Club der roten Bänder 1x10

Am Montagabend ist auf VOX die erste Staffel von Club der roten Bänder zu Ende gegangen. Die erste eigenproduzierte Serie des Senders verabschiedete sich mit einem neuen Bestwert: 2,71 Millionen Zuschauer wollten die zehnte und vorerst letzte Folge sehen. Das war nicht nur die reichweitenstärkste Folge der Serie, sondern sogar die erfolgreichste Sendung in der VOX-Primetime im gesamten bisherigen Jahr 2015.
Der Marktanteil in der Zielgruppe der 14- bis 59-jährigen Zuschauer betrug exzellente 12,6 Prozent. Besonders stark sah es jedoch bei den jungen Frauen aus: In der Gruppe der 14- bis 29-jährigen Zuschauerinnen holte Club der roten Bänder einen Marktanteil von spektakulären 32,1 Prozent - und sicherte sich damit in dieser Gruppe die Marktführerschaft.
Die Serie, über die man spricht
Die Kennzahlen für den Erfolg der Serie im Internet sind nicht minder beeindruckend: Bis Montagabend ist Club der roten Bänder auf 3,2 Millionen Abrufe bei VOX Now gekommen (wo die gesamte Serie bis zum 14. Dezember noch kostenfrei abgerufen werden kann). Auf Facebook hat die Serie während der fünfwöchigen Laufzeit 220.000 Fans gewonnen. Montag für Montag ist #CdrB, das Hashtag der Serie, außerdem Trending Topic auf Twitter gewesen.
Für die erste Eigenproduktion von VOX hätte es kaum besser laufen können. Die Serie hat genau das erreicht, was eine Serie im Idealfall erreichen soll: einen regelrechten Sog zu entwickeln, durch den immer mehr Zuschauer in ihren Bann geraten. Club der roten Bänder ist zum Gesprächsthema geworden. Es konnte einem passieren, dass einem wildfremde Leute in der Kneipe auf einmal davon erzählt haben, was für eine tolle neue Serie momentan auf VOX läuft.
Horizontales Erzählen funktioniert!
Club der roten Bänder hat bewiesen, dass horizontales (also: episodenübergreifend fortgesetztes) Erzählen in Deutschland prinzipiell genau so funktionieren kann wie überall auf der Welt. Die Serie hat im Verlauf der ersten Staffel nicht nur keine Zuschauer verloren, sondern - mit geringfügigen Schwankungen - sogar Zuschauer hinzugewonnen. Wie Empire zu Beginn des Jahres in den USA, nur in ein bisschen kleineren Dimensionen.
Und Club der roten Bänder hat noch etwas gezeigt: dass genau die Gruppe der ganz jungen Zuschauer, welche von vielen Senderchefs und Redakteuren schon praktisch verloren gegeben worden ist, weil man sie angeblich über das lineare Fernsehen sowieso nicht mehr erreichen kann, sehr wohl zum Einschalten zu bewegen ist - wenn man ihnen dafür einen guten Grund gibt.
Im Zusammenhang mit Deutschland 83 ist in diesen Tagen sehr viel darüber diskutiert worden, dass das Publikum Serien heute on demand schauen möchte. Und dass die Messung der Einschaltquoten doch ohnehin überholt sei. In diesen Positionen mag jeweils ein Fünkchen Wahrheit stecken. Club der roten Bänder hat jedoch eindrucksvoll vor Augen geführt, dass beides kein Thema ist, wenn eine Serie beim Publikum wirklich Feuer fängt. Dann wollen die Zuschauer nämlich wissen, wie es weitergeht, sobald die neue Folge auf Sendung geht. Und das lässt sich dann sogar in den vermeintlich so vorsintflutlichen Einschaltquoten ablesen.
Achtung! Ab hier Spoiler zur ersten Staffel der Serie!
Kontraintuitiv
Club der roten Bänder hat offensichtlich einen Nerv getroffen. Und das auf vollkommen kontraintuitive Art und Weise. Eine Serie über Jugendliche im Krankenhaus, die mit Leid, Schmerz und Tod fertig werden müssen. Das ist nicht gerade ein Stoff, der nach massentauglicher Unterhaltung klingt. Und auch auf SERIENJUNKIES.DE® sind wir sehr skeptisch gewesen, ob eine solche Serie überhaupt im werbefinanzierten Fernsehen club-der-roten-bnder/reviews/1x01-das-schwimmbad.html,funktionieren kann. Alles daran klang eigentlich mehr nach öffentlich-rechtlichem Fernsehen oder Pay-TV.
Es hat aber funktioniert. Bei VOX.
Der Stoff, der den Zuschauern da aufgetischt wurde, mochte hart sein. Er wurde schonungslos und ohne jeden Zuckerguss dargeboten: Die Angst Leos (Tim Oliver Schultz) davor, durch die erneute Chemotherapie impotent zu werden. Sein Kotzen, als er doch wieder damit anfängt. Die Angst und Unsicherheit. Das Ausgeliefertsein den Ärzten gegenüber. Der wohl härteste Schlag kam in der Folge Geburtstag, als Alex (Timur Bartels) eine gefährliche Operation antritt, ohne seinen Freunden davon vorher etwas zu sagen. Und er die OP nicht überlebt.
Die schockierten Reaktionen des Publikums auf diese Folge geben Auskunft darüber, wie stark die Zuschauer am Schicksal der Figuren Anteil nehmen.
Freundschaft
Ein Leser hat kürzlich sein völliges Unverständnis geäußert, wie sich die Zuschauer bloß am Leiden der Kinder und Jugendlichen ergötzen könnten. Dieser Kommentar verkennt natürlich vollkommen, was die eigentliche Attraktion von Club der roten Bänder ausmacht. Ja, uns werden Figuren gezeigt, denen es denkbar elend geht. Das, was die Zuschauer so sehr an die Serie fesselt, ist jedoch nicht per se dieses Leiden, sondern die Art und Weise, wie die Figuren damit umgehen.
Inmitten aller Widernisse finden die Jugendlichen durch den Club der roten Bänder - durch die Freundschaft, die zwischen ihnen entsteht - eine Struktur, die sie durch die Krankheit und das Leiden hindurch trägt. Bei allen Konflikten, die es natürlich trotzdem unter ihnen gibt, existiert eine Nähe und eine gegenseitige Unterstützung, welche eine unbändige Faszination auf das Publikum ausübt. In vielen anderen Kontexten würden wir diese Art der Darstellung von prosozialem Verhalten als aufgesetzt, unrealistisch und irgendwie cheesy empfinden. Nicht zuletzt, weil diese Form des Zusammenhalts eine ganz große Sehnsucht in uns anspricht.
Im Kontext des Krankenhauses ist es jedoch möglich. Wir wissen um die ganz existenziellen Dramen, die sich in diesen Räumen abspielen. Deshalb kann hier auf diese unschuldige, unverstellte Art von Freundschaft erzählt werden. Weil Elend und Schrecken jederzeit als „Gegengewicht“ präsent sind.
Die richtige Mischung
Darüber hinaus findet Club der roten Bänder genau die richtige Mischung aus Soap - etwa das Liebesdreieck zwischen Leo, Emma (Luise Befort) und Jonas (Damian Hardung) - und überhöhter Realität - Hugos (Nick Julius Schuck Zwischenwelt, aber auch Lukes Fähigkeit, die Zukunft vorherzusagen, in Kometen -, um das Publikum in die Geschichte hineinzuziehen und einen Sinn für das Außergewöhnliche und Wundervolle zu geben.
Die Welt von Club der roten Bänder ist eine, in der Krankheit und Verlust eine ständige Realität sind, ebenso aber auch die Möglichkeit, das scheinbar Unüberwindbare zu überwinden. Siehe Toni (Ivo Kortlang), der mit Hugo kommuniziert, obwohl das eigentlich unmöglich ist.
Kompliment
VOX hat nie damit hinter dem Berg gehalten, dass es sich bei Club der roten Bänder um die Adaption einer spanischen Serie handelt. Das hat der deutschen Version interessanterweise überhaupt nicht geschadet. Auch nicht die Tatsache, dass es mit Red Band Society bereits eine (gefloppte) US-Version des Stoffes gegeben hat. Großen Anteil an der Eigenständigkeit der deutschen Serie haben insbesondere die jungen Darsteller, die dem „Club“ ihren eigenen Stempel aufdrücken.
Bemerkenswert sind unterdessen auch die Leistungen von Kamera und Ausstattung. In unserem Gespräch mit VOX-Geschäftsführer Bernd Reichart „70523“ sind wir unter anderem auf das Thema des niedrigen Budgets der Serie zu sprechen gekommen. Damals hatte Reichart gesagt: „Wenn Sie den Eindruck haben, dass sie billig und handwerklich schlecht produziert ist, dann können Sie gerne den Finger heben und fragen: Hat da vielleicht das Geld gefehlt? Ich bin aber fest davon überzeugt, dass Sie das Gefühl haben werden, dass es toll aussieht und dass es eine hochwertige Serie ist, die allen Ansprüchen genügt.“
Da und dort scheint natürlich mal der Kulissencharakter des Club der roten Bänder-Sets hindurch. Gerade dann, wenn man das Set der Serie in Monheim selbst in Augenschein nehmen konnte „71777“, überwiegt jedoch der Eindruck des „Wow! Wahnsinn, was sie auf diesem kleinen Set an unterschiedlichen Beleuchtungen und Blickwinkeln hinbekommen haben, so dass es immer wieder anders und nie langweilig aussieht!“
Ärgerlich
Ärgerlich - das sei aber nur als ganz kleine Randnotiz angemerkt - sind die wiederholten Unzulänglichkeiten, was die medizinische Seite der Serie angeht. Da werden wild die Begriffe CT und MRT durcheinander geworfen. Da muss Hugos Mutter einen Strahlenschutz anlegen, weil sie bei ihrem Sohn bleiben will, als dieser ein MRT bekommt. Was natürlich kompletter Unfug ist, weil bei einem MRT keine radioaktive Strahlung zum Einsatz kommt. Genau so gut hätte man die Szene erzählen können, indem das Personal erst mal einen zusätzlichen Kopfhörer für die Mutter auftreiben muss. Weil so ein MRT verdammt laut ist.
Korrektur: Nach einem Hinweis auf Twitter habe ich die Stelle noch mal überprüft. Bei dem Apparat, der zu sehen ist, handelt es sich tatsächlich um einen Computertomographen. Damit ist die Kritik an dieser Stelle hinfällig. Denn ein CT wird tatsächlich mittels Röntgenstrahlung vorgenommen.
Fazit
Ich sage es ganz offen: Ich habe Club der roten Bänder am Anfang unterschätzt. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass die Serie so dermaßen abgeht, wie sie abgegangen ist. Das spricht einerseits natürlich für den Stoff. Andererseits aber auch ganz klar für das, was VOX, die deutschen Autoren Arne Nolting und Jan-Martin Scharf, die Produzenten von Bantry Bay und die deutschen Darsteller aus diesem Stoff gemacht haben.
Mit Club der roten Bänder ist VOX eines der ganz großen Highlights des deutschen Serien-Herbsts 2015 gelungen.
Verfasser: Christian Junklewitz am Dienstag, 8. Dezember 2015(Club der roten Bänder 1x10)
Schauspieler in der Episode Club der roten Bänder 1x10
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