Black Mirror 4x06

Black Mirror 4x06

Zum Abschluss der vierten Staffel von Black Mirror präsentiert uns Charlie Brooker die Episode Black Museum. Diese ist zwar durch lange expositorische Passagen beschwert, wartet aber mit wahrlich schockierenden Szenen und einem effizienten Twist auf.

An einer verlassenen Tankstelle nimmt das Drama seinen Lauf. (c) Netflix
An einer verlassenen Tankstelle nimmt das Drama seinen Lauf. (c) Netflix
© n einer verlassenen Tankstelle nimmt das Drama seinen Lauf. (c) Netflix

Die Black Mirror-Episode Black Museum spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft. Autos funktionieren jetzt solarbetrieben, was für die alleinreisende Nish (Letitia Wright) bedeutet, dass sie mitten in der Wüste anhalten muss, um die Batterien neu aufzuladen. Dort gibt es nur eine verlassene Tankstelle - und ein Nebengebäude, in dem Rolo Haynes' World Famous Black Museum untergebracht ist. Außer Nish ist sonst niemand da, was sie nicht daran hindert, sich im Museum umzuschauen.

Never enough

Geöffnet wird ihr von Rolo Haynes (Douglas Hodge) höchstpersönlich. Seine etwas merkwürdige Freundlichkeit legt nahe, dass es nicht mehr allzu viele Besucher ins Museum verschlägt, wenn das überhaupt jemals der Fall gewesen sein sollte. Also bietet er Nish einen persönlichen Rundgang an. Er sammle hier authentische kriminologische Artefakte, die aus seiner Zeit als Rekrutierungsmanager für ein Krankenhaus namens Saint Juniper - die erste Anspielung auf die „Black Mirror“-Episode San Junipero - stammen.

Dort war er dafür zuständig, Versuchskaninchen für medizinisch-neurotechnologische Experimente zu finden. Das erste Exponat, das er Nish zeigt, stammt aus einem Versuch, der brutale Folgen hatte. Darin erklärte sich ein Arzt des Saint Juniper, Pete Dawson (Daniel Lapaine), dazu bereit, sich ein Gerät einpflanzen zu lassen, das es ihm ermöglicht, die Schmerzen seiner Patienten zu spüren, ohne die entsprechenden Verletzungen davonzutragen. Davon versprechen sich die Forscher eine verbesserte Diagnostik, da es Patienten oftmals schwerfalle, ihr Leiden in präzise Worte zu fassen.

Die Gefühlsübertragung funktioniert aber nicht nur bei Schmerzen, sondern auch bei Glücksgefühlen, so etwa beim Sex, der Dawson nicht nur einen eigenen Höhepunkt beschert, sondern auch das Gefühl aus dem Orgasmus seiner Partnerin. So weit, so unbedenklich. Eine wahrlich furchteinflößende Wendung nimmt die Geschichte jedoch, als Pete in Ohnmacht fällt, während er versucht, einen vergifteten Patienten zu behandeln. Als er wieder aufwacht, ist das Implantat so verändert, dass er nun auf Schmerzen steht - und zwar auf eine immer stärkere Dosis.

Seine Freundin nimmt alsbald Reißaus, da sie am harten Sex, den Dawson nun bevorzugt, keinen Gefallen findet. Auch den Job verliert er bald, da er sich gar nicht mehr auf die eigentliche Arbeit konzentriert, sondern nur noch nach dem nächsten Schmerzrausch sucht. Zu Hause beginnt er damit, sich selbst zu verstümmeln, bis er versteht, warum der von Patienten übertragene Schmerz befriedigender war: Ihm wohnte die Angst der Patienten vor dem eigenen Tod inne. Also sucht sich Dawson ein Opfer, das er foltern kann, um sich den ultimativen Cocktail aus Schmerz und Angst zu verabreichen, wobei er abermals ins Koma fällt.

Familiarity breeding contempt

Diese erste Geschichte ist die erschreckendste der Episode, erreicht aber nicht die emotionale Schlagkraft, die die nächste entwickelt. Das Exponat eines Plüschaffen erinnert an das Schicksal von Carrie (Alexandra Roach). Sie führte eine glückliche Beziehung zu Jack (Aldis Hodge), aus der ein Sohn hervorging. Eines Tages wurde Carrie allerdings von einem Lastwagen überfahren und landete im Saint Juniper. Dort wurde die niederschmetternde Diagnose ausgestellt, dass sie aus ihrem Koma nie wieder aufwachen werde. Es gebe jedoch eine Möglichkeit, sie trotzdem Teil des Familienlebens sein zu lassen.

Hierfür werde ihr Bewusstsein in das ihres Partners übertragen, wodurch sie an sämtlichen seiner Bewusstseinserfahrungen teilhaben könne. Zunächst hört sich das für den trauernden Jack wie die Rettung an. Er lässt sich Carrie implantieren, woraufhin sie schmeckt, was er schmeckt, sieht, was er sieht, fühlt, was er fühlt, und hört, was er hört. Bald darauf kommt jedoch der Alltag dazwischen, es gibt Streit um alles Mögliche. Gegenüber Nish fasst Haynes das Problem bündig zusammen: „No privacy for him, no agency for her.“ Was also tun? Als erste Maßnahme erhält Jack eine Pausenfunktion für Carrie.

Jedoch dauert es nicht lange, bis er Carrie damit monatelang ins schwarze Nichts verfrachtet. Ein neuer Kompromiss - die Pausenfunktion soll nur noch unter der Woche verwendet werden - führt auch nicht zu mehr Einigkeit. Schließlich bringt Haynes die offensichtliche Option ins Spiel: „There's always deletion.“ Dagegen äußert Jack jedoch sogleich ethische Bedenken. Also wird eine weitere Kompromissmaßnahme gefunden: Statt in Jack soll Carrie nun in ein Stofftier - ebenjenen Affen - implantiert werden, um ihrem Sohn nahe sein zu können.

Weil sie aber mittels Sprachtaste nur zweierlei ausdrücken kann, verliert ihr Sohn bald Interesse an seinem einst innig geliebten Gefährten. Noch heute existiere Carries Bewusstsein in dem Affen. Das gibt einen deutlichen Hinweis darauf, dass sich Haynes nicht allzu sehr mit den ethischen Auswirkungen seiner Ausstellungsstücke beschäftigt. Sein von ihm selbst als Meisterstück identifiziertes Exponat bildet schließlich das dramaturgische Herz der dritten Geschichte - und der gesamten Episode. Hier kommt es nämlich zu einer Wendung, die aufgrund der Episodenstruktur leider ein wenig vorhersehbar war.

A docile animal

Nish ist nämlich gar nicht nur deswegen im Museum, weil ihr der Strom ausgegangen ist. Sie verfolgt vielmehr einen fein austarierten Racheplan gegen Haynes. Er ist für die Ausstellung ihres Vaters, eines verurteilten Mörders, als eine Art Hologramm verantwortlich, das zahlende Besucher auf den elektischen Stuhl setzen und töten konnten. Haynes appellierte damit an die niedersten Instinkte des Menschen, denen er hier die Möglichkeit gab, einem Abbild des exekutierten Clayton (Babs Olusanmokun) bei vollem Bewusstsein immer und immer wieder die tödliche Folter zuteil werden zu lassen.

Zunächst feierte Haynes damit große Erfolge, die von Claytons Ehefrau - Nishs Mutter - organisierten Proteste machten dem jedoch ein Ende. Fortan besuchte nur noch „the supremacist-sicko demographic“ das Museum. Aufgrund der von diesen Perversen immer höher geschraubten Folterintensität wurde aus dem fühlenden Clayton-Hologramm alsbald ein vor sich hinvegetierendes Etwas. Dafür - und für den Selbstmord ihrer Mutter - will sich Nish nun rächen. Sie hat Haynes vergiftet und verpflanzt sein Bewusstsein in das des Hologramms. So erschafft sie „the first double-decker mercy killing.“ Aus ihrem Kopf schaut ihre Mutter zu.

Mag dieser Twist auch ziemlich vorhersehbar gewesen sein, so landet er dank des Schauspiels der involvierten Akteure doch wie ein emotionaler Hammer. Davor muss man als Zuschauer jedoch eine regelrechte Expositionslawine über sich ergehen lassen, die nur nicht ermüdet, weil sie von einem Könner wie Douglas Hodge vorgetragen wird. Ein ähnliches Urteil kann auch über die gesamte vierte Staffel von Black Mirror gefällt werden: Die Ideen sind alle nicht so neu, ihre Ausführung dank des involvierten Talents aber größtenteils zufriedenstellend. Die Episode Black Museum ist dafür das beste Beispiel.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 3. Januar 2018

Black Mirror 4x06 Trailer

Episode
Staffel 4, Episode 6
(Black Mirror 4x06)
Titel der Episode im Original
Black Museum
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Freitag, 29. Dezember 2017 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 29. Dezember 2017
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 29. Dezember 2017
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 29. Dezember 2017
Autor
Charlie Brooker
Regisseur
Colm McCarthy

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