Black Mirror 6x01

Black Mirror 6x01

Schwarzhumorig und typisch schwarzsehend startet die sechste Staffel von „Black Mirror“, wobei in der Episode „Joan Is Awful“ Themen wie KI-Content und Persönlichkeitsrechte verhandelt werden. Wie würdet Ihr Euch fühlen, wenn Netflix Euer Leben ohne zu fragen als Serie adaptieren würde?

Poster zur „Black-Mirror“-Episode „Joan Is Awful“
Poster zur „Black-Mirror“-Episode „Joan Is Awful“
© Netflix

Manchmal ist es wirklich erstaunlich, wie ein Film oder eine Serienepisode sich tagesaktuell anfühlen kann, obwohl sie lange vor den relevanten Geschehnissen, die sie direkt zu kommentieren scheint, geschrieben und produziert wurde. So ist das auch bei der Black Mirror-Folge Joan Is Awful, mit der die seit 2019 andauernde Pause der Netflix-Anthologieserie beendet wird.

Vier weitere Episoden gingen gleichzeitig online. „Black-Mirror“-Mastermind Charlie Brooker steuerte wie immer das Drehbuch bei, das in diesem Fall von Regisseurin Ally Pinkiw umgesetzt wurde, die für den Streamingdienst schon an der Mae Martin-Dramedy Feel Good gearbeitet und darüber hinaus Episoden für The Great von Hulu inszeniert hatte.

Doch was macht „Joan Is Awful“ so relevant im Hier und Jetzt? Seit Anfang Mai befinden sich die Autor:innen der Writers Guild of America (WGA) zum ersten Mal seit 2008 im Streik, wobei auch die Frage nach KI-generiertem Content und Copyright von Basisdaten als Streitpunkt gilt. Im Kino läuft seit dieser Woche der DC-Comicfilm „The Flash“, für den der 2004 verstorbene Superman-Darsteller Christopher Reeve in CGI-Form „exhumiert“ wurde, was Fragen bezüglich von Persönlichkeitsrechten aufwirft, die auf andere Weise täglich User:innen von Social-Media-Plattformen betreffen.

Ebenso sprechen wir spätestens seit diesem Jahr im Angesicht von ChatGPT über die Rolle, die künstliche Intelligenz in Zukunft in unserem Leben spielen wird... und dann war da noch das rudimentäre, in Echtzeit erstellte AI-Reboot von Seinfeld, das uns einen Blick auf die potentielle Zukunft der Unterhaltung blicken ließ... Ist das noch Realität oder sind wir schon im schwarzen Spiegel?

Darum geht es in „Joan Is Awful“

Joan (Annie Murphy) ist eine ganz normale Frau mit einem Managerinnenjob bei einer Techfirma und einem leicht langweiligen Partner namens Krish (Avi Nash). Sie singt gern im Auto Songs mit, wird von ihrem aufregenden Exfreund Mac (Rob Delaney) in Versuchung gebracht, geht zur Therapie und guckt abends das fiktive Netflix-Äquivalent Streamberry.

Als sie eines Tages mit Krish auf der Couch sitzt, staunt sie nicht schlecht, als eine Serie mit dem Titel „Joan Is Awful“ im Streamingangebot erscheint, in der Schauspielerin Salma Hayek sie verkörpert, während ihr Tag in dramatisierter Form nacherzählt wird. Bei der Adaption ihres Lebens geht allerdings einiges an Kontext beziehungsweise Nuance verloren und da bekanntlich auch der Ton die Musik macht, kommt Joan nicht gerade als Sympathieträgerin rüber...

Annie Murphy und Salma Hayek in „Joan Is Awful“
Annie Murphy und Salma Hayek in „Joan Is Awful“ - © Netflix

Funfact: Im Streamberry-Angebot sind auch mehrere „Black-Mirror“-easter-Eggs zu entdecken: Die in The National Anthem (1x01) und Nosedive (3x01) erwähnte Science-Fiction-Serie „Sea of Tranquility“, das True-Crime-Format Loch Henry in Bezug auf die gleichnamige Folge (6x02) dieser Season, eine Doku mit dem Titel „The Callow Years“ über den Premierminister Michael Callow (Rory Kinnear), ebenfalls aus „The National Anthem“, und eine Sendung namens „Finding Ritman“ im Bezug auf den Programmierer Colin Ritman (Will Poulter) aus der interaktiven Episode Bandersnatch. Später sieht man auch, wie Joans Ex an einen Social-Media-Post von Lacie Pound (Bryce Dallas Howard) aus „Nosedive“ vorbeiscrollt.

Aber zurück zur Episode: Joan erfährt, dass die Serie über ihr Leben in Echtzeit und mithilfe CGIs von einem Quantencomputer-Algorithmus produziert wird und sie rechtlich keine Optionen hat, da sie beim Streamberry-Abonnieren einfach auf Zustimmung geklickt hat. Noch schlimmer erging es nur den Charakteren aus der South Park-Folge HumancentiPad (15x01), als sie von Apple in menschliche Tausendfüßler aus „The Human Centipede“ verwandelt wurden, was ebenfalls im Kleingedruckten stand. Lest die Terms and Conditions, Kids!

Nachdem sie ihren Partner und ihren Job verliert, versucht Joan aus Verzweiflung, die Aufmerksamkeit der echten Salma Hayek zu erhalten, die lediglich die Rechte an ihrem Erscheinungsbild an Streamberry verkauft hatte. So kackt Joan kurzerhand in eine Kirche, was die katholische Hayek tatsächlich nicht besonders ulkig findet. Rechtlich gesehen ist sie aber ebenso eingezäunt wie Joan und so machen die beiden Frauen gemeinsame Sache, um den Quantencomputer im Hauptquartier des Streamingdienstes zu zerstören... Doch Techtyp Michael Cera hat noch eine unangenehme Wahrheit für Joan und Salma in petto, im Angesicht derer man sich wie im Björk-Musikvideo zum Song „Bachelorette“ fühlt...

Contentmühle vs. Donna Quijote

Dafür, dass Joan Is Awful so unheimlich-dystopische heiße Eisen anpackt, ist das Ganze äußerst amüsant in Szene gesetzt und fühlt sich am Ende fast mehr wie eine abenteuerliche Dramedy-Version der Serie Devs an, die mit einem seltsam altbackenen 90er-Jahre-Filmkomödien-Soundtrack unterlegt ist, während Salma Hayek offensichtlich selten so viel Spaß hatte wie beim Spielen von sich selbst.

Man erwartet beinahe ein extrem düsteres Ende, bei dem Joan zur schrecklichsten Version ihrer selbst wird, doch dann münden wir eher in ein Sci-Fi-Abenteuer mit leicht vorhersehbarem Shyamalan-Twist, den Charlie Brooker eigentlich nicht mehr bringen wollte, wie er neulich in einem Interview noch meinte. So heiter fühlte sich zuletzt die Episode Rachel, Jack und Ashley Too (5x03) an, die nicht unbedingt zu den Highlights der Serie zählt.

Profund und realitätsrelevant wird es noch einmal, wenn die Streamberry-Chefin erklärt, warum der Titel so negativ klingt: Engagement. Leute sind online mehr an Negativität interessiert, die ihre eigenen Neurosen füttert. Das gilt natürlich jetzt schon für Clickbait-Überschriften und Videotitel. Und keine Sorge: Streamberry arbeitet schon an individuellen „Awful“-Spin-offs für und über jeden User und jede Userin...

Fazit

Black Mirror ist nach längerer Pause endlich zurück und liefert mit Joan Is Awful einen furchtbar starken Auftakt zur sechsten Staffel ab. Mit verschmitztem Grinsen erzählt man uns eine für die Anthologie typische Techgruselgeschichte über Persönlichkeitsrechte, Copyright, Self-Image und KI, die jetzt schon mehr nach naher Zukunftsmusik als weithergeholter Science-Fiction klingt.

Vor allem der überraschend hochkarätige Cast und eine Salma Hayek, die mehr Spaß hat, als es der Algorithmus erlaubt, stechen heraus - und gut für Netflix, sich durch Autor Charlie Brooker zum Teil selbst zur satirischen Zielscheibe werden zu lassen. Nur stammt der finale Twist eher aus dem Standardrepertoire solcher Storys und natürlich hätten wir am liebsten noch die Serie innerhalb der Serie innerhalb der Serie mit Cate Blanchett als Joan gesehen...

Vier von fünf KI-fütternden Likes lassen wir der Episode da. Subscribed sind wir ja schon.

Hier abschließend noch mal der Trailer zur sechsten Staffel der Serie „Black Mirror“:

Verfasser: Mario Giglio am Donnerstag, 15. Juni 2023

Black Mirror 6x01 Trailer

Episode
Staffel 6, Episode 1
(Black Mirror 6x01)
Deutscher Titel der Episode
Folge 1
Titel der Episode im Original
Joan Is Awful
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Donnerstag, 15. Juni 2023 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in der Mediathek
Donnerstag, 15. Juni 2023
Autor
Charlie Brooker
Regisseur
Ally Pankiw

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