Dexter 7x11

Die ausgezeichnete siebte Staffel der Killerserie Dexter wird mit der Episode Do You See What I See (7x11) um ein weiteres Glanzstück erweitert. Während die vorletzte Folge zunächst in gemächlichem Tempo voranschreitet und dabei dankbaren Raum für Unklarheiten lässt, leitet ihr furioses Ende ein mehr als vielversprechendes Staffelfinale ein.
Zukunftsphantasien eines Serienmörders
Dexter Morgan (Michael C. Hall) hat an der Seite der Frau, die er liebt, nicht nur eine erfüllte Gegenwart. Der Mann, der sich sonst gezwungenermaßen chronisch an das „Jetzt“ klammert, sieht für sich plötzlich eine Zukunft. Was in anderen Formaten aufgrund von albernen möchtegern-futuristischen Begleiterscheinungen immer wieder einen unangenehmen Beigeschmack hinterlässt, geht bei Dexter auf: Der Dex aus der Zukunft ist ein wenig ergraut und zerfurcht. Weil die Maskenbildner sich mit ihm so viel Mühe gegeben haben, ist das künstliche Altern auf Seiten von Hannah (Yvonne Strahovski) ein wenig vernachlässigt worden. Aber es handelt sich ja immerhin um Dexters Wunschtraum. Gerade weil der Ausflug in die Zukunft so bodenständig daherkommt, funktioniert er. Selbst der herangewachsene Harrison (Lucas Adams) fügt sich harmonisch in das Geschehen ein: „Growing old is not only a possibility. It seems appealing.“
Doch vor der skurrilen Kulisse eines Floridas im Weihnachtswahn werden die harmonischen Bilder in einem Strudel von Ereignissen als unerreichbarer Wunschtraum entlarvt.
LaGuertas Coup
Tom Matthews (Geoff Pierson) konfrontiert Dexter mit dem Verdacht, dass er - und nicht James Doakes - der wahre Bay Harbor Butcher ist. Im Angesicht dieser schweren Anschuldigung sieht Mr. Morgan so unsicher und schwach aus, dass man fast selbst beginnt, seine Schuld zu bezweifeln. Überhaupt besticht Michael C. Hall während der gesamten Episode durch sein wirklich exzellentes Spiel.
Was folgt, ist ein derartig raffinierter Twist im Drehbuch, dass es einem sprichwörtlich den Atem verschlägt.
Deb hat an prominenter Stelle neue Beweise gegen Doakes platziert, die nicht einmal der Miami Metro Police entgehen könnten. Glücklicherweise waren noch ein paar von Doakes Fingerabdrücken zur Hand, um den Schwindel zu perfektionieren. Als Konsequenz wiegen sich Dexter und seine ergebenen Fans gleichermaßen in Sicherheit. Schließlich scheint die fragile, aber gefährliche Zusammenarbeit zwischen Matthews und LaGuerta (Lauren Vélez) zu einem Ende gekommen zu sein.
Als Dexter den Rachefeldzug gegen die Mörder seiner Mutter in einem stimmigen Containerambiente zu Ende bringen will, offenbart sich María LaGuertas polizeiliches Genie: Es ist keine göttliche Fügung, dass der Drogenboss Hector Estrada (Nestor Serrano) gerade jetzt aus dem Gefängnis entlassen worden ist...
Im Gegensatz zu Tom Matthews hat sich die versierte Ermittlerin im Anschluss an ihre bedächtigen Ermittlungen nicht durch Dexters falsche Fährte täuschen lassen. Nur die richtige Schlussfolgerung und viel Glück verhelfen Dexter im letzten Moment zur Flucht. Die unerwartete Wendung passt so vorzüglich in den Handlungsrahmen, dass man ohne weiteres darüber hinwegsehen kann, dass sich sowohl Dexter als auch Estrada problemlos aus dem Staub machen können.
Undurchschaubare Deb
Deb (Jennifer Carpenter) legt im Laufe der gesamten Episode eine ausgeprägte Härte an den Tag. Sie identifiziert zielstrebig Arlenes (Nicole LaLiberte) Kinder als deren Schwäche und nutzt sie als Druckmittel, um Hannah McKays frühere Mitbewohnerin zu einer Aussage gegen die ungeliebte Giftmörderin zu bewegen. Noch deutlicher wird Debs kompromissloser Beschützerinstinkt („I'm not gonna let Harrison grow up without a father.“), als Hannah nach der zweiten großen Überraschung der Episode von Polizisten abgeführt wird. Ihr eiskalter Blick spricht Bände - Bravo, Frau Carpenter!
Schöne Randerscheinungen
Neben den wirklich fundamentalen Entwicklungen, durch die Dexter in dieser Episode begeistert, kann Do You See What I See auch mit einer Reihe von erquicklichen Nebensachen erfreuen. Debras Erinnerungen an den Ausflug der jungen Geschwister Morgan auf den Schoß des Weihnachtsmannes („You yanked his beard, and I asked for a gun.“) zählen ebenso dazu, wie Vince Masuka (C.S. Lee) als entzückender Weihnachtself, der seine Gefühle gewohnt eigenwillig in Worte fasst: „Man, the Christmas spirit around here sucks big reindeer dicks.“
Dem langjährigen Begleiter, von dem sich Dexter in der vorangegangenen Episode The Dark... Whatever (7x10) verabschiedet hatte „44949“, huldigt die Serie auf eine unaufdringliche Weise: „My late lamented dark passenger would be very pleased.“
Im Gegensatz zu diesen angenehmen Sequenzen kann der Handlungsstrang um Quinn und seine Nadia nur noch ein gleichgültiges Achselzucken hervorrufen. Ein weiterer kleiner Wermutstropfen besteht darin, dass größtenteils Jamie (Aimee Garcia) dafür verantwortlich ist, dem kleinen Harrison den weihnachtlichen Zauber nahezubringen.
Ungewissheiten
Debra verunglückt mit ihrem Auto, als sie sich ausgerechnet auf dem Weg zu Arlene befindet. Es war Hannahs ursprünglicher Plan, den investigativen Schriftsteller Sal Price (Santiago Cabrera) in seinem Fahrzeug sterben zu lassen - wovon Deb nichts gewusst haben dürfte. Und wie hätte Debra - im Angesicht ihres völlig zertrümmerten Autowracks - sichergehen können, einen selbst eingeleiteten Unfall lebendig zu überstehen? Und dann wären da noch die Alprazolam-Rückstände in Debras Trinkflasche und das verräterische blonde Haar in ihrer Wohnung. Nach langem Hadern zieht Dexter den Schluss, dass Hannah einen Anschlag auf seine Schwester verübt haben muss.
Wie weit geht Deb, um einen Keil zwischen ihren Bruder und Hannah McKay zu treiben? Hat sie sich in Bezug auf die hohe Kunst der Manipulation von Dexter inspirieren lassen? Oder hat sich - wider Erwarten - Hannah beim Vergiften verkalkuliert? Es ist eine der bestechendsten Eigenschaften dieser Episode, dass der Zuschauer vorerst im Unklaren gelassen wird.
Dexter entscheidet sich für seine Schwester und gleichzeitig gegen sein persönliches Glück. Schweren Herzens übergibt er Debra den Stift, mit dem Hannah den Journalisten Price vergiftet hatte. Wahrscheinlich kann es dank des genauen toxikologischen Befundes auch noch im Nachhinein gelingen, die Rückstände im Blut von Price zu finden, die im Rahmen der ersten Untersuchung entgangen waren. Damit wäre Hannah überführt.
Nach seinem Verrat bleibt Dexter nichts anderes übrig, als seiner Geliebten unter dem Mistelzweig noch einen letzten Kuss zu geben, bevor sie von den Staatsdienern abgeführt wird. Als auch in Hannahs Blick die gemeinsame Zukunft zerbricht, bringt sie ein wehmütiges „You should have killed me“ über die Lippen - ein Satz, der viel bedeuten kann.
Fazit
Neben den beiden großen Wendungen kann man sich in der Episode Do You See What I See auch an den ruhigeren Sequenzen erfreuen. Als Dexter Hannah eröffnet, dass Hector Estrada wohl auf freien Fuß kommen wird, offenbart sich auf zauberhafte Weise, wie wunderbar die Beziehung zwischen den beiden harmoniert. Theoretisch. Denn dem Vertrauen gegenüber seiner Traumfrau werden eindrucksvoll die Grenzen aufgezeigt: „If anything ever happens to Deb, I'm gonna wonder if you had something to do with it.“ Der schwere Kampf, der sich in Dexters Innerem vollzieht, ist ebenso fesselnd dargestellt wie die ruhigen Zwiegespräche zwischen Dex und seiner Schwester. Die subtilen Dialoge, in denen nicht alles ausgesprochen werden muss, können durchweg überzeugen.
Eine gekränkte, aber allwissende Hannah im Gefängnis, ein gefährlicher Muttermörder auf der Flucht, eine undurchschaubare Deb und selbstverständlich eine zu neuem Tatendrang erweckte LaGuerta - alle Zeichen deuten auf ein fabelhaftes Staffelfinale hin. Bloody Christmas, everyone!
Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 10. Dezember 2012(Dexter 7x11)
Schauspieler in der Episode Dexter 7x11
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