Dexter 8x02

Dexter 8x02

Der Hoffnungsschimmer, den der Episodentitel Every Silver Lining verspricht, beglückt in Dexter nicht alle Protagonisten. Während der eine Morgan auf eine unerwartete Stütze zurückgreifen kann, verliert sich der Weg der anderen in der Dunkelheit.

Könnten die Augen von Dr. Evelyn Vogel (Charlotte Rampling) aus „Dexter“ lügen? / (c) Showtime
Könnten die Augen von Dr. Evelyn Vogel (Charlotte Rampling) aus „Dexter“ lügen? / (c) Showtime

Nach der Auftaktepisode der achten und letzten Staffel von Dexter sah sich der (Anti-)Held Dexter Morgan (Michael C. Hall) in Gestalt vom Psychopath-Whisperer Dr. Evelyn Vogel (Charlotte Rampling) mit einer unberechenbaren, neuen Gefahr konfrontiert: Die Psychiaterin weiß von Harrys Code! In der Episode Silver Linings (8x02), für die Hall selbst die Regie führte, wird diese schockierende Erkenntnis auf stimmige Weise erläutert. Während die Haupthandlung - die somit um ein verlockendes Element ergänzt ist - zügig voranschreitet, wird gleichzeitig fast liebevoll an die Anfänge des America's Favourite Serial Killer erinnert.

Reise in die Vergangenheit

Am Anfang vom (Serien-)Ende wird zunächst einmal das Rätsel gelüftet, woher (zum Teufel!) Vogel so gut über Dexters Verhaltenscodex Bescheid wissen konnte: Sie war nicht nur der Mensch, dem Dexters Adoptivvater Harry (James Remar) die Sorgen anvertrauen konnte, die durch die strapaziöse Betreuung seines Sohnes mit Killerinstinkt genährt wurden. Vielmehr hatten ihre Ratschläge aktiv dazu beigetragen, dass sich Dexter überhaupt zum Bay Harbor Butcher hatte entwickeln können. Der Ausflug in die Vergangenheit wird in Dexter hierbei so simpel wie effektiv mit auf alt getrimmten Videoaufnahmen vollzogen, in denen wir den sonst stets starken und wegweisenden Harry in einem neuen Licht kennenlernen. Der Cop übernimmt nicht länger alleine die Rolle des souveränen Mentoren, sondern ist nun selbst lediglich eine Art von Handlanger, der sich den Weisungen Vogels fügt. Ein hübsches Detail stellt in diesem Zusammenhang eine blutige Glasscherbe dar, in der sich der Beginn von Dexters berüchtigter Trophäensammlung manifestiert.

Vogel, Morgan und der Hirnchirurg

Die Charakterisierung der Psychiaterin als erfahrene und abgebrühte Persönlichkeit wird anhand von pointierten Aussprüchen wie „A brain on a doorstep - hardly a love letter“ vorangetrieben. In starkem Kontrast dazu steht das Unbehagen, das man aus Vogels Blick herauslesen kann, als sie Dexter eröffnet, dass sie in dem neu in Erscheinung getretenen Serienmörder einen früheren Patienten vermutet. Besonders in diesem Eingeständnis von Schwäche macht sich das Schauspieltalent der Charlotte Rampling bemerkbar. Es gelingt ihr ausgezeichnet, ihrer Figur auch in einem Moment der Angst etwas Düsteres anzuhaften. Spielerisch wird die Neugierde geschürt zu erfahren, wie genau ihre „unorthodoxen“ Behandlungsmethoden von Psychopathen ausgesehen haben könnten.

Einer florierenden Zusammenarbeit zwischen Morgan und Vogel steht zunächst noch Dexters Sturheit („I don't take requests“) im Wege, die sich auch aus seinem ausgeprägten Misstrauen zu speist. Doch ohne Deb (Jennifer Carpenter) gibt es im Leben von Dexter eine große Leere, die seine neue Bekanntschaft - zumindest zeitweilig - zu füllen verspricht. Die große Bedrohung, die Vogel zunächst für Dexter angedeutet hatte, verwandelt sich in A Beautiful Day im Handumdrehen in eine quasi-Vaterfigur - oder, wie Evelyn es ausdrückt - seine „Spiritual Mother“.

Deb (Jennifer Carpenter) und ihr Boss (Sean Patrick Flanery). © Showtime
Deb (Jennifer Carpenter) und ihr Boss (Sean Patrick Flanery). © Showtime

Nicht zuletzt dank Vogels ausgeprägter - und für Dexter durchaus schmeichelhafter - Akzeptanz für sein wahres Ich („Without psychopaths, mankind wouldn't exist today“), manifestiert sich aus den beiden ein neues Team. Gemeinsam setzen sie sich auf die Spur des Mörders, dessen Spitzname des „Brain Surgeon“ durch Vince Masukas (C.S. Lee) charakteristisches Giggeln umgehend salonfähig gemacht wird.

Debs dunkler Weg

Im Vergleich zu der spannenden und tiefgründigen Interaktion zwischen Vogel und Dexter gerät Debras Handlungsstrang zeitweise in den Hintergrund. Das liegt auch darin begründet, dass Debs Interaktion mit ihrem Boss Jacob Elway (Sean Patrick Flanery) keine Höhenflüge bereithält und sich zwischen den beiden ehemaligen Polizisten bedauerlicherweise eine gewisse Anziehung zu manifestieren scheint. Auch der Bösewicht „El Sapo“ (Nick Gomez), mit dem sich Debra nach dem Tod ihres kriminellen Lovers Andrew Briggs (Rhys Coiro) herumschlagen muss, macht mit seiner stereotypischen „Sonnenbrille auf die Nase-schieb“-Geste eher den Eindruck einer Karikatur seiner selbst, als den einer echten Bedrohung. Erst im Tode entwickelt sein Charakter eine ausgeprägte Relevanz: Er das erste Opfer einer neuen, vollkommen aus der Bahn geratenen Deb. Der bedeutungsvolle Moment, in dem sich Dexters schlimmer Verdacht gegen seine Schwester bestätigt, wird dabei durch die Kamera angemessen hervorgehoben. Die auffällige Verzerrung der Perspektive scheint dabei Dexters physischer Reaktion auf die Erkenntnis widerzuspiegeln, wie permanent und gravierend der „Schaden“ ist, den seine Schwester letztendlich seinetwegen genommen hat.

Auch an dieser Stelle drängt sich der Gedanke an Dexters Objektträger auf - so befindet sich das Blut, das Debra als Mörderin El Sapos überführt, auf einem Stückchen Glas... Der Beginn einer neuen Sammlung?

Rollentausch

Trotz der neuen todbringenden Gemeinsamkeit zwischen Deb und Dexter ist die Kluft zwischen den Geschwistern nach wie vor gewaltig. Debs Nähebedürfnis gegenüber ihrem Bruder hält sich in Grenzen, was sie in charakteristische Worte fasst: „Jesus fucking Christ! Get the fuck out.

Allein die Tatsache, dass es in Dexter Macht liegt, gefährliches Beweismaterial verschwinden zu lassen, ebnet ihm neuerlich den Weg zu einer Aussprache mit seiner Schwester. Als Austragungsort dient wieder einmal eine enge Straßenschlucht im Miami Metro Police Department, in der sich in der siebten Staffel noch Dexter mit den wütenden Vorwürfen seiner Schwester konfrontiert gesehen hatte. Nun bemüht er sich darum, sein Gegenüber in die Defensive zu drängen. Doch Debras Gefühlswelt ist viel zu zerfressen, als dass sie sich von irgendetwas einschüchtern lassen würde: „Anything can happen in this hellhole that is now my life. Your gift to me, Dexter.

Die Interaktion von Quinn (Desmond Harrington) und Batista (David Zayas) hält momentan selten Höhenflüge bereit. © Showtime
Die Interaktion von Quinn (Desmond Harrington) und Batista (David Zayas) hält momentan selten Höhenflüge bereit. © Showtime

Randerscheinungen

Quinns (Desmond Harrington) Handlungsstrang hat außer einer schockierend entblätterten Jamie (Aimee Garcia) im Staffelauftakt A Beautiful Day bislang noch nichts Bemerkenswertes hervorgebracht. Einzig seine vormals enge Verbindung zu Deb ist tatsächlich bedeutungstragend und ermöglicht eine ihrer intensivsten Szenen in dieser Folge: Deb belauert ihre - in warmes Licht getauchten, geselligen - Freunde und ihr früheres Leben gleichermaßen aus der Außenseiterperspektive ihres Autos. Aus Debs physischer Nähe wird ersichtlich, wie stark sie sich insgeheim nach ihrem alten Leben sehnt. Doch die vollkommene Kompromittierung ihres eigenen Codes durch den Mord an LaGuerta, steht einer sorglosen Wiedereingliederung im Wege. Egal wie sehr sie es sich zu diesem Zeitpunkt vielleicht wünschen würde, aber im Gegensatz zu ihrem Bruder kann Deb ihre Schuld nicht in einer Klimaanlage zwischenlagern. So hat Dexter Recht: die Deb von früher existiert nicht mehr.

Fazit

Die direkte Auseinandersetzung zwischen Dexter und seiner Schwester hält sich in der Episode Silver Linings in Grenzen. Wenn man bedenkt, wie stark sich Debs Wut momentan auf ihren Bruder konzentriert, ist diese Trennung allerdings notwendig und wird im Episodenverlauf dadurch überbrückt, dass den beiden Charakteren eigenständige Entwicklungen zugestanden werden. Debs Mord wirkt dabei trotz ihrer augenscheinlichen Orientierungslosigkeit derartig überraschend, dass die Rezensentin sich fast in den paranoiden Wahn flüchten möchte, das ihr hemmungsloses Betragen eine Nebenwirkung von Elways unappetitlichem Drink darstellen könnte... Gleichzeitig trägt diese neue, selbstzerstörerische Deb ein beträchtliches Potential an Unterhaltsamkeit in sich - und bedeutet eine beträchtliche Herausforderung für den zum „Saubermacher“ degradierten Dexter.

Auf Seiten von Dexter selbst wird die gravierende Entwicklung deutlich, die er in den vergangenen Staffeln durchgemacht hat. Debras Abkehr löst bei ihm ein Gefühl aus, das man durchaus als Verzweiflung beschreiben kann. Seine Schwester ist längst nicht mehr ein bloßer Baustein in seiner menschlichen Fassade, zu dem er sich gewohnheitsmäßig verbunden sieht („If I could have feelings for anyone, I'd have them for Deb“). Er scheint seine Schwester ernsthaft zu vermissen und es bereitet ihm sichtlich Pein, sie in eine derartig desaströse Lage gebracht zu haben.

Zu diesem selbstkritischen Zeitpunkt („I am a mistake.“) kommt ihm die - nicht nur - mentale Streicheleinheit durch Dr. Vogel mehr als gelegen: „You're exactly what you need to be, Dexter. You are perfect!

Vogel ist in ihrer überdurchschnittlichen Intelligenz und der offenkundigen Sympathie für das Böse eine sehr schwer zu durchschauende und dementsprechend vielversprechende Figur. In Anbetracht der Fülle an vielversprechenden Tendenzen, ist es zu diesem Zeitpunkt ohne Weiteres möglich, über uninteressantere Nebenschauplätze hinweg zu sehen...

Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 8. Juli 2013

Dexter 8x02 Trailer

Episode
Staffel 8, Episode 2
(Dexter 8x02)
Deutscher Titel der Episode
Mutter des Kodex
Titel der Episode im Original
Every Silver Lining...
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 7. Juli 2013 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 26. Juni 2014
Autor
Manny Coto
Regisseur
Michael C. Hall

Schauspieler in der Episode Dexter 8x02

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