Dexter 7x12

Mit der Episode Surprise, Motherfucker (7x12) kommt die hervorragende siebte Staffel der Killerserie Dexter zu einem Ende. Dank der nervenaufreibenden Ereignisse, die diese letzte Folge präsentiert, mischt sich in den Wehmut, nun wieder unendlich lange auf den Fortgang der Handlung warten zu müssen, auch eine gehörige Portion gespannter Vorfreude.
Hannah wars!
Das Rätsel darüber, ob Hannah McKay (Yvonne Strahovski) oder doch Debra (Jennifer Carpenter) selbst für ihren Autounfall verantwortlich war, wird gelüftet: Dexter Morgan (Michael C. Hall) hat in Hannah die wahre Schuldige erkannt. Sie den Behörden auszuliefern war also die richtige Entscheidung, um seine Schwester zu beschützen.
Nachdem die eine Wahrheit offenbart wurde, wird ein weiteres großes Geheimnis an die Öffentlichkeit getragen: María LaGuerta (Lauren Vélez) beschuldigt Dexter öffentlich, der Bay Harbor Butcher zu sein.
LaGuerta ausgetrickst
Zum Verdruss für die Ermittlerin LaGuerta stellt sich heraus, dass die vermeintlichen Beweise, die sie im Umfeld des Hafens sichergestellt hatte, aus der Asservatenkammer der Miami Metro Police stammten. Wie so oft ist es Dexter dank seiner manipulativen Fähigkeiten gelungen, seine Fährte zu verwischen - oder zumindest von ihr abzulenken.
Als die der Moral verpflichtete Deb ihren Bruder für sein durchtriebenes Spiel rügt, kann er mit einer ausgesprochen hübschen rhetorischen Frage kontern: „Would you prefer my normal method of conflict resolution?“
Hannahs Pillentrick
In einem weiteren intensiven Zwiegespräch treffen Deb und Hannah bei deren Termin vor Gericht aufeinander. Die volle Bedeutung dieser Szene offenbart sich erst im Nachhinein. So gibt Deb inbrünstig an, ein reines Gewissen zu haben, während sie ihre Erzfeindin attackiert: „You are a liar and a killer.“ Als Hannah die Anfeindung mit den Worten „At least I am not a hypocrite“ kommentiert, weiß sie noch nicht, wie Recht sie damit hat.
Der Stift mit den Spuren des Akonit, mit dem Hannah Sal Price (Santiago Cabrera) vergiftet hatte, ist der entscheidende Beweis für ihre Schuld. Hannah droht eine lebenslange Haftstrafe. Doch ihrer früheren Mitbewohnerin Arlene (Nicole LaLiberte) gelingt es, ihrer Freundin unter dem Deckmantel eines emotionalen Ausbruchs eine weiße Tablette zuzustecken.
Die Wirkung des mysteriösen Medikamentes zeigt sich wenig später im Transportfahrzeug der Polizei. Hannah wird wegen schwerer Krämpfe im Emergency Room-Stil in ein Krankenhaus eingeliefert, aus dem sie sich - ohne Probleme jeglicher Art - befreien kann. Hannahs Flucht ist im Angesicht ihrer gefesselten Hände und ihres vermutlich gesicherten Zimmers zwar nicht realistisch, bringt aber ein weiteres dynamisches Element in die Handlung.
LaGuerta trickst zurück
LaGuerta hat noch nicht alle Brücken um sich herum verbrannt. Nicht nur Tom Matthews (Geoff Pierson) erklärt sich nach langem Bitten dazu bereit, ihr zu helfen. Auch der durch und durch liebenswürdige Angel Batista (David Zayas) bemüht sich trotz allem weiterhin um seine Exfrau.
Doch die Hilfe der Männer hat Captain LaGuerta gar nicht nötig: Gemäß dem Ratschlag von Batista scheint sich María nun Reue auf die Fahnen geschrieben zu haben. Doch das Gespräch mit Debra verwandelt sich schnell von einer Entschuldigung („What I put your brother through was negligent and unforgivable. And I am sorry.“) in einen neuerlichen Angriff auf die Morgans. Im Gegensatz zum Lügengroßmeister Dexter hat Deb große Probleme damit, sich aus dem Stegreif Unwahrheiten einfallen zu lassen. So kann Debra nicht rechtfertigen, warum sie, kurz bevor Travis in der Episode This Is the Way the World Ends in Rauch aufgegangen war, Kraftstoff in einen Kanister gefüllt hatte. Als man dank Carpenters exzellentem Spiel schon fast befürchtet, dass Deb die Gelegenheit nutzt, um ihr gequältes Gewissen zu bereinigen, entscheidet sie sich doch wieder für ihren Bruder und attestiert ihrer Vorgesetzten praktisch Wahnvorstellungen.
Ein wahres Glanzstück ist in diesem Zusammenhang die Szene, in der sich die Geschwister Morgan in Dexters Auto über die Fortschritte von LaGuerta beraten. Als der zuvor überwältigte Estrada unvermittelt im Kofferraum zu sich kommt, verzichtet Deb gänzlich darauf, dessen unheilvolle Zukunft zu thematisieren. Kein „Fuck, Dexter!“ kommt über ihre Lippen. Dies kann man als Indikator dafür interpretieren, wie resigniert Deb mittlerweile geworden ist.
Doakes ist zurück. Aber nicht wirklich.
Mehrere Rückblenden lassen Sergeant Doakes (Erik King) wieder auferstehen, der in der Episode The British Invasion in der zweiten Staffel der Serie durch Lila getötet worden war. Durch Doakes Gastauftritte aus dem Jenseits werden einige seiner denkwürdigen Statements in Erinnerung gerufen, mit denen der Polizist in Bezug auf Dexter stets so erschreckend richtig gelegen hatte: „You like this blood shit a little too much.“
Die Einbindung von Doakes in die Gegenwart bringt die Entwicklung zum Vorschein, die Dex innerhalb der vergangenen Staffeln durchlaufen hat. Sein Leben ist nun mehr als die bloße Maske, die Doakes so spielerisch durchschaut hatte:„Somewhere along the line, the fake-life that we created for a cover for me to kill became real. It is not fake to me anymore.“
Damals wie heute scheut Dexter noch davor zurück, seinen Code völlig aufzugeben und zu einem „normalen“ Killer zu werden. Nur wehmütig kann er sich schließlich doch zu einem Mord aus Selbstschutz durchringen: „I used to think I was special. A special kind of killer. But tonight I am not.“
Doch damals wie heute ist Dexter nicht zu diesem finalen Schritt auf die dunkle Seite gezwungen. Während beim letzten Mal Lila die Drecksarbeit übernommen hatte, ist es nun ausgerechnet Debra. Abgesehen von einigen „kleineren Ausrutschern“ in der Vergangenheit - wie den Morden an Rankin (My Bad (5x01)) und Norm (Scott Michael Campbell; in Nebraska (6x07)) oder dem Töten von Hannahs Vater Clint - bleibt Dexters hypothetisches Gewissen nach den Maßstäben seines Codes noch verhältnismäßig rein.
Is this a new beginning - or the beginning of the end?
Die Art und Weise, wie Dexter Hector Estrada (Nestor Serrano) ermordet, reflektiert erneut seine ausgeprägte Routine und sein verbrecherisches Genie. Damit steht der kaltblütige Killer in einem krassen Gegensatz zu seiner Schwester:
Mit Tränen in den Augen muss sich Deb im Container zwischen Dexter und LaGuerta entscheiden. Damit trifft sie gleichzeitig eine Entscheidung zwischen Gut und Böse. Als sie María tödlich getroffen hat, scheint sie in dem folgenden hysterischen Anfall alle Taten ihrer jüngsten Vergangenheit zu bereuen. All die Dinge, die sie im Laufe der siebten Staffel von Dexter getan hat, um ihren geliebten Bruder zu schützen, scheinen in ihrem Kopf vorbeizuziehen, während sie LaGuertas Leichnam an sich presst. Doch mit dem Mord an ihrer Vorgesetzten hat sich Deb endgültig zum Mittäter gemacht. Sie entscheidet sich kompromisslos für ihren Bruder und nimmt dafür ungeheure Seelenqualen in Kauf.
Als Dex und Deb nach vollendetem Mord in Zeitlupe über Batistas Party laufen, hält sich Debra schlafwandlerisch und am Arm ihres Bruders fest. Ihr leerer Blick verrät nicht das Trauma, das sie gerade durchlebt hat. Ist es Debra gelungen, ihr vormals so ausgeprägtes Gewissen in einen unzugänglichen Teil ihres Hirns zu verbannen, um nicht zu zerbrechen?
Fazit
Sowohl Hannahs allzu unkomplizierte Flucht als auch die Tatsache, dass LaGuerta sich derartig unbedarft in eine Falle locken lässt, trüben zwar den Sehspaß. Dennoch enttäuscht die Episode Surprise, Motherfucker dank Elementen der Spannung, der Überraschung und des emotionalen Tiefgangs nicht die hohen Erwartungen. Nach wie vor kann man der nächsten Staffel gespannt entgegenfiebern.
Geht Dexters Plan auf, eine beidseitig tödliche Auseinandersetzung zwischen LaGuerta und Estrada zu fingieren? Selbst wenn die Beweise Dexters Version vom Tathergang hinreichend unterstützen sollten, ist es unwahrscheinlich, dass Batista ungestört seine Rente genießen wird, während sein ermittlerischer Instinkt an ihm nagt. Die Tatsache, dass Hannah die Flucht gelungen ist, birgt ebenfalls eine Menge Potential in sich. Auch wenn ihre Orchidee zunächst den Anschein eines Abschiedsgeschenks erweckt, legt die tiefe Verbindung zwischen ihr und Dexter doch nahe, dass den beiden - aller Vorsicht zum Trotz - ein Wiedersehen bevorsteht.
Der Cliffhanger, mit dem die siebte Staffel von Dexter zu Ende geht, ist nicht so komprimiert und nervenaufreibend wie das spektakuläre Ende der vorangegangenen Staffel. Dennoch bringt er eine Vielfalt von vielversprechenden Möglichkeiten mit sich. Durch den packend inszenierten Mord an LaGuerta hat Debra sich mit Gewalt in einen neuen, dunklen Lebensabschnitt katapultiert. Wie und ob es ihr gelingen wird, damit weiterzuleben, wird die finale achte Staffel von „Dexter“ enthüllen. In einer unendlichen Ewigkeit.
Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 17. Dezember 2012(Dexter 7x12)
Schauspieler in der Episode Dexter 7x12
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