Deutschland 83 2x01

© ??Deutschland 86“ (c) Amazon Prime Video
Anmerkung vorab: Diese Kritik bezieht sich auf die ersten sechs Folgen von „Deutschland 86".
Als Deutschland 83 im Juni 2015 auf RTL an den Start ging, waren die Erwartungen an die neue deutsche Serienhoffnung groß. Das Autorenpaar Anna und Jörg Winger hatten einen für den hiesigen Fernsehmarkt eher ungewöhnlichen Titel geschaffen, der sich im Stile US-amerikanischer Genreserien um einen jungen NVA-Soldaten dreht, welcher wiederum als Doppelagent in der BRD zum Einsatz kommt, mitten im Kalten Krieg zwischen West und Ost. Während das Format im Ausland durchaus Aufsehen erregen und gar die eine oder andere Auszeichnung einheimsen konnte, ging „Deutschland 83“ hierzulande ein wenig unter. Das Interesse war überschaubar, was aber womöglich weniger an der Qualität der Serie, sondern vielmehr an der Art der Ausstrahlung und Bewerbung gelegen hatte.
Denn „Deutschland 83“ war gut. Nicht perfekt, aber gut. Es war etwas anderes, als man es aus dem deutschen Fernsehen gewohnt war, selbst wenn einem die Ost-West-Thematik als Kulisse mehr als vertraut gewesen war. Und vor allem war man ganz vorne mit dabei, einen neuen Boom voranzutreiben: Bei dem Begriff „die deutsche Serie“ muss ich zwar immer wieder mit den Augen rollen, doch in den letzten drei Jahren, nachdem „Deutschland 83“ auf Sendung gegangen war, konnte man doch einen spürbaren Ruck in der Industrie vernehmen, in der es heute von so einigen prestigeträchtigen Serienproduktionen nur so wimmelt. Nicht nur aufgrund alteingesessener Marktteilnehmer wie Sky (Babylon Berlin), TNT Serie (4 Blocks) oder gar den öffentlich-rechtlichen Programmen, sondern auch dank Streaminganbietern wie Netflix (Dark), Maxdome (Jerks) oder Amazon Prime Video.
Und genau bei Amazon Prime Video ist „Deutschland 83“ mittlerweile gelandet, wo die Fortsetzung der Geschichte unter dem Titel „Deutschland 86“ („Deutschland 89“, eine dritte Staffel rund um den Mauerfall, ist bereits bestellt worden) am heutigen Freitag, den 19. Oktober aus den Startlöchern kommt. Zehn neue Folgen erwarten die Zuschauer, denen es verziehen sei, wenn sie die Serie nicht wirklich mehr auf ihrem Schirm hatten. Mir ging es nicht anders, war es trotz regelmäßiger Wasserstandsmeldungen, wie und wo es denn mit dem Format weitergehen wird, doch an und für sich schrecklich still um „Deutschland 83“ geworden. Auch der Umstand, dass die Serie in Deutschland nie wirklich durchgestartet war und dadurch nur bei wenigen einen markanten Eindruck hinterlassen hatte, war sicherlich nicht hilfreich. Ob „Deutschland 86“ in dieser Hinsicht das Ruder eventuell rumreißen kann?
Vielleicht ist es sogar ganz gut, dass der Abstand zwischen der ersten und zweiten Staffel letztlich so groß ausgefallen ist. Für Amazon bietet sich so die Gelegenheit, das Kapitel „Deutschland 83“ beziehungsweise „Deutschland 86“ ganz neu aufzuschlagen und der Produktion seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Das Ausstrahlungsmodell - die komplette Staffel auf einen Schlag - dürfte sich dabei ebenfalls als unerwarteter Vorteil erweisen, profitiert man als Zuschauer doch davon, wenn man sich die neuen Folgen nach eigenem Ermessen anschauen kann und nicht auf die wöchentliche Ausstrahlung warten muss. So ist es zumindest mir ergangen, der ich mir aus einer Laune heraus einfach mal ein paar Episoden der neuen Staffel angesehen hatte und mich plötzlich in einer Situation wiederfand, die ich so nicht erwartet hätte: „Deutschland 86“ macht Spaß. Eine ganze Menge sogar.
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Völlig losgelöst
Mit Blick auf die erste Staffel von Deutschland 83 ist es gar nicht einmal so relevant, sich daran zu erinnern, was vor gut drei Jahren zuletzt in der Serie passiert war. Der Erzählung merkt man an, dass man sich vielmehr auf dem neuen, von Amazon bereitgestellten Spielplatz austoben will, anstatt olle Kamellen von damals auszugraben. Das Wichtigste aus Staffel eins, was jetzt noch von Bedeutung ist, ergibt sich einem ziemlich fix, wenn man denn wirklich Sorge haben sollte, das große Ganze aus dem Blick zu verlieren. Andererseits kann man sich aber auch einfach nur treiben lassen und „Deutschland 86“ als das sehen, was es gerade zu Beginn der neuen Staffel immer wieder ist: eine kurzweilige, oft unfreiwillig komische, immer wieder erfrischende „pulpige“ Action- und Spionageklamotte, die ordentlich auf die Tube drückt und dabei fast schon meisterlich zwischen staubtrockenem und pechschwarzem Humor alterniert.
Das bedeutet nicht, dass man hier nicht auch immer wieder sehr ernste Themen behandelt, sei es die erhöhte Bedrohung durch Terroranschläge im europäischen Raum Mitte der 80er Jahre, die skrupellosen Machtspielchen zwischen Ost und West, die harten Restriktionen einer sozialistischen Diktatur, die sich demokratisch schimpft, oder gar die steigende Anzahl an AIDS-Erkrankungen zu dieser Zeit, was den jeweiligen Staat (sowohl BRD als auch DDR, in der es laut Staatsaussage nicht einmal so etwas wie Homosexualität gab) und die Pharmakonzerne nicht wirklich interessierte. Von diesen sehr unterschiedlichen Aspekten, die mehr oder weniger in Wechselwirkung zueinander stehen, wird manch einer etwas prominenter hervorgehoben, manch anderer vielleicht etwas zu stiefmütterlich beleuchtet. Hier mag man den Autoren noch am ehesten vorwerfen, dass sie sich nicht so recht entscheiden können, welche Geschichten sie erzählen wollen, weil alles auf dem Papier interessant klingt, die Zeit für eine gründliche Auseinandersetzung jedoch eingeschränkt ist...
Doch dieser Makel, sofern man überhaupt so weit gehen möchte, fällt insgesamt überraschend wenig ins Gewicht, weil man eben das Erzähltempo schön hoch hält und gleichzeitig unheimlich viel Spaß mit den unterschiedlichen Figuren und der neuen Prämisse hat. Spion Martin Rauch (Jonas Nay) hat es zu Beginn der Staffel nämlich nach Angola verschlagen, während sich seine Tante und DDR-Geheimdienstlerin Lenora (Maria Schrader) in Südafrika herumtreibt, um etwas Kohle für die klamme Sozialdemokratie heranzuschaffen. Was folgt, ist eine wilde Hatz über den afrikanischen Kontinent bis nach Libyen. Zwischenzeitlich finden wir uns in Paris wieder, wo Martin in Berührung mit dem BND kommt, und die Abstecher zurück nach West- sowie Ostberlin dürfen ebenfalls nicht fehlen. Immer wieder schiebt man eine unterhaltsame Actionsequenz oder humorvolle Szenen ein, die „Deutschland 86“ eine herrlich angenehme Leichtigkeit geben - trotz der bereits erwähnten, bierernsten Themen, die ebenfalls abgegrast werden.
Darin liegt die Krux: Es fühlt sich fast schon nach ein bisschen Laisser-faire-Stil, nach dem Anna und Jörg Winger gemeinsam mit ihrem Autoren- und Regieteam arbeiten. Zu gut Deutsch soll die Serie einfach Laune machen, wenn man zwischendurch dann noch ein paar gefühlvolle, emotionale Momentaufnahmen unterbringen kann, die das Dilemma einzelner Charaktere und die Tragik ihrer jeweiligen Situation unterstreichen: umso besser! Die Idee geht zumeist auf, abwechslungsreich und zwanglos brausen wir durch die verschiedenen Folgen, bei denen man manchmal gar nicht weiß, wie man sie denn einordnen soll. So kann es innerhalb von 45 Minuten (die ungefähre Einheitslänge der Episoden) auch schon mal zu einem bunten Genremix kommen: Internationale Spionage-Action trifft auf melancholisches Heimatdrama, klandestines Geheimdienstwesen auf absurden Büroalltag à la The Office (ja, wirklich!).

Ich geb' Gas, ich will Spaß!
Diese Wechselhaftigkeit ist Vor- und Nachteil zugleich. Der Unterhaltungswert ist nur schwer abzustreiten, andererseits kann es auch recht verwirrend sein, wenn „Deutschland 86“ freidreht. Nicht weniger irritierend ist es, wenn man sich ein paar der Darbietungen anschaut, von denen man nicht wirklich weiß, ob man die Besetzung manchmal bewusst etwas hölzern agieren lässt, um zu überspitzen und selbstironisch zu kommentieren - oder ob es der eine oder andere einfach nicht besser kann. Hierzulande regt man sich gerne mal schnell über schlechtes, bühnenartiges Schauspiel auf, doch „Deutschland 86“ scheint sich schon fast eine diebische Freude daraus zu machen, Szenen zu präsentieren, bei denen man sich nicht wirklich sicher sein kann, ob die Macher es ernst meinen oder nicht. Und das gefällt mir persönlich, weil es mutig und frisch ist, weil es sich alles andere als steif und verstaubt anfühlt, sondern vielmehr flexibel und spontan.
Allein die Handlung in der HVA - die Hauptverwaltung Aufklärung der DDR - hat mich mehrfach zum lauten Auflachen gebracht, tummeln sich hier doch zahlreiche skurrile Charaktere, von denen nicht wenige eine sonderbare Tragikomik umgibt, wissen sie doch so viel mehr über die Welt außerhalb der DDR, wenn auch bei weitem nicht alles, als ihre einfachen Genossen und Genossinnen im Osten Deutschlands. So brilliert zum Beispiel Anke Engelke als kühle Pfennigfuchserin, die den Auftrag bekommen hat, wieder Geld in die klammen Staatskassen zu spülen, notfalls auch mit dubiosen Waffengeschäften - Kapitalismus, olé! Sylvester Groth bleibt indes eine wunderbare Offenbarung als trostloser Beamter Walter Schweppenstette, der irgendwann mal vom sozialistischen Traum überzeugt gewesen ist, inzwischen sein tristes Dasein als Drehstuhlsheriff überfragt, von den Vorzügen des Westens umgarnt wird und sich obendrein noch Gedanken über seine Familie, genauer gesagt den verlorenen Sohn Martin Rauch, macht.
Dieser darf sich derweil als Actionheld inklusive coolen one-liners (klappt nicht immer) probieren, was jetzt nicht die am wenigsten lukrative Aufgabe für Jonas Nay ist, dem jedoch von der äußerst lässigen Maria Schrader immer wieder die Show gestohlen wird. Der Cast ist ohnehin sehr schön ausgeglichen, zumeist fühlt man sich aber zu den Frauen der Serie hingezogen (zum Beispiel Sonja Gerhardt als überzeugte DDR-Genossin Annett Schneider, Fritzi Haberlandt als freiheitsuchende Ärztin Tina Fischer sowie die beiden Neuzugänge Florence Kasumba und Lavinia Wilson als unberechenbare Wildcards), die in dieser schnelllebigen Welt voller krummer Deals, geplatzter Träume und voll von konkurrierendem Idealismus deutlich mehr Eindruck hinterlassen als ihre männlichen Kollegen. Doch sie alle ordnen sich der großen Devise unter, unkomplizierte Serienunterhaltung zu bieten, mit vielen kleinen Wendungen und facettenreichen Handlungssträngen, die gelegentlich über Konsum-Markt-große Logiklöcher verfügen, was sich im Eifer des Gefechts jedoch überspielt und letztlich verkraftbar ist.
Wie bereits Deutschland 83 ist „Deutschland 86“ nicht perfekt - aber definitiv gut genug, um der Serie eine zweite Chance zu geben. Es ist angenehm, dass man erst gar nicht versucht, zu verkopft und kompliziert an diese Fortsetzung heranzugehen, sondern sich in Form einer simplen Erzählstruktur und einer kurzweiligen Grundausrichtung eine Bühne baut, auf der man dann auch mal vergleichsweise schwere Themen ansprechen kann. Dabei kommt oft genug eine eiskalte Abrechnung mit der Deutschen Demokratischen Republik herum, wodurch einem bewusst wird, dass es damals definitiv kein Zuckerschlecken gewesen ist und in dieser Zeit mehr als genug Dinge vorgefallen waren, die einen noch heute erschaudern lassen. Man findet jedoch einen guten Weg, auf diese Probleme hinzuweisen und gleichzeitig eine beschwingte, abwechslungsreiche Geschichte zu erzählen, die überraschend viel zu bieten hat. Und deshalb auch durchaus sehenswert ist.
Die komplette Staffel von „Deutschland 86“ ist ab heute, den 19. Oktober auf Amazon Prime Video zu sehen.
Trailer zu „Deutschland 86":
Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 19. Oktober 2018(Deutschland 83 2x01)
Schauspieler in der Episode Deutschland 83 2x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?