Deutschland 83 1x08

Das Finale der ersten Staffel Deutschland 83 schafft es zwar, die bisherige Krisensitutation zu entschärfen und dabei so manche Handlungsstränge zusammenzuführen, allerdings bleibt ein grande finale leider aus, was vor allem daran liegt, dass sämtliche Entwicklungen bereits zu lange angedeutet wurden, wodurch die Überraschungsmomente leider zum größten Teil verpuffen.
Fremd im eigenen Land
Der Plot von Able Archer setzt direkt nach den Ereignissen von Bold Guard ein und zeigt uns Martin auf der Flucht in die DDR. Auf meine Frage zur letzten Episode, warum General Edel (Ulrich Noeten) den Jungsoldaten nicht mit Feldjägern schnurstracks verfolgen ließe, bekommen wir nun die Antwort, dass national nach ihm gefahndet wird, was nun an der Staatsgrenze zum Hindernis wird.
So lässt Martin sein Auto am Wegesrand stehen - was anscheinend auch keine weiteren Ermittlungen nach sich zieht - und schafft es schließlich via Kofferraum eines fremden Wagens und einer kleinen, guten Fee zurück in seine Heimat. Als er schließlich zurück in das Rauch-Haus kommt, findet er nicht nur die etwas angespannte Annett (Sonja Gerhardt), sondern vor allem auch die von Hartmann (Niels Bormann) außer Gefecht gesetzte Yvonne (Lisa Tomaschewsky).

Damit wird auch meine vorherige Frage nach dem Ziel Schweppenstettes (Sylvester Groth), der in dieser Episode mal wieder trotz eines nahenden Atomangriffs äußerst viel Zeit hat, sich um jeden zu kümmern, der nach ihm fragt, bei dem Treffen zwischen den beiden Herzdamen Martins deutlich. So will er die junge Generalstochter als Geisel für den potentiellen Angriff nutzen.
Am Ende schafft es Martin jedoch, die unschuldige Backroundsängerin in die Botschaft der DDR zu bringen, wo sie dann bestimmt von Lindenberg persönlich abgeholt wird, und eilt zielsicher in das Büro Schweppenstettes. Er will von den wirklichen Zielen hinter „Able Archer“ berichten, was nun schließlich auch angehört wird und somit die ganze Welt rettet.
Fuchs, Alex, Machina
Doch nicht nur Martin wird zum Helden der Serie, vor allem der bisher schon als alternative Kraft in der HVA angedeutete Fuchs (Uwe Preuss) darf endlich seinen entscheidenen Moment erfüllen, indem er sich noch einmal persönlich das Original des NATO-Berichtes anschaut und somit Schweppenstettes Machenschaften aufdeckt. Warum er trotz seiner bisherigen Skepsis erst an dem entscheidenden Tag auf diese Idee kommt, ist sicherlich der Spannung der Serie geschuldet.
Auf der anderen Seite der Mauer erfüllt derweil auch der junge Oberleutnant Alex (Ludwig Trepte) schließlich sein bereits angedeutetes Rollenschema und informiert sich, nachdem er über das Doppelleben Martins aufgeklärt wird, endlich über seinen gesundheitlichen Zustand. Ganz im Sinne seiner bisherigen emotionalen Eskapaden reagiert er also auch auf die tödliche Diagnose mit seinem Selbstmord, wobei leider ebenfalls der Überraschungsmoment ausbleibt.

Dabei muss ich leider feststellen, dass die gesamte Familie Edel es nicht schafft, mich von ihrer Geschichte zu überzeugen. So wird Yvonne vom pazifistischen Kommunenmädchen im Handumdrehen in das Zentrum der alternativen Populärmusik geschleudert, um die Rolle aus dem Serienpiloten zu erfüllen, während Familienoberhaupt Wolfgang seine poetische Ader entdeckt („Der liebe Gott hat einen Tag gebraucht, wir schlagen es in einem Tag zu Klump.“).
Während er zudem das Klischee des familienfremden Hardliners erfüllt, erfahren wir nebenbei, dass seine Frau Ursula (Anna von Berg) zu ihrer Schwester Renate (Beate Maes) geflüchtet ist, von der wir trotz ihres verheißungsvollen Misstrauens gegenüber Martin nichts mehr gehört haben.
Martin, ich bin dein Vader!
Den großen Überraschungsmoment des Staffelfinales soll dabei natürlich die Aufklärung des Verhältnisses zwischen Ingrid (Carina N. Wiese) und Wolfgang darstellen, was jedoch ebenfalls nicht recht funktioniert. Wie ich bereits in meinem letzten Review fürchtete, wird hier tatsächlich der alte Vader-Luke-Plot ausgepackt, der vielleicht 1983, also drei Jahre nach der Veröffentlichung von „Star Wars: Episode V - Das Imperium schlägt zurück“ noch nicht ausgelutscht war, es jetzt jedoch auf jeden Fall ist.

Um sich dabei zu guter Letzt noch einmal von seiner guten Seite zeigen zu können, entlässt Darth Walter den jungen Thomas (Vladimir Burlakov) aus der Gefangenschaft der VoPo in die Freiheit Westdeutschlands, was etwas mehr Wirkung gehabt hätte, wenn sich Thomas im Laufe der ersten Staffel zu einem irgendwie sympathischen Charakter entwickelt hätte, was jedoch nie geschah.
Dass Tischbier (Alexander Beyer), der zu Beginn zu einem der rätselhaftesten und verheißungsvollsten Charakteren gehörte, derweil relativ motivationslos von seiner Friedensgruppe nach Ost-Berlin zurückkehrt, bestätigt nur weiterhin dessen bereits zuvor durch Abwesenheit glänzende Rolle. Doch vielleicht ist es auch gerade diese Resignation und Nüchternheit, die in seinem und dem Blick Martins liegt, die auf eine solche Opfer fordernde und sich nicht erfüllende Aufgabe folgt, die der Entmystifizierung des Sozialstaates DDR gerecht wird.
Fazit
Sicherlich stellt Deutschland 83 eine der wohl am spannendsten produzierten Dramaserien der hiesigen Fernsehlandschaft der letzten Zeit dar, jedoch fallen trotzdem einfach ein paar Schwächen ins Gewicht. Das liegt für mich persönlich einfach daran, dass ich das Hoch der Serie mit der vierten Episode, Northern Wedding durch die skrupellose und stringente Umsetzung der Spitzelarbeit Martins sah, welche zwar einer eigenen Version der Gretchentragödie glich, jedoch packend inszeniert wurde.
Im Laufe der zweiten Staffelhälfte verlaufen diese stringenten Plotentwicklungen leider in Richtung überspitzter Spannungsmomente. Im Zuge derer können die Protagonisten nicht nur durch ganz Deutschland im Handumdrehen reisen, um zur richtigen Zeit am richtigen Ort aufzutauchen, sondern vor allem wird der Anschein erweckt, dass sich das Schicksal der gesamten Nation in dem Umkreis unserer Protagonisten abspielt und somit zu einer Art Kammerspiel wird. Wie schon mal herausgestellt, jammere ich hier für eine deutsche Serie auf sehr hohem Niveau und bin mir dessen auch bewusst.

Ich möchte mich an dieser Stelle auf jeden Fall bei allen Lesern und Kommentatoren bedanken und bin sehr gespannt, ob wir eine zweite Staffel zu sehen bekommen. Hoffentlich würde diese dann nicht als Prequelserie die jungen Jahre zwischen Ingrid und Walter und dessen Fall auf die dunkle Seite des Sozialismus beinhalten, sondern, wie bereits angedeutet, 1986 einsetzen.
Verfasser: Henning Harder am Donnerstag, 17. Dezember 2015(Deutschland 83 1x08)
Schauspieler in der Episode Deutschland 83 1x08
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