The Night Of 1x06

Die Abspannmusik, die Situationskomik, die Referenzen an vergangene Seriengroßleistungen - konzentrierte sich die letzte Episode der HBO-Miniserie The Night Of noch darauf, einen spürbar leichteren Ton anzuschlagen, kommen in Samson and Delilah nun weitere Elemente hinzu, die zu Markenzeichen der Formate des Pay-TV-Senders wurden. Eingebettet ist das alles in den mittlerweile zügiger vorgetragenen Fortgang der Geschichte um den als Vergewaltiger und Mörder beschuldigten Naz (Riz Ahmed).
An extra from West Side Story
Seine Verhaftung zieht die erwartbaren Reaktionen nach sich, wie sein Anwalt John Stone (John Turturro) im Fernsehen beobachten kann. Dort wird über ein in Naz' Heimatstadtteil Jackson Heights begangenes Hassverbrechen gegen einen Taxifahrer berichtet. Hautfarbe und Herkunft des Angeklagten spielen eine bedeutende Rolle, wie seine Anwälte wissen. Vor allem bei der Juryauswahl ist das der Fall. Diese wird zwar diskutiert, dann aber nicht so ausführlich beleuchtet wie zum Beispiel in der hervorragenden ersten Staffel von American Crime Story.
Dabei wird deutlich, dass sich das Format von Richard Price und Steven Zaillian weniger für jedes einzelne juristische Detail des Strafprozesses interessiert, sondern eher für die Etablierung einer bestimmten Stimmung, die uns nachvollziehen lässt, wie diese Figuren ticken, was sie antreibt, wie sie sich verändern. So ist es zu erklären, dass der Alltag von Naz und John weiterhin eine solch prominente Stellung einnimmt. Ein echtes Erfolgserlebnis ist dabei nur dem Anwalt vergönnt, der endlich ein Heilmittel für seine geschundene Fußhaut findet - und das ausgerechnet bei einem chinesischen Schamanen.
Äußerst vergnüglich ist Johns Reaktion auf die Erkenntnis, wohl endlich geheilt zu sein. Voller Begeisterung will er seiner Kollegin Chandra (Amara Karan) davon berichten, die aber viel zu sehr mit der Vorbereitung des ersten Verhandlungstages beschäftigt ist, um seinen Enthusiasmus zu teilen, oder ihn auch nur anzuhören. Was sie ihm verwehrt, bekommt er schließlich in seiner Selbsthilfegruppe, wo sämtliche Teilnehmer ungläubig auf seine mit italienischen Lederschuhen bekleideten Füße starren. Glücklicher haben wir ihn bisher nicht gesehen.

Leicht verwundert bin ich darüber, dass der Cliffhanger am Ende von The Season of the Witch, als John hinter Duane Reade (Charlie Hudson III) herjagte, hier nicht aufgelöst wird. Die Serie will uns damit wohl vermitteln, dass diese Spur vorerst ins Nichts geführt hat - ganz so, wie es Ermittlern, Privatdetektiven und Anwälten im echten Leben ergeht. Dort ist es eben nicht so wie im Fernsehen, dass jeder Ermittlungsansatz gleich zu einem weiteren Puzzlestück führt, weil ein Fall innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens abgeschlossen sein muss.
A ball of yarn
Vielleicht ist das aber auch nur eine Überinterpretation meinerseits, und wir sehen in einer der beiden ausstehenden Episoden, was sich in der dunklen Gasse zugetragen hat. Eine Seite aus Johns playbook klaut sich jedenfalls Chandra, die auf eigene Faust nach neuen Hinweisen sucht und sich dabei ganz schön in die Bredouille manövriert. Sie sucht den Fahrer des Leichenwagens auf, der Naz und Andrea in der Tatnacht offensichtlich verfolgt hatte - zumindest legen das die Videoaufnahmen der Tankstelle nahe, wo die beiden Reisegruppen aufeinandertrafen.
Ebenjener Mr. Day (Esau Pritchett) stellt sich alsbald als bibelversezitierender Frauenhasser heraus, der Chandra sichtlich Angst einjagt. Er faselt etwas davon, sogleich gesehen zu haben, dass Andrea mit Naz habe spielen wollen, wie eine Katze mit einem Wollknäuel spiele. Für ihn habe sich Naz in der Folge nur gegen ihre Angriffe - wie auch immer diese ausgesehen haben mögen - gewehrt, weshalb er - und das spricht er nicht wörtlich aus - den Mord für ein legitimes Mittel halte. Soviel Misogynie ist wahrlich widerwärtig, wobei auch John zumindest Ansätze einer solchen Denkweise offenbart: „Next time, leave the Nancy Drew work to me.“
Wir wollen ihm einmal zugestehen, dass er mit dieser Aussage lediglich bezwecken will, Chandra vor solch einer weiteren Situation zu bewahren. Überhaupt versteht er sich ganz offensichtlich eher als Einflüsterer, der sie an seiner Erfahrung teilhaben lässt, ihr aber gleichzeitig die große Bühne überlässt. Einerseits gewährt sie ihm dafür einen kleinen Einblick in ihr Privatleben, was ihn nicht sonderlich zu interessieren scheint, andererseits nimmt sie seine Tipps kommentarlos an, zum Beispiel, als sie ihre Eröffnungsrede vor der Jury hält.

Wie das unaufgelöste Ende der letzten Episode eindeutig bewiesen hat, spricht John nicht jeden Schritt mit seiner Partnerin ab. So macht er sich auch in Samson and Delilah auf zu einer eigenen Recherchetour. Die Idee dafür liefert ihm die einfache Frage, wie es sich Andrea leisten konnte, in einem millionenschweren Anwesen in Manhattan zu residieren. In einer schönen Hommage an The Wire folgt er dem 'paper trail' und landet im Büro des Finanzberaters Ray Halle (Paul Costanzo), der seinen Verdacht erneut auf Andreas Stiefvater Don (Paul Sparks) lenkt.
Eloise at the Plaza
Zum ersten Mal findet die Verteidigung einen möglichen alternativen Täter zu Naz, der überdies mit einem nachvollziehbaren Motiv ausgestattet ist. Jedoch schläft auch die Gegenseite nicht. Während Staatsanwältin Weiss (Jeannie Berlin) der Toxikologin vorgibt, wie die Ergebnisse aus Naz' Bluttest bewertet werden sollen, geht Mordermittler Dennis Box (Bill Camp) stoisch, routiniert und kompetent der Arbeit nach, die er seit 33 Jahren ausübt. Fündig wird er an der Schule, die Naz einst wegen einer Gewalttat gegen einen Mitschüler verwiesen hatte, was natürlich bestens zum Ansinnen der Staatsanwaltschaft passt, Naz als äußerlich ruhigen, aber schnell aufbrausenden Schläger zu porträtieren.
Der Beschuldigte selbst driftet weiter in den Sumpf ab, der ihm im Gefängnis unweigerlich vor die Füße gefallen ist. Seine täglichen Trainingseinheiten werden nun von gemeinsamem Crack-Konsum mit Schutzpatron Freddie (Michael K. Williams) ergänzt, der nur wenige Worte über die Aussichtslosigkeit des Lebens verlieren muss, um Naz vom Mehrwert des berauschenden Stoffs zu überzeugen. Obwohl er auch ein Handy bekommt, das ihm als einfacher Gelderwerb dienen soll, macht er keine Anstalten, Kontakt zu seiner Familie aufzunehmen, sondern meldet sich lieber bei Chandra, um sich bei ihr zu bedanken und ihr - leicht gruselig - eine gute Nacht zu wünschen.
Die Mitglieder seiner Familie würden sich darüber wohl auch freuen, schließlich nehmen sie große Bürden auf sich, um das Geld für seine Verteidigung aufzubringen. Salim (Peyman Moaadi) verdingt sich als Essenslieferant, wobei er peinlicherweise auch Chandra beliefern muss (deren Namen er ja eigentlich auf dem Lieferschein hätte erkennen müssen), während Safar (Poorna Jagannathan) putzen geht. Nur Bruder Hasan (Syam M. Lafi) trägt nichts zur familiären Kriegskasse bei, sondern randaliert lieber in der Schule, die ihn wegen des öffentlichen Drucks ausschloss.
Jede Figur handelt in etwa so, wie Menschen handeln würden, die in eine solche Situation geraten sind. Entlassen werden sie alle von einem großartigen Abspannsong, der von einem Ensemblemitglied stammt - Lord Jamar, der den Freddie-hörigen Gefängniswächter Tino spielt, rappt darin von der Revolution und erinnert uns damit an ebenjene, die zur Jahrtausendwende im Fernsehen stattgefunden hat.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 15. August 2016The Night Of 1x06 Trailer
(The Night Of 1x06)
Schauspieler in der Episode The Night Of 1x06
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