Black Mirror 6x02

© Netflix
True Crime ist ein schwieriges Thema. Zum einen besteht verstÀndlicherweise öffentliches Interesse an realhistorischen KriminalfÀllen, zum anderen werden echte menschliche Tragödien zu Unterhaltungszwecken in Content verwandelt, der in keinerlei VerhÀltnis zum wahren Ausmaà dessen steht, was die Angehörigen und Beteiligten durchmachen...
Nach dem sechsten Staffelauftakt von Black Mirror, in welchem es ebenfalls um persönliche Daten, Engagement und das leidige Content-Thema Content ging, nimmt sich Serien-Autor Charlie Brooker mit Loch Henry (6x02) abermals Netflix (aka Streamberry) und dergleichen zur Brust, bei denen schlieĂlich zahlreiche True-Crime-Dokus wie „Making a Murderer“ und -Dokudramen wie Monster: The Jeffrey Dahmer Story zu Hause sind.
Die Episode ist nach der schottischen Heimatkleinstadt benannt, in die Davis (Samuel Blenkin) seine Freundin Pia (Myha'la Herrold) mitnimmt, um sie ihrer Mutter Janet (Monica Dolan) vorzustellen. Die beiden studieren Film und sind auf der Durchreise zu einem mittelmĂ€Ăig spannend klingenden Dokuprojekt ĂŒber Eierdiebe. Der Besuch der hippen GroĂstadtkids bei Mutti und ihrer deftigen Hausmannskost in der nördlichem Pampa (der letzte „Texas Chainsaw Massacre“-Film lĂ€sst grĂŒĂen) verlĂ€uft allerdings alles andere als glatt zwischen den beiden Frauen in Davis' Leben und so muss zunĂ€chst jede Menge Fremdscham und Cringe durchgestanden werden, ehe wir zum Hauptgang der Folge kommen...

Pia wundert sich, warum in einem so malerischen Ort wie Loch Henry so wenig los ist, woraufhin Davis und der kernige Barkeeper Stuart (Daniel Portman) ihr vom notorischen Serienkiller Iain Adair (Tom Crowhurst) erzĂ€hlen, der Leute entfĂŒhrt, gefoltert und ermordet hat, ehe er sich selbst umbrachte, was Besucher:innen seit jeher abschreckt. Die junge Filmemacherin wittert den nĂ€chsten groĂen Streamberry-Hit und will die Eierdiebe links liegen lassen, doch Davis strĂ€ubt sich zunĂ€chst, da er persönlichen Bezug zu dem Fall hat: Sein Vater Kenneth (Gregor Firth) war Polizist und verstarb an den Folgen einer Schusswunde, die er beim Verfolgen Adairs erlitten hatte. Indem sie sich vormachen, dem Tourismus von Loch Henry auf die SprĂŒnge zu helfen, entscheiden sie sich dann aber doch noch gemeinsam fĂŒr das lukrativere Projekt mit Hitpotential.
Stuarts alkoholkranker Vater Richard (John Hannah) ist sehr dagegen, den ad acta gelegten Fall von frĂŒher erneut aufzurollen und macht sich mit seinem Verhalten so offensichtlich verdĂ€chtig, dass eigentlich sofort klar ist, dass er nichts mit den damaligen Morden zu tun hatte. Doch natĂŒrlich arbeitet die Episode auf einen finsteren Twist hin. Wer dann noch ĂŒbrig bleibt und auf dem Papier die ĂŒberraschendste Lösung sein muss, ist nicht schwer zu erraten...
Zum GroĂteil spielt sich die von Sam Miller (I May Destroy You) inszenierte Folge als stinknormaler Thriller ab und geht hauptsĂ€chlich in den letzten Minuten zum medienkritischen Teil ĂŒber, wenn Davis als einziger Ăberlebender einen groĂen Erfolg mit seiner Streamberry-Dokumentation feiert, mit welcher seine persönliche Tragödie nach allen Regeln der Kunst ausgeschlachtet wird. Nur schade, dass man vorher viel zu sehr in Thrillerserien-Klischees schwelgte, als dass man die Kritik allzu ernst nehmen könnte...
Viel effektiver und on brand fĂŒr die Serie wĂ€re es vielleicht gewesen, wenn das uns gezeigte Material aus der ersten HĂ€lfte der Folge bereits die spĂ€ter erwĂ€hnte True-Crime-Dokudramaserie des Streamingdienstes gewesen wĂ€re. Das hĂ€tte dann die allzu inszenierten Thriller-Elemente erklĂ€rt.
Fazit
Die berechtigte Kritik am True-Crime-Konzept hĂ€tte eine bessere Folge als Loch Henry verdient, die sich nicht erst als Anhang mit der wahren Problematik auseinandersetzt, nachdem sie viel zu lange viel zu viel SpaĂ mit dem cinematischen Thrillerteil samt Twist und Ăberraschungskiller hatte. Mutti-Darstellerin Monica Dolan, die schon in der Black Mirror-Folge Smithereens (5x02) zu sehen war, sticht mit ihrer Perfomance heraus.
Immerhin machen ebenso sowohl das schottische Setting als auch der Analoghorror der VHS-Aufnahmen atmosphĂ€risch einiges her. Seltsam aber auch, dass diese Staffel es mehrmals fĂŒr nötig hĂ€lt, sĂ€mtliche Frauenfiguren einer Folge um die Ecke zu bringen, um das Leid der mĂ€nnlichen Hauptcharaktere zu unterstreichen - womit wir auch schon mit fragendem „WtF?!?“-Blick auf die nĂ€chste Folge schielen...
Drei von fĂŒnf ominösen Shepherd's Pies gibt es fĂŒr den schottischen Thriller.
Hier abschlieĂend noch mal der Trailer zur sechsten Staffel der Serie „Black Mirror“:
Verfasser: Mario Giglio am Montag, 19. Juni 2023(Black Mirror 6x02)
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?