Black Mirror 4x01

Black Mirror 4x01

In der Black-Mirror-Episode USS Callister spielt Charlie Brooker die perverseste Form des feuchten Star-Trek-Fanboy-Traums durch. Für die Hauptrolle hat er den Posterboy des sadistischen Nerds gefunden: Jesse Plemons. So gelingt ein für die Serie eher ungewöhnliches Experiment.

Die Crew der „USS Callister“ (c) Netflix
Die Crew der „USS Callister“ (c) Netflix
© ie Crew der „USS Callister“ (c) Netflix

Als Kollege Mario und ich besprachen, wer welche Episoden der vierten Staffel von Black Mirror besprechen würde, hatte er schon alle gesehen und ich nur eine. Also ließ ich ihm den Vortritt - er solle einfach seine Lieblingsfolgen rezensieren und ich würde mich um den Rest kümmern. Dass er mir aber die Episode USS Callister überließ, war dann doch eine kleine Überraschung, schließlich wissen wir beide, dass ich von einem Sci-Fi-Fan so weit entfernt bin wie die Erde vom Jupiter. Die ersten Minuten ließen mich denn auch Grausiges ahnen.

King of space

Zum Glück kam es jedoch ganz anders, als es ebenjene ersten Szenen erwarten ließen. Die Episode ist nämlich nur stellenweise eine liebevolle Hommage an die frühen Tage des Star Trek-Franchises, größtenteils aber ein knallharter Psychothriller. In die Rolle des Wahnsinnigen schlüpft - wie könnte es anders sein? - der mittlerweile auf diese Figuren spezialisierte Jesse Plemons. Er spielt den Firmenbesitzer Robert Daly, der gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Walton (Jimmi Simpson) das erfolgreiche VR-Spieleunternehmen Callister gegründet hat, benannt nach dem Raumschiff aus seiner Lieblingsserie „Star Fleet“.

Man könnte nun meinen, er führe ein tolles Leben, aber eher ist das Gegenteil der Fall. Daly ist so unbeholfen in sozialer Interaktion, dass es ihm sichtlich Pein bereitet, mit seinen Angestellten oder sonst irgendwem zu kommunizieren. Während Walton zum Szenenstar aufgestiegen ist, sitzt „Bob“ in seinem mit „Star Fleet“-Erinnerungsstücken vollgestopften Büro und codet vor sich hin. Die Disparität zwischen den beiden Firmengründern geht sogar so weit, dass manche führende Angestellte im Büro gar nicht wissen, dass es zwei Chefs gibt. Marketingmanagerin Shania (Michaela Coel) hält ihn beispielsweise nur für einen perversen Gaffer.

Deshalb warnt sie auch den Neuling Nanette (Cristin Milioti) vor Daly. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir Zuschauer noch nicht, dass sie damit Recht hat. Wir glauben noch, dass Bob der Gute und Walton das sexistische Schwein ist. Das ändert sich jedoch bald und zwar in der Sekunde, als Bob den ausgetrunkenen Kaffeebecher von Nanette aus dem Mülleimer kramt. Er hat sich da bereits ein bisschen in die Neue verguckt, was größtenteils daran liegt, dass sie eine so große Verehrerin seiner Arbeit ist. Nachdem sie allerdings mit Shania gesprochen hat, ist sie plötzlich nur noch kurz angebunden - und landet sogleich auf Bobs schwarzer Liste.

In jedem anderen Büro würde das bedeuten, dass man es sich mit dem Perversling verscherzt hat, was angesichts der bei Callister herrschenden Machtverhältnisse kein größeres Problem wäre. Bob hat jedoch eine kaum vorstellbare Terrorherrschaft etabliert, die es ihm ermöglicht, zu Hause seine dunkelsten Rachefantasien an seinen Mitarbeitern auszuleben. Das zum Beispiel von einem benutzten Kaffeebecherdeckel gewonnene DNA eines Opfers speist er daheim in einen sogenannten Omnicorder. Damit kann er einen digitalen Klon herstellen, den er wiederum in eine nur für ihn zugängliche Version des von ihm programmierten Spiels Infinity einspeist.

Eternal waking nightmare

In diesem Spiel ist er der Kapitän der USS Callister, seine Untergebenen sind all die Kollegen, die ihn einst, wenn auch nur minimal, verärgert haben. Das Cold Open der Episode suggerierte zunächst, dass es sich hierbei einfach um eine sehr lebensechte VR-Version handelt, jedoch sind die dorthin transportierten Klone echte Menschen mit echten Gefühlen und Erinnerungen. Um das zu verstehen, braucht jeder Neuankömmling eine Weile, wobei auch Nanette keine Ausnahme bildet. Ihren Gehorsam muss sich der Captain, der in dieser Welt mit einem ganz anderen Akzent spricht, erst erfoltern - wie er es wohl bei allen anderen Opfern auch gemacht hat.

Gemeinsam begeben sich die unfreiwillig Verbandelten auf von Daly orchestrierte Abenteuer, die immer nach gleichem Muster gestrickt sind. Die bereits länger in dieser Hölle Schmorenden machen lustlos mit, wissen aber auch immer genau, wann es Zeit ist, ihrem Regenten zu huldigen, um nicht seine Wut zu provozieren. Sie alle haben sich damit abgefunden, dass sie wohl ihr gesamtes Klonleben lang in diesem Zwischenreich gefangen sein werden - bis Daly eines Tages vielleicht den Großmut aufbringen kann, sie von ihrem Leiden zu erlösen. Nanette will sich damit jedoch nicht abgeben.

Was folgt, ist „Technobabble“ allererster Güte und - so nehme ich an - eine liebevolle Hommage an die legendärste aller Science-Fiction-Serien, Star Trek, und alle ihre Tropen. Die Flucht aus der Horrorwelt ist ebenso clever geschrieben wie spannend inszeniert und am Schluss wartet ein Ende, das für Black Mirror-Verhältnisse überraschend heiter ausfällt. Brooker hat sich mit USS Callister offensichtlich vorgenommen, zur Abwechslung einen lockereren Stoff umzusetzen. Es ist ihm gelungen.

Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 29. Dezember 2017

Black Mirror 4x01 Trailer

Episode
Staffel 4, Episode 1
(Black Mirror 4x01)
Titel der Episode im Original
USS Callister
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Freitag, 29. Dezember 2017 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 29. Dezember 2017
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 29. Dezember 2017
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 29. Dezember 2017
Autoren
William Bridges, Charlie Brooker
Regisseur
Toby Haynes

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