Black Mirror 6x03

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Trauer, Eifersucht und Paranoia im Weltall stehen in der Black Mirror-Episode Beyond the Sea (6x03) auf dem Programm, die mit 80 Minuten die längste Schwarzspiegelfolge der sechsten Staffel ist. Das Drehbuch von Serienschöpfer Charlie Brooker wurde diesmal von Regisseur John Crowley (True Detective, Life after Life) umgesetzt und enthält einen weiteren Kniff für die Prämisse: Wir befinden uns in einer alternativen Version des Jahres 1969, was nicht nur die Ästhetik beeinflusst, sondern vielleicht auch den etwas problematisch-altbackenen Plot wegerklären soll...
In den engen Gängen eines Raumschiffs auf Sechsjahresmission arbeiten die amerikanischen Astronauten und Familienväter Cliff (Breaking Bad-Star Aaron Paul) und David (Josh Hartnett, Penny Dreadful). Erleichtert wird ihnen die lange Reise und Isolation durch ein interessantes Stück Technologie, dessen Existenz wir einfach akzeptieren müssen, denn anders als, zum Beispiel, bei San Junipero (3x04) befinden wir uns (soweit wir wissen) in keiner Simulation der 60er. Zu Hause auf der Erde wurden Replica genannte Kopien der Männer erstellt, in die ihr Bewusstsein während der Ruhephasen auf dem Schiff schlüpfen kann, um Zeit mit der Familie zu verbringen.
Während Cliff und seine Frau Lana (Kate Mara, House of Cards) sich etwas auseinandergelebt haben, kommt das Familienglück von David und seiner Frau Jessica (Auden Thornton, This Is Us) jäh zum Erliegen, als ein paar verrückte Hippies mit Robohass ihr Anwesen aufsuchen und die gesamte Familie samt Vaterkopie um die Ecke bringen. Leider schon der erste lahme Autorenkniff: Tote Frau/Familie, die von Verrückten umgebracht wurden als Motivation, ist schon an sich ziemlich lahm, aber noch frustrierender ist, was im Verlauf daraus gemacht wird. Was ist schockierender als einmal die „Women-in-Refrigerators“-Trope? Zwei Frauen im Kühlschrank offenbar!

Isoliert und von Trauer zerfressen ist David auf dem Raumschiff zu fast nichts mehr zu gebrauchen, weshalb Cliff ihm aus genauso pragmatischen wie empathischen Gründen anbietet, in seinen Replica-Körper zu schlüpfen, um ein wenig Zeit unter Leuten und in der Natur verbringen zu können. Doch während die erste Hälfte noch spannend ist, weil man herauszufinden versucht, was in dieser anachronistischen Retro-Sci-Fi-Welt vor sich geht und was die Story sein wird, spielt sich aber hier alles genauso ab, wie man es erwartet: David will das schöne Leben mit Frau, Kind und eigenem Haus im Grünen von seinem Kollegen stehlen und die beiden sich anknurrenden Astrokerle raufen sich um die ultimative Tradwife-Fantasie, wobei Maras Gefühle und Motivationen fast keine Rolle zu spielen scheinen.
Nun ist Black Mirror natürlich eine Dystopie-Anthologie, die bekannt dafür ist, unangenehm zu werden - und trotzdem fühlt sich das Schockende dieser Folge anders und vor allem billig und problematisch an. Nach viel zu langem, vorhersehbarem Hin und Her bringt David nicht Cliff um, sondern dessen gesamte Familie, damit sein Gegenüber weiß, wie es sich für ihn anfühlte. Dabei weiß er genau, dass Cliff ihm daraufhin vermutlich nichts antun wird, da er sonst jahrelang allein auf dem Raumschiff zubringen müsste.
Schockierend schon, aber war es das wert? Zum zweiten Mal in Folge killt „Black Mirror“ in dieser Staffel sämtliche Frauencharaktere. Und wofür? Um kritisch zu unterstreichen, dass Männer „damals“ noch schlimmer waren? Sind wir hier bei Mad Men in Space? Ganz abgesehen davon, dass es den als sensibel gezeichneten Charakter von David und sein persönliches Trauma komplett untergräbt...
Unsere Aluhuttheorie: Das Drehbuch zur Folge war ursprünglich überhaupt nicht in den 1960ern, sondern in der Zukunft angesiedelt. Jemand wie zum Beispiel Produzentin Annabel Jones meinte dann zu Brooker, dass Frauencharaktere seit dem prolligen Astroabenteuer „Armageddon“ nicht mehr so ärgerlich als passive Spielbälle zur Motivation von Astronauten verwendet wurden, woraufhin man das Setting ohne weitere Erklärung bezüglich der futuristischen Technologie in diese Pseudovergangenheit versetzte, um die androzentrische Story mit einem oberflächlichen Anstrich plausibler zu rechtfertigen. Hinterher kann man dann behaupten, dass damit toxische Männlichkeit angeprangert werden sollte, die man natürlich auch im moderneren Setting hätte haben können.
Die Ironie an dem Ganzen ist, dass Paul und Hartnett sogar relativ austauschbar wirken, wodurch der Körperswitch im Gegensatz zu anderen „Black-Mirror“-Episoden weniger drastisch wirkt. Der interessanteste Aspekt der Folge war deshalb die emotionale Reaktion von Cliffs Frau Lana auf den vielleicht sogar gern gesehenen Tausch, da David sie zunächst daran erinnert, wie zärtlich ihr Mann früher zu ihr war. Dieses Dilemma wird jedoch relativ lapidar aus dem Weg geschrieben, damit David für das schockierende Finale zum Familienmörder werden kann...
Fazit
Beyond the Sea ist eine „Black-Mirror“-Folge mit enormem Production Value, das über eines der fragwürdigsten Drehbücher der Serie hinwegtäuschen muss. Ansehnliche Retro- und Raumschiffkulissen mit eingeworfenen Heinlein- und „2001“-Referenzen reichen aber nicht aus, um den Stoff einer pointierten Kurzgeschichte auf Spielfilmlänge interessant zu gestalten. Und ein schockierendes Blutband-Ende liefert schon gar nicht denselben cleveren Kick, für den die zum nachdenken anregende Anthologie sonst so berühmt und berüchtigt ist.
Zwei von fünf Sternen leider nur von uns.
Hier der Trailer zur sechsten Staffel der Serie „Black Mirror“:
Verfasser: Mario Giglio am Dienstag, 20. Juni 2023(Black Mirror 6x03)
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?