf hindeuten könnte, dass er die TARDIS bald verlässt - denn seinen Albtraum und somit seine Angst hat er am Ende nicht überwunden.
Graham sitzt mit Blick auf Yas und Ryan mal wieder auf der Ersatzbank, was diese Woche aber nicht so schlimm ist. Ein Kartenspiel mit zwei Freunden, die auch nicht näher vorgestellt werden müssen, sorgt für nur kurze Unterbrechungen des Abenteuers und sein Albtraum später passt zu dem, was wir aus den vorherigen Episoden bereits über ihn wissen. Ungleich Yas und Ryan erhält Graham am Ende aber keine Aufmunterung. Hätte unser Doctor nicht wenigstens einmal mit dem Sonic Screwdriver wedeln und Graham versichern können, dass sein Krebs weg ist? Oder wenigstens ein paar aufmunternde Worte sprechen können? Der Doctor wirkt da am Ende gegenüber Graham gefühllos und kalt, was einem überhaupt nicht schmeckt. Mag sein, dass sie mit den Gedanken woanders ist (sie spricht auch mit niemandem über ihren Albtraum), aber so geht man einfach nicht mit Leuten um, die sich einem gegenüber öffnen und zu Beginn der Staffel betonten, dass sie ein Familienmitglied ist.
Götter?

Kommen wir jetzt zu den handlungstechnischen Knackpunkten der Episode, bei denen Zellin und Rakaya wohl am meisten für Kopfzerbrechen sorgen. An sich wäre das nicht schlimm, denn derartige Wesen - und da blicke ich mit einem Auge auch auf die älteren Episoden der Serie vor dem Neustart 2005 - können durchaus bizarr wirken und nicht immer logisch erscheinen. Überhaupt steht und fällt eine Folge der Sorte „Monster der Woche“ jeweils damit, wie interessant die jeweiligen Bösewichte/Monster und deren Motive sind.
Wie oben weiter bereits angemerkt, weiß der Aufbau zwar durchaus zu gefallen. Zellin ist von Beginn an präsent und hat überall seine Finger (sorry, couldn't resist) im Spiel. Unheimlich wie der „Tall Man“ (Angus Scrimm) aus der „Phantasm“-Reihe (dt.: „Das Böse“) zieht uns Ian Gelder mit Leichtigkeit in seinen Bann und wird den jüngeren Zuschauern der Serie sicher den einen oder anderen Albtraum bescheren. Die Spannung um seine Person und seine Motive sind es auch, was die Folge über weite Teile am Laufen hält und letztlich zur großen Wendung führt, als die Gefangene sich als seine Komplizin entpuppt. Es ist Zellin in der Tat gelungen, unseren Doctor dazu zu bewegen, Rakaya zu befreien - womit der Menschheit (mal wieder) ein schlimmes, in diesem Fall albtraumhaftes Schicksal droht.
Gleichzeitig kommen mit dem Twist (und der Erklärung dazu) aber direkt wieder Fragen hoch. Wie konnten die Bewohner der beiden Planeten, die da zu kollidieren drohen und Rakaya im Gefängnis halten, überhaupt ihren Plan ausarbeiten, geschweige denn in die Tat umsetzen? Müssten die gottgleichen Wesen das Vorhaben nicht erkannt haben? Und was hindert Zellin daran, eine Zeitreise zu unternehmen, um den Plan im Nachhinein zu vereiteln? Denn offenbar können die beiden nach Belieben hin- und herreisen. Womöglich (sofern sie wollten) auch bis zum Ende der Ewigkeit und somit die Zeit überspringen, die sie sonst mit ihren Spielchen verbringen. Seht Ihr die Probleme, die schon die kleine Geschichte über die Bewohner der Planeten und deren „Götter“ mit sich bringen?
Aber ich sprach vorhin davon, dass nicht immer alles logisch sein muss. Ein paar Randbedingungen müssten allerdings gegeben sein oder zumindest etwas, was einer Art „inneren Logik“ folgt. Nehmen wir also hin, dass das Gefängnis funktioniert (hat), Zellin allein nicht dazu in der Lage ist, dieses zu öffnen und so weiter. Dann stellt sich trotzdem die Frage, weshalb er später den Chagaska fürchtet, den er selbst aus den Gedanken von Tahira geschaffen hat. Sollte er nicht dazu in der Lage sein, dieses Wesen quasi mit einem Fingerschnippen wieder verschwinden zu lassen? Und warum haben die beiden sogenannten Götter Angst davor, wenn sie doch unsterblich sind? Man könnte sicher noch weitergehen und weitere Fragen stellen, aber das soll an dieser Stelle erst mal genügen.
Des Weiteren ist nach der Befreiung von Rakaya und der ungewohnt präsentierten Vorgeschichte ein bisschen die Luft raus. Was zuvor noch unheimlich wirkte, mutet nun an der Grenze zum Lächerlichen an - beispielsweise, wenn die beiden Möchtegerngötter durch eine leere Straße flanieren und bereden, wie sie weiter vorgehen sollen. Auf der Seite des Doctor ist derweil eine Lösung gefragt. Was hier spannend und trickreich verlaufen könnte, wirkt aber leider wie eine Auflösung der Marke „husch, husch“. Zu schnell, zu einfach und zu unglaubwürdig kann sich der Doctor befreien. Zu viele erklärende Dia- und Monologe folgen, wobei es auch ein wenig Licht gibt (wenn die Menschheit gelobt wird beispielsweise), dieses aber nur selten durchscheint. Und wie fix Zellin und Rakaya plötzlich besiegt sind? Eine echte Enttäuschung.
Fazit

Leider nicht das Gelbe vom Ei, obwohl die Episode ziemlich gut anfängt. Bis zu einem gewissen Punkt sehr unheimlich und spannend, wenngleich von vornherein mit zu vielen Charakter-Storys überladen, gibt es in der zweiten Hälfte eine Talfahrt, die kaum jemandem schmecken dürfte. Hoffen wir mal, dass die angedeutete Frankenstein-Geschichte besser wird. Von mir gibt es diese Woche zweieinhalb von fünf Sternen. Und von Euch?
Der Trailer zur Episode The Haunting of Villa Diodati (12x08) der UK-Serie Doctor Who:
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Verfasser: Christian Schäfer am Dienstag, 11. Februar 2020Doctor Who 12x07 Trailer
(Doctor Who 12x07)
Schauspieler in der Episode Doctor Who 12x07
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