Breaking Bad 5x16

Der Schlüsselmoment in Felina, der allerletzten Episode von Breaking Bad, ist gleichzeitig der überraschendste - und das in zweifacher Hinsicht. Auf seiner Abschiedstour durch New Mexico taucht Walter White (Bryan Cranston) bei seiner Nochehefrau Skyler (Anna Gunn) in deren neuer Wohnung auf, um sich ein letztes Mal von ihr zu verabschieden. Er gibt ihr den Lottoschein, auf dem die Koordinaten des Wüstengrabs seines Schwagers Hank und dessen Kollegen Steven Gomez vermerkt sind. Mit dieser Information solle sie mit dem Staatsanwalt einen Deal aushandeln, der ihr Straffreiheit garantiert.
A man who you once knew
Doch dieser Handel ist nicht der einzige Grund für Walters Besuch. Am Ende der Unterredung („Five minutes“) passiert etwas, das in fünf Staffeln Breaking Bad echten Seltenheitswert hatte: Walter White spricht die Wahrheit. „I did it for me. I liked it. I was good at it. And I was really... I was alive.“ Mit diesen Worten versucht er, sich einen letzten Augenblick mit seiner Tochter Holly zu erkaufen. Mit Erfolg. Auf Walter Junior (RJ Mitte) kann er jedoch nur aus sicherer Distanz einen letzten Blick werfen. Die Wunden sind zu tief, in der letzten Episode hatte ihm sein eigener Sohn den Tod gewünscht. Dann bricht Walter auf in sein letztes Gefecht: „Just get me home. I'll do the rest.“

Zuvor hatte er sich um die Verknüpfung mehrerer loser Enden gekümmert. Sein erster Weg führt ihn zum Anwesen seiner ehemaligen Freunde und Geschäftspartner Elliot (Adam Godley) und Gretchen Schwartz (Jessica Hecht). Eine gefühlte Ewigkeit dauert es, bis wir wissen, was genau Walters Absichten sind. Wie die Macher hier Spannung aufbauen: genial. Walter, wie er durch das hypermoderne neue Haus des Ehepaares schleicht, wie er langsam das Eingangstor schließt, das alles zu den Klängen klassischer Musik (gab es in „Bad“ jemals den Einsatz klassischer Musik?). Dann endlich, nach kurzem comic relief („Elliot, if we're gonna go that way, you'll need a bigger knife.“), enthüllt Walt seine Pläne.
Gemeinsam stapeln sie Walts Geld - 9,72 Millionen Dollar - auf ihrem Wohnzimmertisch. Peinlich genau achtet Walt darauf, dass auch ja nichts unter den Möbeln verschwindet. Dieses Geld sei für seine Familie bestimmt. Beide sollen es den Kindern an deren 18. Geburtstagen vermachen, getarnt als großzügige Spende von ihnen. Nicht einen Cent für eventuell anfallende Gebühren und Honorare sollen sie aus ihrer Tasche bezahlen, alles soll von seinem Geld beglichen werden. Da ist er wieder, der alte Heisenberg'sche Stolz, der in dieser Episode ansonsten wenig prominent auftritt. Außer dem Handschlag unter alten Freunden hat Walt eine weitere Versicherung für den wahrscheinlichen Fall, dass Gretchen und Elliot seine Anweisungen nicht befolgen sollten. Im Gebüsch rund um ihr Haus verstecken sich Badger (Matt Jones) und Skinny Pete (Charles Baker), die mit Laserpointern Scharfschützen mimen. Ein wunderbarer letzter Auftritt der beiden Witzbolde!
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Die beiden sind es denn auch, die Walter letzte Gewissheit darüber geben, dass Jesse (Aaron Paul) noch am Leben ist und das blaue Meth produziert. In der nächsten Szene sehen wir einen schönen callback an eine frühere Episode. In Kafkaesque (3x09) erzählte Jesse in einer Gruppensitzung der Narcotics Anonymous davon, was ihm wirklich Freude bereiten würde. In der Schule habe er einen Handwerkskurs besucht, in dem es seine Aufgabe gewesen sei, eine einfache Holzkiste zu bauen. Darin habe er eine solche Erfüllung gefunden, dass er fortan immer wieder an diesen befriedigenden Moment zurückdenken müsse. Ebendiesen Moment bekommen wir nun vorgeführt. Jesse arbeitet - in warmes Licht getaucht - an seiner Holzkiste.
Right on Jesse, passing the torch
Mit dem nächsten Schnitt reißen uns die Macher jedoch auch schon wieder raus aus dieser schönen Utopie. Jesse steht angeleint im Meth-Labor der Nazibande und befolgt völlig willenlos die Arbeitsschritte, die sein Mentor Walter White ihm einst beigebracht hatte. Sein Gesicht vernarbt, seine Haare lang gewachsen, ist er endgültig zum Arbeitssklaven von Todd (Jesse Plemons) und Onkel Jack (Michael Bowen) verkommen.

Wir kehren zu Walter White zurück und befinden uns in der Szene, in der wir dem Zukunfts-Walter in Live Free or Die zum ersten Mal begegnet sind. Nachdem er im völlig verwüsteten White-Anwesen das Rizin aus der Steckdosenverkleidung geholt hat, erinnert er sich an den Moment, an dem alles begann: Hank (Dean Norris) lädt ihn an seinem 50. Geburtstag zu einer Meth-Razzia ein. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, das wusste schon Hermann Hesse. Diesem Anfang wohnte jedoch nur Tod, Zerstörung und Leid inne. Walters nächste Station führt ihn zu Lydia (Laura Fraser) und Todd ins Café, wo er schon immer seine Treffen mit ihr abgehalten hatte: „You're rather schedule-oriented, I guess.“
Vordergründig schlägt er ihnen ein Geschäft vor. Nach seinen Berechnungen dürfte das Methylamin der Nazigruppe zur Neige gehen. Er habe jedoch einen Weg gefunden, ohne den Einsatz dieser essenziellen Chemikalie qualitativ hochwertiges Meth herzustellen. Natürlich verfolgt er mit diesem Vorschlag zwei andere Ziele. Zum einen will er Lydia mit dem Rizin vergiften, das er in den Stevia-Beutel auf ihrem Tisch gemischt hat. Zum anderen will er sich Zugang zur „Fort Hitler“ (Matt Zoller Seitz für vulture.com) verschaffen - dem Hauptquartier der Nazis. Vordergründig spielen Lydia und Todd mit, doch auch sie sehen in dem Vorschlag nur eine gute Gelegenheit, um sich Walter endgültig zu entledigen.
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Nachdem sich Walter also endgültig von seiner Familie verabschiedet hat, macht er sich auf den Weg zum letzten Showdown mit der Nazibande. Im Kofferraum transportiert er eine improvisierte Selbstschussanlage, die er zuvor in der Wüste zusammengeschraubt hat. Was sich fortan entfaltet, kann getrost als feuchter Traum eines jeden Breaking Bad-Fans bezeichnet werden.
Guess, I got what I deserved
Bei den Nazis erfährt Walter, dass Jesse nicht als deren gleichwertiger Partner fungiert, sondern wie ein Tier gehalten und zum Meth-Kochen gezwungen wird. Ob dies der Moment ist, an dem er sich dazu entscheidet, auch Jesse zu retten oder ob er schon vorher einen solchen Plan hatte, sei dahingestellt. Sein Plan geht jedenfalls auf, die per Funk aktivierte Selbstschussanlage verwandelt das „Club House“ der Nazis in ein Trümmer- und Leichenfeld. Nur Todd und Onkel Jack überleben und nun bekommen Walter und Jesse stellvertretend für uns alle ihre Genugtuung, ihre Erlösung, ihre Katharsis. Man möchte in lauten Jubel ausbrechen, als Jesse Todd mit seinen Fesseln erwürgt und Walter Jack erschießt, ohne diesen seine letzten Worte aussprechen zu lassen. Genau, wie es Jack mit Hank getan hatte.

Schließlich bleiben nur noch Jesse und Walter übrig, die Serie war über fünf quälend mitreißende Staffeln auf diesen Showdown zugesteuert. Nun stehen sich die beiden ehemaligen Partner, Freunde, zwischenzeitlich durch ein Vater-Sohn-Verhältnis Verbundene gegenüber. Walter macht leichte Anstalten, die Pistole auf Jesse zu richten. Dann jedoch lässt er sie fallen und schiebt sie zu Jesse rüber: „Do it. You want this.“ Nachdem Jesse, der Walter in der Episode Rabid Dog geschworen hatte, nie wieder einer Aufforderung von ihm nachzukommen, ihn erst dazu zwingt, sein eigenes Todesurteil auszusprechen, verweigert er ihm genau dieses. Er sieht, dass Walter angeschossen ist, den letzten Gnadenschuss will er ihm jedoch versagen: „Then do it yourself.“
Der Episodentitel Felina ist ein Anagramm für „Finale“ und außerdem der Name des Mädchens aus dem Countrysong-Klassiker „El Paso“ von Marty Robbins, der zu Beginn der Episode ertönt. Wie von Breaking Bad gewohnt, passen Teile des Songtexts sehr genau auf die jeweilige Situation des Porträtierten: „Maybe tomorrow / A bullet will find me / Tonight nothing's worse than this pain in my heart.“ Ganz am Ende bekommt Walter dann noch einmal seine eigene, ganz persönliche Montage. Er stirbt ausgerechnet im Meth-Labor: „Special love I had for you, my Baby Blue.“
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Fazit
Die Dramaserie Breaking Bad, die in den letzten Jahren zu einer der besten Serien aller Zeiten aufgestiegen war, endet spektakulär - aber wenig überraschend. Das zutiefst zufriedenstellende Ende bestätigt eine Vermutung, die sich bei mir schon sehr lange ausformuliert hatte: Breaking Bad ist allerbestes, allerschönstes Popcornkino.
Die Serie und ihre Macher haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie auf effektvolles Erzählen setzen. Unzählige Beispiele können dafür gefunden werden, dass die zutiefst plotgetriebene Geschichte jederzeit einer atemberaubenden Szene den Vortritt vor einer vollends realistischen geben würde. Dies soll kein Kritikpunkt sein. Im Gegenteil: Keine Serie hat es vor Breaking Bad so gut verstanden, diese spektakulären Momente mit zutiefst menschlichen Geschichten zu verweben.
Die Finalepisode überzeugt von Anfang bis Schluss, kommt aber nicht an die Genialität von Ozymandias heran, was nicht zuletzt auch daran liegt, dass die drittletzte Episode das eigentliche Serienfinale darstellte. Darin starb Walter White, darin starben seine letzten Hoffnungen auf irgendeine Art von Erlösung. Auch konnte „Ozymandias“ mit wirklichen Überraschungen aufwarten, was Felina nicht mehr gelang.
Man hätte sich durchaus gewünscht, dass Lydia gerade wegen der starken optischen Konzentration auf das Steviatütchen doch nicht zum Ziel von Walters Rizinanschlag werden würde. Es wäre ein typischer Gilligan-Twist gewesen. So tritt jedoch ein, worauf sich Serienjunkies in aller Welt größtenteils geeinigt hatten. Wieder soll dies kein Kritikpunkt sein. Das Ende ist zutiefst befriedigend und macht in einem gewissen Maße sämtliche Qualen wett, die wir bis hierher durchleiden mussten. Der Tod von Andrea aus der letzten Episode hallt natürlich trotzdem noch nach.
Die technische Umsetzung ist wieder einmal brillant. Zu meinen persönlichen Höhepunkten der Episode gehört die Eröffnungsszene, in der Walter einen Wagen knackt und beinahe von der Polizei entdeckt wird. Er bekommt mehrere lange Einstellungen, in Cranstons Gesicht sind viele verschiedene Emotionen gleichzeitig abzulesen: Wut, Trauer, Hass, ein letztes Aufbäumen. Genial auch der Clou, Walter nach mehreren erfolglosen Kurzschlussversuchen den Schlüssel unter der Sonnenschutzblende finden zu lassen. Hier verkehren die Macher ein typisches Hollywood-Klischee in sein Gegenteil und beweisen einmal mehr den wegweisenden Satz von Jesse Pinkman aus Rabid Dog. Demnach ist Walter neben seiner Klugheit auch durch unfassbar viel Glück gesegnet.
Diese Glückssträhne ist nun zu Ende. Nicht nur für Walter White, auch für uns alle.
Unter folgendem Link könnt ihr in unserem Breaking-Bad-Forum mit anderen Fans über das Serienfinale diskutieren: Serienjunkies-Forum zu Breaking Bad
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Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 30. September 2013Breaking Bad 5x16 Trailer
(Breaking Bad 5x16)
Schauspieler in der Episode Breaking Bad 5x16
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