Black Mirror 5x01

Black Mirror 5x01

Beziehungsdramen hat die Netflix-Dystopie Black Mirror bisher immer mit Bravour gemeistert. Setzt sich das auch in Striking Vipers aus der fünften Staffel der Anthologieserie fort? Wir haben für Euch reingeschaut.

Szene aus der „Black Mirror“-Folge „Striking Vipers“ (c) Netflix
Szene aus der „Black Mirror“-Folge „Striking Vipers“ (c) Netflix
© zene aus der „Black Mirror“-Folge „Striking Vipers“ (c) Netflix

Die fünfte Staffel von Charlie Brookers Netflix-Anthologieserie Black Mirror wartet erneut mit einem futuristischen Beziehungsdrama auf. Das hat schon in Folgen wie Be Right Back und dem ausgezeichneten San Junipero gut funktioniert. Die lesbische VR-Liebesgeschichte hat dabei am meisten mit dem neuen Striking Vipers gemein, denn dass das Poster zur Episode Ähnlichkeiten zum queeren Oscargewinner „Moonlight“ aufweist, ist alles andere als ein Zufall.

Dabei fängt alles sehr hetero an. Danny (Anthony Mackie) und seine Frau Theo (Nicole Beharie) sind schon eine Weile verheiratet, haben ein Kind und arbeiten gerade am zweiten. Sie sind im Großen und Ganzen glücklich, auch wenn sich allmählich ein wenig die Langeweile im allzu bürgerlichen Familienleben einschleicht. Zu Dannys Geburtstag lässt sich nach einiger Zeit Funkstille sein bester Freund Carl (Yahya Abdul-Mateen II) blicken, der sich noch immer auf dem unerbittlichen Singlemarkt herumtreibt und hart daran arbeitet, jüngere Frauen zu beeindrucken. Sein Geschenk für seinen alten Busenfreund ist die neuste Version des Videospiels „Striking Vipers“, in welchem sie sich früher oft geprügelt haben. Damals noch auf dem Bildschirm, heute läuft das Spielsystem des Fighters mit immersiver VR-Technologie, versteht sich.

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Netflix - © Netflix

Noch am selben Abend treffen sich Danny und Carl in Gestalt ihrer Stammcharaktere Lance (Ludi Lin) und Roxette (Pom Klementieff) in der digitalen Arena und tauschen ein paar übernatürliche Schläge aus, die ganz schön wehtun können, schließlich lässt einen das Spiel sämtlichen Körperkontakt spüren. Ein Designfehler (oder Feature?), der wohl dazu führen würde, dass sich kaum noch jemand zum Spielen einloggt, wenn man sich stattdessen mit übertrieben attraktiven Fantasymodels vergnügen kann. So stellen auch die beiden Freunde nach ein wenig anregendem Geraufe fest, dass sie mehr lover als fighter sind und küssen sich. „No homo“?

Nach dem ersten Schock und der späteren Ausrede, man sei am Abend nach der Party betrunken gewesen, treffen sich Danny und Carl schließlich regelmäßig im Spiel und beginnen eine regelrechte Affäre über ihre digitalen Avatare. Der beste Sex, den sie je hatten, auch wenn Danny darauf besteht, dass es nicht wirklich wie Sex, sondern vielmehr wie Pornos ansehen ist. Carl hingegen protestiert und muss irgendwann feststellen, dass es überhaupt nicht dasselbe ist, wenn er mit dem Computer oder anderen eingeloggten Spielern verkehrt. Könnte es sogar sein, dass das Geschenk nicht ganz ohne bewusste oder unbewusste Intentionen überreicht worden war?

Die Pre-Sex-Kampfszene ist übrigens sehr gelungen und zählt zu den spaßigsten Live-Action-Umsetzungen eines Fighting Games seit Jackie Chan in seinem Film „City Hunter“ gleich mehrere Charaktere aus dem berühmten Gekloppe von Capcom dargestellt hatte. Für etwas mehr davon hätte man gerne eine der zahlreichen Sexszenen opfern können...

Carls durch einen Frauenkörper ausgelebte Sexualität wird leider nur in einer kurzen Dialogszene erforscht und hätte in einer anderen Geschichte mit Leichtigkeit der Fokus sein können. Dies ist aber kein transhumanes Transgenderdrama, sondern die Story zweier bislang heterosexueller Freunde, die über ein gemeinsames Interesse ihre Gefühle füreinander entdecken. „A tale as old as ,Street Fighter II Turbo.'“ Die komplizierten Verstrickungen von Begehren, Geschlechteridentität und sexueller Identität im futuristischen Kontext hätten auch ein ganzes Science-Fiction-Drama für sich füllen können, müssen in diesem Fall aber in einer Stunde abgehandelt werden, was durch den intimen Rahmen auch gelingt. So bleibt die Frage, wie Sex und Gender in Zukunft verhandelt werden und welche Bürden oder Befreiungsschläge das mit sich bringen könnte, etwas im Raum stehen.

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Nicht vergessen oder lediglich als Hindernis an den Rand gedrängt wird die unendlich sympathische Ehefrau Theo als Charakter. Sie riecht sehr bald den Braten und ist zumindest davon überzeugt, nicht mehr die komplette sexuelle Aufmerksamkeit ihres Mannes zu genießen. Dass Carl die andere Frau ist, ahnt sie nicht, weshalb es einen Geburtstag später zu einer sehr unangenehmen Dinnersituation kommt, nach welcher sich die beiden Freunde endgültig aussprechen müssen, um festzustellen, ob es nur Player-Spielerei ist oder doch der Mann hinter dem Controller. Beim emotionalen Showdown soll ein realer Kuss klären, was Sache ist, doch Skrupel, unterdrückte Gefühle und vielleicht sogar internalisierte Vorbehalte führen am Ende nur zu Aggression und einem realen Kampf, ganz ohne Wuxia-Physik und magische Feuerbälle.

So kann man schon froh sein, dass die Angelegenheit nicht so deprimierend und finster endet wie die meisten „Black Mirror“-Episoden oder das analoge Cowboy-Analog zu dieser Geschichte: „Brokeback Mountain“. Ein großes Happy End wie im Falle des erwähnten „San Junipero“s gibt es zwar nicht, dafür aber einen mehr oder weniger erwachsenen Kompromiss, der zumindest eine praktische Lösung für alle Beteiligten in diesem Liebesdreieck darstellt, auch wenn es vielleicht nicht das ist, was man sich für die emotionale Aufarbeitung des Ganzen gewünscht hat...

Fazit

Striking Vipers ist die mit Abstand beste Folge der wieder kürzer ausfallenden, fünften Staffel von Black Mirror. Es hätte eine groß angelegte Geschichte über die Zukunft von Sex und Sexualität im Angesicht virtueller Welten und Avatare werden können, die damit aller Wahrscheinlichkeit nach mehr abgebissen hätte, als man es in einer Stunde Serie durchkauen kann. Stattdessen konzentriert man sich auf einen intimen Rahmen mit drei wundervoll dargestellten Charakteren, die ähnlich Kompliziertes durchmachen wie die unglücklich Verliebten in futuristischen Lovestorys à la „Her“ oder dem hauseigenen San Junipero. Die Technik rückt dabei wie in den besten Folgen der Serie in den Hintergrund, um die Frage aufzuwerfen, wie wir womöglich in Zukunft leben und lieben werden.

Mit nur drei Folgen ist „Black Mirror“ wieder zurück zum damaligen - vor dem Wechsel hin zu Netflix - Output pro Staffel, was in diesem Fall der aufwändigen Produktion der interaktiven Folge Bandersnatch zu verdanken war. Wenn pro Staffel aber nur eine Folge so ansprechend ausfällt wie diese, darf die Serie gerne noch bis in die ferne Zukunft produziert werden...

Hier zum Abschluss noch der Trailer„Black Mirror"-Episode „Striking Vipers":

Verfasser: Mario Giglio am Mittwoch, 5. Juni 2019
Episode
Staffel 5, Episode 1
(Black Mirror 5x01)
Titel der Episode im Original
Striking Vipers
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Mittwoch, 5. Juni 2019 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 5. Juni 2019
Autor
Charlie Brooker
Regisseur
Owen Harris

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