Designated Survivor 1x02

Nachdem der Pilot von Designated Survivor, wie es sich geziemt, die Prämisse der neuen ABC-Dramaserie etabliert hat, kristallisiert sich in seinem Nachfolger, The First Day, heraus, welche Struktur das Format von Showrunner David Guggenheim mutmaßlich verfolgt. Diese ist eine Mischung aus fortlaufender Erzählung und wöchentlichen Problemstellungen, denen sich der unverhofft zum US-Präsidenten aufgestiegene Tom Kirkman (Kiefer Sutherland) widmen muss.
You had one job
Für mich ist es dabei noch zu früh, mir eine Meinung über diesen Aufbau zu bilden. Einerseits ist es bei einer Serie, die wahrscheinlich auf 22 Episoden pro Staffel angelegt ist, nachvollziehbar, dass sie zusätzliches Fleisch auf den dramaturgischen Rippen braucht, um diese hohe Folgenzahl auch ausfüllen zu können. Andererseits hätte ich mich vor allem in dieser Episode darüber gefreut, wenn an ihrem Ende manch ein Konflikt nicht so sauber abgearbeitet gewesen wäre. Jedoch ist auch in dieser Hinsicht nicht zu verleugnen, dass solche simplen Auflösungen ihre Wirkung nicht verfehlen.
Ganz ähnlich wie beim letzten erfolgreichen Sutherland-Format 24 - ich verspreche, dass das hier die letzte Referenz dazu ist - vergeht zwischen den Episoden wenig bis gar keine erzählte Zeit. Eine andere Lösung ergäbe aber auch nicht besonders viel Sinn, schließlich dürfte es keine aufgeregtere Zeit innerhalb des amerikanischen Staatsapparats geben als kurz nach einem verheerenden Terroranschlag. Also befinden sich sämtliche Regierungsarme - zumindest diejenigen, die noch existieren - in reger Betriebsamkeit. Mittendrin steht Tom Kirkman, den das alles zu überfordern scheint.
Sollen die Banken geschlossen werden? Was ist mit den Flughäfen, den Seehäfen, den Bahnhöfen und Autobahnen? Wer kommt bislang als Täter infrage, und hat sich eine Gruppe bereits zu dem Anschlag bekannt? Von seinen streitenden Zuträgern bedrängt, erbittet sich Tom erst einmal Bedenkzeit. Diese nutzt er immerhin ziemlich effizient, wobei eine Anordnung für den Umgang mit den Geldhäusern herauskommt. Hinsichtlich der Bildung eines neuen Kabinetts kann sich Kirkman allerdings nicht so schnell entscheiden - dies überlässt er seinen Adjutanten Emily (Italia Ricci) und Aaron (Adan Canto).

So bleibt Zeit, sich noch drängenderen Problemen zu widmen - und solchen, die bis dahin noch gar nicht auf der Agenda standen. Aus Michigan kommt beispielsweise die Meldung, dass der dortige Gouverneur Royce (Michael Gaston) in bester racial-profiling-Manier angeordnet hat, eine Ausgangssperre für Bürger muslimischen Glaubens auszusprechen und all jene verhaften zu lassen, die dagegen verstoßen: Willkommen im Amerika von Donald Trump! Der Serie ist es hoch anzurechnen, dass sie nicht vor solch brandaktuellen, politisch heiklen Themen zurückscheut.
No time for values
Vom Neu-Präsidenten mit seiner verfassungswidrigen Vorgehensweise konfrontiert, antwortet Royce mit einem Twitter-Hashtag, den fanatische Antidemokraten im heutigen Amerika glatt zum Trenden bringen könnten: #NotMyPresident. Natürlich spricht er das so nicht aus, aber die Botschaft ist genau diese. Die fatalen Auswirkungen solch einer rassistischen Maßnahme lassen nicht lange auf sich warten: In Michigan verprügeln zwei Polizisten einen 17-jährigen Jungen, der seinen schweren Verletzungen wenig später im Krankenhaus erliegt. Aber hey - #AllLivesMatter und so.
Wie schnell das weiße Amerika seine Schutzwälle gegen alle Andersaussehenden hochfährt, muss auch Redenschreiber Seth Wright (Kal Penn) erfahren, der von zwei Polizisten äußerst unwirsch angegangen wird, weil er mit einem Rucksack über die Straße läuft. Wie es sich für einen begabten Wortschmied gehört, hat er dafür das passende Bonmot parat - auch wenn es ihn sichtlich frustriert, so gut darüber Bescheid zu wissen: „Tragedy either makes people appreciate their fellow man or fear them.“ Diese beiden miteinander verwobenen Handlungsbögen sind ebenjene, von denen ich mir wünschte, sie würden am Ende der Episode nicht so fein säuberlich abgeschlossen.
Diese Konflikte enthalten für mich das größte Spannungspotenzial, bewegen sie sich doch sehr nahe an dem, was im echten Amerika gerade passiert. Weniger interessant ist da schon die Suche nach den Hintermännern des Anschlags, bei der die Serie in generische Erzählmuster verfällt. FBI-Agentin Hannah Wells (Maggie Q) hat vermutlich die richtige Theorie, die sie aber nicht weitertragen darf, weil ihre Vorgesetzten schnelle Ergebnisse wollen. Demnach könnte - und wird - es weitere Anschläge geben, andernfalls hätte sich die zuständige Terrorgruppe längst bekannt.

Besonders spannend wird es dann, wenn die unterschiedlichen Erzählstränge miteinander kollidieren. Tom Kirkman will den Ersthelfern am neuen Ground Zero, dem Ort, wo vor wenigen Stunden noch das Kapitol stand, seinen Tribut zollen, was jedoch wegen der aufgeheizten Atmosphäre gründlich schiefgeht. Zum einen schafft es Kirkman wieder nicht, seine neue Rolle als Anführer und mächtigster Mann der Welt auszufüllen, zum anderen sind seine Sicherheitsbeamten so vorsichtig, dass sie einen besonders energischen Reporter als Gefahr einschätzen.
Talk will not work
Sutherland erledigt seine Aufgabe abermals sehr gut. Sein Tom Kirkman weiß immer noch nicht, wo ihm der Kopf steht, entpuppt sich aber allmählich nicht nur als gewiefter Taktiker, sondern auch als energischer Entscheider. Dem Falken Cochrane (Kevin McNally) erteilt er eine schallende Absage, als der schon wieder gegen eine als Täter vermutete Terrororganisation losschlagen will, womit er einen gewissen Jack Bauer in besten Zeiten evoziert. #SorryNotSorry für diesen zweiten „24“-Vergleich.
Beim standoff mit Gouverneur Royce greift Kirkman indes tief in die judikative Trickkiste, um seinen Konkurrenten mit einem geschickten Bluff auszuspielen. Wie gesagt - ein längerer Handlungsbogen wäre hier durchaus wünschenswert. Einsparen könnte man ja beim Erzählstrang rund um Familie Kirkman, der zwar noch nicht auf Nerviger-Teenager-Territorium abdriftet, sich aber gefährlich nahe daran entlanghangelt. Generischer könnte das kaum ausgearbeitet sein, was vielleicht auch ein bisschen daran liegt, dass sich Leo-Darsteller Tanner Buchanan und Lorenzo James Henrie aus Fear the Walking Dead verblüffend ähnlich sehen.
Mit wenigen Ausnahmen hat man bei Designated Survivor den Eindruck, dass hier sehr routinierte Produzenten einen sehr routinierten Job erledigen. Dabei kommt das Aufsehenerregende vielleicht ein bisschen zu kurz, was im Umkehrschluss allerdings glücklicherweise bedeutet, dass keine allzu groben dramaturgischen Schnitzer passieren. In Zeiten aufgeregter Serienprämissen tut es einfach unwahrscheinlich gut, eine solch unaufgeregt vorgetragene Geschichte zu verfolgen. Wenn diese dann auch noch von einer solch überzeugenden Schauspielriege dargestellt wird, gibt es nicht viel auszusetzen - vielleicht könnte die Dialogarbeit ja noch verfeinert werden.
Trailer zu Episode 1x03: 'The Confession'
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 29. September 2016Designated Survivor 1x02 Trailer
(Designated Survivor 1x02)
Schauspieler in der Episode Designated Survivor 1x02
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