Broadchurch 2x08

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Als die erste Staffel von Chris Chibnalls Krimiserie Broadchurch im Frühjahr 2013 bei ITV auf Sendung ging, stimmten nicht nur die hervorragenden Quoten (33 Prozent Marktanteil zum Finale) und die beinahe durchweg positive Kritikerresonanz. „Broadchurch“ wurde zu einem Phänomen, das Großbritannien acht Wochen lang die Luft anhalten ließ. In bester Whodunnit-Manier wurden die Zuschauer dazu eingeladen, über die Identität des Mörders zu spekulieren - und das taten sie auch, wie auf Social-Media-Plattformen wie Twitter mitzuverfolgen war.

Fast zwei Jahre nach Ausstrahlung des ersten Falls, in dem Detective Inspector Alec Hardy (David Tennant) und Detective Sergeant Ellie Miller (Olivia Colman) den Mörder des elfjährigen Danny Latimer (Oskar McNamara) unter den Bewohnern der verschworenen Kleinstadt ermitteln mussten, zeigte ITV am vergangenen Montag das Finale der zweiten Staffel. Wie zu erwarten war, waren nicht mehr ganz so viele Zuschauer für die Serie zu begeistern und auch die Rezensionen wurden nach und nach immer durchwachsener.
Dabei übertraft die Auftaktepisode sämtliche Erwartungen, indem sie die Charaktere mit neuen und interessanten Konflikten konfrontierte. Zum einen beginnt darin der Prozess gegen Joe Miller (Matthew Gravelle), der in der ersten Staffel als Mörder von Danny überführt wurde. Dies zog seiner Frau Ellie den Boden unter den Füßen weg und kostete sie auch ihren Sohn Tom (Adam Wilson), der erst einmal nichts mehr mit ihr zutun haben möchte. Stattdessen trifft er sich heimlich mit Mark Latimer (Andrew Buchan), dem Vater seines besten Freundes, den sein Vater umgebracht hat.

Zum Schock sämtlicher Anwesenden plädiert Joe während seines Prozesses auf „nicht schuldig“, was die Emotionen der Gemeinde abermals hochkochen lässt. Weder die Verteidigung noch Familie Latimer noch die Ermittler noch sein Ansprechpartner Reverend Coates (Arthur Darvill) trauen ihren Ohren, als der doch anscheinend offensichtlich Schuldige im Gerichtssaal den Mund öffnet. Um sich den Schuldspruch zu sichern, überzeugen Beth Latimer (Jodie Whittaker) und ihr Mann nach einigem Widerstand die mittlerweile zurückgezogen lebende Jocelyn Knight QC (Charlotte Rampling), ein letztes Mal ihre Perücke aufzuziehen. Joe hingegen engagiert Barrister Sharon Bishop QC (Marianne Jean-Baptiste), die einst von Knight ausgebildet wurde. Zwischen den beiden Anwältinnen herrscht allerdings seit geraumer Zeit Zwietracht, was zusätzliche Spannung in den Gerichtssaal bringt.
DI Hardy verrät seiner Kollegin DS Miller endlich, warum es ihn nach Broadchruch gezogen hat und warum er noch immer dort verweilt. Der Grund ist erneut im Sandbrook-Fall zu finden, der schon in der ersten Staffel einige Male erwähnt wurde. Ursprünglich hieß es, Hardy wollte dem Medienrummel entkommen, nachdem er wegen eines Ermittlungsfehlers und dem darauf folgenden Freispruch des vermeintlichen Mörders zweier Cousinen ins Kreuzfeuer geraten war. Wie sich herausstellt, ist Claire Ripley (Eve Myles), eine wichtige Zeugin in dem alten Fall, ebenfalls in der Kleinstadt und muss vor ihrem Ehemann Lee Ashworth (James D'Arcy) beschützt werden, den sie als Mörder belastet hat. Hardy wird klar, dass es endlich Zeit ist, den Fall abzuschließen, und auch Miller kann die Ablenkung sehr gut gebrauchen.

Mit dieser fantastischen Prämisse startet Broadchurch in die zweite Staffel, und weder an der Inszenierung von James Strong (der dieses Mal lediglich für die ersten zwei Folgen auf dem Regiestuhl saß und später an Kollegen wie Jessica Hobbs übergab) noch am Schauspiel dieser hochwertigen Produktion gibt es viel auszusetzen. Leider - und vielleicht unfairerweise - springt der Funken in den späteren Folgen nicht mehr über, was vor allem am neuen (beziehungsweise alten) Sandbrook-Kriminalfall liegt, der einfach nicht dermaßen emotional zu fesseln weiß wie der lokale Fall um Danny Latimer. Auch der Barrister-Beef zwischen den Charakteren von Rampling und Jean-Baptiste wirkt wie eingeschobener Fluff, der vom wahren Drama in Broadchurch ablenkt. Ich persönlich habe jedenfalls nur wirklich mitgefiebert, wenn es um die bereits bekannten Charaktere und den Miller-Prozess ging.
Jene Szenen im Gerichtssaal wissen den Zuschauer abermals auf eine emotionale Achterbahnfahrt zu schicken. Während Joe bis auf sein Plädoyer die Aussage verweigert, treten tatsächlich Zeugen auf, die ihn entlasten. Zum einen sein Sohn Tom, der einfach nicht glauben kann, was sein Vater getan haben soll. Zum anderen die abgebrühte Susan Wright (Pauline Quirke), die als Augenzeugin des Mordes präsentiert wird und ihren eigenen Sohn Nigel (Joe Sims) belastet. Auch rächt sich Millers (verständlicher, aber handgreiflicher) Gefühlsausbruch nach Joes Festnahme. Geschickt spielt Autor Chris Chibnall zudem mit den Spekulationen über Tennants Ausstieg aus der Serie, indem er Hardy mitten in der Staffel auf den Operationstisch schickt. Einen Werbeblock lang sah es beinahe so aus, als könnten wir unsere Hauptfigur unter dem Messer verlieren.

Unter höchster Geheimhaltung wurde die zweite Staffel von Broadchurch produziert, die mit der letzten Episode in puncto Überraschungen noch einmal Gas gibt. Nachdem die Ermittlungen gegen Joe Miller kritisiert wurden und der Jury mit Mark Latimer und Nigel Carter zwei alternative Täter präsentiert wurden, erhält Dannys Mörder tatsächlich einen Freispruch. Nach der Verhandlung wird er vom Reverend, seinem ehemaligen Vertrauten, an Mark und Nigel ausgeliefert, die ihn zu einem zweiten „Prozess“ verschleppen. Was zuerst wie ein Lynchmob aussieht, der drauf und dran ist, Joe mit Heugabeln aufzuspießen, entpuppt sich als finale Konfrontation mit seiner Frau Ellie und den Latimers, die ihm nahelegen, sich nie wieder in Broadchurch blicken zu lassen und ihm zu verstehen geben, dass er seine Kinder nie wieder sehen wird.
Während die Auflösung bezüglich Täter und Opfer in der ersten Staffel noch sehr komplex und ambivalent ausfiel, was es schwierig machte, Joe einfach als pädophilen Schurken abzustempeln, wirkt dieser Abschluss etwas selbstgerecht und will Genugtuung vermitteln. Auch erhalten wir nie ein befriedigendes Motiv für das Verhalten des Angeklagten, das sich eher dem Spannungsbogen zu beugen schien als charakterlich motiviert zu sein. Immerhin wurde uns ein in Gewalt kulminierendes Ende inklusive Selbstjustiz erspart, auch wenn ich erwartet hätte, dass die Beziehung zwischen Mark und Tim - als Spiegelbild von Joe und Danny - eine größere Rolle einnimmt. Zu verfolgen, was ein Ort nach der Auflösung eines Mordes durchmacht, war alles in allem ein spannender Ansatz, der für mich das Herzstück dieser Staffel ausmachte.
Neben der Versöhnung der rivalisierenden Anwältinnen, deren Sub-Plot eher in die Barrister-Serie Silk gepasst hätte, wird im Finale auch der Sandbrook-Fall aufgelöst. Wie sich herausstellt, hat Mr. Gillespie (Shaun Dooley) seine Nichte in Rage umgebracht, nachdem er sie mit ihrem Geliebten Lee Ashworth erwischt hatte. Er droht ihm und dessen Frau Claire, die an den Tatort kommt, Lee die Tat anzuhängen, wenn sie ihm nicht beim Vertuschen des Mordes helfen. Die zwölfjährige Pippa Gillespie hatte mitbekommen, wie Lee und Lisa sich gestritten haben, weshalb Claire sie mit einem Drogencocktail ihres Vaters zunächst außer Gefecht gefecht gesetzt hat. Anschließend brachte Lee die junge Zeugin um, weshalb sich alle drei Beteiligten in einer Art Mexican Standoff der gegenseitigen Belastung befanden.
Trailer zur 2. Staffel (c) ITV
Dem Telegraph gegenüber erläuterte Hauptdarsteller David Tennant, die Serie sei ein Opfer ihres eigenen Erfolgs: „Die erste Staffel war eine dermaßen außergewöhnliche Angelegenheit. In diesem Land erlauben wir nie, dass sich so ein Erfolg wiederholt... Wir lassen es einfach nicht zu. Unweigerlich werden viele sagen, sie (die zweite Staffel) sei nicht wie so gut wie die Erste. Ich finde: Das ist sie. Es ist eine wundervolle Serie und ich bin sehr stolz, ein Teil davon zu sein.“
Stolz darf Tennant vor allem auf seine eigene Leistung sein. Er ist nach wie vor voll bei der Sache, obwohl eine gewisse Müdigkeit nach der ersten Staffel und dem Spielen der gleichen Rolle im US-Remake Gracepoint durchaus nachvollziehbar wäre. Das Zusammenspiel mit seiner Ermittlungspartnerin Olivia Colman, die noch immer das Beste ist, was das britische Fernsehen darstellerisch zu bieten hat, ist der wichtigste Grund dafür, Broadchurch auch trotz eines schwächeren Staffelfalls die Stange zu halten. Beide werden auch für die dritte Staffel der Serie, die nach dem Staffelfinale bestätigt wurde, vor der Kamera stehen.
Verfasser: Mario Giglio am Samstag, 28. Februar 2015(Broadchurch 2x08)
Schauspieler in der Episode Broadchurch 2x08
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