The Night Of 1x05

The Night Of 1x05

Geradezu beschwingt verabschiedet sich die The Night Of-Episode The Season of the Witch von ihrem bisher beinahe ausschließlich düsteren Ton. Dies ist das Element, das der Miniserie noch gefehlt hat, um zu wahrer Größe aufzusteigen. Jetzt hat sie es geschafft.

Naz (Riz Ahmed) hat sich die passende Gefängnisfrisur zugelegt. / (c) HBO
Naz (Riz Ahmed) hat sich die passende Gefängnisfrisur zugelegt. / (c) HBO

Nur wenige Monate, nachdem ich in einer Kolumnenausgabe feststellte, dass sich der Pay-TV-Gigant HBO in einer Dramakrise befindet, ist dort nun mit The Season of the Witch eine Episode ausgestrahlt worden, die an die Hochzeiten des Senders zu Beginn des neuen Jahrtausends erinnert, als dort Serien wie The Sopranos oder The Wire liefen. The Night Of deutete seit ihrem Start an, dass sie zu Großem fähig ist und löste dieses Versprechen nun auch ein. Der Schlüssel dazu: Humor.

What a world

Für mich gleicht diese Wahrheit einem ungeschriebenen Gesetz. Meine Lieblingsserien lieferten neben tiefgründigem Drama stets auch viel Anreiz für die Lachmuskeln. Es ist das Element, das Mad Men von Masters of Sex unterscheidet, die „Sopranos“ von Mob City und Breaking Bad von Queen of the South. Wer eine echte Welt mit echten, glaubhaften Figuren erschaffen will, der darf auch den Humor nicht zu kurz kommen lassen. Einfach ist es jedoch nicht, die richtige Balance zu finden, weshalb es viele Serienschöpfer wohl gar nicht erst versuchen.

Regisseur Steven Zaillian und Drehbuchautor Richard Price, der in dieser Episode einen Cameo-Auftritt als Viagra-Dealer hat, haben ihre Zehen bereits in der ersten Hälfte der Miniserie zaghaft ins humoreske Wasser gesteckt, lassen diesen Anwandlungen nun aber freien Lauf. Heraus kommt eine ebenso spannende wie unterhaltsame Folge. Der Plot wird gemächlich, aber mit großer Intensität vorangetrieben, während der bemitleidenswerte John Stone (John Turturro) immer wieder zum Lachobjekt verkommt. Dabei könnte die Gefahr drohen, dass die Figur zur Karikatur ihrer selbst wird, was Turturro mit seinem nuancierten Spiel aber zu verhindern weiß.

Die beiden parallel laufenden Geschichten im Gefängnis und in der Außenwelt überkreuzen sich in dieser Episode nur ein einziges Mal. Beide verschreiben sich dem Plotfortschritt, wobei Naz (Riz Ahmed) die Fortschritte, die John und Chandra (Amara Karan) machen, torpedieren könnte. Eine Wahl hat er dabei freilich nicht, schließlich ließ er kürzlich erst seine Vorbehalte gegenüber seinem neuen Schutzpatron Freddie (Michael K. Williams) fallen und begab sich unter dessen Rettungsschirm. Die ersten drastischen Konsequenzen zeigen bald darauf ihre hässliche Fratze.

Chandra (Amara Karan) kann von John noch viel lernen. © HBO
Chandra (Amara Karan) kann von John noch viel lernen. © HBO

Zunächst läuft es für Naz aber, korrespondierend mit der neugefundenen Leichtigkeit im Ton der Serie, ganz gut. Er bekommt eine eigene Zelle, die er sogleich ausnutzt, um weiter an der eigenen Bosstransformation zu arbeiten. Er darf bei Freddie in der Zelle abhängen, mit ihm kiffen, fernsehschauen, Schach spielen. Er bekommt Boxunterricht, bald aber auch einen heiklen Auftrag. Der von einem weiteren Freddie-Zögling angeleierte Drogenschmuggel braucht ihn als Mittelsmann.

Better than the gas chamber

Dies geschieht ausgerechnet während des Besuchs seiner beiden Anwälte, die wichtige Dinge mit ihm zu besprechen haben, weil sie glauben, er könnte sie angelogen haben. Damit konfrontiert, bleibt er bei seinem Standpunkt, wobei es ihm schwerfällt, sich auf die Unterhaltung zu konzentrieren, muss er doch mit einem Auge darauf achten, dass die Drogenübergabe problemlos vonstatten geht. An einem alten Hasen wie John geht das natürlich nicht unbemerkt vorbei, weshalb er seinem Mandanten verständnisvoll mehr Vorsicht anmahnt.

Zum ersten Mal streut die Dramaturgie der Serie in dieser Episode mit voller Absicht Zweifel an Naz' Glaubwürdigkeit. John spricht das einmal sogar direkt aus: „We don't know him.“ Es ist wie ein Weckruf für uns Zuschauer, wissen wir doch wirklich nicht, ob Naz der Mörder ist. Bisher war er größtenteils als sympathischer, harmloser Junge porträtiert worden, der wegen ein paar schlechter, aber keineswegs fundamental falscher Entscheidungen in eine furchtbare Situation geraten ist. Nun zeigt sich jedoch in mehreren Szenen, welche andere, brutalere, rauere Seite in ihm schlummert.

Zu Beginn liefert ihm Freddie seinen Peiniger Calvin (Ashley Thomas) aus, bei dem er es zunächst mit einem zaghaften Fußtritt belässt, bevor er seine animalische Seite hervorkehrt und den Provokateur beinahe mit den eigenen Händen tötet. Hernach ist er nicht etwa erschrocken über sich selbst, sondern tritt mit breiterer Brust auf. Das liegt natürlich auch daran, dass er sich des Schutzes Freddies sicher sein kann, weshalb selbst die bösesten Jungs keine Bedrohung mehr darstellen. Eindeutig wird dabei herausgearbeitet, dass eine dunkle, bisher ungekannte Seite in seiner Seele verborgen liegt.

%26bdquo;The Wire%26ldquo;-Fans dürfte bei diesem Bild das Herz aufgehen. © HBO
%26bdquo;The Wire%26ldquo;-Fans dürfte bei diesem Bild das Herz aufgehen. © HBO

Unabhängig davon arbeiten Stone und Chandra unermüdlich an seinem Freispruch, nachdem sie Johns Entlohnung ausgehandelt haben. Neben der Erkenntnis, dass Naz wahrscheinlich hinsichtlich seines Drogenkonsums gelogen hat - wofür er jedoch ein valides Gegenargument hat -, finden sie heraus, dass Mordermittler Box (Bill Camp) von Trevor (J.D. Williams) angelogen wurde. Bei seiner Vernehmung behauptete er nämlich, alleine auf Naz und Andrea (Sofia Black-D'Elia) getroffen zu sein.

Michael Jackson or Mickey Mouse?

Diese Spur führt Stone zu dessen Begleiter mit dem für Amerikaner wahnsinnig witzigen Namen Duane Reade (Charlie Hudson III), was auch der Name einer der größten Drogerieketten der USA ist. Bei dessen Verfolgung erweist sich John als furchtloser Ermittler, der trotz seiner leidgeplagten Füße eine Verfolgungsjagd durch dunkle Gassen nicht scheut. Wie diese endet, erfahren wir erst in der nächsten Woche, weil uns The Season of the Witch mit einem brutalen Cliffhanger entlässt, der audiovisuell äußerst interessant ausgearbeitet ist.

Überhaupt besticht die Episode - wie schon ihre Vorgängerinnen - in den technischen Kategorien. Manch lange Kameraeinstellung, Montage oder Fokussierung auf die privaten Probleme der Hauptfiguren hilft uns Zuschauern dabei, noch tiefer in ihre Welt einzutauchen. Der vom Leben gebeutelte John muss dabei besonders viel einstecken und zeigt doch immer wieder, welch großes Herz er hat. Er lässt sich weder von seiner Hautkrankheit noch von seinen damit verbundenen Erektionsproblemen noch von den daraus resultierenden fiesen Sprüchen und Handlungen seiner Umgebung beirren.

Für Naz steht derweil neuer Ärger an, von dem er noch gar nichts weiß. Sein Vater Salim (Peyman Moaadi) steht unter starkem Druck seitens seiner Geschäftspartner, den eigenen Sohn wegen Diebstahls anzuklagen, damit er das gemeinsame Taxi aus der Polizeiverwahrung auslösen kann. Der klassischen Seriendramaturgie folgend, dürfte die Anklage bald folgen. Das wäre natürlich Wasser auf die Mühlen des Ermittlerteams um Staatsanwältin Weiss (Jeannie Berlin), die sich ihrer Sache sowieso schon ziemlich sicher ist - so sicher, dass sie dem renitenten Trevor einen Keks mit auf den Heimweg gibt, obwohl der ihr gar nicht geholfen hat.

Dies ist nur eines von vielen Beispielen für den mit viel Raffinesse untergebrachten Humor. The Night Of hat sich dadurch von einer guten in eine sehr gute Serie verwandelt. Hoffen wir, dass es in den ausstehenden drei Episoden so weitergeht.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 8. August 2016

The Night Of 1x05 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 5
(The Night Of 1x05)
Deutscher Titel der Episode
Bewährungsprobe
Titel der Episode im Original
The Season of the Witch
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 7. August 2016 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 27. Oktober 2016
Regisseur
Steven Zaillian

Schauspieler in der Episode The Night Of 1x05

Darsteller
Rolle
Bill Camp
Jeannie Berlin
Peyman Moaadi
Amara Karan

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?