Black Mirror 4x02

© zene aus der „Black Mirror“-Episode „Arkangel“ (c) Netflix
Mit der Episode Arkangel wartet Black Mirror weniger vor, sondern vielmehr hinter der Kamera mit Starpower auf. Hollywood-Schauspielerin Jodie Foster, die seit diesem Jahrzehnt immer öfter als Regisseurin tätig wird, inszenierte das von Serienschöpfer Charlie Brooker geschriebene Mahnmärchen über den feuchten Techniktraum der Helikopter-Eltern und liefert eine für die Serie sehr typische Episode mit überraschend überschaubarem Fokus ab.
Peace of Mind
Marie (Rosemarie DeWitt) macht sich bereits seit der Geburt ihrer Tochter Sara Sorgen um ihr Kind. Nach einer komplizierten Geburt per Kaiserschnitt sah es zunächst danach aus, als würde der kleine Knirps sich nicht rühren. Falscher Alarm, wie sich herausstellt, aber ein Vorbote dessen, was noch geschehen würde. Als Sara mit drei Jahren beim Spielen im Park verschwunden geht und erst einige Zeit später von einem Nachbarn aufgelesen wird, entschließt sich die besorgte Mutter dazu, am ArkAngel-Pilotprojekt teilzunehmen. Kindern wird dabei ein Implantat ins Gehirn gesetzt, welches fortan ihren Standort ermittelt, ihre Lebenszeichen kontrolliert, via Tablet den Blick durch ihre Augen möglich macht und sogar aufrührende Inhalte blockieren kann.
Während der Prozedur schaut Sara sich einen Cartoon namens „Shimmer and Shine“ an, der ausnahmsweise keine Referenz auf eine andere „Black Mirror“-Episode, sondern eine real existierende Serie ist, die sich passenderweise mit Flaschengeistern befasst, die beim Erfüllen von Herzenswünschen Fehler begehen. Wobei sich „Besser gemeint als gemacht“ oder „Sei vorsichtig, was du dir wünschst“ auf mehr als nur eine „Black Mirror“-Prämisse anwenden lässt. Marie gelobt, keinen Gebrauch vom Content-Filter der Software zu machen, aber natürlich dauert es nicht lange, bis der Wunsch, das Kind vor Angst und Schrecken zu bewahren überwiegt und beispielsweise der garstige, knurrende Hund aus der Nachbarschaft ausgeblendet wird. Ein Frieden, der wohl eher für die Eltern als das Kind selbst designt wurde.

Als Sara (Sarah Abbott) neun Jahre alt ist, zeigen sich erste Warnhinweise auf psychologische sowie greifbare Konsequenzen der ArkAngel-Technologie. So ist das Kind nicht in der Lage, dem Großvater in einer medizinischen Notlage zu helfen und selbst das trauernde Gesicht der Mutter wird ausgeblendet. Auf dem Schulhof gilt sie dazu als Sonderling, da sie sich mit den anderen Kindern keine heiklen Videos aus dem Netz ansehen kann und selbst die lebhaften Beschreibungen ihres Schulkameraden Trick (Nicky Torchia) dringen nicht zu ihr durch. Die Idee von Blut fasziniert sie allerdings dermaßen, dass sie bald zur Selbstverletzung übergeht und nicht einmal die Ergebnisse davon zu Gesicht bekommt. Vermutlich ebenso ungesund für den Geist, wie es für den Körper ist, wenn Kinder nie im Dreck spielen dürfen, um das Immunsystem zu trainieren.
Dem Ratschlag eines Psychologen folgend, deaktiviert Marie daraufhin das ArkAngel-Implantat, welches nebenbei längst in Europa verboten wurde und auch in Amerika, wo es nie über das Pilotprojekt hinaus ging, kurz vor der Illegalisierung steht. Erst Jahre später, als Sara im Teenager-Alter ist (und von Brenna Harding gespielt wird, die beinahe als junge Jodie Foster durchgehen könnte) und eines Nachts unauffindbar ist, wird Marie rückfällig und reaktiviert das alte Überwachungs-Tablet zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, während Sara gerade zum ersten Mal mit dem etwas älteren Trick (Owen Teague) schläft.
Die Episode zielt in der letzten Hälfte stark auf dramatische Ironie ab. Kontrollfreak Marie ist beispielsweise nicht in der Lage, sich auf eine feste Beziehung mit ihrem Bettkumpanen einzulassen und beweist erneut mieses Timing, indem sie Sara beim Konsumieren von Drogen erwischt. Die Schuld gibt sie Trick, den sie erpresst, Sara die kalte Schulter zu zeigen. Dabei ist sie es, die auf die Drogenerfahrung gedrängt hat und es ist Marie, die mit ihrer Nutzung von ArkAngel das eigentliche Suchtverhalten an den Tag legt.
Die Eltern-Kind-Dynamik hätte einen ganz anderen Beigeschmack, wenn es der Vater wäre, der die Technologie dazu verwendet, die Sexualität seiner Tochter zu Verwalten, auch wenn das nicht das undenkbarste Szenario wäre. Vor allem in Comedyserien sehen wir schließlich immer noch regelmäßig wie einem erbosten Papa der Kragen platzt, wenn zum ersten Mal ein junger Gentleman wegen der Tochter an die Tür klopft. Die vorliegende Beziehung zwischen Sara und Marie wird hingegen dadurch kompliziert, dass Marie ihre Tochter noch nicht als Frau ansieht, sondern als Kind, dessen Überwachung sie damit rechtfertigt, dass es ihr Recht - nein, sogar ihre Pflicht - ist.
Ganz so drastisch wie „Carrie“ endet die Emanzipation vom Muttermonster am Ende nicht, auch wenn es ebenfalls blutig wird, als Sara nicht nur herausfindet, dass Marie sie unentwegt überwacht, sondern ihr sogar Antibabypillen untergemischt hat. Ausgerechnet mit dem Tablet holt sie am Ende zum befreienden Schlag gegen ihre Erziehungsberechtigte aus und reist daraufhin von zu Hause aus. Die absolute Kontrolle hat Sara als Streunerin in einer absolut unkontrollierbaren Situation landen lassen, von der Marie komplett ausgeschlossen ist. Hatte sie denn nie einen kitschigen Kalender, in dem etwas davon stand, dass Liebe wie ein zartes Vöglein ist, das man nicht zu fest halten darf?
Fazit
Arkangel beweist zum einen erneut, dass Jodie Foster auch als Regisseurin einiges auf dem Kasten hat und zum anderen, dass eine effektive Geschichte nicht immer die allumfassende Welten-Dystopie enthalten muss - auch wenn gerade diese Technologie in den Händen der Regierung zu einem absoluten Kontrollstaat hätte beitragen können. Etwas, das viele Zuschauer vermutlich auch gern gesehen hätten. Gekonnt wird der bereits boomende Markt mit Kindüberwachungstechnologie überspitzt aber plausibel an den Pranger gestellt und die Frage nach der Verhältnismäßigkeit von persönlicher Freiheit und Sicherheit gestellt. Ein gelungenes Stück Schwarzspiegel, obwohl das unvermeidbare Ende sehr vorhersehbar ist und der große Wow-Moment anderer Folgen fehlt.
Verfasser: Mario Giglio am Samstag, 30. Dezember 2017Black Mirror 4x02 Trailer
(Black Mirror 4x02)
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