Deutschland 83 1x04

Mit Northern Wedding zeigt Deutschland 83 sein bisher größtes Glanzstück auf, was vor allem daran liegt, dass wir statt einem simplen Spionageplot die sich fortentwickelnde Metamorphose Moritz Stamms (Jonas Nay) zu einem schizophrenen Charakter aus kaltem Kalkül und unreflektierter Menschlichkeit präsentiert bekommen. Die Konsequenz seiner Aktionen, die Deutschland 83 dabei in der heutigen Episode auf drastische Art und Weise präsentiert, zeigt auf, zu welcher Dynamik die Serie in der Lage ist.
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.
Während die ARD-Dramaserie Weissensee bereits narrative Verweise auf „Romeo & Julia“, „Kain und Abel“ oder „Der kaukasische Kreidekreis“ aufzeigte, scheint sich „Deutschland 83“ mit der heutigen Episode Northern Wedding an Goethes „Faust“ anzulehnen, was vor allem an den Charakterzeichnungen Stamms und seiner Geliebten Linda (Nikola Kastner) aufzuzeigen ist.
Denn da die Schreibmaschinenwanze, die Moritz zuvor unter Lindas Schreibtisch anbringen konnte, von einer Reinigungsfachkraft gefunden wird, scheint er den Boden unter den Füßen zu verlieren. So nutzt er den Überraschungsbesuch Lindas, um sich persönlich um die Sache zu kümmern und rutscht dabei moralisch immer weiter ab. Er bekommt durch sein Astlochversteck den Auftrag, Linda entweder umzudrehen oder aus dem Weg zu räumen, wobei er zunächst natürlich ersteres versucht.

Im Verhör mit der NATO täuscht er somit vor, Linda nur als Ersatz für ihren Exfreund gedient und nach ihrem Treffen in Brüssel nichts mehr von ihr gehört zu haben. Zudem deutet er darauf hin, dass sie ihren Schreibtisch von Hendrik Mayer (Jens Albinus) geschenkt bekam, was somit den Verdacht auf diesen selbst lenkt. Um diese Lüge weiter zu decken, versucht er, Linda davon zu überzeugen, diese ebenfalls zu Protokoll zu geben.
Doch nach der packend inszenierten Szene am See, in welcher Martin sich nur im letzten Moment dazu durchringen kann, Linda nicht ertrinken zu lassen, hat sich ihr Bild von dem charmanten, angeblichen BND-Offizier gewandelt. So begreift sie langsam, dass dessen übereilige Verlobung sowie die versuchte Ankreidung Mayers als DDR-Spitzel nichts als Täuschungsmanöver sind, um von seiner eigenen Spitzeltätigkeit hinwegzutäuschen.
Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder.
Bei dem Versuch, aus Daun zu fliegen, kommt es schließlich zu der Konfrontation im Wald, bei welcher sie Martin nicht als den Spitzel ansieht, der er wirklich ist, sondern ihn zudem anfleht, sie am Leben zu lassen. Doch ihr Schicksal scheint bereits besiegelt zu sein, als sie schließlich von einem, ebenfalls mit einem unbekannten DDR-Agenten besetzten Auto zu Tode gefahren und von Martin unter die Erde gebracht wird.
Vor allem die darstellerische Leistung Nays, die uns den Agenten Stamm immer wieder zwischen von der DDR indoktriniertem Kalkül und unterbewusster Menschlichkeit oszillierend zeigt, überzeugt dabei auf ganzer Linie. Es wird immer deutlicher, dass wir hier keinem klassischen Antihelden dabei zusehen, wie dieser das Beste aus seiner politischen Position zu holen weiß, sondern einem unausgeloteten Jungen, der durch seine politische Instrumentalisierung seine eigene Moral und Emotionalität zu verlieren droht.

Denn auch, wenn er sich zuvor gegen sein Vorhaben, Linda im See ertrinken zu lassen, durchsetzen konnte, so wurde dadurch jedoch sein Verhältnis zu ihr dermaßen erschüttert, dass ihr Tod die einzige Konsequenz sein konnte. Wenn sich somit die Geschichte der naiven, frisch verliebten Linda, die durch den zwiegespaltenen Moritz in bester Faust-Manier in den Tod gedrängt wird, als Gretchentragödie lesen lässt, so bleibt schließlich noch die Frage offen, wer denn der Mefisto - also die verführende, negative Kraft - ist, die unseren Protagonisten in solche Abgründe stürzt.
An dieser Stelle ließe sich somit am besten die eiskalte Manipulation des geteilten Deutschlands aufzeigen, welche sich vor allem durch den Charakter der Lenora Rauch (Maria Schrader) aufzeigen lässt. Denn auch nach dem Tod Lindas geht diese noch einen Schritt weiter und versucht, Mayer mit dessen Affäre zu bestechen, damit dieser ebenfalls als Spitzel arbeitet. Doch dieser zieht einen drastischeren Entschluss, nimmt sich selbst das Leben und schützt sich somit selbst davor, korrumpiert zu werden. Er stellt somit durch seine Märtyrerfunktion das Gegenbeispiel zu Martin Stamm dar.
Bescheidne Wahrheit sprech ich dir. Wenn sich der Mensch, die kleine Narrenwelt, gewöhnlich für ein Ganzes hält.
Es reicht jedoch nicht, alleine die Ost-Agentin Rauch als Stellvertreterin einer bösartigen DDR anzusehen, vielmehr nimmt die gesamte, auf Wettrüsten ausgelegte, militärische Riege diese Stellung ein, was besonders deutlich im eskalierenden Dialog zwischen Alex (Ludwig Trepte) und dessen Generalsvater Ulrich (Ulrich Noethen) wird.
Denn General Edel hält die von Alex unterstützte Friedensbewegung, deren Ziel die Deeskalation ist, für nichts Weiteres als simple DDR-Propaganda und wird somit ebenfalls zu einem von Scheuklappen dominierten Kriegstreiber, auch wenn er sich selbst nicht in dieser Position sieht, sondern durch seine eigenen Erfahrungen des NS-Regimes angeblich nur dem Frieden entgegen rüstet. Am Ende serviert er dem Geburtstagskind Ursula (Anna von Berg) statt seines Sohnes eine Ohrfeige und treibt diesen weiter in die Arme des immer noch rätselhaften DDR-Spitzels Tischbier (Alexander Beyer).

Mag Ulrich in dieser Situation auch die Hand ausrutschen, ganz und gar zum Unsymphaten scheint er dabei nicht zu werden, was vor allem durch die Anspielung, er würde seinem Nazivater gleichen, deutlich wird, da er dieser zutiefst widerspricht. Vielmehr scheint seine Wahrnehmung durch die Angst vor einem Krieg dermaßen geblendet zu sein, dass er die für Alex deutliche Wiederholung seiner Familiengeschichte nicht sehen kann. Mag das militärische Milieu auch die materielle Grundlage des Wettrüstens darstellen, vor allem die ständige Angst vor einem atomaren Angriff wird hier zum Pudels Kern.
Am Ende der Episode sehen wir schließlich, wie sowohl Moritz als auch Alex versuchen, vor ihren dramatischen Schlüsselmomenten zu fliehen. Sie suchen dabei beide Trost in fremden Armen und alternativen Denkmustern. Während Moritz Halt in der Kommune Yvonnes (Lisa Tomaschewsky) sucht, beginnt Alex ein Verhältnis mit Tischbier, wodurch die Friedensbewegung auch einen Gegenentwurf der Männlichkeitskonstruktion des Militärs präsentiert.
Da steh ich nun, ich armer Tor! - Fazit
Zunächst scheint es vielleicht nicht besonders innovativ, eine simple Gretchentragödie in die Entwicklung der Charaktere zu verfrachten, doch es ist vor allem die beklemmende, spannende Inszenierung dieser, die es schafft, dass die Episode Northern Wedding mich einfach vor Spannung erschüttert hat. Denn erst durch den Gegenpart der naiven Linda wird der Preis, den Moritz für die Gesundheit seiner Mutter zahlt, erst richtig klar.
Natürlich fallen ab und an kleine Überzogenheiten wie der Betrunkenheitszustand von Renate (Beate Maes) oder die Thematisierung von AIDS, die zufälligerweise in der gleichen Episode etabliert wird wie der erste homosexuelle Kuss, etwas negativ auf. Doch alles in allem stellt Deutschland 83 eine packende, zum Teil beklemmende Dramaserie dar, die gekonnt mit der Spannung des Zuschauers und den Entwicklungen der Charaktere spielt.
Northern Wedding spielt das Potential von „Deutschland 83“ gekonnt aus und lässt mich einfach nur noch hoffen, dass die Spannung und die Qualität der Serie weiterhin ein solches Level halten kann. Mag es den deutschen Serienmachern vielleicht helfen, literarische Vorlagen einzuweben - wenn es dramaturgisch so gut funktioniert, gerne mehr davon!

(Deutschland 83 1x04)
Schauspieler in der Episode Deutschland 83 1x04
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