Deutschland 83 1x05

Die von Alex (Ludwig Trepte) und Martin (Jonas Nay) in der letzten Episode aufgesuchten Exile der Nächstenliebe bieten in der Episode Cold Fire leider nicht allzu viel Trost. Stattdessen bekommen wir das Ausmaß der politischen Tätigkeiten des Kolibri präsentiert, der sich jedoch langsam zur Wehr setzt. Wie bereits zuvor vermutet, entpuppt sich vor allem Tischbier (Alexander Beyer) als manipulatives Mastermind, das sowohl Martin als auch Alex in die angestrebten Richtungen zu lenken weiß.
Moral? Das ist wenn man moralisch ist!
Wir erfahren also zunächst, dass Martins Flucht zu Yvonne (Lisa Tomaschewsky) vor allem eine Flucht vor seinen Taten war. Dass er sich bis zum Filmriss betrank und dabei anscheinend auch etwas zu viel politische Meinung von sich gab. Nach den Auswirkungen seines Spiels mit der neuen Identität scheint er jetzt die Balance zwischen Moritz und Martin völlig verloren zu haben. So wird nicht ganz deutlich, ob er Yvonne aus Spaß oder Hilfsbedürftigkeit von seiner wahren Identität berichtet. Was sie natürlich als reinen Scherz wahrnimmt.
Im konfrontativen Dialog mit Tischbier, der sich als eigentlicher Täter hinter dem Mord an Linda (Nikola Kastner) ausgibt, führt dieser ihm des Weiteren vor, wie weit Moritz bereits sein eigenes Moralkonzept ausgedehnt hat. Dass der junge Kolibri daraufhin sogar die Krankheit seiner Mutter (Carina N. Wiese) anzweifelt, scheint im Rahmen der Faktenverwischung mehr als verständlich. Da diese Krankheit jedoch immer noch die einzige Legitimation seiner Taten darstellt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als dem Ruf nach Ost-Berlin zu folgen.

Durch eine von der bereits bekannten Agentin (Lena Lauzemis) in die Wege geleitete Kaffee-Übergabe wird er jedoch wieder schnurstracks zum Mittäter moralisch fragwürdiger Taten. So überreicht er unwissentlich fehlende Bombenzünder an einen Anhänger des venezolanischen Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, genannt Carlos, der Schakal.
Dieser jagt das französisch-deutsche Kulturzentrum „Maison de France“ in die Luft und wird daraufhin von Martin zur Strecke gebracht. In dieser brutalen Kampfszene kann sich Martin nicht nur gegen seinen eigenen blinden Gehorsam durchsetzen. Indem er zudem den Kopf des Attentäters auf den U-Bahn-Gleisen platziert, bekommen wir einen weiteren Eindruck, zu welchen Taten er innerhalb kürzester Zeit fähig geworden ist.
Martin ist bereits nach fünf Episoden zu dem Entschluss gekommen, aus seiner Spitzeltätigkeit aussteigen zu wollen. Wobei er durch die erfolgte Nierentransplantation seinen Lohn dafür bereits bekommen hat. Nach seinem moralischen Abstieg in der letzten Episode darf sich Martin nun wieder in die Richtung des Helden bewegen, der das Ausmaß seiner Missetaten erkennt und sich gegen die Indoktrinationsmechanismen von Tischbier und Co. stellt.
It's a thin line between love and hate.
Alex wird derweil aus seiner frischen Verliebtheit ins eiskalte Becken der politischen Realität geschmissen. Tischbier bietet ihm keine emotionale Obhut (die er vor allem durch die Verwirrung seines ersten Beischlafs bitter nötig zu haben scheint), sondern reduziert sein politisches Bestreben auf eine simple Revolte gegen seinen Generalsvater (Ulrich Noethen). Alex soll zur internen Dekonstruktion des Machtapparates wieder in die Bundeswehr.

Verwirrt, übernächtigt und verletzt flieht er zu Yvonnes Kommune, in der er sich jedoch durch sein pragmatisches, gewaltbereites Gedankengut nicht lange halten kann. Am Ende passiert schließlich das, was Tischbier von vornherein mit ihm vorhatte: Alex meldet sich bei der Ständigen Vertretung der DDR und bietet seine Dienste an. Durch das geschickte Ausnutzen emotionaler Schwächen und der indirekt versprochenen Nächstenliebe wird anhand von Tischbier aufgezeigt, wie gekonnte Indoktrination funktioniert.
Doch nicht nur Alex entfernt sich - trotz seiner Charakterähnlichkeit zu seinem Vater - immer weiter aus dem familiären Schoß. Auch an Ursula (Anna von Berg) gehen die vergangenen Ereignisse nicht spurlos vorbei, weshalb sie sich langsam zum Gegenspieler Wolfgangs entwickelt.
So greift sie in einer packenden Szenen statt zu dem nahelegenden Waffenschrank in das bereits von ihrer Schwester Renate (Beate Maes) entweihte Aquarium und lässt den von Wolfgang verehrten Goldfisch auf dem Teppichboden krepieren. Dabei scheint sie sich zur Löwenmutter zu entwickeln, was durch das Alibi deutlich wird, welches sie Alex verschafft, um ihn vor den Feldjägern zu schützen.

Wer ist hier der Boss?
Derweil werden die Strippenzieher in der DDR auch endlich etwas differenzierter dargestellt, was vor allem durch den Besuch des russischen Politikers Alexej (Merab Ninidze) deutlich wird. Dieser verlangt von den Angestellten der DDR weitere drastische Maßnahmen und bestellt im Zuge der Operation RJaN den Rückruf der Spione nach Berlin.
Doch besonders im unterschiedlichen Umgang mit dem Anschlag auf die „Maison de France“ werden die moralischen Unterschiede erst richtig deutlich: Während der Russe und Schweppenstette (Sylvester Groth) sich darüber freuen, scheint Fuchs (Uwe Preuss) als einziger das menschliche Leid zu sehen. Wie bereits zuvor im Westen werden somit vor allem die Einflüsse der Besetzungsmächte als negativer Einfluss aufgezeigt, der die Deutschen dahinbringt, unmoralisch zu werden.
Die größte moralische Kehrtwende präsentiert dabei Lenora (Maria Schrader), die sich tatsächlich um das Wohl ihrer Schwester Ingrid (Carina N. Wiese) sorgt und erleben muss, wo sich die Grenzen ihres Einflusses befinden. So versucht sie im Zuge der Verspätung Martins alles in Bewegung zu setzen, um irgendwie an eine neue Niere für Ingrid zu kommen, muss sich jedoch mit dem Schicksal abfinden, untätig bleiben zu müssen.
Während die DDR-Agenten in dieser Episode etwas an Menschlichkeit zurückgewinnen, ist es diesmal der durch General Edel vertretene Westen, der den Geist des Bösen präsentiert. Was dabei deutlich wird, ist vor allem, dass wir einerseits auf beiden Seiten keine unmoralischen Akteure zu sehen bekommen, jedoch andererseits auch, dass die individuell motivierten Aktionen im Rahmen des politischen Geschehens eine Wucht erzeugen, über die sie keine Kontrolle mehr haben.

Fazit
Nach der dramatischen letzten Folge konzentriert sich Deutschland 83 in Cold Fire vor allem auf politische Zusammenhänge und die Charakterentwicklungen, vor allem bei Alex und Martin. Dass diese sich ab und an etwas selbst verlieren, wie zum Beispiel im etwas unnötigen Besuch der Kommune deutlich wird, wird aber durch die schauspielerischen Leistungen Treptes und Nays wett gemacht.
Deutschland 83 baut zwar etwas an Spannung ab, bietet jedoch weiterhin einen stabilen Kurs zu einem spannenden Staffelfinale. Als Rätsel, die mir nach dieser Episode im Kopf herumgeistern, bleiben vor allem Annetts Motivation, Thomas (Vladimir Burlakov) zu verraten, sowie die Frage nach dem Zufall, dass Ingrid genau dann in West-Berlin operiert wird, wenn Martin eh dorthin berufen werden sollte. Zudem bleibt es spannend, wie sehr sich Martin nach erfolgreicher Nierentransplantation aus den Fängen seiner Spitzelarbeit befreien kann.
Verfasser: Henning Harder am Donnerstag, 10. Dezember 2015(Deutschland 83 1x05)
Schauspieler in der Episode Deutschland 83 1x05
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