Black Mirror 4x07

Black Mirror 4x07

Ist das noch eine Serie oder ist das schon ein Videospiel? Das interaktive Black-Mirror-Special Bandersnatch überlässt dem Zuschauer die wichtigen Entscheidungen und lässt die Grenze zwischen den Unterhaltungsformen verschwimmen.

Szene aus „Bandersnatch“ (c) Netflix
Szene aus „Bandersnatch“ (c) Netflix
© zene aus „Bandersnatch“ (c) Netflix

Black Mirror-Erfinder Charlie Brooker ist ein großer Videospielfan. Früher arbeitete er als Game-Rezensent und moderierte TV-Formate zum Thema. Wie sehr er noch immer an der digitalen Kunst- und Unterhaltungsform hängt, wird in seinem jüngsten Streich, der interaktiven Sonderfolge Bandersnatch seiner meist dystopischen Anthologieserie deutlich. Gleichzeitig wirft sie Fragen bezüglich der Zukunft von Film- und Fernsehgestaltung sowie der Verschmelzung der Unterhaltungsformen auf. Ist dies der Zwischenschritt vor dem komplett immersiven Holodeck aus Star Trek: The Next Generation? Und hat diese Erzählform noch etwas mit dem literarischen Anspruch einer mit Bedacht und Struktur geschriebenen Serienepisode zu tun?

Bandersnatch“ ist eine Geschichte im Stil eines „Choose Your Own Adventure“-Spiels, die gleichzeitig von der Entwicklung eines interaktiven „Choose Your Own Adventure Spiels“ handelt - und ja, es wird genau so meta, wie man es sich in dieser Konstellation ausmalen muss. Für jene, die mit dieser Art von Büchern nicht vertraut sind: Leser werden an einer bestimmten Stelle in der Geschichte dazu angehalten, zu entscheiden, wie es weitergehen soll und blättern auf die entsprechende Referenzseite mit dem entsprechenden Text. Wie die preisgekrönte Folge San Junipero starten wir in den 80er Jahren, wo der Game-Entwickler Stefan (Fionn Whitehead) an der digitalen Version eines bekannten Entscheide-selbst-Abenteuers namens „Bandersnatch“ arbeitet. Geschrieben wurde die Vorlage von einem gewissen Jerome F. Davies, der während seiner Arbeit verrückt geworden sein soll und seine Frau ermordet hat.

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Netflix - © Netflix

Auch Stefan ist psychisch nicht die stabilste Persönlichkeit. Seit seine Mutter damals seinetwegen einen anderen Zug nehmen musste, der in ein tödliches Unglück verwickelt wurde, macht er sich Vorwürfe und ist bei Dr. Haynes (Alice Lowe) in Behandlung. Die Beziehung zu seinem Vater (Craig Parkinson) ist ebenfalls gestört. Zu Beginn der Folge fangen wir damit an, kleinste Entscheidungen für Stefan zu treffen. Welches Frühstück er zu sich nimmt oder welche Musik er auf dem Weg zum Bewerbungsgespräch bei Tuckersoft hören soll. Hier arbeitet unter anderem sein Idol Colin Ritman (Will Poulter), der viele seiner Lieblingsspiele programmiert hat. Unter anderem ein Game namens „Nozedyve“ in Anspielung auf die Folge Nosedive und ein Spiel, das der Folge Metalhead nachempfunden ist.

Bald schon bemerkt Stefan, dass er nicht für seine Handlungen verantwortlich zu sein scheint. Irgendjemand zieht die Fäden und trifft die wichtigen Entscheidungen für ihn. Wo kommen diese Impulse her? Wird er wahnsinnig wie Davies einst? In einer besonders haarsträubenden Sequenz bittet er jenen gottgleichen Strippenzieher schließlich um ein Zeichen. In diesem Moment erhalten wir die Option, über seinen Computerbildschirm mit Stefan in Kontakt zu treten und ihm zu erklären, was Netflix ist und dass er Teil einer Serienepisode auf einer Streamingplattform ist. Erklärt er dies seiner Psychologin, bricht die Realität der Folge schließlich vollkommen in sich zusammen und wir treten noch einen weiteren Schritt zurück, um das Setting als Filmset zu entlarven. Dabei werden Erinnerungen an Filme, in denen Traum, Wirklichkeit und Filmrealität verschwimmen, wach: David Lynchs surreale Hollywood-Trilogie, Satoshi Kons gesamte Filmografie oder auch Wes Cravens Metaübung „New Nightmare“, um nur wenige zu nennen.

Man kann sich dabei durchaus in die Sackgasse schauen/spielen. Nimmt man einen komplett ins Aus führenden Pfad, bietet einem die Episode die Möglichkeit, zu einer früheren Entscheidung zurückzukehren. Zurückspulen und einen anderen Weg wählen oder überhaupt keine Entscheidung treffen, sind übrigens keine Möglichkeiten. Die Episode nimmt in diesem Fall an, man entscheidet sich für die erste der beiden Optionen.

Interessant ist auch, dass Stefan Informationen aus den Game-Over-Spielsträngen verwenden kann, um seinen Pfad beim zweiten Durchgang erfolgreicher zu bestreiten. Dies weckt wiederum Erinnerungen an Spiele, die ebenfalls mit diesem Informationsparadoxon gespielt haben. „Star Trek: Borg“ aus der Zeit der interaktiven FMV-Ära war beispielsweise eines von diesen. Hier musste man eine „falsche" Entscheidung treffen und eine Information aus dieser Storysackgasse verwenden, um schließlich den richtigen Gewinnerpfad nehmen zu können. Eine Art Metazeitreise, wenn man so will. Clever, auch wenn dadurch ein viel lineareres Feeling aufkommt, als würde man persönlich eine eigene Story-Option ohne das einprogrammierte Zurückrudern wählen. Der freie Wille ist nicht unbedingt nur für Stefan eine Illusion...

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Stilistisch und inhaltlich hat „Bandersnatch“ sehr viel mit der britischen Verschwörungsthrillerserie Utopia gemeinsam: Die comichaft gesättigten Farben und überlebensgroßen Charaktere, eine Geschichte über ein wahnsinniges Genie und sein wichtiges Werk mit versteckter Botschaft sowie eine Conspiracy-Storyline, die Stefan noch in letzter Minute in das Spiel programmieren möchte, was dann natürlich auch als Pfad in der Folge landet. Steckt womöglich der verschlossene Vater hinter seinen traumatischen Erinnerungen und ist alles nur Teil eines geheimen Regierungsprojekts, das heimlich an Kindern herumexperimentiert? Und kann Stefan nach einer transzendentalen Erfahrung mit bewusstseinserweiternden Drogen doch in die Vergangenheit reisen, um die eine Entscheidung, die wir im Flashback nicht ändern durften, zu revidieren, um seine Mutter zu retten? So viele vermeintliche Optionen und trotzdem muss die Folge irgendwie zu einem definitiven Ende kommen.

Doch wie kommt „Bandersnatch“ als Episode zusammen? Wie lautet das Fazit?

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Fazit: Everything Is Awesome

Bandersnatch“ ist die nächste Evolutionsstufe des Geschichtenerzählens und der größte Spaß, den ihr dieses Jahr mit Eurem Netflix-Abonnement gehabt haben werdet. Ein komplexes story telling-Kunstwerk, das die Brücke zur immer beliebter werdenden Welt der Videospiele schlägt, während es das eigene Schaffen gleichzeitig mit cleveren Metabeobachtungen kommentiert. Nächste Station: Holodeck.

Fazit: Everything Is Awful

Bandersnatch“ ist kaum mehr als ein als Black Mirror-Episode getarntes Gimmick, dessen Gag mit durchschnittlich 90 Minuten Laufzeit viel zu lang andauert, um für die fehlende Struktur zu kompensieren, die viel linearer ist, als man es uns glauben machen will. Ein ungeschickt zusammengewürfelter Haufen Erzählfetzen, der an die schlimmsten Zeiten von CD-Rom-Spielen erinnert und dabei über seinen eigenen Kommentar über das im Nachhinein Bereuen von Entscheidungen stolpert. War das noch eine dystopische „Black Mirror“-Episode oder leben wir jetzt in einer?

Fazit: Everything Is...

Aber im Ernst: Bandersnatch ist sowohl ein beeindruckend zusammengestelltes Hybrid-Erzählwerk als auch ein sich etwas zu clever vorkommendes Gimmick, das mit immer gleichen Metakommentaren etwas zu lang geraten ist. Zumindest, wenn man nicht zufällig den schnellsten Durchlauf wählt, der nur 40 Minuten dauern soll. Insgesamt soll es fünf verschiedene Enden geben, die natürlich unterschiedlich befriedigend ausfallen werden. Der einzige Durchlauf, für den wir heute Zeit hatten, endete auf einer sich etwas beliebig und unbefriedigend anfühlenden Note, nach der man genauso gut noch einmal hätte zurückspulen können. Gleichzeitig hat unsere letzte Szene ziemlich an das Unhappy Ending aus Playtest erinnert.

Hatte die Episode am Ende etwas zu sagen? Schwer zu beurteilen, wenn man nicht alle Pfade inklusive der verschiedenen Pointen kennt. Die meisten werden wohl nicht die Geduld oder Zeit haben, gleich sämtliche Enden freizuspielen. Gleichzeitig aber verleiht das „Bandersnatch“ eine ganz andere Qualität, was den Rewatch-Wert angeht. Eine interessante Erfahrung ist die Folge allemal, vielleicht vor allem für Menschen, die sonst wenig mit Videospielen zu tun haben. Die traditionelleren Pfade des Geschichtenerzählens komplett links liegen zu lassen, wäre jedoch eine dezidiert schlechte Entscheidung.

Verfasser: Mario Giglio am Freitag, 28. Dezember 2018
Episode
Staffel 4, Episode 7
(Black Mirror 4x07)
Titel der Episode im Original
Bandersnatch
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Freitag, 28. Dezember 2018 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 28. Dezember 2018

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