Dexter 8x03

Dexter 8x03

Die neue Episode von Dexter kann nicht in ihrer Gänze überzeugen, da es sich die Drehbuchautoren teilweise etwas zu leicht gemacht haben. Zum Glück begeistert die Serie aber gleichzeitig durch einen psychologischen Exkurs und großartige Schauspieler.

Dexter (Michael C. Hall) schenkt Dr. Evelyn Vogel (Charlotte Rampling) sehr schnell großes Vertrauen. / Besiegelt er damit seinen Untergang in der US-Serie „Dexter“? / (c) Showtime
Dexter (Michael C. Hall) schenkt Dr. Evelyn Vogel (Charlotte Rampling) sehr schnell großes Vertrauen. / Besiegelt er damit seinen Untergang in der US-Serie „Dexter“? / (c) Showtime

Die Episode What's Eating Dexter Morgan? zeigt eine Debra (Jennifer Carpenter), die nur durch pures „Glück“ einer langjährigen Haftstrafe entgeht. Während Dexters (Michael C. Hall) Strategie, seiner Schwester zu helfen, eindrucksvoll fehlschlägt, darf man in diesem Zusammenhang künftig auf die Methodik der Dr. Vogel (Charlotte Rampling) gespannt sein...

Ein holpriger Auftakt

Der „falsche Alarm“, den die Macher von Dexter mithilfe eines Harrison (Jadon Wells) im nächtlichen Eisrausch auslösen, wirkt mitsamt der allzu dramatischen Spur aus rotem Zuckerwasser zu konstruiert, um als gelungener Einstieg in eine der letzten Episoden der Serie gewertet werden zu können. Glücklicherweise hält die Folge mit dem etwas ungelenken Titel What's Eating Dexter Morgan? aber auch ein paar dramaturgische Glanzleistungen bereit.

Quinn als Retter in der Not

Während Dexter seine kriminelle Routine erst am Ende dieser dritten Episode wieder aufnimmt, kann seine Schwester Deb in der Zwischenzeit auch den Punkt „drunk driving“ auf ihrer persönlichen Liste der Entgleisungen abhaken. Quinn (Desmond Harrington) zeigt sich durch diese Entwicklung zwar besorgt. Da er jedoch nichts von dem wahren Auslöser für Debras selbstzerstörerisches Verhalten weiß, sind seine Mittel, der strauchelnden Exfreundin zu helfen, begrenzt. Im Umgang mit Debra kann er auf der einen Seite zwar sein loyales Wesen und seinen guten menschlichen Kern unter Beweis stellen. Auf der anderen Seite wird er durch die aktuellen Begebenheiten jedoch auch ein Stück weit seiner Qualifikation für den Polizeidienst beraubt. So kann Quinns ausufernde Ignoranz in Bezug auf Debras Rolle im Mordfall LaGuerta auch dadurch nicht gerechtfertigt werden, dass er sie einst hatte heiraten wollen.

Wer ist der echte Hirnchirurg?

Nicht erst nachdem jemand den Leichnam von Lyle Sussman so manipuliert hat, dass er Selbstmord begangen zu haben scheint, steht fest, dass der wahre brain surgeon noch auf freiem Fuß ist. In diesem Zusammenhang ist die Tatsache entscheidend, dass es sich bei dem Serienmörder nicht um Dr. Vogel selbst handelt: So scheint die Psychiaterin tatsächlich schockiert darüber zu sein, dass Sussmans Killer ihr ein neuerliches Präsent vor die Tür legt. Dieses Mal bezieht der Unbekannte auch Dexter in sein morbides Spielchen mit ein, indem er für ihn das Hirngewebe verpackt, das beim Menschen für das Sehen verantwortlich ist. Falls mit diesem spezifischen Areal unseres Denkapparates eine tiefere Symbolik einhergehen sollte als ein „I am watching you“, ist sie vorerst noch nicht zu erschließen - zumindest geht es der Rezensentin so.

Quinn (Desmond Harrington) macht sich Sorgen um seine Exfreundin Deb (Jennifer Carpenter). © Showtime
Quinn (Desmond Harrington) macht sich Sorgen um seine Exfreundin Deb (Jennifer Carpenter). © Showtime

Fallstudie Dexter Morgan

Die Beziehung zwischen Vogel und Dexter ermöglicht es auf verlockende Weise, einen Blick in Dexters außergewöhnliches Wesen zu werfen. Obwohl - oder gerade weil - sich Evelyn aufgrund ihrer Einflussnahme auf Harry (James Remar) als Dexters spiritual mother betrachtet, legt sie in Bezug auf Dexter ein hohes Maß an professioneller Neugierde an den Tag. Ihr „Ziehsohn“ stellt für sie als Untersuchungsobjekt auch aus dem Grund einen besonderen Mehrwert dar, da der vermeintliche Psychopath im Laufe der Jahre - und vielleicht auf Grundlage seines Codes - echte Emotionen entwickeln konnte. Doch statt in dieser besonderen Eigenheit Dexters einen Hoffnungsschimmer der Menschlichkeit zu sehen, müht sie sich augenscheinlich darum, seine Gefühle für Debra argumentativ zu entkräften. Auf mehr oder auch weniger subtile („I want you to revel in what you are.“) Art und Weise deutet sich an, dass Dexter in Vogels Augen erst dann „perfekt“ ist, wenn er sich seiner empathischen Auswüchse entledigt hat. Eine überdurchschnittliche Toleranz ihrerseits für das Töten Unschuldiger manifestiert sich bereits in ihrer Kontribution für Harrys Code („Never get caught!“). Obwohl Vogel also nicht als brain surgeon in Frage kommt, wohnt ihrem Charakter eine beunruhigende Dunkelheit inne.

Carpenter gibt alles

Dexter hat eine Strategie entwickelt, die dem Irrweg seiner Schwester ein Ende bereiten soll. Daran, dass sich Deb überhaupt zu einem gemeinsamen Abendessen mit ihrem Bruder bereit erklärt, wird deutlich, dass sich ein Teil von ihr - so sehr sie ihn momentan auch verdrängen möchte - nach wie vor nach Dexters Nähe sehnt. Die Art und Weise, in der sie im Anschluss an ihr Einverständnis zum Essen die Augen verdreht, zeugt von dem inneren Zwiespalt zwischen diesem Nähebedürfnis und dem quälenden Ekel über das, was dieser Mensch aus ihr gemacht hat. In diesem Moment der stummen Verzweiflung wird wieder einmal auch Carpenters schauspielerische Expertise deutlich, die sie in What's Eating Dexter Morgan? erneut unter Beweis stellt.

Ein Kannibale ohne Biss

Der Charakter von Vogels ehemaligem Patienten Ron Galuzzo (Andrew Elvis Miller) hätte theoretisch für Dexter und die Zuschauer gleichermaßen die Gelegenheit bieten können, Details über Vogels therapeutisches Wirken kennenzulernen und dabei mehr über die mysteriöse Figur in Erfahrung zu bringen. Leider verkommt der Killer mitsamt seiner kannibalischen Neigung zu einer Art von comic relief - zumindest wenn man ihn mit seinem kulinarisch Gleichgesinnten aus NBCs Hannibal vergleicht, was man Dexter zuliebe an dieser Stelle besser unterlassen sollte. Fast kann man froh darüber sein, dass auf Galuzzos Gelüste nicht näher eingegangen wird. Sowohl der Finger in der Suppe als auch sein stummer Tod auf Dexter Tisch künden nämlich davon, dass es bei seiner Figur eher darum geht, kurzfristig zu schockieren als darum, eine vielschichtige Charakterzeichnung zu vollziehen.

Batista, bedeutungslos

Doch nicht nur Galuzzo hätte das Recht, sich bei den Drehbuchschreibern von Dexter über die Verschwendung seines Potentials zu beschweren. Auch Batista ist, was den Handlungsspielraum seiner Figur angeht - ähnlich wie Quinn - wirklich zu bedauern. So darf sich der Lieutenant - indem er Quinn vor dem herrlich herablassenden Deputy Chief Tom Matthews (Geoff Pierson) verteidigt - zwar als großherzig profilieren. Doch abgesehen davon verharrt er weiterhin in der Bedeutungslosigkeit.

Deb (Jennifer Carpenter) arbeitet nun mit einem Freund der experimentierfreudigen Getränke (Sean Patrick Flanery) zusammen. © Showtime
Deb (Jennifer Carpenter) arbeitet nun mit einem Freund der experimentierfreudigen Getränke (Sean Patrick Flanery) zusammen. © Showtime

I want to confess...

Dexter gelingt es mithilfe eines Tricks tatsächlich, seiner Schwester in Erinnerung zu rufen, dass es sich bei ihr um einen guten Menschen handelt. Als sie im Restaurant ein charakteristisches „I am fucking starving“ über die Lippen bringt, deutet sich kurzzeitig gar eine unkomplizierte Versöhnung der Geschwister Morgan an. Doch zum Leidwesen für Dexter - und zum Glück für die Glaubhaftigkeit der Geschichte - bedeutet Debras Besinnung auf ihr altes Selbst, dass sie die Verantwortung für ihre Taten übernehmen will.

Erst in diesem Zusammenhang wird dem Erzählstrang um Debs Tätigkeit als Privatdetektivin eine gewisse Relevanz zuteil. Der einzige Vorzug ihrer Überwachung eines Ehebrechers besteht für Deb darin, die fast krankhafte Bereitschaft zur Selbsttäuschung hervorzuheben, zu der eine Person fähig ist, wenn es um ihre Liebsten geht. So wird der Ermittlerin über einen Umweg vor Augen geführt, wie schwach ihre Position in ihrer Beziehung zu Dexter ist.

Einerseits ist die ganze Wahrheit über den Tod von LaGuerta schlichtweg zu abstrus, damit Quinn sie auf Anhieb glauben könnte. Andererseits wirft die Tatsache, dass Quinns Instinkt so vollkommen aussetzt - wie bereits erwähnt -, kein schmeichelhaftes Licht auf den Polizisten. Sein Unvermögen ermöglicht es Dexter zwar, die Katastrophe einer geständigen Deb noch einmal abzuwenden. Allerdings existiert zum einen noch immer das schriftliche Geständnis Debras. Zum anderen kann man selbst Quinn nicht absprechen, aus Debs kryptischem Gestammel im Lichte von neuen Erkenntnissen zur Abwechslung einmal die richtigen Schlüsse zu ziehen...

Fazit

Die Episode Every Silver Lining erinnert in ihrem grundlegenden Aufbau ein wenig an die vorangegangene Folge: Während Vogel und Dexter sich näherkommen, ist Deb weiterhin außer Kontrolle. Glücklicherweise betreten insbesondere die interessanten Konversationen zwischen Dex und der „Psychopathenflüsterin“ immer wieder Neuland, indem sie die außergewöhnliche Konstitution des Serienkillers näher beleuchten und uns die Natur seines Empathievermögens näherbringen.

Es darf bemängelt werden, dass einigen lieb gewonnenen Charakteren - wie auch Vince „Suicide makes our lives so much easier“ Masuka (C.S. Lee) - nur sehr wenig Spielzeit gewidmet wird, während Debs ausgedehnte Streifzüge als Privatdetektivin bislang noch keine unterhaltsamen Höhenflüge beisteuern konnten. Sowohl der klebrige Episodenbeginn als auch die verhängnisvolle Realitätsblindheit Quinns wirken nicht sonderlich glaubhaft. Dafür vermögen es Passagen wie die hervorragend konzipierte Restaurantszene zwischen den Geschwistern Morgan und besonders auch die schauspielerischen Höhenflüge von Carpenter, Rampling und - last but not least - Mr. Hall selbst, einen mit Macht in die Handlung hineinzuziehen.

Was bezweckt Vogel damit, Dexter immer wieder vor Augen zu führen, dass er keine selbstlose Liebe empfinden kann? In Kombination mit ihrer wiederholten Preisung seiner naturgegebenen Perfektion drängt sich der Verdacht auf, dass sie ihn von seiner Nächsten isolieren möchte - und jetzt hat sie ausgerechnet Deb unter ihrer Kontrolle...

Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 15. Juli 2013

Dexter 8x03 Trailer

Episode
Staffel 8, Episode 3
(Dexter 8x03)
Deutscher Titel der Episode
Buch des Psychpathen
Titel der Episode im Original
What's Eating Dexter Morgan?
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 14. Juli 2013 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 3. Juli 2014
Autor
Lauren Gussis
Regisseur
Ernest R. Dickerson

Schauspieler in der Episode Dexter 8x03

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