Black Mirror 5x03

Black Mirror 5x03

Black Mirror hat schon immer versucht, verschiedene Genres zu bedienen. Mit Rachel, Jack and Ashley Too befinden wir uns zunächst in einem nur leicht futuristischen Coming-of-Age-Drama, biegen dann jedoch sehr seltsam ab...

Szene aus der „Black Mirror“-Folge „Rachel, Jack und Ashley Too“ (c) Netflix
Szene aus der „Black Mirror“-Folge „Rachel, Jack und Ashley Too“ (c) Netflix
© zene aus der „Black Mirror“-Folge „Rachel, Jack und Ashley Too“ (c) Netflix

Dass Popstar Miley Cyrus Teil der fünften Staffel von Black Mirror sein würde, war eine der ersten Meldungen über die neue Season der Netflix-Serie. Interessante Wahl, bedenkt man, dass sie eine fiktive Popsängerin spielt, deren Bühnenpersona sich sehr von ihrer realen Persönlichkeit unterscheidet. Ganz wie während ihrer früheren Disney-Comedyserie Hannah Montana, mit der die Folge „Rachel, Jack and Ashley, Too“ mehr gemeinsam hat, als die dystopiegebeutelte „Black Mirror“-Gemeinde es sich ausmalen könnte - auch wenn sie ganz gediegen als Coming-of-Age-Familiendrama beginnt.

Teenager Rachel (Angourie Rice) ist großer Fan der Sängerin Ashley O (Cyrus), deren hochwertig produzierter Bubblegum-Pop sie für kurze Zeit vergessen lässt, wie einsam sie seit dem Tod ihrer Mutter ist und wie wenig Anschluss sie in der Schule findet. Klar, dass sie sich die neue Roboterversion ihres Lieblingsstars zum Geburtstag wünscht und sich darüber freut, mit der KI-Version namens Ashley Too kommunizieren zu können. Sie hört ihr zu, gibt ihr Schminktipps, bringt ihr die Dance-Moves der Original-Ashley bei und gibt inspirierend klingende Plattitüden vom Kaliber „Du kannst alles schaffen, wenn du nur an dich glaubst!“ von sich. Ganz geheuer ist das ihrer finster angehauchten Punkrock-Schwester Jack (Madison Davenport) nicht, die ganz anders mit ihrer Trauer umgeht und Rachel für eine lahme Mainstream-Prinzessin hält.

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Netflix - © Netflix

Was die zwei Schwestern nicht ahnen: Die Original-Ashley wird von ihrer gierigen Tante und Produzentin Catherine (Susan Pourfar) unter Drogen gesetzt, die ihre Depressionen unterdrücken und ihren kreativen Output fördern sollen. Das ist der Sängerin jedoch längst bekannt, weshalb sie seit geraumer Zeit Pillen bunkert und einen Imagewechsel anstrebt. Sie möchte authentischere Songs schreiben, doch Catherine will sich die einfacher verdienten Popmillionen nicht durch die Lappen gehen lassen und versetzt ihre Nichte in ein künstliches Koma. Mithilfe Hirnscan-Technolgie extrahiert sie weiterhin Songs und plant, demnächst die komplett holografische Ashley Eternal auf gleich mehrere Weltbühnen gleichzeitig zu stellen.

An dieser Stelle wechselt das Musikbiz- und Coming-of-Age-Drama komplett auf die Disney-Schiene. Die Mütter sind ja praktischerweise schon tot. Rachels Ashley Too erleidet einen Kurzschluss, als sie die Nachricht über Ashleys Koma mitbekommt, woraufhin Rachel und Jack ins System gehen und aus Versehen den Filter löschen, der sie zu einem familienfreundlichen Püppchen gemacht hat. Denn, wie könnte es anders sein, ist die KI von Ashley Too natürlich eine komplette Kopie von Ashleys Originalpersönlichkeit - das Lieblings-Sci-Fi-Konzept von Autor Charlie Brooker, der es einfach nicht lassen kann, diese cookies in seine Geschichten einzubauen.

Das freche, vollkommen erwachte Püppchen begibt sich nun auf einen Abenteuertrip mit den beiden ungleichen Schwestern und es fühlt sich so an, als wären wir in einem Familienfilm des Mausimperiums. Lindsay Lohans zotige Eskapaden in „Freaky Friday“ oder „Ein Zwilling kommt selten allein“ lassen grüßen, nur mit mehr Cartman-Gefluche aus Richtung des computeranimierten Sidekick-Maskottchens. Um den Bodyguard aus Ashleys Anwesen auszuschalten, bedient man sich sogar sehr unbeholfener Comedy und fragwürdigen Slapsticks, ehe die digitale Kopie versucht, ihrer biologischen Vorlage den Stecker zu ziehen. Das ist kein süßer Genremix mehr, das ist ein Tonproblem mit Tinnituspotential.

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Der Showdown besteht schließlich aus einer verrückten Verfolgungsjagd mit Rachel, Jack und den beiden Ashleys in einem flauschigen Automobil mit Ohren (der größtenteils unbeteiligte Vater besitzt ein Schädlingsbekämpfungsgeschäft...) und einem Wettlauf gegen die Zeit, um die böse Businesstante in ihrem Corporate-Schurkin-Hosenanzug aufzuhalten, was sogar ganz untypisch für die Serie erfolgreich vonstatten geht. Am Ende sehen wir dann nur noch, wie die neu erfundene Ashley sich mit ihren Verbündeten in einem total authentischen Underground-Club die befreite Seele aus dem Leib rockt, während ihren alten Fans die Monokel aus den Augen fallen. Geht's Dir gut, „Black Mirror“?

Fazit

Verschiedene Genres abzuklappern war schon immer eine Stärke von Black Mirror. Dabei hätten wir im Fall von „Rachel, Jack and Ashley, Too“ eher etwas in der Richtung von „Simone“ oder „The Congress“ erwartet, in denen die Beziehung zwischen Künstlerin, Alter Ego und der Verwendung ihres Abbildes unter die Lupe genommen wird. Stattdessen ist die Folge nicht allzu weit von Disney-Familienware entfernt, die sie eigentlich versucht, mit dieser Anti-Hannah-Montana zu unterwandern. Eine verpasste Chance, die nur noch bedauerlicher dadurch wird, dass die beiden Schwestern zu Anfang ein nettes Familiendrama abliefern und Miley Cyrus natürlich wie gemacht ist für diese Rolle.

Generell wäre es keine schlechte Idee gewesen, ein paar frische Autoren an Bord zu holen. Serienschöpfer Charlie Brooker hat im Alleingang 23 Episoden von „Black Mirror“ verfasst und innerhalb von fünf Staffeln ja wirklich viele sehr gute Folgen abgeliefert. Das Konzept der digitalen Kopie eines Menschen wurde jedoch schon in der letzten Season überstrapaziert und nach dieser Folge machen wir uns erstmals ernsthaft Sorgen um die Zukunft... der Serie.

Verfasser: Mario Giglio am Mittwoch, 5. Juni 2019

Black Mirror 5x03 Trailer

Episode
Staffel 5, Episode 3
(Black Mirror 5x03)
Deutscher Titel der Episode
Rachel, Jack und Ashley Too
Titel der Episode im Original
Rachel, Jack and Ashley, Too
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Mittwoch, 5. Juni 2019 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 5. Juni 2019
Autor
Charlie Brooker
Regisseur
Anne Sewitsky

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