Für das BBC-Drama Broken begibt sich der aus Game of Thrones als Eddard Stark bekannte Sean Bean in die Rolle eines gebrochenen Priesters. Marcella-Star Anna Friel spielt eine alleinerziehende Mutter. Schwermütige Figuren für eine schwermütige Serie.

Sean Bean als Father Michael Kerrigan in „Broken“ / (c) BBC One
Sean Bean als Father Michael Kerrigan in „Broken“ / (c) BBC One
© ean Bean als Father Michael Kerrigan in „Broken“ / (c) BBC One

Ursprünglich hätte Broken, die neue Serie des englischen Fernsehproduzenten Jimmy McGovern (Banished), schon vergangenen Dienstag bei BBC One auf Sendung gehen sollen, doch dann kamen die tragischen Ereignisse in Manchester dazwischen, so dass Episode 1 der sechsteiligen Auftaktstaffel auf die Woche darauf verschoben wurde. Um das erschütterte Land durch diese düstere Serie nicht zusätzlich aufzuwühlen, wurde stattdessen eine alte Episode Planet Earth gezeigt. Nun sind mehr als sieben Tage vorüber, aber das religiöse Drama wirkt noch immer äußerst schwermütig.

Zuschauer, die McGovern kennen, die wissen, dass sie bei Broken keine Chance auf Eskapismus finden werden. Als Autor ist er dafür bekannt, ein Licht auf die Orte zu werfen, die im Vereinigten Königreich häufig übersehen oder absichtlich im Dunkeln gelassen werden. Mit gnadenlosem Realismus konfrontiert er den Mittelstand mit den Schicksalen der Unterschicht und versucht so, einen Dialog herzustellen. Wer weiß, würden mehr Menschen in Großbritannien seine Serien sehen, hätte es den Brexit vielleicht nie gegeben - zumindest wären die wohlhabenden Londoner nicht so überrascht gewesen, wie abgehängt sich große Teile des Landes offensichtlich fühlten.

Please God, not this time

In ebendiesen Teilen des Landes spielt auch die Serie Broken. Die Stadt hat keinen Namen und hätte sich wohl auch keinen mehr verdient. Die besten Zeiten, als Industrie und Wirtschaft noch boomten, liegen weit zurück. Übrig geblieben sind renovierungsbedürftige Mietskasernen und geschlossene Geschäfte. Eines der letzten Geschäfte, das noch läuft, ist die Kirche. Am Laufen gehalten wird sie durch Father Michael Kerrigan (Sean Bean), einem gewissenhaften Priester mit traumatischer Vergangenheit. Als Kind wurde Michael von seiner Mutter schwer misshandelt, doch kümmert sich als Erwachsener merkwürdig liebevoll um sie. Schon allein daran wird deutlich, wie zerrissen er innerlich ist.

Nach außen versucht Michael, gesellig und humorvoll zu wirken, doch, wer genauer hinsieht, erkennt die unermessliche Traurigkeit in seiner Seele, die nicht einmal sein Glaube heilen konnte. Zum Glück beziehungsweise Unglück Michaels sieht in seiner Gemeinde niemand genauer hin, da jeder einzelne viel zu sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt ist. Und so muss Michael als spiritueller Hirte eine ganze Herde schwarzer Schafe betreuen.

Anna Friel als Mutter Christina Fitzsimmons in „Broken“
Anna Friel als Mutter Christina Fitzsimmons in „Broken“ - © BBC One

Bei dem schwärzesten aller Schafe und dem, welchem er sich offenbar am meisten zugeneigt fühlt, handelt es sich um die alleinerziehende Mutter Christina Fitzsimmons (Anna Friel). Sie macht in der Pilotepisode eine unfreiwillige Reise durch alle Kreise der Hölle: Sie wird gefeuert, gerät in eine Schlägerei, wird vom Sozialamt abgewiesen, muss einen kostbaren Ring versetzen und verliert ihre Mutter - alles innerhalb weniger Tage. Kein Wunder, dass so viel Pech zu einer fatalen Entscheidung führt: Christina hält den Tod ihrer Mutter drei Tage lang geheim, um noch einen letzten Pensionsscheck einlösen zu können. Als die Missetat begangen ist, setzt sie Father Michael schließlich über den Tod ihrer Mutter, die eine strenggläubige Katholikin war, in Kenntnis.

Michael kommt, um der Verstorbenen den letzten Segen zu erteilen, doch erkennt sofort, dass etwas - im wahrsten Sinne des Wortes - faul ist. Er stellt Christina zur Rede, doch nicht, um über sie zu richten, sondern, um ihr zu helfen. Sollte nämlich herauskommen, dass sie den Tod ihrer Mutter verheimlicht hat, um den letzten Scheck abzustauben, droht ihr das Gefängnis. An dieser Stelle endet die Episode. Setzt sich Christinas Pechsträhne weiter fort, dürfte sie im weiteren Verlauf der Serie tatsächlich hinter Gittern landen und ihre Kinder müssten ohne Eltern aufwachsen. Doch vielleicht ist dies auch die Gelegenheit für Father Michael, um ihr zu helfen und sich damit vom seit der Kindheit eingetrichterten Selbsthass zu befreien.

Fazit

Der Titel der Serie Broken, so generisch er auf den ersten Blick auch erscheinen mag, könnte den Inhalt kaum treffender beschreiben. In dieser Geschichte ist wirklich alles gebrochen: die Stadt, die Menschen und sogar der Glaube. Als Hauptdarsteller gelingt es Sean Bean (Game of Thrones, Legends), eine stille Traurigkeit auszustrahlen, die man im echten Leben sonst nur von Depressiven kennt. Und auch Anna Friel (Pushing Daisies, Marcella) leistet in ihrer nicht minder tragischen Rolle beeindruckende Arbeit. Hervorzuheben ist vor allem ihr nonverbales Schauspiel in der Szene, in der ihre Figur die tote Mutter entdeckt.

Mit solchen Momenten versucht Jimmy McGovern, der Schöpfer dieser Dramaserie, unsere Herzen zu zerreißen, um sie für das Leiden anderer zu öffnen. Es ist schwierig, etwas zu benennen, das McGovern bei Broken handwerklich nicht einwandfrei gelungen ist: Die Serie sieht fantastisch aus, hat großartige Darsteller und ein mehr als solides Drehbuch. Persönlich war ich schon nach dem Intro an Bord - wie könnte man einen Randy-Newman-Song vorgetragen von der einmaligen Nina Simone überhaupt noch übertreffen?

Die Wahrheit ist jedoch, dass die Serie für viele Zuschauer zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt kommen dürfte, womit nicht nur der Vorfall in Manchester gemeint ist. Ähnlich wie The Handmaid's Tale könnte Broken aufgrund der melancholischen Atmosphäre und der niederschlagenden Thematik von zahlreichen Watchlists herunterfallen. In einer Zeit, in der die Weltlage so labil erscheint wie jetzt, wer hat da noch Lust, sich mit den Problemen des Prekariats Nordenglands auseinanderzusetzen? Hoffentlich denken nicht zu viele so...

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