Black Mirror 3x03

Die dystopische Dramaserie Black Mirror zeichnete sich bisher dadurch aus, dass sie ein kaum vorstellbares Szenario in die Tat umsetzte, wobei stets die dafür nötige Technologie im Mittelpunkt stand. In der von Serienschöpfer Charlie Brooker und Will Bridges geschriebenen Episode Shut Up and Dance ist die Technologie lediglich der Startpunkt für eine Schnitzeljagd, die für ihre Opfer ausnahmslos schlecht endet. Das Szenario ist nicht mehr dystopisch, sondern äußerst realistisch - und leider auch sehr langweilig.
Who is driver?
Das größte Fragezeichen wirft die Episodenlänge auf. Wir wissen längst, dass Kreative bei Netflix dazu neigen, zuviel des Guten zu produzieren. Serien wie Jessica Jones oder Luke Cage würden bekanntermaßen von einer Halbierung der Episodenzahl profitieren. Angesichts dieser auf Stundenlänge aufgeblasenen Folge ist man dann auch beinahe dazu bereit, sich die guten alten Zeiten zurückzuwünschen, in denen Werbepausen den Serienmachern enge Zeitgrenzen setzten. Stattdessen bekommen wir eine Episode, die auch in fünf bis zehn Minuten hätte erzählt werden können.
Der Außenseiter Kenny (Alex Lawther), der seine Zeit hauptsächlich mit der Arbeit in einem Fastfood-Restaurant und am heimischen Laptop verbringt, wird von einem unbekannten Hacker mit Aufnahmen seiner Webcam erpresst, auf denen er beim Masturbieren zu sehen ist. Erst am Ende der Episode finden wir heraus, dass es sich bei seiner Vorlage um Kinderpornographie gehandelt hat, was der Geschichte zumindest im Nachhinein die nötige Relevanz verleiht. Über ihren Verlauf habe ich mich nämlich ständig gefragt, warum sich Kenny zu all diesen Handlungen zwingen lässt.
Jedenfalls befolgt er sämtliche ihm zugetragenen Aufgaben, was in einem Banküberfall gipfelt, der tatsächlich erst nach circa zwei Dritteln der Episode stattfindet. Unterwegs ist er da mit seinem ungewollten partner in crime Hector (Jerome Flynn aus Game of Thrones), der ebenfalls erpresst wird und fürchtet, seine gesamte Familie verlieren zu können. Bei ihm stellt sich jedoch nicht heraus, dass er kinderpornographisches Material angesehen hat, weshalb seine Motivation unverständlich bleibt. Wäre man in einer solchen Situation wirklich dazu bereit, eine schwere Straftat zu begehen, nur um eine Affäre vor der Ehefrau zu vertuschen?

Es sind solche Fragen, zu denen man abschweift, weil die Episode selbst keinen echten Spannungsbogen vorzuweisen hat. Nach dem geglückten Banküberfall steht für Kenny eine noch viel schwierigere Prüfung an, als er am Übergabeort der Beute auf einen weiteren Erpressten trifft, mit dem er sich einen Kampf bis zum Tod liefern soll. Ebenjener Kampf wird per Drohnenkamera aufgezeichnet, weshalb es erst recht sinnlos ist, ihn auszufechten, befindet sich der Sieger dann doch weiterhin im eisernen Griff seines Häschers - und das mit noch belastenderem Material als der Kinderpornographie.
Who is robber?
All das erübrigt sich am Ende sowieso, denn der Übeltäter hat nie geplant, seine Opfer zu entlasten. Nahezu gleichzeitig werden all jene Beweismittel und Aufnahmen veröffentlicht, die er oder sie bislang zur Erpressung genutzt hatte. Es ist eine durchweg nihilistische Auflösung; eine, die wohl schockieren soll, bei mir aber nur den schalen Beigeschmack müden Drehbuchschreibens hinterlässt. Der Antagonist ist demnach kein mit illegalen Mitteln kämpfender Vorreiter für Cybersicherheit, sondern einfach nur böse. Das ist ebenso enttäuschend wie die schlichte Botschaft, die Shut Up and Dance aussendet.
Diese lässt sich ganz einfach zusammenfassen: Kamera aus beim Wichsen! Oder ja, das Internet ist böse und wir stehen alle unter Dauerbeobachtung. Statt diese mittlerweile zur Trope verkommene Binsenweisheit in einer knapp einstündigen Episode auszubreiten, wäre es vielleicht interessanter gewesen, aus Kenny einen mutigen Kämpfer gegen das ihm widerfahrene Unrecht zu machen. Stattdessen ist und bleibt er von Anfang an das bibbernde Bübchen, das bei der kleinsten Erschütterung in Tränen ausbricht. Das überdrehte Spiel seines Darstellers Lawther macht das nicht besser.
Aufwertung erfährt die Episode durch den charismatischen Flynn, dem aber so wenig gutes Material gegeben wird, dass er nur in einer Szene („Spurty McGoo“) seine Klasse beweisen darf. Jedoch kann auch er nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier versucht wurde, aus dem Material für einen Kurzfilm eine ganze Episode zu schustern. Wenn das wenigstens optisch ansprechend umgesetzt wäre, hätte man vielleicht ein bisschen mehr Spannung aufbauen können. Regisseur James Watkins ging jedoch ans Werk, als gelte es, möglichst wenig Aufsehen zu erregen. Herausgekommen ist die bislang gewöhnlichste und damit langweiligste Black Mirror-Episode.
Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 23. Oktober 2016(Black Mirror 3x03)
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