Black Mirror 3x06

Ich habe noch nicht alle Episoden der dritten Staffel von Black Mirror gesehen (Men Against Fire fehlt mir noch), aber von denen, die ich mir bisher zu Gemüte geführt und teilweise auch rezensiert habe, kommt Hated in the Nation am nächsten an das heran, was Serienschöpfer Charlie Brooker vor seinem Wechsel zu Netflix vorgelegt hatte. Die Episode kombiniert seinen trockenen Humor mit einer bekannten Fernsehkonvention und einer ordentlichen Portion Technologieskepsis.
A chance to get bored of reality
Sie spielt in einem England, wo Bienen ausgestorben sind und mit Roboterinsekten, sogenannten autonomous drone insects (ADI), ersetzt wurden. Das Bienensterben ist ein ebenso aktuelles wie ironisches Thema, schließlich wird doch in manchen Kreisen vermutet, dass es einen Zusammenhang zur Mobilfunkstrahlung geben könnte. Freilich gibt es dafür keine handfesten Beweise, aber es ist trotzdem köstlich, wie gut diese Vermutung zu Brookers Dystopie passt. Obendrauf packt er eine Verwicklung der Regierung, die ein natürliches Interesse daran hat, die fliegenden Maschinen als mobile Überwachungskameras auszunutzen.
Die Geschichte kommt ins Rollen, als ebenjene ADI von einem Hacker übernommen werden, dem es gelingt, sie gegen all jene zu richten, die den Hass der sozialen Medien auf sich gezogen haben. Unter seinen Technowahnsinn mischt Brooker also noch eine Prise Social-Media-Argwohn, wie wir es mittlerweile ja von ihm gewohnt sind. Unzeitgemäß oder irrelevant ist das ganz sicher nicht; eher tut uns eine regelmäßige Erinnerung daran, dass es einmal eine Zeit gab, in der Fremde sich gegenseitig keine Todesdrohungen schickten, gut. Leider ist die Akzeptanz dieser abscheulichen Umgangsformen längst zum Normalzustand geworden.
Wie konnte es so schnell so weit kommen? Diese Frage stellt sich auch die geradlinige Ermittlerin Karen Park (eine wunderbare Kelly Macdonald), die für Aktivitäten in den sozialen Medien meist nur ein gequältes Augenrollen übrig hat. Deswegen begegnet sie ihrer neuen Partnerin, der technologieaffinen Blue Coulson (Faye Marsay), auch mit entsprechenden Vorbehalten. Im Laufe der Episode, die die beiden zusammen auf die Spur des Hackers schickt, lernt sie die Fähigkeiten ihres Protegés jedoch immer mehr zu schätzen.

Es entspinnt sich eine herkömmlich erzählte Kriminalgeschichte, die dank Brookers außergewöhnlichen Fähigkeiten als Storyteller über ihre gewöhnliche Struktur erhoben wird. Gegen Ende stellt sich heraus, dass sich der Täter nicht etwa auf einer Vendetta gegen öffentlich an den Pranger Gestellte befindet, sondern gegen all jene, die sich an einer solchen Hexenjagd beteiligen. Da muss man als Zuschauer, der seine Verzweiflung über den Umgangston im Internet kaum verbergen kann, schon aufpassen, dass man sich nicht auf die Seite des Kriminellen schlägt. Schließlich sind dessen Methoden, die in nichts anderes als Massenmord münden, doch um einiges schlimmer als die der Onlinetrolle.
Consequences
Schwer vorstellbar ist es indes nicht, dass sich eine nicht geringe Bevölkerungsanzahl an einem Hashtag beteiligen würde, der das nächste Opfer von Roboterinsektenangriffen bestimmt. Ebenso leicht zu glauben ist es, dass auf einer solchen Liste ein Staatenlenker landen könnte. Dafür muss man sich nur anschauen, was auf den Montagsdemonstrationen in Dresden so skandiert wird. Ebenjene Menschen wären es wohl auch, die vornehmlich mit #Deathto twittern würden. In Hated in the Nation kleben sie sich damit eine Zielscheibe auf die Stirn - welch wundervoll furchteinflößende Ironie.
Am weitesten entfernt von unserer heutigen Welt sind wohl die ADI. Ebenjene künstlichen Bienen sind es jedoch auch, die dieser Episode den besonderen Black Mirror-Flair geben. An ihnen lässt sich auch Brookers Botschaft ablesen, die er in den meisten seiner Episoden elegant unterzubringen weiß. Diese lässt sich nämlich nicht nur reduzieren auf die simple Aussage, dass technischer Fortschritt gefährlich ist, sondern beinhaltet stets den Einschub, dass es negative menschliche Eigenschaften wie Egoismus, Eitelkeit und Geltungssucht sind, die der neuen Technik ihre Sprengkraft verleihen.
Im arrivierten TV-Regisseur James Hawes (Doctor Who, Penny Dreadful) hat Brooker einen Kreativen gefunden, der seine Ideen mit der entsprechenden visuellen Eleganz und enervierenden Ideen umsetzt. Hierzu zählen das Bienen-Hologramm im Eingangsbereich des Granular Project, das aufreibende Geräusch neuer Tweets oder das Batmobil des Regierungsagenten Lee (Benedict Wong). Überdies besticht diese Abschlussepisode mit einem trockenen Humor, den vor allem Macdonald in wunderbare Dialogzeilen wie diese kleidet: „The government's a cunt. We knew that already.“
Wir wussten das auch schon, hören es aber gerne nochmal, wenn es so innovativ umgesetzt wird. ...
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 27. Oktober 2016(Black Mirror 3x06)
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