Black Mirror 4x04

Black Mirror 4x04

Wie sieht die Zukunft des modernen Datings aus und wieso ist die Episode Hang the DJ nach einer Zeile aus einem Song von The Smiths benannt? Findet es heraus in unserem Review zur vielleicht besten Black-Mirror-Folge der aktuellen Staffel vier.

Poster zur „Black Mirror“-Episode „Hang the DJ“ (c) Netflix
Poster zur „Black Mirror“-Episode „Hang the DJ“ (c) Netflix
© oster zur „Black Mirror“-Episode „Hang the DJ“ (c) Netflix

Auch in dieser Staffel von Black Mirror bekommen wir wieder ein bittersüßes Liebesdrama verabreicht, doch während die nach wie vor fantastische Ausnahmeepisode San Junipero aus der dritten Season aufgrund ihrer gefühlvollen und unerwartet optimistischen Schlusswendung zu überraschen wusste, hält Hang the DJ eine ganz andere Überraschung bereit. Es geht im weitesten Sinne ums Onlinedating, wie der Trailer zur Episode bereits verriet, aber ganz anders, als zunächst angenommen wird...

Everything happens for a reason

Das erste Rendezvous von Frank (Joe Cole) und Amy (Georgina Campbell) könnte besser laufen. Es ist für beide das erste Mal, dass sie sich durch das System einen Partner vorschlagen lassen und beide sind dementsprechend aufgeregt. Sie beschließen, noch im Restaurant zu überprüfen, wie viel gemeinsame Zeit ihnen berechnet wurde: zwölf Stunden. Gerade genug für ein nettes Essen und einen One-Night-Stand. Schnell stellt man sich als Zuschauer die Frage, ob die zwei sich nicht einfach mehr Zeit nehmen könnten, wenn sie wollten. Eine Frage, auf die nicht weiter eingegangen wird, aber die überall im Hintergrund stehenden, schwarz gekleideten Sicherheitsleute lassen nichts Gutes über die Beschaffenheit dieser Welt vermuten.

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Peinlicherweise schlafen Frank und Amy während der zweiten Hälfte ihres Dates in der zur Verfügung gestellten Hütte ein und haben nur noch Zeit, sich am nächsten Morgen zu verabschieden. Etwas wehmütig geht das vonstatten, denn irgendetwas Besonderes ist doch dagewesen, wie beide zu spüren scheinen. Es wird jedoch keine Atempause gemacht, denn das System hat für beide bereits neue Partner ausgewählt. Alles mit dem Endziel, am Ende den perfekten Lebensgefährten ausfindig zu machen. Etwas, bei dem das System zu 99,8 Prozent Erfolg verbuchen soll. Dieses Mal ist Frank für ein ganzes Jahr an seine offenbar mit ihm unzufriedene Partnerin (Gina Bramhill) gebunden, während Amy es marginal besser mit ihrem eingebildeten Sexgottt (George Blagden) trifft, doch auch diese neun Monate fühlen sich am Ende lang für sie an.

Wann immer dem System über das Interface eine Frage bezüglich der Länge oder Kürze einer Verabredung gestellt wird, ertönt dieselbe, religiös anmutende Antwort: „Alles geschieht aus einem Grund.“ Die Wege des Systems mögen unergründlich erscheinen, die Antwort ist aber tatsächlich korrekt und wir steuern auf die perfide Erklärung zu, als Frank und Amy nach vielen weiteren Kurzbeziehungen wie durch ein Wunder ein zweites Mal zusammengeführt werden. Sie schwören sich, diesmal nicht nachzusehen, wie viel Zeit sie miteinander haben, was die Spannung schier unerträglich macht. Schließlich könnte die schöne Zeit der sympathischen Turteltauben jeden Moment vorbei sein. Das gilt zwar auch für reale Beziehungen, doch wenigstens sind diese nicht mit einem unsichtbaren und konkreten Countdown versehen, der im Hintergrund stetig nach unten tickt.

Eines Tages wird Frank die quälende Unwissenheit zu viel und er checkt die verbleibende Zeit, was aus Jahren der vermeintlichen Gemeinsamkeit lediglich Stunden macht. Wie in der Quantenphysik hat sein Akt der Beobachtung den Zustand beeinflusst, der wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung in der verbleibenden Zeit wahr wird. Frank und Amy trennen sich aufgrund des Vertrauensbruchs und werden vom System abermals an vielen weiteren Partnern vorbeigeschickt, bis sie sich eines Tages erneut gegenübersitzen und beschließen, diesen Ort gemeinsam zu verlassen.

Als sich ihnen die bewaffneten Wachen in den Weg stellen, sind sie machtlos gegen das flüchtende Paar, das ohne Widerstand die große Mauer hinaufklettert und sich inmitten vieler Kopien von sich wiederfindet. 998 von 100 getesteten Romanzen der beiden haben diesen Punkt erreicht, verrät uns das System, das sich als moderne Dating-App auf den Telefonen der beiden echten Frank und Amy entpuppt. In der realen Welt erspähen sich die beiden in diesem Moment zum ersten Mal in einer Bar und lächeln sich wissend an, während „Panic“ von The Smiths im Hintergrund läuft.

Fazit

Hang the DJ ist eine jener seltenen Black Mirror-Episoden, die den Twist nicht am Anfang oder in der Mitte präsentiert und darauf aufbaut, sondern den großen Knall bis zum Schluss aufhebt. Etwas, das in unserer von Shyamalan-Twists übersättigten Zeit schwierig hinzubekommen ist und umso befriedigender ausfällt, wenn es doch noch einmal funktioniert. Dass sich Amy und Frank in einer Simulation befinden könnten, wird vielen trainierten Zuschauern der Serie zwischendurch durch den Kopf gegangen sein. Dass sie lediglich der Algorithmus in der Tinder- oder Grindr-App sind, der in der Zeit, die es Mr. Morrissey kostet, „Hang the DJ!“ zu singen, Kompatibilität überprüft, ist geradezu niederschmetternd. Oder: Ist es das? Schließlich heißt es, dass die echte Amy und der echte Frank sich nun kennenlernen können und gute Chancen auf eine glückliche - wenn auch kalkulierte - Beziehung haben. Belassen wir es, was die Gefühle am Ende dieser Folge angeht, bei dem zuverlässig-unzuverlässigen Beziehungsstatus: „It's complicated“.

Verfasser: Mario Giglio am Montag, 1. Januar 2018

Black Mirror 4x04 Trailer

Episode
Staffel 4, Episode 4
(Black Mirror 4x04)
Titel der Episode im Original
Hang the DJ
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Freitag, 29. Dezember 2017 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 29. Dezember 2017
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 29. Dezember 2017
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 29. Dezember 2017
Autor
Charlie Brooker
Regisseur
Timothy Van Patten

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