Dexter 8x04

Die vierte Episode der letzten Staffel von Dexter wird durch die vielversprechende Dreiecksdynamik zwischen Dexter (Michael C. Hall), Dr. Vogel (Charlotte Rampling) und Deb (Jennifer Carpenter) dominiert. So hat Debra mittlerweile von der entscheidenden Rolle erfahren, die die Psychiaterin bei der Konditionierung ihres Bruders innehatte. Dabei führt Scar Tissue die Zuschauer geschickt auf eine falsche Fährte, die in der Eskalation endet...
Behandlungserfolge?
Es ist erstaunlich, wie kooperativ sich Deb im Umgang mit Dr. Vogel gibt. Dies spricht nicht zuletzt auch für das Talent der Psychiaterin, ihre Mitmenschen zu manipulieren. Unter der Leitung Vogels kann die ehemalige Polizistin dabei in der Tat Fortschritte verbuchen, was besonders in ihrer Interaktion mit Jacob Elway (Sean Patrick Flanery) deutlich wird. Ihr Verzicht auf Bier ist zwar kein sonderlich subtiler Fingerzeig, lässt aber auf ein sehr viel gefestigteres Selbst schließen, als bei der Deb der vorangegangenen Episoden. Doch dann stößt die ehemalige Polizistin in einem verhängnisvollen Schlüsselmoment auf Videoaufnahmen ihres Vaters: „I don't think I can live with this,“ sagt Harry als Reaktion auf Dexters ersten Mord in die Kamera. Wenig später hatte sich der Polizist selbst das Leben genommen.
Die ausgeprägte Ähnlichkeit zu ihrem Vater, die Vogel Deb vor Augen geführt hatte, resultiert in einer dramatischen Verzweiflungstat: Auch Debra kann nicht mit ihrer Tat und dem Wissen um Dexters wahre Natur leben - doch im Gegensatz zu ihrem Vater möchte sie ihren Bruder mit sich in den Tod reißen.
Vogels Therapie
Es manifestiert sich auf sehr eindringliche Weise, dass Vogel das Leben - und insbesondere das Wirken - von Dexter wichtiger ist, als der Tod einer Unschuldigen (sprich LaGuerta). In ihrem „big picture“ erfüllt er als Beseitiger menschlichen Abschaums einen legitimen Zweck: „...you are part of the natural order of things.“
Dadurch, dass Dexter seine Taten zu akzeptieren lernt, würde er in Vogels Augen nicht länger auf andere Menschen angewiesen sein, um mehr in sich zu sehen als ein bloßes Monster. Vielleicht wäre eine langfristige Trennung von ihrem Bruder für Debs mentale Genesung ja von Vorteil. Zunächst machen Vogels Bestrebungen in den Augen der Rezensentin jedoch erneut den Eindruck, dass die Psychiaterin in erster Linie Dexter isolieren möchte.
Gegen eine derartige Prioritätensetzung Vogels sprechen allerdings ihre Bemühungen um Deb, die wahrhaftig den Eindruck machen, ihrer Patientin den Weg in ein neues Leben ermöglichen zu wollen. Eindringlich macht Vogel Deb klar, dass sie mit dem Mord an LaGuerta das Beste aus einer „unmöglichen“ Entscheidung gemacht hat, und es sich bei ihr trotz allem um einen guten Menschen handelt. Vielleicht liegt ihr das Wohl Debras ja doch am Herzen?

Vogels aufrichtig anmutende Bemühungen bleiben Dexter jedoch verborgen. Als er zufällig auf die Aufzeichnungen stößt, die Vogel über ihn führt, meint er in der Psychiaterin eine skrupellose Forscherin zu erkennen, die ihn - und auch Debra - wie eine Laborratte missbraucht. Sobald er mit Vogels früherem Patienten A. J. Yates (Aaron McCusker) den Brain Surgeon ausgeschaltet habe, möchte er fortan nichts mehr mit ihr zu tun haben.
Wer ist der Hirnchirurg?
Zum Glück handelt es sich bei Yates nicht um einen der Gegner, die sich nach nur einer Episode mehr oder weniger hilflos auf Dexters Tisch wiederfinden. Trotz der kurzen Einführung seines Charakters konnte er die Rezensentin dank seiner emotionalen Abgebrühtheit recht schnell in seinen Bann ziehen und erweist sich Dexter - zumindest zeitweise - gar als ebenbürtig. Außerdem dient dieser Killer - als das Paradebeispiel für einen „echten“ Psychopathen - dazu, Dexters spezielle Eigenheiten hervorzuheben: Während Yates nicht zögert, das Leben seines Vaters aus Eigennutz auszulöschen, ist Deb für ihren Bruder weit mehr als nur ein Stück menschlicher Fassade.
Gleichzeitig bekommt man das Gefühl, dass Dr. Vogel in Bezug auf die Narbe auf A.J.'s Hinterkopf vielleicht doch eine größere Rolle gespielt haben könnte, als sie sagt. Obwohl man aus Yates' Worten („Vogel. She has found herself a hero.“) Schlüsse über seine Abneigung gegenüber der Psychiaterin ziehen kann, steht doch keines Falles fest, dass es sich bei ihm tatsächlich um den Brain Surgeon handelt. So entsprechen dessen Opfer schlichtweg nicht dem Tötungsmuster des Frauenmörders Yates...
Sergeant Quinn
Die Rolle von Joey Quinn (Desmond Harrington) hat besonders bei seinem Gespräch mit Debra einen gewissen Tiefgang inne. Davon abgesehen darf er sich nur durch eine fast schon masuka'eske Klamauk-Einlage („I have just never been this happy to get back a positive test!“) im Anschluss an seine bestandene Prüfung zum Sergeant hervortun - und eine vollkommen überflüssige Schlägerei. Schließlich ist bis jetzt wohl selbst dem unaufmerksamsten Zuschauer klar geworden, dass Debra ihm noch wichtig ist. Um einiges überraschender ist da schon die Art und Weise, in der Jamie Batista (Aimee Garcia) ihrer Eifersucht Ausdruck verleiht und sein allzu Deb-freundliches Verhalten sanktioniert. Jamies sadistische Strafmaßnahme ist nicht nur hübsch mit anzusehen, sondern verleiht ihrem Charakter auch eine gänzlich neue Facette.
Mini-Masuka
In einem weiteren sekundären Erzählstrang wird Vince Masuka (C.S. Lee ) unverhofft mit seiner erwachsenen Tochter konfrontiert. Die hübsche Niki (Dora Madison Burge) gibt ihm zwar die Gelegenheit, seinen gängigen Geschmacklosigkeiten mithilfe des Inszest-Faktors zu einem neuen Grad von „unangebracht“ zu verhelfen. Auch in der Tatsache, dass Vater und Tochter das gleiche Lachen haben, schwingt ein gewisser Humor mit. Doch insgesamt drängt sich an dieser Stelle verstärkt der Eindruck auf, als wären den Drehbuchautoren in Bezug auf Vince endgültig die Ideen ausgegangen. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Familienzusammenführung am Ende noch eine gewisse Bedeutung zukommen wird.

Das Mädchen von Nebenan
Die Art und Weise, wie Dexters Nachbarin Cassie (Bethany Joy Lenz) als Love Intererest eingeführt wird, erfolgt in seiner holzhammerhaften Überbetonung etwas ungeschickt. So hätte bereits der intensive Augenkontakt zwischen den beiden ausgereicht, um ein gewisses gegenseitiges Interesse nach außen zu tragen - obwohl Dexter in diesem Moment wirklich andere Probleme hat als die von ihm ohnehin nicht sonderlich überbewerteten Liebesdinge. Dass dann nach einander sowohl der unschuldige Harrison (Jadon Wells) als auch Jamie als Amors kleine Helfer missbraucht werden, ist - gelinde gesagt - etwas übertrieben. Aber vielleicht wird sich die Cassie-Problematik mit der Rückkehr der Hannah McKay (Yvonne Strahovski) ja von selbst erledigen...
Ein gelungenes Ende
Die dramatischste Szene dieser Folge von Dexter straft den Episodentitel Scar Tissue eindrucksvoll Lügen und ist gleichzeitig ein gutes Beispiel für den prägnanten Einsatz der Kameraführung in dem Format. Indem Debra und Dexter in der Nahaufnahme betrachtet werden, wird eine Intimität zwischen den beiden suggeriert, die davon kündet, dass der Heilungsprozess von Debras seelischen Wunden tatsächlich begonnen hat. Umso stärker wirkt der darauf folgende WTF-Moment, in dem Deb das Steuer von Dexters Wagen herumreißt. Dieser verzweifelte Akt lässt ihr vorangegangenes, und ungewöhnlich warmherziges Gespräch mit Quinn in neuem Licht erscheinen und passt insofern großartig zu Debras Charakter, als dass Vogels Therapie bei ihr keine Wunder bewirken konnte. Dass Deb ihren Bruder dann doch, und noch in dieser Episode, aus den Fluten rettet, ist ebenfalls ein gelungener Schachzug der Serienverantwortlichen: Zum einen bewahrheitet sich darin Vogels scharfsinnige Erkenntnis, dass sich Deb am Ende immer für ihren Bruder entscheiden wird. Zum anderen wird somit darauf verzichtet, die Zuschauer mit einem allzu berechenbaren Cliffhanger hinzuhalten.
Fazit
Jennifer Carpenter kann sich in dieser Episode selbst übertreffen: Ihr Gesichtsausdruck in dem Moment, in dem Dexter im Wasser versinkt, spricht Bände. Ihre Mimik reflektiert die innere Zerrissenheit ihrer Figur, die schließlich durch eine Welle der widerstrebenden Zuneigung für ihren Bruder ausgemergelt wird. Überhaupt gelingt es Carpenter vortrefflich, unter der vermeintlich genesenden Deb deren wahren Zustand hervorscheinen zu lassen.
Obwohl auch in dieser Episode gewisse Makel - wie die Einführung von Cassie und die Existenz von Niki - gegeben sind, liefert Scar Tissue dank der stimmigen Interaktion zwischen den Morgans und Vogel und einem vielversprechenden Bösewicht gute Unterhaltung, die durch eine grandiose Carpenter noch veredelt wird.
Man darf darauf gespannt sein, ob Debras Rettungsakt nun wie eine Art von Katharsis wirkt, und einen harmonischeren Neubeginn der geschwisterlichen Beziehung nach sich zieht - oder ob Deb ihrem Bruder vielleicht die Vorteile einer Existenz eben jenes „Vollblut-Psychopathen“ nahegebracht hat, den Vogel sich so sehr herbei zu sehnen scheint...
Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 22. Juli 2013(Dexter 8x04)
Schauspieler in der Episode Dexter 8x04
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