Black Mirror 4x03

© ndrea Riseborough in „Crocodile“ (c) Netflix
Mia Nolan (Andrea Riseborough) hat eigentlich alles, was man sich wünschen kann: eine Karriere als Star-Architektin, der hohe Summen für Vorträge gezahlt werden, und eine intakte Familie mit Ehemann und Sohn. Jedoch hütet sie auch ein dunkles Geheimnis. Vor vielen Jahren fuhr sie nach einer durchfeierten Nacht mit einem Freund heim. Auf einer verlassenen Straße überfuhren die beiden - wahrscheinlich noch high von der Technoparty - einen Fahrradfahrer. Statt die Polizei zu alarmieren, stopften sie die Leiche in einen Schlafsack und versanken diesen in einem nahegelegenen See.
Private stuff is private stuff
So beginnt die dritte Episode der vierten Staffel von Black Mirror. Nach der Eingangsszene macht die Handlung von Crocodile einen Zeitsprung. Mia ist jetzt die besagte Erfolgsfrau. Während sie sich in ihrem Hotelzimmer auf einen weiteren Vortrag vorbereitet, bekommt sie unerwünschten Besuch von ebenjenem Freund, mit dem sie damals das Verbrechen begangen hatte. Er hat den gegenteiligen Weg eingeschlagen: Seit der Tat plagen ihn Schuldgefühle. Diese sind nun so stark, dass er einen anonymen Brief an die Witwe des Ermordeten schreiben will.
Mia kann das nicht zulassen, aber statt ihr Gegenüber mit Worten zu überzeugen, lässt sie einmal mehr die Gewalt sprechen. Er ist nun ihr zweites Mordopfer. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir Zuschauer noch gar nicht, welche Dystopie uns Serienmacher Charlie Brooker dieses Mal auftischen will. Das holt er kurze Zeit später nach. Eine ebenfalls Mia (Kiran Sonia Sawar) benannte Versicherungsvertreterin stattet einem Unfallopfer einen Besuch ab. Er will bei Realm Insurance einen Verdienstausfall geltend machen, da er seit der durch den Unfall erlittenen Verletzung nicht mehr fähig ist, seinen Job als Musiker auszuführen.
Die Versicherungs-Mia soll nun überprüfen, ob es sich tatsächlich um einen Unfall gehandelt hat. Dazu schließt sie den Musiker an einen sogenannten corroborator (zu deutsch: „Bestätiger“) an. Dieser lässt Mia die Gedanken und Erinnerungen des Angeschlossenen einsehen. Sie werden ihr aus seiner Sicht angezeigt, sind aber manchmal lückenhaft, weshalb sie mit sensorischer Stimulation nachhelfen muss. Zu diesem Zwecke hat sich eine einfache Methode bewährt: Ihrem Probanden hält sie einfach ein offenes Bier einer bestimmten Marke unter die Nase, nach dem es am Unfallort gerochen haben soll.
So erhält Mia zwar keinen endgültigen Aufschluss über den Unfallhergang, zumindest aber neue Spuren. Eine dieser Spuren führt sie zu Architektur-Mia, die den Unfall ebenfalls beobachtet hat. Der Weg zu ihr und anderen Zeugen wird Mia übrigens mittels Gesichtserkennungssoftware und anderen Gimmicks erleichtert. Eine Weigerung, sich an den corroborator anschließen zu lassen, ist überdies nicht möglich, da es seit einiger Zeit ein Gesetz gibt, das die Kooperation vorschreibt. Die daraus gewonnenen Daten blieben aber natürlich verschlossen - außer wenn sie nahelegen, dass man sich selbst oder jemand anderem Schaden zufügt.
It's like catholic confession
Und genau das ist nun das Dilemma der Architektin - und im nächsten Schritt auch das der Versicherungsvertreterin. Es dauert nicht lange, bis Karrierefrau Mia an das Erinnerungsgerät angeschlossen ist, und noch kürzer, bis die andere Mia Bilder von den beiden Morden auf ihrem Bildschirm aufflackern sieht. Sie verhält sich fortan so auffällig, wie man sich nur verhalten kann, was bei der Architektin natürlich sofort den entsprechenden Verdacht weckt. Also bringt sie auch diese Versicherungsdetektivin in ihre Gewalt. Getötet wird sie jedoch erst, als Mia anhand des corroborator herausgefunden hat, dass auch der Ehemann Bescheid weiß.
Die Wissenskette macht Täter-Mia in der Folge zum Monster. Nach dem Mord an der anderen Mia widmet sie sich deren Ehemann - und danach auch noch dem Baby, von dem sie fälschlicherweise annimmt, dass es den jüngsten Mord beobachtet haben könnte. Von der Polizei erfahren wir jedoch, dass es blind war. Für die Mörderin bedeutet das allerdings keinen Freifahrtschein. Sie hat nämlich vergessen, auch den Hamster umzubringen, der Zeuge des Babymordes wurde. Offensichtlich können auch tierische Erinnerungen vom corroborator ausgelesen werden.
Crocodile ist keine schlechte, aber auch keine besonders hervorstechende Episode von Black Mirror. Für meinen Geschmack legt Charlie Brooker zu viel Gewicht auf die persönliche Geschichte der beiden Mias, statt die wahrlich furchteinflößende corroborator-Technologie deutlicher auszuleuchten. Angesichts der rasanten Entwicklung digitaler staatlicher Überwachung ist es ja keinesfalls unvorstellbar, dass eines Tages eintritt, was hier präsentiert wird.
Aber Brooker bleibt bei seiner zutiefst technoskeptischen Einstellung und macht mit der Monsterwerdung Mias einmal mehr eine Gleichung auf, die er schon in so vielen Episoden zuvor aufgestellt hat, und die sich auf eine ganz banale Aussage reduzieren lässt: Neue Technologien kehren stets das Schlechte im Menschen hervor. Das mag vor ein paar Jahren noch gezündet haben - jetzt ist es einfach nur noch herkömmlich.
Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 31. Dezember 2017Black Mirror 4x03 Trailer
(Black Mirror 4x03)
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?