The Night Of 1x04

Die HBO-Miniserie The Night Of erzählt weiterhin zwei Geschichten, eine im Gefängnis und eine im Gerichtssaal, findet in der Episode The Art of War aber mehrere Wege, sie miteinander zu verbinden. Diese sind mal überraschend, mal schockierend und mal witzig, aber stets unterhaltsam und interessant, was mehrere Ursachen hat. Zum einen überzeugen die schauspielerischen Leistungen bis in die kleinsten Nebenrollen (wo viele bekannte HBO-Gesichter zu finden sind), zum anderen befindet sich die audiovisuelle Umsetzung auf höchstem Niveau.
Take the deal
Das wichtigste verbindende Element zwischen den beiden Geschichten ist natürlich der des Mordes angeklagte Naz (Riz Ahmed), der zur Halbzeitmarke der Serie zwei grundlegende Entscheidungen zu treffen hat. Wenig überraschend teilen diese sich auf die beiden Welten auf, in die er durch eine unglückliche Ereignisverkettung - oder tatsächlich den von ihm verübten Mord - geraten ist. Im Gefängnis schwebt weiterhin die Frage über ihm, ob er sich dem gutmütig erscheinenden, aber ganz sicher mit Hintergedanken handelnden Freddie (Michael K. Williams) anvertrauen soll.
Am Ende der letzten Episode bekam Naz einen ersten Vorgeschmack darauf, was ihm passieren wird, sollte es ihm nicht bald gelingen, sich Schutz zu organisieren. Die Überreste seiner verbrannten Matratze sind genug, um seinen Bettnachbarn (David Chen), der ihm bis dahin mit wertvollen Ratschlägen zur Seite gestanden hatte, in die Flucht zu treiben. An dessen Stelle tritt nun Calvin (Ashley Thomas), der seinen Nachhilfeunterricht mit stärkerem Nachdruck durchführt. Seine Tipps sind mitunter schwer verständlich: „Look and don't look someone in the eye.“
Naz wird das im zweiten großen Handlungsstrang noch einsetzen können, zuvor widmet er sich aber der Erfüllung weiterer Hilfsanweisungen. Er verweigert die Teilnahme am Glücksspiel, weil ihn das in die Schuldenfalle treiben kann, und er fängt an, sich eine größere Muskelmasse anzutrainieren, um sich bald nicht mehr von anderen Insassen ausnehmen lassen zu müssen. Zunächst hält er sich auch von Freddie fern, weil Calvin mit seiner Warnung die skeptische Haltung bestätigt, die Naz bereits in einer früheren Episode eingenommen hatte.

Bald stellt sich heraus, dass Calvin nicht der ideale Gefängnisbegleiter ist. Seine Ratschläge sind zwar solide, jedoch zeigt er bald Anzeichen einer milden Geistesverwirrung. Erste Alarmglocken dürften bei Naz läuten, als Calvin ihm ein Bild seiner ermordeten Nichte zeigt - es ist nicht etwa ein Bild aus ihren Lebzeiten, sondern eines von ihrer brutal zugerichteten Leiche. So kommt es denn auch, dass sich Calvin an Naz rächt, indem er die Tschechow'sche Mixtur aus kochendem Wasser und Babyöl über dessen Arm ausgießt.
A boss who has a boss who has a boss
Diese Aktion erfolgt nach einer Wendung, die für uns Zuschauer weniger überraschend kommt als für die beteiligten Serienfiguren. In letzter Sekunde beschließt Naz vor Gericht, den von seiner neuen Anwältin Alison Crowe (Glenne Headley) mit Staatsanwältin Weiss (Jeannie Berlin) ausgehandelten Vergleich nicht anzunehmen. Er hätte dafür unter Eid aussagen müssen, den Mord begangen zu haben, was ihm eine auf maximal 15 Jahre reduzierte Haftdauer eingebracht hätte. Obwohl ihm beinahe sämtliche Beteiligten dazu raten, trifft er die Herzensentscheidung.
In diesem Moment gibt es - ausgenommen von uns Zuschauern - nicht viele, die darüber erfreut sind. Crowe legt kurze Zeit später ihr Mandat nieder, weil sie es sowieso nur angenommen hatte, um ihr öffentliches Profil mit der schnellen Erlangung eines plea deals weiter zu stärken. Weiss ist ebenso brüskiert, hatte sie sich doch erhofft, den Fall zügig und ohne hohe Staatskosten zu den Akten legen und ihren Vorgesetzten damit weiteres Kopfzerbrechen ersparen zu können. Wie die Eltern des Angeklagten die Entscheidung aufnehmen, bleibt indes ungeklärt.
Sie erfahren bald darauf, dass Crowes Kanzlei nicht mehr pro bono für sie arbeiten wird. Übernehmen soll nun Chandra (Amara Karan), die Naz als Einzige dazu geraten hatte, an seiner Unschuld festzuhalten. Sie ist eine der interessantesten Figuren der Serie, weil ihre Motivation nicht einfach zu durchschauen ist. Hat sie Naz nur so beraten, um den Fall zugewiesen zu bekommen und so den großen Karrieredurchbruch zu schaffen? Oder hat sie wahrhaftes Interesse daran, diesem in einer furchtbaren Situation gefangenen jungen Mann zu helfen?

Chandra würde somit ein gutes Team mit John Stone (John Turturro) abgeben, dessen Turtur (sorry, das musste sein!) hier einen neuen Höhepunkt erreicht. Vor Gericht wird er von Crowe persönlich angegriffen, was er mit einem traurigen Hundeblick hinnimmt, um hernach die Kondolenzen von Bekannten und Kollegen über sich ergehen zu lassen. Außerdem plagt ihn seine Hautkrankheit, weshalb er einen neuen Arzt aufsucht, der ihm solch starke Medikamente verschreibt, dass sich sein Apotheker Saul (Fisher Stevens) in Galgenhumor flüchtet.
Look and don't look
Das alles hält ihn jedoch nicht davon ab, weiter in einem Fall zu ermitteln, von dem er längst entbunden ist. Bei Andreas Beerdigung stellt er fest, dass deren Stiefvater Don (Paul Sparks) ganz offensichtlich in dubiose Angelegenheiten verstrickt ist - zumindest deutet das eine lautstarke Auseinandersetzung an, die Don mit einer unbekannten Person führt. Eine weitere Spur führt zu einer Entzugsklinik, wo Andrea einst versuchte, ihr Suchtproblem in den Griff zu bekommen. Unfreundlich begrüßt wird er dabei von der Heimleiterin (gespielt von der Cousine des Hauptdarstellers, Aida Turturro) und dem zwielichtigen Edgar (Max Casella, ein weiterer The Sopranos-Alumnus), der ihm gegen Bares Patientakten zuspielt.
Diese wiederum landen bei Chandra, wobei der findige John einen schönen Profit einstreicht. Er ist ein äußerst gewitztes Kerlchen, hat aber auch ein großes Herz, wie sich unschwer daran erkennen lässt, dass er sich nach dem Wohlbefinden der Katze erkundigt, die er in der letzten Episode ins Tierheim gebracht hat. Interessant ist überdies, dass sich John von seinem eigenen großen Herz nicht den Verstand rauben lässt. So gibt er Naz kurz vor dessen Aussage den Ratschlag, unbedingt den Vergleich anzunehmen, obwohl er in dessen Fall gar keine offizielle Funktion mehr innehat.
Am Ende hört Naz auf keinen seiner Zuflüsterer. Vor Gericht beschließt er trotz weiterhin nebulöser Erinnerungen, für den Beweis seiner Unschuld zu kämpfen, und im Gefängnis spricht er gegenüber Freddie die Worte aus, die ihn in ein starkes Abhängigkeitsverhältnis mit ebenjenem führen werden. Auch der Knastkönig hatte ihm dazu geraten, den Deal anzunehmen, und überdies beleuchtet, wieso er ein solch gesteigertes Interesse an dem nahezu Schutzlosen zeigt - der sei „a care package for my brain.“ Dass sich Naz auf diesen Lorbeeren nicht ausruhen sollte, wird ihm kurz darauf bewusst, als er mitansieht, wie Freddie einen Rivalen brutal zusammenschlägt.
Auch unter dessen Schutzschirm dürfte sich Naz fortan nicht sonderlich sicher fühlen, wohingegen wir Zuschauer mit Sicherheit davon ausgehen können, dass die ausstehenden vier Episoden dieser ruhigen, aufwühlenden, mitreißenden Miniserie ebenfalls herausragend unterhaltsam sein werden.
Trailer zu Episode 1x05: 'The Season of the Witch'
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 1. August 2016The Night Of 1x04 Trailer
(The Night Of 1x04)
Schauspieler in der Episode The Night Of 1x04
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