Black Mirror 6x05
Staffel sechs der Serie Black Mirror war befremdlich. Dabei fing sie gewohnt stark mit Joan Is Awful (6x01) an, das wir im Angesicht der darauffolgenden Nieten vermutlich noch etwas besser bewertet hätten. Größere Hoffnung hatten wir noch für die Abschlussepisode Demon 79 (6x05), die eine geheime Verbindung zu einer Klassikepisode vermuten ließ und während ihrer Laufzeit zu zahlreichen Spekulationen bezüglich einer entsprechenden Enthüllung einlud...
„Demon 79“ wird als eine Retro-Horror-Produktion von Red Mirror Films präsentiert, was wohl an britische Gruselinstitutionen wie die Produktionsfirma Hammer Films oder die Video Nasties erinnern soll, während das Poster eine Referenz auf „The Shining“ darstellt. Die Folge spielt sich 1979 im Norden Englands ab, in welchem die indischstämmige Schuhverkäuferin Nida Huq (Anjana Vasan, Killing Eve) versehentlich einen Dämonen (Paapa Essiedu, The Capture) heraufbeschwört, der ihr zuliebe die Gestalt des Sängers Bobby Farrell von Boney M. annimmt.
Der Dämon namens Gaap (dessen Name tatsächlich aus dämonologischen Grimoires stammt) offenbart ihr, dass sie in den nächsten drei Tagen drei Menschen umbringen muss, um das Ende der Welt zu vereiteln. Umgeben von Alltagsrassismen, Schikane, dem Erstarken der faschistischen National Front und mit jeder Menge unterdrückter Wut im Bauch stehen theoretisch mehrere würdige Opferlämmer aus ihrem Umfeld für die sonst eher duckmäuserische Nada zur Auswahl an, die sich trotzdem schwertut und sich deshalb immer wieder mit dem charmanten Teufelskerl in die Haare kriegt.
White Bear, Shmite Bear
Als wir Charlie Brooker 2016 im Rahmen eines Netflix-Events in Los Angeles trafen, verriet er uns, dass er sich irgendwann eine Fortsetzung zur Episode White Bear (2x02) vorstellen könnte. Sie handelte von einer Frau, die ohne Erinnerungen aufwacht und von Menschen begafft und gefilmt wird, während ein Jäger hinter ihr her ist. Am Ende kommt heraus, dass es sich dabei um eine Justizvollzugsmethode handelt, mit der sie für den Mord an einem Mädchen bestraft wird.
Bei der Veröffentlichung des Trailers zur sechsten „Black-Mirror“-Season staunten wir also nicht schlecht, als das mit der Episode assoziierte Symbol (welches auch in der interaktiven Folge Bandersnatch vorkam) auftauchte. In der von Bisha K. Ali (Ms. Marvel) mitgeschriebenen und Toby Haynes (USS Callister) inszenierten Folge „Demon 79“ ist es das Runensymbol des Dämons, welches später auch auf einer politischen Veranstaltung als Symbol erscheint. Was also ist die Verbindung?

Verdächtigerweise starten wir in die Episode mit dem Song „Bright Eyes“ von Art Garfunkel, der mit den Worten „Is it a kind of a dream?“ beginnt. Befinden wir uns vielleicht in einer Art futuristischen Justizsimulation, mit der einer verurteilten Kriminellen im Stil von „Uhrwerk Orange“ das Morden unschmackhaft gemacht werden soll? Ist das Retro-Horrorfilmszenario eine auf sie zugeschnittene Strafe für ein Verbrechen und somit die weiterentwickelte Form des White-Bear-Theaters? Oder ist es vielleicht Gerichtsverhandlungstechnologie, mit der die Angeklagte ihre Version der Geschehnisse darlegt und es mit der „God-told-me-to-do-it“-Verteidigungstaktik probiert?
Vielleicht hätte uns nach Mazey Day (6x04) nicht überraschen sollen, dass es hier keinerlei doppelten Boden gibt. Doch während die Werwolf-Episode immerhin noch einen allegorisch-medienkritischen Ansatz zum Thema Papparazzi zu bieten hatte, arbeitet „Demon 79“ lediglich das anhaltende und überhaupt nicht herunterzuspielende Problem von Rassismus in Großbritannien auf, ohne es allerdings irgendwie dystopisch im Sinne der Serie zu verpacken oder es enger mit der Handlung in Verbindung zu bringen. Stattdessen will die Folge eher unterhaltsamer Horror-Throwback im Retrolook sein, was dank der beiden sympathischen Hauptfiguren durchaus gelingt. Und wäre dies eine Episode von The Twilight Zone, „The Outer Limits“, Inside No. 9 oder einer anderen relativ austauschbaren (Horror-)Anthologie, würden wir es ihr auch etwas höher anrechnen.
Leider hat auch der Ausgang kaum etwas mit Nidas Charakterentscheidungen zu tun, wodurch wir ein schockierendes Weltuntergangsende bekommen, das völlig frei von dramatischer Ironie bleibt. Ihr letztes Opfer ist der schmierige Nigel-Farage-Verschnitt Michael Smart (David Shields) von der konservativen Partei, der in der Zukunft eine erfolgreiche, nationalistische Fraktion gründet, wie Nida per „The Dead Zone“-Vision offenbart wird. Als sie dann aber versäumt, ihn um die Ecke zu bringen, ist es nicht etwa ihr Versagen, das durch Smart in der Zukunft zum Weltuntergang führt... Das erledigt am Ende ganz von allein der (irgendwie wegen ihr eskalierende?) Kalte Krieg, ohne direkt etwas mit Nida zu tun zu haben. Das Rassismusthema bleibt dabei eher durch die Ära erhöhte Beilage als Hauptgericht.
Besagtes „Armageddon“-Ende enthält auch innerhalb der übernatürlichen Dämonenlogik ein Problem: Der funky Höllenvertreter erzählt, dass es für ihn der erste Auftrag ist und er im Nichts landen wird, wenn Nida ihre Mission vermasselt. Demnach müssten also unzählige andere Dämonen unzählige andere Menschen im Laufe der Menschheitsgeschichte mit diesem scheinbar gängigen Ultimatum konfrontiert haben... und sie alle hatten bis sage und schreibe Anno Domini 1979 Erfolg dabei? Plotlöcher wie dieses deuteten zwischendurch noch viel stärker auf einen technikbasierten Twist hin, zu dem es nie kam...
Fazit
Demon 79 mag von der überraschend undoppelbödigen Story her nicht ganz wasserdicht sein und hat herzlich wenig mit dem zu tun, was wir uns bisher als Black Mirror-Episode vorgestellt haben, ist aber trotz relativ langer Laufzeit weitaus kurzweiliger und unterhaltsamer als so manch andere Ausgabe der seltsamen sechsten Staffel. Das ist vor allem den charismatischen Performances von Anjana Vasan und Paapa Essiedu zu verdanken, die eine wundervoll in Szene gesetzte UK-Version der braun-orangen 1970er bewohnen. So muss unsere Wertung leider etwas schizophren ausfallen: Als „Black-Mirror“-Folge sind nicht mehr als drei von fünf Hämmern im Kopf drin, als Episode jeder anderen beliebigen Horror-Anthologieserie würden wir noch einen Hammer drauflegen.
Vielleicht sollte sich Charlie Brooker wirklich von „Black Mirror“ verabschieden und nur noch „Red-Mirror“-Produktionen für Netflix schreiben. Alternativ müssen wir uns bis zur nächsten Season umgewöhnen bei dem, was wir als „Black Mirror“ verstehen...
Wer lieber noch mal die Highlights der Serie Revue passieren möchte, kann sich in unseren Artikel Black Mirror: Die besten Episoden der Netflix-Anthologie klicken.
Hier abschließend noch mal der Trailer zur sechsten Staffel der Serie „Black Mirror“:
Verfasser: Mario Giglio am Freitag, 23. Juni 2023(Black Mirror 6x05)
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?